Religionskritik

Heute habe ich, als Vorbereitung auf ein Hume-Seminar, das in der kommenden Woche im Elsaß stattfinden wird, die Lektüre von David Humes „Dialoge über natürliche Religion“ beendet. Es war eine  höchst erfreuliche und unbefriedigende Lektüre zugleich. Erfreulich deshalb, weil sich Humes Text ganz wunderbar liest und dadurch zu einem literarischen Genuss wird. Die ‚Dialogues concerning Natural Religion‘, die erst postum 1779 erschienen,  sind ein literarisches Kleinod, ein Text von  solch geschliffener Prosa, dass er selbst in Humes eigener Epoche, die für literarischen Stil noch ein Ohr besaß, als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Diese literarische Qualität wird von der Kritik seither auch stets betont. Um so erstaunlicher vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Lesbarkeit philosophischer Text meist ganz anders beurteilt zu werden pflegt. Ein großes Buch also, das zu Recht als Humes bedeutendste religionstheoretische Schrift gilt.

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Als unbefriedigend empfand ich die Lektüre andererseits deshalb, weil sie zwar auf die denkbar genaueste Weise die Unvereinbarkeit einer wie auch immer gearteten Gottesvorstellung mit der menschlichen Erfahrung nachzeichnet, ohne dabei aber zu einer klaren Aussage über die doch offensichtliche Nicht-Existenz Gottes zu kommen, obwohl alle Argumente dafür als zwingend erscheinen. Ja, es ist sogar so, dass der gedankliche Ausgangspunkt gar nicht bei der Frage ob Gott existiert oder nicht ansetzt. Die Existenz Gottes wird in Humes Dialogen schlicht  vorausgesetzt! Und gefragt wird vielmehr nach dem WESEN Gottes und dessen Vereinbarkeit mit der Erfahrung.

Zwar erweist sich auch dabei in allen Punkten, dass Aussagen über das Wesen Gottes eben gerade nicht mit unserer Erfahrung vereinbar sind und sogar in vielfache Widersprüche geraten müssen, die sich nicht auflösen lassen, wenn man nicht zum reinen Glauben Zuflucht nehmen und die realen Lebensverhältnisse der Menschen ignorieren will. Für Humes Diskussion des Themas ist das der entscheidende Punkt. Für einen religionskritischen Leser der Gegenwart bleibt hier jedoch der entscheidende unaufgelöste Rest, denn ohne die Existenz Gottes abzulehnen oder zumindest in Zweifel zu ziehen, ist eine klare Stellungnahme in dieser Frage nicht zu haben. Das sollte nicht erst durch den gegenwärtigen religiösen Fundamentalismus deutlich geworden sein.

Die Argumentation der  ‚Dialogues‘ expliziert den Sachverhalt freilich im Grunde viel klarer, als die Dialogpartner im Text letztlich zuzugeben bereit sind. Und es überrascht deshalb nicht, dass nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, welche der drei Positionen, die in den Dialogen vertreten werden, Humes eigene war. Es war dem Autor, angesichts der drohenden Konflikte mit der Kirche, ganz offensichtlich an einer Verschleierung dieser Zuordnung gelegen. Und die Tatsache, dass die Schrift zu Humes Lebzeiten mit Rücksicht auf die Kirche gar nicht publiziert werden konnte, spricht für sich.

Sieht man von der erzählerischen Rahmenhandlung ab, so ist die argumentative Zuordnung der einzelnen Dialogpartien  folgendermaßen aufgeteilt. Die glaubensmäßig orthodoxe Position ist dem theistisch denkenden DEMEA zugeordnet. CLEANTHES hingegen hegt zwar keinerlei Zweifel an Gott, vertritt aber einen gewissermaßen aufgeklärten Deismus.Und als dritten haben wir PHILO, der meist den Wortführer macht und eine absolut skeptizistische Position verteidigt, die er im Grunde in allen Punkten auch durchzusetzen versteht:

„Die einzige Haltung, die dem menschlichen Verstand in dieser tiefen Unwissenheit und Dunkelheit zukommt, ist die der Skepsis oder zumindest die der Vorsicht. Er sollte eigentlich gar keine Hypothese akzeptieren, keinesfalls aber eine, die nicht einmal den Anschein von Wahrscheinlichkeit für sich hat.“ (Teil 11 / Seite 110) Dies schließt PHILO angesichts der Unmöglichkeit, die Tatsache zu erklären, dass das menschliche Leben durch so viele Übel geprägt ist, dass die Behauptung einer gütigen Gottheit, deren Schöpfung zum Besten bestellt sei, zu einer Absurdität wird.

Humes ‚Dialoge‘ versuchen zweierlei. Zum einen untersucht er die Frage der Stichhaltigkeit der bekannten Gottesbeweise. Er beleuchtet also die Frage, ob wir, wenn wir uns nicht unhinterfragt auf bloßen Glauben verlassen wollen, einen rationalen Nachweis der Existenz Gottes erbringen können. Und zweitens gelingt es ihm, das Theodizee-Problem zu formulieren, indem er die Vereinbarkeit mit der Gottesvorstellungen auf der einen und dem tatsächlichen Zustand der Welt auf der anderen Seite in aller Schärfe aufzeigt.

Nun, ich empfehle die Lektüre von Humes Text, der als Band 7692 in der kleinen gelben Bibliothek des Reclam-Verlages, Ditzingen erschienen ist und gerade mal 5,00 Euro kostet. Der Text ist zwar über 200 Jahre alt, doch ist er auch heute noch geeignet, an seiner Argumentationskraft jeden religiösen Fundamentalisten zu Schanden werden zu lassen.