Krater im Text

Während der Korrektur erweisen sich manche Textstellen als regelrechte Krater. Nicht nur, weil man in sie quasi hineinfallen kann und dann viel mehr Zeit mit ihnen verbringen muss, als ursprünglich angenommen, sondern vor allem auch, weil man sie dabei vielleicht erstmals in ihrer wahren Bedeutung für den Roman erkennt, weil man plötzlich sieht, was von ihnen ausstrahlt. So geht es mir nun bereits den zweiten Tag mit der „Telefonszene“ gegen Ende des 6. Kapitels. Ursprünglich hatte Karen dort vom Krø aus nach Luzern telefonieren wollen, um Eric vor der Premiere zu erreichen. Sie gibt es dann sehr leicht auf, als Johanne ihr von der Benutzung der Telefonkabine neben der Theke abrät. Gestern schrieb ich diese Szene um, da mir auffiel, dass ihr leichtes Nachgeben nicht plausibel ist, denn immerhin hat Eric ja die Premiere des Figaro zu dirigieren, sodass sie ihm zumindest toi, toi, toi sagen muss. Erst heute jedoch wurde mir am Morgen während des Frühstücksgesprächs mit der Liebsten bewusst, dass dieses Telefonat die letzte Chance für Karen gewesen wäre, Eric lebend zu erreichen. Das weiß sie naturgemäß nicht, aber so man das Kapitel als Autor mit diesem Vorwissen betrachtet, fällt auf, dass es in Schieflage gerät, wenn Karen hier derart schnell zur Tagesordnung übergeht und sich bei der Rückkehr mit der Bildergalerie im Treppenaufgang befasst. Außerdem wird sich ihre spätere Verzweiflung ja nicht zuletzt auch von daher nähren. Also muss ich heute nochmals ran, um diese Szene neu zu fassen.
Die Liebste fuhr bereits um 09:00 Uhr nach Stuttgart, wo am Samstag die Premiere der Wiederaufnahme von >>>> „Rostige Rosen“ sein wird. Rückkehr am Sonntagabend. Will sehen, dass ich mit der Hai-Korrektur bis dahin durch bin und dann für ein gemeinsames Abendessen kochen kann.

Habe übrigens, nachdem ich im Januar und in der ersten Hälfte des Februar sämtliche Opern Richard Wagners angehört habe – als Vorbereitung für meinen neuen Romanstoff „Die Konzessionen des Herzens“ -, gestern noch damit begonnen, Verdis Opern wieder ganz durchzunehmen. Dazu will ich parallel jeweils das sehr schön knapp ausgeführte Buch mit den Werkbeschreibungen von Georgio Bagnoli lesen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Verdis Erstling „Oberto“ machte gestern den Anfang, ein Werk, das von der Story her etwas dünn wirkt, da es einzig um die betrogene Liebe und das daraus erwachsende Motiv der Rache geht – also ganz romantisch – aber musikalisch ist es bereits ein echter Verdi. Heute nun das Melodramma giocoso „Un giorno di regno“ / König für einen Tag.