Drei glückliche und ein etwas unglückliches Ereignis

Gestern in der Nacht brachte die Liebste aus Stuttgart die wunderbare Verdi Edition für mich mit, 74 CDs mit allen Opern, zum Teil in verschiedenen Aufnahmen, so den Don Carlos sowohl in französischer als auch in italienischer Sprache. Zudem gehört zu der Kassette das Begleitbuch „Verdi – Tutti i libretti d’opera“ von Piero Mioli, sodass es mir nun tatsächlich an nichts mehr fehlt.
J. war auf der Suche nach Musiken aus dem Mittelalter, die sie für ihre Inszenierung von >>>>  „Der Name der Rose“ in Naumburg benötigt, und hatte sich erinnert, dass ich die Oper „I Lombardi“ in meiner Sammlung vermisste. Da sie nicht wusste, dass ich bereits die Einspielung von 1951 unter Ermanno Wolf Ferrari gekauft hatte, mit der ich aber sehr unzufrieden bin, so schaute sie beim >>>>  „Einklang“ in Stuttgart auch nach Verdi und stieß auf diese >>>>  Gesamtausgabe. Bisher habe ich daraus nur die Lombarden gehört, bin aber allein davon schon ganz begeistert. Cristina Deutekom singt Giselda, Placido Domingo den Oronto und Ruggero Raimondi den Pagano.

Am Vormittag rief dann KD an, um zu sagen, dass das Tagblatt einen >>>>  Artikel über mich und >>>> „Calvinos Hotel“ gebracht habe. Ich hatte noch gar nicht damit gerechnet, da ich das Interview, das Frau Baumgart-Pietsch als Grundlage für den Artikel genommen hat, erst am 22. März gegeben hatte. Aber es war natürlich sehr erfreulich, nicht zuletzt, da der Artikel das Buch und meine Arbeit daran sehr genau und mit viel Verständnis darstellt. Frau Baumgart-Pietsch hatte mir erzählt, dass sie den Roman in den 4 Tagen vor dem Besuch bei mir gelesen hatte; so waren alle ihre Eindrucke wohl noch ganz frisch.

Das dritte Ereignis, das ich als sehr glücklich empfinde, begegnete mir dann am frühen Abend in Form einer Mitteilung von meinem Sohn Lennart, die über Facebook kam. Lennart hatte den Artikel über meinen Link lesen können und schrieb mir aus Irland, wo er sich den zweiten Monat aufhält:

„hi papa, hab ich mir durchgelesen und in mir wurden da noch ein paar erinnerungen wach. Kann mich gut dran erinnern, wie du frueher viele filme und dokus ueber den Krieg aufgenommen hast. Und uns davon berichtet hast. Und auch sonst darueber gesprochen, mit eva, die denn von ihrer freundin erzaehlte, die aus dem Kriegsgebiet Jugoslawien kam. Ich war noch recht klein, aber ich kann mich auch an diese Zeit erinnern. Das war der erste Krieg, von dem ich in meinem Leben etwas mitbekommen habe und der mich damals, auch wenn ich ein Kind war, schon beschaeftigte. ich kann mich noch an die ganzen Plakate zu diesem Krieg, die in der Schanze hingen, erinnern. und eines davon habe ich nie vergessen. Auf dem Bild war ein von Kugeln durchloecherter Junge, die wunden waren sehr deutlich zu sehen. Da begriff ich, dass man auch als junger mensch sterben kann. bis dahin hatte ich immer gedacht, man stirbt erst, wenn man alt ist. ich habe mir dieses Bild immer angesehn.“

Lennarts Mitteilung bewegt mich sehr, denn er war gerade mal 4 Jahre alt, als der Krieg 1992 begann, und er war 7, als er 1995 mit dem Friedensschluss von Dayton endete. Ich hatte damals mit den ersten Recherchen für das Buch begonnen, es dann aber nicht geschrieben bzw. nicht über einige Entwürfe und Exposés hinaus vorwärts getrieben. Immerhin hatte ich mich aber jahrelang mit dem Stoff befasst, und ich werde mit meinen Kindern darüber gesprochen haben, denn ich habe ihnen stets erzählt, was ich gerade machte, wenn sie bei mir waren. Aber Tatsache ist ebenso, dass ich das bis heute nicht mehr wusste. Ich hätte niemals angenommen, dass Lennart solche Erinnerungen hat, die ja zumindest zum Teil noch aus der Zeit vor seiner Einschulung stammen müssen. Ganz davon abgesehen, dass ich niemals vermutet hätte, dass er damals bereits seine Sterblichkeit begriffen hat. Aber das ist nicht schlecht, die meisten Menschen begreifen das viel zu spät.

Halt, ein etwas unglückliches Ereignis gibt es ja auch noch. Es besteht darin, dass die Liebste am Nachmittag nach Karlsruhe fuhr und ich wegen meiner Coaching-Termine nicht mitkonnte. Ihr Stück „Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors“ hat da heute Premiere gehabt. Es ist ein Theaterprojek, bei dem 30 Jugendliche die Geschichte der Geschwister Scholl spielen. J. und ich fanden das vom Konzept her zwar etwas ungewöhnlich, aber auch sehr reizvoll, sodass wir auf eine gutes Gelingen hoffen. Aber das werde ich bei ihrer Rückkehr in der Nacht dann ja noch erfahren. Etwas Musik wird sie mir diesmal freilich nicht mitbringen können.