Der Samstag in Naumburg & Schalke beim Siegen

Sitze noch etwas am Naumburger Marktplatz im späten Nachmittagslicht, bevor ich in die Unterkunft zurückgehe, um Schalke beim Siegen zuzuschauen.

Die Liebste musste entgegen unserer ursprünglichen Planung, mit mir gemeinsam zum Wieland nach Oßmannstedt zu fahren, den ganzen Tag im Theater an den Musik-Takes arbeiten und wird es, wenn sie nicht fertig geworden ist, auch wohl noch morgen tun müssen. Ich hatte es da leichter, denn nach dem gemeinsamen Einkaufen und einigen Besorgungen wie neuen gelben Marker-Stiften, verbrachte ich den ganzen Tag lesend und Notizen machend in der Stadt. Zuerst am Holzmarkt, auf dem sich die Lautstärke trotz des Pressefestes sehr in Grenzen hielt. Ich saß lange im kleinen Café von Raphael, erst draußen, wo die Intendantin Susanne Schulz dazu kam, nachdem sie eine Aufführung zweier ihrer Schauspieler auf dem Platz angeschaut hatte, später drinnen, in einem der bequemen altmodischen Sessel sitzend.

Ich widmete mich heute ganz ausschließlich der Lektüre von Manns „Dr. Faustus“, womit ich auch gut voran kam, obwohl ich zwischendurch immer wieder mal mit Raphael sprach, der zur Hälfte Peruaner ist, da er deutsch-peruanische Eltern hat. Er ist eigentlich Koch und hat sich mit dem kleinen Café am Holzmarkt, das er übrigens ausdrücklich italienisch Caffè nennt, erst die Hälfte seines Traumes erfüllt. Die zweite Hälfte soll ab Herbst in den Räumen nebenan als kleines Restaurant Wirklichkeit werden, das schon in Planung ist.

Meine Lektüre des Dr. Faustus wirkt auf mich über weite Strecken immer wieder wie ein Abstieg in ein anderes Jahrhundert, um nicht zu sagen, ins Mittelalter. Letzteres stimmt einfach schon deshalb nicht, weil das von Thomas Mann so bewusst immitierte Beinahe-Mittelalter von „Kaisersaschern“, das zu großen Teilen eben das Naumburg, in dem ich mich jetzt befinde, während der 30ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist, zwar von der architektonischen Substanz her Mittelalter ist, aber eben gerade nicht als Mittelalter fortgesetzt und erhalten in die Gegenwart.

Es ist freilich schon erstaunlich bis bemerkenswert und könnte Herrn Zeitblom wohl eine entsprechende Bemerkung über das magisch-dämonische in meinem Weltverhältnis entlocken, wenn ich gestehe, dass ich auf den Gedanken, Thomas Manns „Dr. Faustus“ mit in meine Handbibliothek für die Wochen in Naumburg zu übernehmen, erst wenige Stunden vor der Abreise kam. Und vor allem, ohne zu wissen, dass ich dabei war, an den Ort der Kindheit und Jugend von Adrian Leverkühn zu reisen. Um ehrlich zu sein, ich habe das Buch niemals zuvor gelesen. Meine letzte Thomas Mann-Lektüre liegt fast 10 Jahre zurück und datiert aus der Zeit, da ich über Übergangssymbole im „Tod in Venedig“ zu arbeiten begann. Als einziger plausibler Grund, weshalb ich das Buch am letzten Samstag einpackt, schwebte mir lediglich der Umstand vor, dass es in meine Musikbibliothek passte, die ich in Naumburg durchzuarbeiten gedachte. Und dann stand ich überraschend da und befand mich am Ort der Handlung.

Um die Summe der scheinbar zufälligen Übereinstimmungen voll zu machen, so hatte mein Coachee BS, mit dem ich gestern telefonierte, mir noch eine Ausarbeitung über Thomas Mann geschickt und darin u.a. über den „Dr. Faustus“ verschiedenes spekuliert.

So, und wenn jetzt Schalke seine Sache nicht gut macht, dann kann ich ihnen als BVB-Fan auch nicht mehr helfen.