Der tägliche Wahnsinn?

Nach einem frühlingshaften Nachmittag im Schiersteiner Yachthafen-Café mit viel Wind fuhren wir am Abend in die Stadt, um in den Wiesbadener Kammerspielen, die Premiere von Juttas Stück  >>>> „Der tägliche Wahnsinn“ zu sehen. Ein Abend, bestehend aus 14 Minidramen aus der über Jahre entstandenen Sammlung von kurzen Theatertexten, die die Liebste in einem Zeitraum von über zwei Jahrzehnten geschrieben hatte, und die unter der Regie von Klaus-Dieter Köhler aufgeführt werden sollten. J. war am Abend zuvor extra kurzfristig aus Naumburg an der Saale zurückgekommen, wo sie zur Zeit seit einer Woche Ecos  >>>> „Der Name der Rose“ inszeniert, um die heutige Premiere zu sehen.

Es war zwar keine Uraufführung, da eine ganze Reihe ihrer dramatischen Kurztexte, die sie thematisch unter dem Titel „Europa nach dem Regen“ gesammelt hatte, bereits in Trier, Regensburg und anderen Orts aufgeführt worden waren. Doch war die heutige Aufführung ihre erste Premiere in ihrer Geburtsstadt Wiesbaden, ihre erste Premiere überhaupt, nicht nur der heutigen Stücke, was natürlich Anlass genug war.

Nach einem Interview für das Wiesbadener Tagblatt, das Frau Baumgart-Pietsch mit J. führte, um es gemeinsam mit einer Besprechung der Premiere vermutlich am morgigen Dienstag zu veröffentlichen, begann dann um 20 Uhr die Aufführung, die vom Publikum von allem Anfang an mit viel spontanem Gelächter begleitet wurde, obwohl es oftmals ein Gelächter war, geeignet, einem im Halse stecken zu bleiben. So etwa im zweiten der 14 Minidramen, einer Straßenszene, die unter der Diktatur Ceaucescus in Bukarest spielt und zwei Passanten zeigt, die beide auf der Suche nach einem Strick sind, um sich aufzuhängen. Da es aber unter der Mangelwirtschaft des Regimes weder Stricke noch andere erforderliche Hilfsmittel gibt, um sich umzubringen, können sich die beiden Passanten am Ende nur wechselseitig Glück wünschen bei dem Versuch, dem Leben ein Ende zu machen. Es war bezeichnend für diesen Abend und seine positive Aufnahme, dass auch Sachverhalte wie die zeitlich inzwischen doch etwas entlegene Situation aus den 90ger Jahren des Kommunismus in Rumänien vom Publikum sofort verstanden wurden. Dies verdankt sich gewiss zum einen der Regie von Klaus-Dieter Köhler, dem es gelungen ist, die drei Schauspieler zu einem durchgehend sehr spontanen, frischen und pointierten Spiel anzuleiten. Zum anderen aber auch der jeweiligen Einzelleistung der Schauspieler. Die überzeugende Umsetzung etwa der Figur des jungen Johann Wolfgang von Goethe, der im Minidrama „Osterspaziergang“ auf seiner Italienreise, gespielt von Gregor Michael Schober, dem alternden Casanova begegnet, wird mir lange in Erinnerung bleiben. Die darstellerisch höchst flexible Jasaman Roushanaei als Casanova ist in dieser Szene zudem so frappierend plastisch geraten, dass es erstaunt. Schon allein der Umstand, dass eine junge und in ihrer Bühnenpräsenz überaus frauliche Frau ganz ohne große Anstrengungen durch Kostüm oder gar Maske den alternden Frauenhelden Giacomo Casanova darzustellen vermochte, war überraschen. Und dass sie kaum mehr brauchte, als einen Gehstock und eine minimal veränderte Körperhaltung, um das Publikum davon zu überzeugen, dass da der gebrochene und etwas altersweise Casanova neben dem jungen flapsigen Goethe, der mit seinen jüngsten Eroberungen prahlt, durch Rom flaniert, hat sie für mich zum Star dieses Abends gemacht.
Ohne nun alles an diesem neunten Minidrama festmachen zu wollen, sei aber noch die äußerst quirlig agierende Angela Hasak erwähnt, die in diesem Text die Rolle des heruntergekommenen Heinrich von Kleist spielte, dem Goethe und Casanova auf ihrem Osterspaziergang begegnen. Angela Hasak spielt ihre wechselnden Rollen in den unterschiedlichen Minidramen so differenziert, dass man sich wundert, wie sie trotz der Kürze der Texte solch klar von einander abgegrenzte Figuren gefunden hat. Sie spielt ebenso überzeugend die körperbehinderte Ehefrau, die in „Einbrecher“ an zwei Krücken nächtens ihrem vor ihr fliehenden Ehemann durch das Haus folgt und ihn am Ende erschießt, als auch den joggenden Touristen in „Katastrophe und Tradition in Japan 2011“, der neben dem in tiefes Phlegma verfallenden japanischen Angler, der darauf besteht, dass hier auch sein Urgroßvater bereits geangelt habe und sein Sohn ebenso angeln werde, wie ein Kobold wirkt, der sich fast zwanghaft bemüht, das Unheil zu verkünden, das selbst oder vielleicht gerade die gar nicht mehr hören wollen, die es direkt vor der eigenen Nase haben. Ich erfuhr erst nach der Vorstellung, dass Angela Hasak, an diesem Abend ihre erste Premiere nach der Ausbildung auf der Wiesbadener Schauspielschule gespielt hatte. Das hat mich sehr gefreut und auch überrascht, denn ihre Souveränität war wahrhaftig enorm; sie besitzt eine große Bühnenwirksamkeit und findet immer eine ganz eigene Figur, auch dort, wo sie ruhigere Figuren spielt oder wie in „Tischdekoration“ die von der Rolle her dominierende Jasaman Roushanaei begleiten muss.
Wollte man diese darstellerische Spannbreite der Aufführung der Schubertschen Minidramen zusammenfassen, so müsste man sagen, dass die Leistung der Regie durch Klaus-Dieter Köhler, der in diesem Jahr bereits das vielbeachtete Stück „Elisas Haut“ in den Kammerspielen zur Aufführung brachte, zum einen vor allem darin besteht, in der raschen Abfolge der vierzehn Minidramen, die ja ständige Orts-, Figuren- und Themenwechsel verlangen, eine solch differenzierte Figurenfindung und Stimmführung zu ermöglichen. Vierzehn Stücke an einem Abend mit einer Spieldauer von 65 Minuten ohne Pause, das fordert den Schauspielern eine Leistung im Wechsel von knapp fünf Minuten ab. Wenn daraus kein Einheitsbrei werden soll, den die Darsteller hetzend hinter sich bringen, dann braucht es eine sehr genaue und höchst einfallsreiche, auf die jeweilige Situation bezogene Regie, die von Klaus-Dieter Köhlers vielfältigen Erfahrungen im Bereich der Komödie erkennbar profitiert hat.

Jutta Schuberts Minidramen zeichnen sich, vergleichbar ihren abendfüllenden Schauspielen, dadurch aus, dass sie dort, wo sie sich allgemein zwischenmenschliche Probleme oder Beziehungsfragen zum Gegenstand nehmen, eine hohe psychologische Dichte erreichen; sie sind glaubwürdig bis zur Alltagstauglichkeit, dann aber auch wieder so zugespitzt und entlarvend, dass sie leicht den Bereich des Absurden berühren. Ebenso wichtig ist der Autorin neben der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen aber auch das Politische. So machen politische Themen in den vierzehn Minidramen, die am 1. Mai in den Wiesbadener Kammerspielen ihre Premiere hatten, die Mehrzahl aus und nehmen sich durchaus auch ganz aktuellen Gegenwartsfragen wie der gegenwärtigen Atomkatastrophe in Japan, dem Aufstand in der arabischen Welt oder der Verfolgung von Künstlern wie Ai Weiwei in China an. Insofern sind ihre Minidramen keine Eskapaden in den Bereich der leichteren Unterhaltung. Sie schließen sich trotz ihres komödiantischen und mitunter leicht absurden Charakters, den Klaus-Dieter Köhler sehr deutlich erkannt und bühnenwirksam umgesetzt hat, ganz deutlich an ihre großen Stücke wie „Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors“, „Adieu Marx“, „Hexenbrennen“, „Coming Out“, „Eden“, „Hornissenzeit“ oder „Stranden“ an.

Es wäre den Wiesbadener Kammerspielen unter Gregor Michael Schober, die erst im Oktober 2009 selbst Premiere feierten, sehr zu wünschen, dass die gelungene Inszenierung von „Der tägliche Wahnsinn“ in den kommenden Monaten noch viele Besucher in das schöne Theater im Wiesbadener Bergkirchenviertel führen möge. Aufführungen sind bisher bis zum 18. Juni geplant und im Programm angekündigt. Weitere Termine und Infos zum Theater und den Stücken des Gesamtprogramms finden Sie unter www.kammerspiele-wiesbaden.de

Aber Achtung, die Karten für das leider nur 60 Plätze fassende Theater sind meist ebenso knapp wie die Parkmöglichkeiten rund um die Bergkirche. Nehmen Sie es also dringend als Insider-Tipp und ordern Sie frühzeitig. Das freut dann auch die kleine Bewirtung im Haus, die mit nostalgischem Chic interessante Weiß- und Rotweine anbietet.

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