Eine Erinnerung und eine Wut

Heute musste ich, weil ich meine Rezension über Jonathan Lethems Roman >>>> „Chronic City“ verlinken wollte, wieder an David Foster Wallace denken, der sich 2008 erhängt hat. Tja, ein Autor, der sich erhängt. Wie finden Sie das? Ich lass das mal hier so stehen.

Die gedankliche Verbindung entstand für mich gewissermaßen zwangsläufig. Einerseits natürlich deshalb, weil Lethem ausgerechnet die Professur für Creative Writing am Pomona College übernommen hat, die David Foster Wallace (DFW) zuvor innehatte.

Andererseits aber auch deshalb, weil ich an all die Nichtreaktionen, die ich in den letzten Jahren erhalten hatte, denken musste, wenn es DFW betraf. Tja, auch die Nichtreaktionen kommen zielgenau an. Man sollte sich dessen bewusst sein.

Ich dachte etwa an unseren lebenslangen Freund MH in München, der immerhin regelmäßig für die Münchner Abendzeitung schreibt. Wir, die Liebste und ich,  hatten ihm in unserer Begeisterung zum Geburtstag >>>>  „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ geschenkt, DFWs Reportage über eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Ein Text, der so schreiend komisch und brutal genau die Verhaltensweisen unserer touristischen Mitmenschen beleuchtet, dass es schmerzt. MH hat uns noch nicht mal wissen lassen, dass er unsere Geburtstagssendung überhaupt erhalten hat. Okay.

Ich schrieb dann einen Blogbeitrag zu DFW Großroman „Infinite Jest / Unendlicher Spaß“, der 2009 endlich auf Deutsch erschien, ohne dass ich darauf auch nur eine einzige Reaktion bekommen habe. Etwa zeitgleich schrieb ich über „Zettels Traum“ von Arno Schmidt und regte eine neue Lektüre des Großbuches an, wohlgemerkt eine, die vor der nun im vergangenen Herbst erfolgten erstmaligen Publikation des Werkes in durchgehend gedruckter Fassung lag. Darauf bekam ich vielfache Reaktionen. Und es entspann sich sogar ein über Wochen geführter Email-Briefwechsel mit Leuten, die mir ihre Leseerlebnisse mit AS mitteilten. Hinsichtlich DFW kam nichts, gar nichts.

Und dann kam die Nachricht von seinem Tod. Ich war sehr betroffen, schrieb kurz darüber, woraufhin ich eine einzige Rückmeldung erhielt. Sie war erstaunlicherweise von Andy Lettau, den ich bis dahin nur als Autor von total mainstreamig zugerichteten Thrillern kannte. Und außerdem fasste er seine Reaktion auf DFW Tod in ein Gedicht. Das hätte ich niemals erwartet. Noch dazu hätte ich niemals erwartet, dass mir dieses Gedicht gefallen würde. Aber das war wirklich der Fall. Ich nahm damals Lettaus Gedicht in meinen Blogbeitrag zu DFWs Tod auf. Auch darauf kam keine Reaktion. Aber das hat uns schon nicht mehr erstaunt.

Okay, so weit die Vorgeschichte bzw. die Geschichte dessen, woran ich heute denken musste. Ich habe mich deshalb entschlossen, den ehemaligen Bogbeitrag hier erneut zu veröffentlichen. Da ist er, sollen die Leute damit machen, was sie wollen.
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(17.09.2008)

Als ich vor zwei Tagen in der „Kulturzeit“ auf 3sat Ernst Grandits berichten hörte, dass sich der amerikanische Autor David Foster Wallace in seinem Haus erhängt habe und dort von seiner Frau gefunden worden sei, habe ich aufgeschrien. Es war wie eine Erschütterung in meinem Körper, die immer noch nachwirkt. Ich hatte zuletzt seine großartige Arbeit über den Mathematiker Georg Cantor gelesen.

Meine Überlegungen, was ich über Wallace in meinem BLOG schreiben könnte, wurden nun vor einer knappen Stunde auf sehr angemessene Weise entschieden, als Andy Lettau mir mailte. Ich setze seinen Text ohne Kommentar hierher, möchte damit aber ausdrücklich sagen, dass er das, um was es mir angesichts dieses bedauerlichen Todes geht, treffender ausgedrückt hat, als ich es momentan könnte.

Lettau schreibt:

Ups, las Ihren Nachsatz erst jetzt. Hatte den Tod von DFW vor zwei Tagen in einem Forum im Schnellschuss kommentiert. Hat kein Schwein verstanden:

DAVID FOSTER WALLACE TOTal zu erkennen und zu verstehen ist wohl unmöglich.
Vielleicht muss man aber nur wie ein entlassener Mitarbeiter von Toyota denken.
Die Komplexität produzierende Hand lässt einfach das Lenkrad los.
Das Navigationssystem fliegt auf den schwitzenden Asphalt.
Das Gehirn arbeitet zur Verblüffung plötzlich eigenständig.
Der Mensch findet seinen eigenen Weg.
Nimmt sogar eine Abkürzung.
Um den Irrsinn herum.
Ende des Albtraums.
Einfach Ende.
Einfach.
Aus.

So weit Andy Lettau, dem ich für die Erlaubnis, seinen Text hier einzustellen, danke. Ich sage vorerst einfach mal, schade, dass Du das gemacht hast, DFW. Und vor allem, weil es auf diese brutale Tour sein und deine Frau dich so finden musste. Aber okay, manchmal geht es eben einfach nicht mehr weiter.

PS: Aus der Distanz von mittlerweile über zweieinhalb Jahren zu Lettau: Schätzen Sie das nicht gering. Es ist vielleicht Ihr bestes Werk. Aber ich kenne ja nicht so viel. Danke nochmals für diesen Text.

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