Nationalheiligtümer? Wallfahrten?

Am gestrigen Sonntag entschieden wir uns dann doch noch spontan, die Fahrt nach Oßmannstedt zu wagen, obwohl wir ständig damit rechneten, dass die angesagten Gewitter uns davon abhalten würden. J. meinte, dass sie die restlichen Arbeiten für die musikalische Einrichtung auch am Abend noch erledigen könne.

Die Fahrt von Naumburg Richtung Weimar, in dessen Nähe Oßmannstedt liegt, ist wie die Fahrt durch eine Landschaft, die noch heute wie gemacht scheint, um darin die Heere des 18. Jahrhunderts gegeneinander aufmaschieren zu lassen – eine weite Felder- und Wiesen-Landschaft, sanft geschwungen, hier und da mit einem kleinen Wäldchen durchsetzt, Hügel, von denen aus man die Ebenen beobachten könnte usw. So fährt man dann auch durch Dörfer und kleine Orte, in denen man sich plötzlich in der Napoleon Straße befindet. Braune Wegweiser zeigen in Richtung von Gräbern, Denkmalen und Erinnerungsstätten der Schlachtfelder und der Herzog von Braunschweig fand wohl den Tod, wo jetzt eine Baumgruppe und ein Gedenkstein an ihn erinnert. Kurz, es ist das Gebiet der sogenannten Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, 1806.

Wir hielten freilich nicht an, den unser Ziel hieß Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt. Die Liebste erinnerte daran, dass sie in ihrem Kleist-Stück >>>>  LIEBEN UND TÖTEN eine Szene geschrieben hatte, in der die Französischen Soldaten des Nachts in Goethes Haus am Frauenplan einfallen und von der Vulpius vertrieben werden.

Oßmannstedt fanden wir dann nach einigen Regengüssen tatsächlich. Zuvor war uns das Buchenwalddenkmal beständig rechts voraus gewesen. Weimar und Umgebung konzentriert ja nicht nur Teutsche Kultur und Europäische Geschichte sondern auch die Barbarei auf recht engem Raum. Wir hatten Buchenwald gleich nach der Wende, wohl schon 1990, gemeinsam besucht, und die Liebste meinte unter der Fahrt, dass wir da auch einmal wieder hin müssten. Ich schwieg dazu, denn meine Neigung, diese Schinderorte aufzusuchen, ist nicht so ausgeprägt. Zumal ich im Rahmen meiner Recherchen für „Die Konzessionen des Herzens“ ja auch noch nach Gogolin und Auschwitz werde fahren müssen.

Im Ort selbst gibt es zwar ein überlebensgroßes Denkmal für einen „Bienenvater“, doch für Wieland nichts. Wir mussten auch lange suchen, um das Wielandsche Gut zu finden, denn es war infolge von Straßenbaumaßnahmen vollkommen abgeschnitten und verbarrikadiert, sodass wir die GPS-Funktion auf dem iPhone zur Hilfe nehmen mussten, um uns den Weg dorthin zu bahnen.

Als wir dann im Innhof standen, entschieden wir uns, vor der Besichtigung des Hauses erstmal den Weg zum Wielandschen Grab an der Ilm zu suchen. Wir durchquerten den sehr schönen Park, der in dieser Zeit außer von uns nur von radwandernden Familien, die nach ihren Kindern und ihren Hunden schrien, besucht war. Ebenso an Wielands Grab, das wenige Meter oberhalb des Flüsschens Ilm liegt. Es brauchte über eine Stunde, bis wir es schafften, dort für drei Minuten allein zu sein. Nicht deshalb freilich, weil so viele Menschen unbedingt an Wielands Grab wollten. Nein, die Absperrung zum Grab diente nur dem Abstellen von Fahrrädern. Umlagert war das Grab deshalb, weil Hundebesitzer dort in der Ilm ihre Hunde zum Baden ins Wasser führten und Eltern ihren desinteressierten Kindern Papierschiffchen falten und zu Wasser bringen mussten. „Mamma gibts hier kein Eis?“

Und natürlich wird man dann auf den Parkwegen von den Fahrradrotten beiseite geklingelt; was wollen Fußgänger eigentlich dort?!

Im ehemaligen Wielandschen Gut waren wir dann allein, das heißt, unten an der Kasse standen drei ältere Damen – When will we three meet again? – es war so recht für den Gewittertag draußen. Wir entrichteten unsere je zwei Euro und stapften dann die breiten Steintreppen zum ersten Stock hinauf, wo man die weitgehend kahlen ehemaligen Wohnräume besichtigen konnte. Die Bibliothek enthielt zwar noch die Bücherregale, doch waren sie leer und dienten zum Teil als Ausstellungsfläche für einige alte Stiche. Nur der alte Sekretär nahe des Fensters erinnerte mit seinen Schubfächern, der Glasplatte und den vielen Tintenflecken im Holz an die Schreibarbeit, die Wieland hier geleistet hatte. Ansonsten große Gipsköpfe von Philosophen und knarrende Dielen.

Ach ja, an den knarrenden Dielen bemerkte ich plötzlich, dass uns zwei der drei unterbeschäftigten Zauberschwestern auf Schritt und Tritt folgten, als stünden wir im Verdacht, ihnen die leeren Bücherregale rauben zu wollen. Im Kaminzimmer wurde ich dann auch prompt zurechtgezischt, als ich mein iPhone zu einem kleinen Foto zu zücken wagte, um die kleine Szene mit Sofa, Sessel und Kamin zu fotografieren, da wir doch wussten, dass der arme Heinrich von Kleist genau dort 1803 gestanden hatte, um aus seinem „Robert Guiskard“ vorzutragen. Nun, ich habe das Foto trotzdem gemacht; Kleists Geist sehen Sie ja sicher noch.

Im Flur lasen wir uns dann durch einen kleinen Wald von Hängetafeln, die Wielands Leben und Werk mehr oder weniger dokumentierten; sehr aufschlussreich und erschütternd. Und am Ende hatte dann auch Arno Schmidt nicht fehlen dürfen, der ab den 50ger ja in der Tat viel für Wieland getan hat.

Danach folgt dann aber Schweigen, niemand hat nach AS noch die Notwendigkeit empfunden, auf Wieland sonderlich hinzuweisen. Und von einem Nationalheiligtum, zu dem man wallfahrten müsse, ist nie mehr die Rede gewesen. Nun ja, die großen Worte werden bekanntlich als erste zu Schanden.

Ich überraschte die drei Damen an der Kasse dann noch maßlos, als ich mich für die 45 bändige Ausgabe der Sämmtlichen Werke Wielands, die ursprünglich Göschen veranstaltet und dann GRENO im Jahre 1984 als Reprint wieder aufgelegt hatte, interessierte. Im Grunde wollte man mir den Zugriff darauf verweigern, denn ich verlangte die Ausgabe, die im Rücken der Kassenfrau in einem Pappschuber stand, anzuschauen. Worauf ich dann die Antwort bekam, nun, sie werde mir mal einen der Bände herausziehen, damit müsse man ja vorsichtig sein.

Ich nahm den blauen Leinenband in die Hand, blätterte, erinnerte mich und sagte zur Liebsten. „Ich weiß jetzt nicht, ob ich die Ausgabe gehabt und dann wieder verloren habe. Oder ob ich sie damals nur kaufen wollte.“ J. lachte wissend. Die Kassenfrau darauf seltsam irritiert: „Wie kann man sowas denn verlieren?“ Ich: „Ach wissen Sie, das ist mir bestimmt gar nicht weiter aufgefallen, denn ich habe damals über 12.000 Bücher verloren.“ Das Luftanhalten war zu hören. Ich fragte, was die Ausgabe denn koste und erhielt die verschämte Antwort: „Sie kostet 67,50 Euro“.

Da war ich dann selbst höchst überrascht, denn das entsprach umgerechnet ziemlich genau dem Preis von 1984, damals hatte diese unglaubliche Ausgabe 148,– Mark gekostet. „Ich nehme sie“, war meine Antwort. Und da ging ein Strahlen über das Gesicht der Kassendame. „Wir haben insgesamt nur noch zwei Exemplare“, sagte sie, „dann bekommen Sie die, die noch originalverpackt im Keller liegt.“

So verließen wir das Wielandsche Gut in Oßmannstedt mit einer dicken Bücherkiste auf der Schulter.

Als wir dabei waren, das Haus zu verlassen, da betrat vor uns noch ein älteres Pärchen den Kassenraum. Die Frau fragte: „Was gibts denn hier zu sehen?“ Die Antwort „Die ehemaligen Wohnräume von Wieland.“ wurde mit dem Satz quittiert: „Und kostet das was?“ „Ja, 2 Euro.“ Direkt nach uns verließen die beiden diesen „Wallfahrtsort“ wieder.

Ich glaube zwar sowieso nicht, dass die Deutschen ein Nationalheiligtum brauchen, aber dass es der Wohnort eines Dichters nicht sein kann, das hätte sogar Arno Schmidt wissen müssen.