Korrektur der „Seelenlähmung“ zieht sich hin

14. August - Wiesbaden - bei Verdi: Simone Boccanegra, mit Leo Nucci + Kiri Te Kanawa

Dass mir der Verlag die gescannte Textfassung meines Romans „Seelenlähmung“ , der zur bevorstehenden Herbstmesse neu aufgelegt erscheinen wird, Mitte Juli ausgerechnet wenige Tage vor unserer Atlantik-Überquerung mit der Queen Mary 2 zur Korrektur zuschickte, war natürlich ein Problem, das allerdings während der sich anschließenden Telefonate sofort in einem „macht überhaupt nichts, wir haben endlos Zeit“ etc. ertränkt wurde.

Ich war sogar noch bereit gewesen, die übersandte Scanfassung des Romans, da sie sowieso auf dem Computer korrigiert werden muss, auf einen Laptop zu laden, um dann möglicherweise an Bord daran jeden Tag einige Stunden zu arbeiten, aber die Liebste machte mir schnell klar, dass ich das nur auf die Gefahr hin tun könne, unsere Beziehung stark zu gefährden, sodass ich dem Verlag völlig haltlos versprach, das  Manuskript ’sofort‘ nach unserer Rückkehr aus New York durchzusehen. Dazu fühlte ich mich verpflichtet, da es sich ja noch längst nicht um eine Fahnenkorrektur handelt. Das jetzt existierende Manuskript ist das Ergebnis eines notwendig fehlerhaften Scans der Originalausgabe des Romans, der ursprünglich bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Der Verlag hat diesen Scan schon mehrfach einer Korrektur unterzogen, doch sind letztlich noch hunderte von Fehlern darin. Man muss sich das einfach mal vorstellen. Das Scannen eines Textes und der Einsatz einer Software zur Texterkennung leistet natürlich viel, doch wenn man sich eine Software vorstellt, die ihre Arbeit zu 99% richtig macht, was großartig wäre, dann bedeutet das, dass in einem gescannten Text immer noch 1% Fehler enthalten sind. Und das sind bei einem Text mit einer Länge von 500 000 Zeichen immer noch 5000 Fehler, die man erstmal finden, sprich ’sehen‘ und dann entfernen muss.

Mal ganz davon abgesehen, dass so ein Scan eines Textes nicht nur Fehler produziert sondern auch wesentliche Texteigenschaften einfach löscht, also schlicht verschwinden lässt, was von einem Lektor in der Regel gar nicht erkannt werden kann. Hat der Autor z.B. irgendwo etwas kursiv geschrieben, die Texterkennung tilgt das, und man kann froh sein, wenn sie den Buchstaben überhaupt erkannt hat; dass er nun recte da steht, das nimmt man in Kauf, zumal es auch nur der Autor selbst erkennen würde. Aber was macht man bei einem Text wie meinem Roman „Seelenlähmung“, der wie ein Kaleidoskop viele verschiedene Textebenen ständig mit- und gegeneinander verschiebt, von denen viele eben auch kursiv gesetzt sind, um den Leser zu orientieren? Von anderen Texteigentümlichkeiten ganz zu schweigen. Es ist eine Katastrophe.

Oder sagen wir es sanfter, es ist schlicht eine Heidenarbeit, die höchste Konzentration erfordert. Damit wollte ich strikt nach unseren sieben Tagen auf dem Atlantik und den sich anschließenden sieben Tagen in New York beginnen. Als wir dann in den Morgenstunden des 3. August in Frankfurt landeten, da war davon gar nicht zu reden. Und damit meine ich nicht mal den tagelangen Jet-Lag, die vom täglich mindestens zehn Stunden durch die Stadt laufen kaputten Füße, nicht die im Flur stehenden Koffer mit der Schmutzwäsche, nicht den leeren Kühlschrank usw. sondern all das, was auf uns gewartet hatte. Von den Anrufen auf dem AB über die Postberge, die die Schwiegermutter pflichtbewusst in der Küche aufgehäuft hatte, und dann natürlich unsere Terminkalender mit den dafür erforderlichen Vorbereitungsarbeiten.

Nimmt man es genau, so beginne ich daraus erst heute aufzutauchen, da die Liebste wieder nach Stuttgart abgefahren ist, wo sie die nächsten sieben Wochen – obwohl sie zwischendurch nochmals für — „Der Name der Rose“ zur Wiederaufnahme nach Naumburg muss – mit der Produktion ihres Stückes über die Schwestern Bronte beschäftigt sein wird. Bei mir sind noch der Montag und der Dienstag der kommenden Woche recht dicht, da ich abgesehen von den Coachings, die ich umlegen musste, am Nachmittag des Dienstag auch noch zu einem Radio-Interview in den Norden Wiesbadens zum Sender ‚Radio Rheinwelle‘ fahren muss, wohin mich Rüdiger Heins, der Gründer und Leiter des INKAS  Institutes – Institut für Kreatives Schreiben im Netzwerk für alternative Medien und Kulturarbeit e. V. .- eingeladen hat. Unser Interview über das Thema „Coaching und kreatives Schreiben“ können Sie am Dienstag zwischen 15 und 17 Uhr live auf UKW 92,5 Mhz, sowie über Kabel auf 99.85 Mhz hören. Natürlich auch bundesweit als ‚radio on air‘ über die Webseite des Senders www.radio-rheinwelle.de .

Die Korrektur der Scan-Fassung des Seelenlähmung-Manuskriptes wird allerdings auch danach noch nicht wirklich beginnen können, da mir inzwischen aufgefallen ist, dass ich das Buch in der Originalfassung erst nochmals vollständig werde lesen müssen, bevor ich mich an die Korrektur der Neuausgabe mache. Als mir dies klar wurde und ich mit der Lektüre der alten Buchfassung begann, da fiel mir sofort auf, dass ich unabhängig vom Scan auch die alte Textfassug sofort korrigieren wollte. In der Erstausgabe (um nur ein einziges Beispiel zu nennen) schrieb ich zum Beispiel „invertiert“, wo ich heute natürlich ohne zu zögern „schwul“ schreiben würde.

Kurz, der Autor, der die „Seelenlähmung“ ursprünglich schrieb, kommt mir bei der Lektüre nach all den Jahren in einigen entscheidenden Punkten recht fremd vor.  So sitze ich nun, mit einer alten Bibliotheksausgabe meines Romans in Händen, die über und über mit Plastik beklebt ist und von Buchlaufzetteln und Stempeln der ‚Landeshauptstadt Stuttgart‘ und Vermerken wie ‚AUSGESCHIEDEN‘ verunziert wird, und versuche mich diesem Fremdling anzunähern.

Im Grunde stört es mich massiv, dass ich mich gegenwärtig damit noch befassen muss, denn ich möchte längst viel weiter sein und mich z.B. mit den ‚Konzessionen des Herzens‘ beschäftigen. Aber abgesehen von den Einstiegskapiteln vom Jahresanfang habe ich mich mit diesem neuen Buch gar nicht mehr befassen können. Was für ein Elend! Ich weiß, dass es vermutlich das letzte große für mich wichtige Buchprojekt ist, und die Arbeit daran liegt seit Monaten brach. Aber ich habe der Neuauflage zugestimmt, weil das Buch gemeinsam mit „Kinder der Bosheit“ und dem im Frühjahr erschienenen Roman „Calvinos Hotel“ eine Trilogie bildet. Also muss ich mich dieser Korrektur unterziehen.