Wagner pur, also heute mal ohne das Leben drumrum

06. Dezember 2011, Wiesbaden - Bei Carlos Kleiber - Verdi: La Traviata

Von „Der Ring des Nibelungen“ hatte ich mir aus dem Shop der Metropolitan Opera in NY die Gesamtaufnahme mitgebracht, die Karl Böhm in den Jahren 1966 und 1967 während der Festspiele in Bayreuth aufgenommen hat. Es ist eine Opern-Markierung, die von diesem Planeten niemals wieder verschwinden wird, so man über Ohren verfügt.

Die Namen der Sänger sind wie ein Kompendium aus der Halle der Unvergessenen. Theo Adam, Birgit Nilsson, Leonie Rysanek, Wolfgang Windgassen, Martti Talvela, Josef Greindl, Marga Höffgen, Erika Köth, Martha Mödl und die unvergleichliche Anja Silja – um aus dem großen Aufgebot nur die Hälfte zu nennen, da sie meine privaten Lieblinge sind. Natürlich sind sie alle inzwischen aus dem aktuellen Opernbetrieb verschwunden und nur noch in den Audio-Archiven gegenwärtig.

Und ich würde mich wundern, wenn ein gegenwärtig hochgelobter Wagner-Sänger wie René Pape, dessen Sammlung mit Einzelaufnahmen aus verschiedenen Opern unter dem Dirigat  Daniel Barenboims, die ich in den letzten Tagen ebenfalls zweimal durchgehört habe, überhaupt noch weiß, was da vor ihm stimmlich geschehen ist. Seine Leistung in der Walküre ist mit „Wotans Abschied“  und dem „Feuerzauber“ eher bescheiden. Im „Fliedermonolog“ aus den Meistersingern gefällt er mir sehr, obwohl er fast an der Grenze zu einer zu großen Lieblichkeit singt. Das „Gott grüß euch“ aus dem Lohengrin wirkt deshalb fast etwas flach, besitzt wenig Farbe. Jürgen Kesting würde wohl sagen, dass die Tessitura hier größer ist, als Pape seiner Stimme abverlangt. Er singt, als müsse er sich gerade hier schonen. Nun gut, soll es so sein. Niemand verlangt, dass er seine Stimme überbeansprucht. Aber warum steht er dann heute an dem Platz, an dem er steht? Die Parsifal- und Tannhäuser-Partien auf dieser CD gefallen mir sehr, halten sich aber durchaus im Rahmen und sind keinesfalls so überwältigend, wie er gegenwärtig von seiner Plattenfirma gehandelt wird. Vielleicht muss man aber auch einfach bedenke, dass Papes Stimmlage der Bass ist und er als Bass nicht gerade so markant aufzutreten vermag wie der Tenor.  Pape wirkt deshalb viel mehr, als sei er darauf versessen, als Bass das mögliche Belcanto eines Tenors zu erreichen. Damit gewinnt er sicher im Belcanto, verliert aber etwas in der eigenen Stimmcharakteristik. Wobei ja überhaupt noch zu fragen wäre, ob denn Wagner – und besonders der Ring – im Belcanto intalienischen Sinnes gesungen werden sollte.

Interessant ist, dass im Beiheft das von Jürgen Kesting geführt Interview mit Pape zu eben dieser Frage, die Wagner selbst so wichtig genommen hat, eigentlich nichts ergibt. Pape antwortet auf Kestings Frage in beiden Fällen, dass es da eigentlich keinen Unterschied gäbe. Man singt halt ’schön‘, einmal eben in dieser und dann in jener Sprache. Ich will hier nicht die Wagnersche Diskussion über die Unterschiede bezüglich der Vokale und Konsonanten im Deutschen und Italienischen wiederholen, aber kann es wirklich so einfach sein, wie René Pape es im Gespräch mit Kesting behauptet?

Allerdings war Böhms unvergleichlicher Ring und Papes Zusammenstellung aus Walküre, Meistersinger, Lohengrin, Parsifal und Tannhäuser nicht meine einzige Durchmusterung Wagners der letzten Tage, denn ich habe auch noch die Ring-DVDs der Bayreuther Festspiele von 91/92 angeschaut. Also die Barenboim/Kupfer Realisierung des Rings. Wozu ich einfach sagen muss, dass ich sie vermutlich nochmals werde sehen müssen, um ihr gerecht zu werden.

Ich halte ja sehr darauf, dass das Hören im Vordergrund steht. Entsprechend habe ich erst in der letzten Zeit auch DVDs gekauft, um mir einzelne Opern-Inszenierungen auch anzuschauen. Schon dass man jetzt von den „Inszenierung“ sprechen muss, während man früher von verschiedenen „Einspielungen“ eines Werkes sprach, zeigt ja, dass sich mit der Entwicklung der visuellen Medien eine Verschiebung vom Ohr zum Auge vollzogen hat. Ich fühle mich aber nach wie vor als ein ‚Schüler‘ von Joachim-Ernst Behrendt und halte deshalb dafür, dass das visuelle Erlebnis/Ereignis das Hörerlebnis zu fördern hat. Wenn es das nicht tut, dann ist das Bild nichts wert. Und schon gar nicht ist es dem Ereignis des Ohres überlegen.

Ich weiß seit diesem Frühjahr, dass Andreas Baesler, bei dessen Peter Grimes-Inszenierung ich im kommenden Frühjahr hospitieren werde, als Opernregisseur in dieser Hinsicht eine Gegenpositition einnimmt. Er sagten mir ganz ausdrücklich, dass für ihn die Inszenierung und damit das visuelle Erlebnis im Vordergrund steht; dem gilt seine Arbeit als Regisseur. Er besäße zwar selbstverständlich auch sehr viele Opern-Einspielungen, doch würde er eigentlich außer zur Vorbereitung auf eine neue Inszenierung kaum jemals einfach so eine Oper nur „hören“. Das kann ich zwar verstehen, will sagen, ich kann es nachvollziehen, weil die Arbeitssituation dazu führt, aber es ist natürlich gänzlich falsch. Und ich bedaure es für ihn. Ich will das hier gar nicht weiter begründen bzw. untersuchen. Ich möchte nur mal den Gedanken zur Diskussion stellen, dass man also beim Inszenieren von Opern aus beruflichen Gründen zu der Haltung gelangen kann, dass an dem  Produkt „Oper“ das visuelle Ereignis vor dem auditiven steht.

Das finde ich höchst kurios. Und ich kann darauf nicht besser antworten, als indem ich an die amerikanische Schriftstellerin Helen Keller erinnere, die das schwere Schicksal hatte, sowohl taub als auch blind zu sein. Auf die Frage, was von diesen beiden Behinderungen für sie die schlimmere sei, antwortete diese taubblinde Frau, ohne zu zögern, dass sei natürlich die Taubheit. Denn Mozart könne man schließlich hören! Für mich ist Helen Kellers Satz, dass man Mozart „hören“ kann, derart evident, dass mir die Tränen in die Augen treten, wenn  ich daran denke. Es ist einfach das, was mit einem passiert, wenn man einer großen unabweißbaren Wahrheit begegnet.

Musikalisch überzeugt die Einspielung der Kupfer/Barenboim-Inszenierung von 1991 natürlich absolut, denn Barenboim ist in seinem Dirigat so präzise und plastisch, dass einem fast jede andere Einspielung verschwiemelt vorkommt, weich und romantisiert. Auch Levines großartiger an der Metropolitan Opera inszenierte Ring kommt dagegen kaum auf, denn Levine geht nicht analytisch vor. Er steht für eine original wagnerisch, illustrierende Aufführung. Das kann man begrüßen aber auch enttäuschend finden. Gegenwärtig steht an der MET ein neuer Ring unter James Levine bevor, der vielleicht spannender werden könnte. In der Ankündigun heißt es: For the first time in more than 20 years, the Met unveils a new Ring cycle. Robert Lepage’s groundbreaking production – the most ambitious production the Met has ever attempted – will be seen in its entirety, with a cast of the world’s greatest Wagnerian singers and Maestro James Levine on the podium.

  • Rheingold, Das – Saturday, April 7, 2012 – 9:00 PM
    Levine; Harmer, Blythe, Bardon, Margita, Siegel, Terfel, Owens, Selig, König
  • Walküre, Die – Friday, April 13, 2012 – 6:30 PM
    Levine; Voigt, Westbroek, Blythe, Skelton, Terfel, König
  • Siegfried – Saturday, April 21, 2012 – 11:00 AM
    Levine; Voigt, Bardon, Lehman, Siegel, Terfel, Owens
  • Götterdämmerung – Tuesday, April 24, 2012 – 6:00 PM
    Levine; Dalayman, Harmer, Cargill, Gould, Paterson, Owens, König

Doch zurück zum Ring von Barenboim/Kupfer: Gesanglich ist diese Aufnahme einwandfrei und hat wirkliche Größen, wozu für mich freilich John Tomlinson als Wotan nicht immer gehört, weder stimmlich noch im Spiel, das zu sehr auf die klischeehafte Figur eines Borsalino-Mafioso setzt, der sich unter einer kaputten Sonnebrille verbirgt. Aber auch das optische Erlebnis, das dieser Ring ohne Zweifel bietet, ist doch leider zu schnell verbraucht. So wirkt der Lichtkanal aus grünem Laserlicht im Rheingold anfangs überraschend und neu, aber dieser Effekt verbraucht sich ebenso schnell wie der, der durch den Umstand ensteht, dass die Riesen in dieser Inszenierung tatsächlich wirkliche Riesen sind. Denn die weitgehende Unbeweglichkeit nimmt Fasolt und Fafner eben wieder das, was sie im ersten Moment durch ihre monumentale Gestalt gewinnen. Hier wäre sicher die Einbindung kompetenter Figurenspieler notwendig gewesen, um diese Riesen wirklich beweglich zu machen und zum Beispiel ihre riesigen Arme und Hände so zu gebrauchen, dass sie sich nicht sofort der Lächerlichkeit aussetzen. Denn wenn das nicht geschieht, dann hat man trotz ihrer Größe unglaubwürdige Riesen, deren Hände nur irgendwie herabbaumelm und nicht mal die von Ihnen so begehrte Freya zu fassen vermögen.

John Tomlinson als Wotan stolziert über die Bühne wie ein etwas verfetteter Götz George, dessen auf dem einen Auge dunkle Brille zu plump seine partielle Blindheit symbolisiert. Durchgehend gefallen hat mir im Rheingold dagegen zum Beispiel Graham Clark als Loge, der wie ein kleiner, etwas molliger, in schwarzes Leder gehüllter schwuler SS-Blondkopf seine Intrigen spinnt; Loge ist perfide, aber eben deshalb äußerst stimmig inszeniert. Und stimmlich auch Wotan überlegen.

Nun, ich will das hier beenden, denn ich kann jetzt nicht den ganzen Ring besprechen, zumal ich nur einen schnellen Eindruck geben wollte und dafür schon viel zu sehr ins Detail gegangen bin.

Ich werde mich zudem ab jetzt sowieso mehr mit Benjamin Britten befassen müssen, da die Proben für die Oper „Peter Grimes“ in Münster bereits am 10. Februar beginnen und ich auch schauen will, ob ich einen kleinen Essay für das Programmheft schreiben kann. Eine Britten-Unterseite meiner Webseite muss ebenfalls noch eingerichtet werden, da ich die Proben schreibend und fotografierend begleiten und zeitnah dokumentieren werde. Insgesamt ist da noch einiges an Vorarbeiten zu leisten. Nicht zuletzt habe ich noch keine Unterkunft in Münster. Nun, es wird sich finden.