Die „Seelenlähmung“ lieferbar + Last time I saw Richard

Schon im vergangenen Herbst sollte der Roman kommen, jetzt ist er da. Ich hatte die Verschiebung der Veröffentlichung selbst verlangt. Das hatte Gründe, die ich hier schon früher dargelegt habe, also nicht wiederholen muss. Einen Nebeneffekt will ich aber doch erwähnen, den Umstand nämlich, dass ich dadurch Zeit hatte, darauf zu kommen, dass ich die überarbeitete Fassung des Romans meinem ältesten Freund Hartmut widmen muss. Es wäre besser gewesen, wenn er das noch erfahren hätte. Aber so geht es auch:

für Hartmut Nolte

1. 8. 1949 – 17. 7. 2007

Ich hoffe, dass das nicht zu negativ klingt. Im Grunde möchte ich einem guten Freund nur einen Abschiedsgruß hinterher rufen. Aber da ich begonnen habe, eine Geschichte über ihn zu schreiben, in der er Richard heißt, will ich mal den Anfang hersetzen. Als kleine Zugabe zum Roman „Seelenlähmung“.

Last time I saw Richard

Er hatte mir vor langer Zeit einen Ewigen Kalender geschenkt, damals, als er noch sein Antiquariat hatte und ich die meisten Bücher bei ihm bestellte. Der Kalender lag der ersten Lieferung der „Cahiers“ von Paul Valéry bei, die ich abonniert hatte, und er hatte innen auf die Umschlagklappe geschrieben „Möge unsere Freundschaft so lange halten wie der ewige Kalender“. Das hatte mich natürlich gefreut, denn immerhin kannten wir uns damals, Anfang der 80ger Jahre bereits weit über zwei Jahrzehnte, genau genommen seit unserem sechsten Lebensjahr, als wir uns bei der Einschulung auf dem gepflasterten Hof der Grundschule begegnet waren. Nun hatten wir beide bereits die Dreißig überschritten, und er schrieb so was. Obwohl unsere Freundschaft zu diesem Zeitpunkt bereits sehr viel länger dauerte, als die meisten anderen, und ein großer Vertrauensbeweis darin lag, so muss ich doch etwas skeptisch gewesen sein. Zumindest, was den Terminus „ewig“ betraf, denn ich notierte unter seinen Satz mit Bleistift „Leider halten dafür die Leben nicht lang genug.“ Aber das hat er nie erfahren.

Richard war vier Monate älter als ich und deshalb bereits 1949 geboren. Das war ihm ungeheuer wichtig, denn er behauptete gern, dass meine Geburt im Januar 1950 mich bereits einer anderen Generation zuordnete.

Daran musste ich spontan denken, als mir M., unser Professor, 2009 auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und nach kurzem Geplauder mitteilte, dass Richard gestorben sei. Ich erschrak und dachte, dann bist du demnächst selbst dran. Die Generation vor dir ist schon weg.

M. sah wohl die Bestürzung in meinem Gesicht. „Entschuldige“, sagte er sofort, „mir war nicht klar, dass du es nicht gewusst hast. Ich wollte nicht der Überbringer schlechter Nachrichten sein.“ Er war es natürlich doch. Aber das passte zu ihm. Er saß da, so klein und verloren, vor einem winzigen Tischchen am Suhrkamp-Stand, ließ sich von einer der Verlagsfrauen ein stilles Wasser bringen, dem ich mich frech anschloss, und berichtete die Einzelheiten, so weit er sie kannte oder zu kennen meinte. Am Ende hatte ich das Bild eines Richard vor mir, der sich zu Tode gesoffen hatte, letztlich an Gehirnerweichung gestorben bzw. erstickt war, da die Schädigung des Gehirns zu einer Atemlähmung geführt hatte. Unser Professor ist Medizinhistoriker und repetierte wohl aus der Erinnerung das Korsakov-Syndrom. „Ich habe ihn wenige Wochen vor seinem Tod noch gesehen“, sagte er, „damals war ich von Düsseldorf auf dem Rückweg nach Zürich und dachte, ich könne die Fahrt unterbrechen, um bei ihm im Laden vorbei zu schauen. Er hatte ja seit einiger Zeit wieder einen Laden, trotz seines Bankrotts, der aber auf Rosis Namen lief. Er saß ganz allein hinter seinem Schreibtisch, als ich hereinkam. Außer ihm war der Laden leer. Aber er hat mich gar nicht erkannt.“ Wenn das stimmte, so sprach es tatsächlich für einen besorgniserregenden Befund, denn wer den Professor einmal gesehen hat, der muss ihn eigentlich zwingend wiedererkennen.

Aber ich glaubte ihm nicht recht. …. (wird fortgesetzt)