Stadt Liebe Tod

Tief in der Nacht, um 04:39, um genau zu sein, habe ich gestern die Lektüre des Romans „Warten auf Ahab“ von Leander Sukov beendet. Ich war von dieser emotional bewegenden Geschichte vom ersten Moment an gefesselt und finde, dass sich die Story sehr rasant steigert und Seite für Seite dichter und dramatischer wird. Am Ende habe ich etwas geweint; bitte nicht verraten.

Leander Sukov hat da etwas geschafft, was ich sehr bewundere, das möchte ich ganz offen sagen. „Warten auf Ahab“ ist eine große und wirklich gegenwärtige, zeitgemäße Liebesgeschichte geworden. Eine, der es zudem gelingt, den ganzen Dreck und den ganzen Schmerz einzufangen, den ganzen Verrat und die Wahrheit der Unwahrheit, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Adorno hat es nicht gewusst, als er den Satz prägte, dass es kein richtiges Leben mitten im falschen geben könne, aber er hat da nicht nur Recht gehabt, er hat zudem auch von Marie, der Protagonistin in Sukovs Roman, gesprochen. Dass sie dann ihre Liebe doch noch finden darf und sie gleich wieder verliert, das ist dramaturgisch so richtig gesetzt wie es für den Leser erschütternd ist.

Aber das ist nicht alles, was ich über das Buch sagen möchte, denn ich habe während der Lektüre auch besser als jemals zuvor nachempfinden können, was unser immer noch gespaltenes Deutschland ist und wie es sich im Bewusstsein der aus der ehemaligen DDR stammenden Mitbürger darstellt. Wäre Sukov nur das gelungen, so hätte er ein lange schon fehlendes Buch geschrieben.

Das absolut Wichtigste war für mich unter der Lektüre aber noch ein anderer Punkt. Es ist etwas, das in der erzählenden Prosa kaum jemals wirklich glückt: ich meine die Darstellung von Sexualität. Texte können mitunter noch so schön und treffend und genau etc. sein, wenn sie sich daran machen, Sexualität zu schildern, dann versagen sie alle, werden hausbacken und steif und unbeholfen, klischeehaft usw. Und dann diesen Text zu lesen, das ist wirklich wie ein Wunder, denn er schafft es ohne Anlauf auf ganz authentische, lebendige Art und Weise davon zu sprechen, was Menschen mit ihren Körpern machen und dabei fühlen. Es wird darüber so unverbraucht und nah, so ganz ohne Peinlichkeit und wirklich geschrieben, dass ich während meiner Lektüre gedacht habe, Leander Sukov schreibt eine große kraftvolle Sprache des Gefühls.

Ich wäre Sukovs Protagonistin Marie im Leben gern selbst begegnet. Das geht natürlich nicht, aber die einmalige unverwechselbare Sprache, die er für sie gefunden hat, ist ein großartiger Ersatz dafür.