Die Welt ist groß und klein

Freitag, 13 April 2012, Santa Maria Belém do Pará, bei Mozarts "Cosi fan tutte" unter René Jacobs
und den unendlichen Verkehrsgeräuschen von der Av. Presidente Vargas und den Rufen im Hotelflur.

Ich schätze mal, dass man nackt mit Kopfhörern ziemlich lächerlich aussieht. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich dieses Bild derzeit abgebe. Ein Narr, wer Böses dabei denkt. Es ist nur der Hitze wegen, die auch des Nachts 28 Grad kaum unterschreitet; es ist jetzt ein Viertelstündchen vor 23 Uhr, was in Deutschland viertel vor Vier Uhr meint. Das „Finem lauda“ aus Mozarts „Cosi …“ erklingt gerade in meinen Ohren. Ja, stimmt tatsächlich und gilt für absolut alles. Erst das Ende soll man loben!

Trotzdem lobe ich schon jetzt meinen Aufenthalt in Brasilien, wo ich am Mittwochnachmittag nach insgesamt etwa 13.000 Kilometer Flug eintraf, um mit dem Übersetzer Jan Oldenburg an der portugiesischen Fassung meines Romans „Calvinos Hotel“ zu arbeiten.

Die Arbeit selbst geht gut und zügig vonstatten. Zwar werden wir wohl noch weitere zwei Tage brauchen, doch ist für mich etwas ganz anderes interessant, als die schiere Menge der Fragen, die ein Übersetzer hat bzw. die Andersartigkeit des Blickes auf einen Text. Das ist zwar ebenfalls schon sehr spannend, aber die wirklichen Probleme und Fragen beginnen erst danach.

Es sind die vielen sprachlichen Details, die im Portugiesischen keinerlei Entsprechung besitzen, weder inhaltlich noch vom Klang her. Oder Wendungen, die gerade das Gegenteil von dem bewirken würden, was der originale Text bezweckt. Was ist zum Beispiel mit dem Kapitel „Die Gefahren der Musik“? In Brasilien würden die Leser da sofort zustimmen, weil die kirchliche Seite eh meint, dass Musik vom Teufel kommt etc. Aber dieses bzw. Ähnliches ist bei meinem Text natürlich auch nicht mal entfernt gemeint. Es geht dort um die Angst eines autistischen Menschen vor dem Chaos. Eberhard rettet sich einerseits in seine Mathematik, wo er die lückenlosen Welten der Zahlentheorie bevorzugt.

Andererseits liebt er aber auch die Oper, weil er Stimmen liebt. Aber er verdächtigt die Musik der Ungenauigkeit. Jederzeit kann zwischen den Noten das Chaos ausbrechen, weil die Musik niemals im Sinne der Mathematik wohldefiniert und vollständig t ist, weil also eine Folge von Noten niemals wie eine Folge von natürlichen Zahlen einen bestimmten Nachfolger hat. Darum ist für den Eberhard in „Calvinos Hotel“ die Musik gefährlich. Aber das ist nicht die Gefahr, die man z.B. im Englischen einfach mit Danger übersetzen würde. Was macht man also? Am Ende wurde nach langem Gespräch aus dem ursprünglichen Titel eine Übersetzung, die ins Deutsche zurückübersetzt etwa „Die Fallgruben der Musik“ heißen müsste.

Beispiele dieser und ähnlicher Art könnten dutzendfach aufgeführt werden. Besonders wichtig sind dabei all die Alliterationen, die Stab- bzw. Binnenreime, die ich, obwohl der Text des Romans natürlich Prosa ist, im Text untergebracht habe, um ihn zu rhytmisieren. Der Text ist weitgehend rhytmisiert. Der Übersetzer Jan Oldenburg war der erste Mensch, der das erkannt und als Problem angesprochen hat. Vermutlich hat Alban Nikolai Herbst es auch erkannt, aber er hat nicht darüber gesprochen. Egal, der Übersetzer erkennt es jetzt und fragt sich deshalb, was er z.B: mit einem Titel wie „KRIEG IST KEINE KATASTOPHE“ macht. Aber es geht natürlich über diesen Titel hinaus, denn das ganze so benannte Kapitel arbeitet mit dem Kratzlaut des „K“ aus „Krieg“. Der Titel gibt es schon vor, und das ganze Kapitel benutzt immer wieder Begriffe, die mit „K“ beginnen oder von einem „K“ ihren Klang bekommen, wie ‚Krawatte, Kragenknopf, kam, lackiert, makellos, verstecken, konnte kaum, EntgegenKommen, Kompanie, Rekruten, Kindheit‘ und immer so weiter. Und es endet mit dem Wort „Klang“.

Was macht man also, wenn man diese sprachliche Struktur einerseits erfreut erkennt, andererseits aber sofort weiß, dass man das im Portugiesischen nicht rüberbringen kann. Man kann es schlicht nicht retten, wenn Krieg „Guerra“ und Katastrophe „Catástrofe“ heißt. Ich habe in solchen Fällen deshalb immer entschieden, dass der Inhalt, sprich die Information, Vorrang haben soll. Was freilich dazu führt, dass zwangsläufig alles andere, was in der urspünglichen Fassung des Textes mitschwingt und intendiert ist, völlig unter den Tisch fällt.

Ich muss freilich der Wahrheit halber auch anfügen, dass ich bei diesen Gesprächen mit dem Übersetzer immer wieder gedacht habe „das interessiert eh keine Sau“. Nun ja, mich interessiert es schon. Und den Übersetzer augenscheinlich auch. Aber der Rest der Bevölkerung, der sagt sich doch, was soll der Kack. Aber egal, diese Leute lesen ja eh nicht. Und wenn, dann die 3. Folge von ‚Beiß mich, bis ich pissen muss‘.

Damit das keiner in den falschen Hals bekommt, ich bin nicht irgendwie resigniert oder so, bin nicht negativ drauf oder wie das gehirnlose Geschwätz es heutzutage halt nennt. Ganz im Gegenteil, ich empfinde nur maßlos überdeutlich die ungeheure Anstrengung, die es bedeutet, einen komplexen Roman von fast 400 Seiten in eine andere Sprache zu übertragen und dabei für den Leser eine Vermittlungsarbeit zu leisten, die man gar nicht erfassen kann, wenn man  sich niemals in einem solchen Arbeitsprozess befunden hat.

Der Leser ist immer der Dumme, sagte Jan Oldenburg heute zu mir, die Frage ist nur, wollen wir ihn dumm lassen, oder wählen wir eine Übersetzung, die es ihm erklärt. Aber dann kommt natürlich der Einwand, dass man erstens nicht alles erklären kann, dass man zweitens auch darauf vertrauen können muss, dass Autor und leser oder besser Buch und Leser in einer gemeinsamen Welt leben. Und drittens gilt für Übersetzungen natürlich auch das, was für Witze gilt. Wenn du einen Witz erst erklären musst, dann lacht auf jeden Fall keiner mehr. Ich bin aus diesem Grund eigentlich immer dafür, dass man nach der Regel handelt, dass der Leser selbst ein Gehirn besitzt. Okay, ich weiß, dass das manchmal nicht stimmt, aber auch dann gehe ich erstmal von der gegenteiligen Annahme aus.

 

Wir saßen … morgen weiter … versprochen!