Wo die Peitsche verstaubt! Jetzt Sado-Maso schreiben?

Wiesbaden, 10. Juli 2012. Bei Johann Christian Bach: Endimione

Gestern sah ich einen kurzen TV-Bericht über den angeblich neuen Trend auf dem Buchmarkt. Vorgestellt wurde das Buch „Shades of Grey“, das überall auf Platz 1 steht und mit Startauflagen von 1 Millionen Exemplaren aufgelegt worden ist. Es wurde mit dem Gestus der gelinden Verwunderung die Frage gestellt, warum man sowas liest? Zumal doch das Buch literarisch gar nichts biete, sprachlich eher flach sei und sich durchgehend nur der typischen Klischees bediene, die man aus ähnlichen Feuchtgebieten zur Genüge kenne. War natürlich eine zugleich blöde und vor allem scheinheilige Frage, denn jeder weiß ja, dass eben das zu den absoluten Vorbedingungen solcher Art von Literatur gehört. Leuten auf der Straße wurden Textabschnitte aus dem Buch gezeigt, um von ihnen zu hören, was sie davon halten. Es waren so Texte von der Art ‚ich spürte, wie seine Peitsche meine Brüste streifte‘ oder so ähnlich. Ein Mädchen, das zuerst gesagt hatte, sie lese eigentlich gar nicht, schaute sich das an und meinte dann, das sei aber doch schon recht interessant.

Na also, man sieht, man kann die Leute doch noch zum Lesen bewegen! Allem Untergangsgestöhne zum Trotz! Schaut mal, liebe Kollegen, wo Eure Peitsche verstaubt. Macht sie wieder flott und dann ran damit an die verschiedenen Körperteile, das bringt Umsatz. Und wartet nicht zu lange, denn „Shades of Grey“ wird eine Flut von Nachahmern ans Ufer der Verlage spülen, wie Invasionen von Quallen in zu heißen Sommern. Ihr solltet also schauen, dass Ihr unter den ersten seid. Wer zu spät kommt, den bestraft der Lektor.

Kleine Nachnotiz: Mit meinem Belém-Roman komme ich gegenwärtig noch immer gut voran. Und ich habe die Gewissheit, dass ich mit dem Buch auf jeden Fall jeglichen aktuellen Trend wieder einmal meilenweit verpassen werde. Freut Euch drauf. So, Ihr nicht zur ‚Generation Porno‘ gehört, meine ich freilich. Sonst kann ich Euch nicht helfen.