Portugiesisch ist eine faszinierende Sprache

Wiesbaden, Samstag, 07. Juli 2012, bei Prokofiev: "Semyon Kotko"

Mitunter wird man überrascht. Ich hätte niemals geglaubt, dass mir das Erlernen der portugiesischen Sprache leicht fallen würde. Ich wäre eher der Ansicht gewesen, der Überbringer einer solch absurden Botschaft müsse verrückt sein. Aber nun ist es so.

Ich habe ja schon viele Sprachen zu erlernen versucht, mag es gar nicht aufzählen, und egal wie weit ich damit kam, es scheiterte letztlich alles am Gebrauch, an der nicht vorhandenen Möglichkeit, das Erlernte auch nur einigermaßen regelmäßig zu sprechen. Natürlich spreche ich irgendwie Englisch, doch um halbwegs gut zu werden, da fehlt der Gebrauch. Ebenso verhält es sich mit dem Italienischen. Als ich in Rom lebte und dort täglich einkaufen ging, mich also unterhalten konnte und musste, da wurde es immer besser. Im Grunde hätte ich dort bleiben müssen, inzwischen kann ich kaum noch radebrechen.

Ganz besonders geht es mir freilich so mit dem Französischen, in dem ich immerhin vor undenklichen Zeiten mal ein sehr schönes Abitur fabriziert habe. Heute würde ich vermutlich froh sein, wenn ich mir in Paris freihändig ein Weißbrot kaufen kann. Ebenso peinlich verhält es sich mit meinem Latein, da ist freilich eh vom Sprechen keine Rede, aber um auch nur an einem Text zu arbeiten, also um Sätze zu analysieren und grammatikalisch richtig zu übersetzen, da fehlt jegliche Übung.

Mein Griechisch hatte ich eigentlich nur erlernt, um griechische philosophische Texte im Original lesen zu können. Damit meine ich nicht, dass ich sie übersetzen kann, ich meine wirklich nur lesen, den Klang der Worte hören, um in zweisprachigen Philosophiebüchern, etwa von Platon oder Aristoteles, zwar die deutsche Übersetzung zu lesen und zu bearbeiten, aber doch in der Lage zu sein, hin und wieder mal zu schauen, was da eigentlich im Original tatsächlich steht und wie das klingt. Oder um eben nicht wie ein Idiot vor einem Text zu stehen Und da ich auch einen Kurs für modernes Griechisch besucht habe, so sollte ich zumindest im Urlaub irgendwas sagen können. Kann ich eigentlich auch, aber wissen Sie was, ich war noch nie in Griechenland.

Und meinem Ivrit ist wohl gar nicht mehr zu helfen, obwohl ich letztens sogar in Israel war. Aber dass daraus auch nur für zehn Minuten die Möglichkeit erwachsen wäre, etwas zu sprechen, das war ein Traum. Um ehrlich zu sein, ich habe es in der Zeit nichtmal geschafft, eine Zeitung zu kaufen, um damit zu überprüfen, ob ich etwas lesen konnte. Wäre das möglich gewesen, so hätte ich damit vielleicht an das Niveau meiner Kenntnisse des Niederländen anknüpfen können.

In der Zeit von etwa 17 bis 20 habe ich nämlich weitgehend in Amsterdam gelebt, und das hat zur Folge, dass ich heute noch niederländische Texte so zu 80% lesen kann. Besonders bedaure ich von all diesen sprachlichen Unzulänglichkeiten übrigens mein Japanisch. Das hatte ich begonnen, da ich mit meiner Zen-Lehrerin eine Japanreise plante. Zwar litt das darunter, dass ein Sprachkurs, den man nur einmal die Woche besucht, nicht viel bringen kann. Aber es hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich verstand auch das System der Sprache und hätte da gern weitergemacht, denn die schiere Anzahl der Zeichen verlangt im Japanischen ein jahrelanges Lernen. Bei mir brach es dadurch ab, dass ich nach einem Sesshin meine Zen-Lehrerin verlassen habe, bei der ich seit zehn Jahren in Ausbildung war.

Und nun das Portugiesische, das ich zwar erst seit einer Woche lerne, das mir aber ein bisher nicht gekanntes Erlebnis beschert, denn ich hatte noch nie mit einer Sprache zu tun, die mir vom ersten Moment an derart eingängig war, deren Grammatik ich sofort nachzuvollziehen vermag, und bei der ich in der Überprüfung meiner Vokabel- und Grammatikkenntniss so gute Ergebnisse erzielt hätte. Ich arbeite mit einem online-Kurs, den ich gewissermaßen ganz altertümlich begleite, indem ich mir neben dem online-Kurs auf Karteikarten ganz klassisch eine Lernkartei aufbaue, an der ich mein Wissen täglich, bevor ich wieder in den online-Kurs einsteige, überprüfe. Die Ergebnisse sind ganz hervorragend. Ich komme mir vor, als habe sich mein Gedächtnis plötzlich ganz entschieden verbessert, denn ich mache bei der täglichen Überprüfung kaum Fehler, behalte augenscheinlich alles ohne große Anstrengungen im Kopf. Das ist ein sehr aufbauendes Gefühl.

Nun, warum mache ich das eigentlich? Ohne die Übersetzung meines Romans “Calvinos Hotel” ins Portugiesische durch den in Belém do Pará lebenden Autor und Übersetzer Jan Oldenburg wäre das selbstverständlich niemals passiert. Aber er hat sich von dem Buch faszinieren lassen und es auf sich genommen, das umfangreiche Buch ins Portugiesische zu übertragen. Im April bin ich dann nach Abschluss der ersten Fassung der Übersetzung nach Brasilien geflogen und habe dort eine Woche lang mit ihm zusammengearbeitet, um die Schlussfassung der Übersetzung abzuklären, da sich recht viele Fragen ergeben hatten, die noch im Gespräch geklärt werden mussten.

Meine Zeit in Belém, meine Zeit am Amazonas hat nun dazu geführt, das ich seit Wochen an einem Buch schreibe, das Belém do Pará zum Schauplatz hat. Und dabei zeigt sich naturgemäß, dass mein kurzer Aufenthalt im April zwar ausgereicht hat, um mich mit dem brasilianischen Virus zu infizieren, ich aber unterm Schreiben am neuen Buch mehr als deutlich empfinde, dass ich dort wieder hin muss. Ich muss vieles vor Ort nochmals sehen, kann bestimmte Dinge gar nicht schreiben, wenn ich nicht nochmals in Belém gewesen bin bzw. der Atmosphäre des Ortes nachgespürt habe. Außerdem liegt es natürlich nahe, dass ich versuchen sollte, die Zeit des Círio zu treffen, um dieses größte aller Feste der Christenheit, diesen größten Pilgerzug auch tatsächlich mitzuerleben.

Ich stelle mir gegenwärtig vor, dass ich etwa zwei bis drei Wochen vor dem Círio in Belém ankomme, dort schreibe und mich auf diesen Höhepunkt des Jahres vorbereite, bei dem vermutlich etwa zwei Millionen Pilger in der Stadt sein werden. Und danach dann möchte ich noch mindestens zwei Wochen in der Stadt verbleiben, um möglichst viel von den Eindrücken aufzuzeichnen.