Das Herz des Hais und das Reich der Toten

Wiesbaden, Mittwoch, 01. August 2012, bei Haydns 'L'Infidelta Delusa'

Die tägliche Arbeit am Belém-Roman geht nach wie vor gut voran. Ich nähere mich der schönen Marke von 200 000 Zeichen. Das ist zwar noch kein Buch, aber der point of no return ist da schon überschritten.

Heute wurde mir während des Schreibens plötzlich klar, dass der Name Belém eine Form von Bethlehem sein muss. Ich habe das zwar bei all meinen Recherchen noch nirgendwo gelesen, aber es kann gar nicht anders sein, als dass die ‚City of Jesus‘ als Namensgeber gedient hat. Und zu allem Überfluss gibt es in Belém auch noch den Stadtteil Nazaré (Nazareth), sodass wir mit Belém eine Stadt haben, die den Geburtsort und den Ort des Aufwachsens von Jesus von Nazareth bzw. den Herkunftsort seiner Eltern Maria und Joseph in sich vereint. Und da der jeweils am zweiten Oktoberwochenende in Belém stattfindende >>>> Círio de Nossa Senhora de Nazaré  die größte Pilger-Prozession der christlichen Welt ist, bei der etwa, die Angaben differieren, zwei Millionen Pilger in der Stadt sind, so ist das religiöse Gewicht in Belém allgegenwärtig. Überwältigend für eine Stadt, die selbst nur 1,4 Millionen Einwohner hat. Der Círio ist vom Ausmaß und den damit verbundenen logistischen Problemen her im Grunde nur vergleichbar mit der >>>> Haddsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka.

In der Tat arbeite ich, als gänzlich ungläubiger und skeptischer Mensch, der ich im kirchlichen und philosophischen Sinne bin, mit diesem neuen Roman an einem Stoff, der sehr viele religiöse Motive und Bezüge hat. Allerdings synkretistische, die sich aus der Vermischung des Candomblé und dem Katholizismus ergeben. Mir kommt thematisch entgegen, dass ich mich mit der Religion des Candomblé, zuerst vermittelt durch die Forschungsberichte >>>> Hubert Fichtes, schon seit Ende der 70ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts befasst habe. Zwei Bilder von Hubert Fichte, natürlich von der unvergleichlichen  >>>> Leonore Mau fotografiert, hängen dann auch während meiner Arbeit rechts vom Schreibtisch an der Wand; einen Schutzheiligen braucht man bei einer solchen Arbeit unbedingt, zumal eine meiner Figuren, der leprakranke Obdachlose Plácido, inzwischen Besuch aus dem Reich der Toten bekommen hat.

Belém, Av. Pte Vargas (@ Gogolin)

So ich daran im gegenwärtigen Rhythmus weiterarbeiten kann, könnte es gelingen, dass ich bis zum Winter eine vollständige erste Fassung des Buches geschrieben habe. Freilich stehen dem einige abzusehende Unterbrechungen entgegen, da mein neuer Roman >>>> „Das Herz des Hais“ laut ursprünglicher Planung am 15. September erscheinen soll. Ich habe freilich bisher vom Verlag keine Fahnen zur Korrektur bekommen, obwohl bereits Lesungen daraus geplant sind, die erste schon am 20. September in Frankfurt. Vermutlich wird sich das alles nicht halten lassen, aber irgendwann werden die Fahnen kommen, sodass ich die Arbeit am Belém-Stoff unterbrechen muss.

Dann kommt im Oktober die Buchmesse, die erfahrungsgemäß auch aus der Arbeit hinaus wirft. Drei Reisen zu Premieren bzw. Uraufführungen der Liebsten kommen im September und Oktober ebenfalls noch hinzu. Und wenn ich für die Inszenierung  >>>> „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman in Naumburg, wie nachgefragt, den Part des Radiosprechers übernehmen sollte, so muss ich sogar vorher hin, um mich für die Aufnahme vor das Mikro zu setzen. Also im Grunde nicht drei sondern vier Reisetermine, die alle mehr als einen Tag verbrauchen werden. Außerdem habe ich inzwischen zwei Lektorate als Terminarbeiten für andere Autoren auf dem Kalender, sodass ich meine gegenwärtige Arbeitssituation, bei der ich außer meinen Coachings nur am eigenen Manuskript zu arbeiten habe, wohl als Geschenk auffassen sollte.

Nun gut, vermutlich sollte man alles als Geschenk auffassen, obwohl man mitunter den Eindruck bekommen könnte, das Leben sei einfach eine Folge unwichtigen Unsinns, ‚voll Schall und Wahn, der nichts bedeutet.‘

PS: Der 1. August, das Datum des heutigen Arbeitsjournals, ist zugleich der Geburtstag meines verstorbenen Lebensfreundes Hartmut Nolte, dem mein Roman >>>>  „Seelenlähmung“  in der überarbeiteten Neufassung, die zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr erschien, gewidmet ist. Gedacht soll seiner werden!