Prenzlauer Berg und Kreuzberg

Montag, 03. September 2012, bei Giacomo Puccini, Tosca

Am Mittwoch fuhr ich nach meiner Ankunft in Berlin zuerst zum Alexanderplatz, den der, der ihn nur aus der Literatur kennt, selbstverständlich nicht wiedererkennt. Von dort aus wollte ich dann zum Prenzlauer Berg, wohin mir Alban Nikolai Herbst die Tram M1 genannt hatte, was freilich falsch war, sodass ich ich rund um den Alex zuerst eine Dreiviertelstunde nach dieser M1 suchte, die es nicht gab. Ich habe mir dann von einem wohlinformierten Obdachlosen helfen lassen, der mich an die M2 verwies, die auch gerade auf dem gegenüberliegenden Geleis auf die Abfahrt wartete. So gelangte ich dann mit geringer Verzögerung in die web-bekannte „Arbeitswohnung“ von ANH, nachdem er mich an der Haltestelle abgeholt hatte, die der besagten Wohnung am nächsten liegt.

Na ja, Ankommen in der Arbeitswohnung, die mich stark an meine Vergangenheit erinnerte, zumindest an Aspekte meiner Vergangenheit, due Espressi, wir orientierten uns, dazu vielleicht einen kleinen Talisker in den Schaukelgläsern? Ja, naturgemäß. Wir tranken dann nachher zwar auch noch jeder einen weiteren Espresso, doch blieben wir ansonsten beim Talisker. Abgesehen von mehrfachen Einspielungen aus Radio-Essays, die ANH für den Funk produziert hatte, blieben wir über mehr als fünf Stunden im Gespräch, und ich muss gestehen, dass ich ANH für sein Porträt über mich und mein Schreiben weit mehr erzählt habe, als ich jemals in einem Interview preiszugeben bereit gewesen bin.

Das hatte freilich weder etwas mit dem Talisker zu tun, noch mit irgendwelchen Wünschen in Werbehinsicht. Ich war einfach schon mit der Absicht zu ihm gekommen, einmal unter Kollegen von den realen Lebensverhältnissen zu sprechen, in die man (zwangsläufig?) gerät, wenn man sich der seltsamen Aufgabe stellt, als Autor in der Literatur zu leben – von der Literatur zu leben, das ist dann noch ein weitaus weiter gefasstes Thema -. Aber da Alban Nikolai Herbst ja keiner dieser Interviewer von irgendeiner Zeitung ist, die über eine solche konkrete Offenheit nur erschrocken gewesen wären und nichts damit anzufangen gewusst hätten, so stellte sich für uns im Gespräch eigentlich genau das her, was ich mir gewünscht hatte. Eine Gesprächssituation, in der beide Seite ihre Erfahrungen einbringen konnten. Vor allem natürlich bezüglich der eigenen Produktion, dann hinsichtlich der spezifischen Medienerfahrung und der auf die Zukunft gerichteten Arbeit. Bei mir gehört dazu im Moment vor allem der Brasilien-Roman. Aber es sind weitere Projekte in der Warteschleife.

Ich bemerkte übrigens in den Stunden unseres Gesprächs, dass ich immer stärker an Projekte dachte, von denen noch gar niemand weiß, und die ich hier bzw. im Moment des Gesprächs nur widerwillig ausgebreitet hätte. Ich halte nicht dafür, dass man zuviel über Dinge sagt, die noch in der Realisation stecken. Das trifft für mich auf jeden Fall auf die Romane „Der Akkordeonspieler“ sowie auf „Der Schattenbruder“ zu, sowie auf mein gegenwärtiges Projekt „Der Mann, der den Regen fotografierte“, also auf meinen Brasilienroman.

Am Abend, als es bereits gegen 21 Uhr ging, bat ich ANH dann, mir ein Taxi zu rufen, das mich nach Kreuzberg zum Verlag brachte. Dort kam ich dann in eine wunderbare Situation, da die Verlegerin Simone Barrientos selbst kochte

und uns in der lauen Nacht draußen auf der Veranda mit einer wunderbaren Kräutersuppe aus dem eigenen Balkon-Garten und der daran anschließenden Pasta verwöhnte. Wir sprachen bis etwa ein Viertel nach drei Uhr am Morgen, was auch inhaltlich viel brachte, waren dann kurz nach Neun schon wieder auf und machten uns für den neuen Tag fitt, der mich nach Naumburg führen sollte. Auf dem Balkon bekam ich in der Tat den ersten Kaffee des Tages, Simone pflückte zudem bereits Erdbeeren und beschenkte mich mit einer so süßen Frucht, dass ich mich auf neue Erwartungen einzustellen begann.

Später, als wir dann gefrühstückt, ich mein Gepäck gepackt hatte und wir noch zu abschließenden Gesprächen saßen, musste ich denken, dass ich es mit einem Verlag niemals besser getroffen hatte, als gerade jetzt. Im Grunde ist es so, dass dieser Verlag eine Art Familie ist. Nun wissen wir zwar alle, dass Familie auch immer ein Problem ist. Das ist selbstverständlich auch hier der Fall, aber man liebt diese Familie trotzdem immer noch weit mehr, als die anderen, von denen sich niemand mehr an einen erinnert, wenn man mal für fünf Minuten den Raum verlässt. Ihr Lieben, bleibt wie ihr seid. Ich wünsche Euch das Allerbeste und naturgemäß mit mir zusammen Erfolg!