Dinge ändern sich, Menschen nicht – Das Bachmann-Rinser-Dilemma

Wiesbaden, 24. November 2012, bei Allan Pettersson, Symphony No. 10 (1972)

Wehrt euch viel, gehorcht wenig.

Walt Whitman

Mein Gedankenspiel bezüglich der selbständigen E-Book Publikation, das ich hier vor einer knappen Woche anstellte, hat nun prompt dazu geführt, dass ich davon wieder Abstand nehme. In den letzten Tagen erhielt ich mehrere Angebote, meine Erzählungen betreffend, sodass das nun doch von Verlagsseite übernommen werden wird. Allenfalls für meine Theaterstücke wäre die selbständige Publikation als E-Book noch eine Option, aber das ist insgesamt sowieso nicht sonderlich drängend, sodass ich das mal zurückstelle.

Gefreut hat mich ansonsten, dass nun auch mein neuer Roman „Das Herz des Hais“ auf den Online-Portalen lieferbar ist, wofür ich hier mal den Link zu eBook.de lege, der ursprünglichen LIBRI- Seite. Diese Seite ist mir gegenwärtig am sympathischten, wenn es schon ein Online-Portal sein muss. Ansonsten kann das Buch selbstverständlich auch über jede Buchhandlung geordert werden oder wahlweise direkt beim Verlag.

Dinge und Verhältnisse ändern sich also, etwas geschieht und verändert die Situation etc. Menschen nicht, habe ich oben geschrieben. Über diesen ernüchternden Tatbestand habe ich gerade in den letzten Tagen wieder viel nachdenken müssen. Zum einen deshalb, weil ich zum wiederholten Mal in diesem Jahr in einer Krisenintervention unterwegs war. Nur um doch wieder zu erfahren, dass da zwar um Hilfe gerufen wird, dann aber doch alles beim Alten bleiben soll und das Verhalten nicht geändert wird. „Ich habe das Gefühl für die Gefährdung meines Lebens verloren.“, sagte mir gestern der Betreffende, als ich ihm die Konsequenzen seines selbstzerstörerischen Verhaltens vor Augen zu führen und ihm Alternativen aufzuzeigen versuchte. So wird es also wohl jetzt alles auf das absehbare Ende zusteuern.

Für mich als Autor führte der Gedankengang von dort freilich auch sofort wieder zur Literatur und damit zu dem ehernen Gesetz der Prosa, dass wir den Figuren in unseren Geschichten – wenn es sich nicht um irgendwelche Nebenfiguren handelt – zwingend eine Entwicklung zuschreiben, eine persönliche Wandlung des Charakters gar. Es ist da eine Erfahrungsoffenheit vorausgesetzt, die es vor allem Hauptfiguren aufgrund der notwendigen Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeit erlaubt, verändert aus den Ereignissen hervorzugehen, dazuzulernen und sich sogar so weit zu wandeln, dass sie am Ende ‚ein anderer Mensch‘ geworden sind.

Aber ist das nicht alles in Wahrheit Illusion? Wünschen wir uns nicht nur, dass es so wäre und schreiben diesen Wunsch deshalb als Bewegungsgesetz unserer Geschichten fest, die wir uns erzählen? Vielleicht weil wir sonst jegliche Hoffnung verlieren müssten? Mir fiel an diesem Punkt ein Satz der inzwischen verstorbenen Autorin Luise Rinser ein. Ich war bei ihr in Italien zu Besuch, weil ich sie zuvor interviewt hatte und nun meinen Text von ihr authorisieren lassen wollte. Wir saßen danach noch lange beisammen und unterhielten uns u.a. über meinen Roman „Kinder der Bosheit“, den sie inzwischen gelesen hatte. „Ich weiß genau, was Sie meinen“, sagte sie, „und Sie haben auch recht. Aber ich bitte Sie trotzdem – geben Sie doch den Menschen eine Chance!“

Mich hat das damals regelrecht erschüttert, denn ich verfuhr im Prinzip nach dem Diktum der Ingeborg Bachmann „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und nun die Forderung „Den Menschen eine Chance zu geben.“ Wobei auch der Wechsel vom Dativ zum Akkusativ ganz bewusst mitgedacht werden muss. Denn Luise Rinser sprach nicht von dem Großsubjekt Mensch, sondern von jedem einzelnen Menschen.

Das Feld, das sich zwischen diesen beiden Positionen auftut, ist unerhört weit und kann gar nicht gründlich genug bedacht werden. Letztlich enthält das Diktum der Bachmann eine politische Forderung, hinter die man kaum zurück kann, vor allem nicht vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in Deutschland. Dann steckt darin natürlich auch eine erkenntnistheoretische Vorgabe, denn sie behauptet ja, dass es so etwas wie DIE WAHRHEIT tatsächlich gibt. Aber ist das wirklich wahr? Und nicht zuletzt der daraus in Bezug auf die Literatur folgende Realismusanspruch, dem durchaus nicht jeder wird folgen wollen. Demgegenüber formuliert Luise Rinsers Forderung so etwas wie einen versöhnenden Standpunkt, der, wenn er Aufgabe der Literatur wäre, im schlechtesten Falle zu einer Art von therapeutischem Schreiben führen müsste. Dass durch dieses Bachmann-Rinser-Dilemma, wie ich es mal für mich probeweise nennen möchte, auch die Frage der Willensfreiheit berührt wird, will ich vorerst nur kurz notieren; diskutieren kann ich das in der hier gebotenen Kürze nicht.

Wenn ich dabei heute meinen eigenen Standort bestimmen sollte, so finde ich mich in der paradoxen Situation, beiden Forderungen gerecht werden zu wollen. Das heißt, einerseits die schlechten Verhältnisse nicht schönreden, sondern sie immer wieder ins helle Licht rücken. Andererseits aber auch die Menschen nicht als an diese Verhältnisse verurteilt begreifen, sondern zumindest immer wieder eine offene Tür zeigen, durch die ein anderer Ausgang möglich wäre; auch wenn man aus Erfahrung zu wissen glaubt, dass niemand jemals diese Tür benutzen wird.

Das ist es, was meiner Ansicht nach das Wort Hoffnung meint, was das Wort Trost meint, was Luise Rinsers ‚Chance‘ meint. Und brauchen wir das nicht alle, immer wieder neu, wenn wir am Morgen unseren Tag beginnen?