Unaufrichtige Aufrichtigkeit

Wiesbaden, Donnerstag, 20. Dezember 2012, bei W.A. Mozarts 'Le nozze di figaro' 
unter Jean-Claude Malgoire

Wie verhält es sich eigentlich mit der Ehrlichkeit in den Blogs? Bekämen sie nicht tatsächlich erst dann ihren Wert, wenn da jemand unverstellt seine Meinung schreibt usw. Aber geht das überhaupt? Ist das Schreiben in diesen öffentlichen Tagebüchern nicht gerade deshalb so populär, weil es ein Spiel mit einer zumindest potentiell großen Leserschaft ist? Ist da die Fälschung nicht fast zwingend? Oder sagen wir statt Fälschung lieber unaufrichtige Aufrichtigkeit.

In dem Essay „Der Treibsand der Gefühle“ von Dieter Wellershoff fand ich folgende Stelle, die mir sehr genau das Verhältnis der Blog-Autoren zu ihren potentiellen Leser zu beschreiben scheint. Wellershoff schreibt:

„In Doris Lessings ‚Goldenem Notizbuch‘ findet sich ein Entwurf zu einer Novelle über (das) Thema der unaufrichtigen Aufrichtigkeit. Ein Mann und eine Frau, in einer längeren Beziehung oder Ehe miteinander lebend, lesen heimlich die Tagebücher des Partners, um auf diese Weise ihre ritualisierten Gespräche zu ergänzen und zu erfahren, wer sie wirklich sind und was sie voneinander denken. Beide wissen inzwischen, daß sie auf diesem mittelbaren Weg miteinander verkehren, und eine Zeitlang sehen sie darin eine Chance und halten sich an das unausgesprochene Gebot der Aufrichtigkeit. Dann allmählich beginnen beide ihre Tagebücher zu fälschen, weil sie den anderen täuschen und beeinflussen wollen. Und um sich seelisch zu behaupten und nicht in diesem Sumpf zu versinken, führen sie nun jeder noch ein zweites geheimes Tagebuch, dem sie ihre wahren Gedanken und Gefühle anvertrauen. Dann entdecken sie gegenseitig ihre geheimen Tagebücher und gehen in einem schrecklichen Streit für immer auseinander.“

Der Einwand, dass das Verhältnis der beiden hier konstruierten Figuren viel zu verbindlich ist, zumindest im Vergleich zum Blogschreiber und seinen Lesern, da letzteres im Grunde ein Spiel bleibt und lediglich die Unverbindlichkeiten unserer Feriengesellschaft vermehrt, trifft nicht wirklich zu. Dies deshalb nicht, weil es um Selbstdarstellung geht. Und Selbstdarstellung ist zumindest für den, der sich darstellt, immer verbindlich. Der Blog ist ein Medium der permanenten Selbstreflektion, hat aber eben nicht wie das klassische Tagebuch die Möglichkeit ungelesen zu bleiben. Thomas Mann verfügte bekanntlich über seine Tagebücher, dass sie literarisch von geringem Wert seien (womit er Recht hatte) und ein Publikation erst lange nach seinem Tod erfolgen dürfe. Wenn hingegen der Blog-Schreiber auf den Button „Post veröffentlichen“ drückt, dann ist der Snapshot, den er da gerade von seinem gegenwärtigen Denken und Erleben gemacht hat, online und für jeden zugänglich.

Vielleicht ist es ja so, dass die wirklich intensiven Blog-Autoren längst an dem Punkt angekommen sind, wo sie neben ihrem bekannten Blog, der vielleicht auch direkt mit ihrer offiziellen Homepage gekoppelt ist, noch zusätzlich an einem geheimen Blog schreiben. Und wenn sie dabei entdeckt werden ….. ?