12. PI / Die Stockung oder Für die Mitwelt schreiben wir

Wiesbaden, Samstag, 13. April 2013, bei Rameaus 'Hippolyte et Aricie', mit Les Arts Florissants

64hex

Bei dem Zeichen „Die Stockung“ handelt es sich um das 12. Hexagramm aus dem I GING, dem über 3000 Jahre alten chinesischen Weisheitsbuch, das ich erstmal mit 22 Jahren durch meinen inzwischen verstorbenen Freund HN kennenlernte. Seither benutze ich es, in den ersten Jahren sogar sehr häufig, später seltener, seit einigen Jahren nur noch gelegentlich; vermutlich ist mir das Leben mit den Jahren immer weniger undurchschaubar erschienen bzw. zumindest nicht so sehr, dass man Orakel benötigt, um es zu erhellen. Es war zudem so, dass ich immer häufiger feststellte, dass das I GING mir zwar durchaus richtige Auskunft gab, ich aber in der Regel schon längst wusste, was es mir zu sagen hatte.

So verhält es sich auch mit dem heutigen Zeichen, und ich schreibe eigentlich nur deshalb hier darüber, weil mir dadurch ein, wie ich finde, interessanter Zusammenhang aufgefallen ist.

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In der Stockung befinde ich mich seit dem vergangenen Herbst, sie trat ein, als ich ungünstigen Ratschlägen folgte, die mein Romanprojekt betrafen, an dem ich seit dem Frühjahr 2012 arbeite. Ich bin noch immer darin, inzwischen aber dabei, mich daraus wieder hervor zu kämpfen. Das wird auch gelingen, da bin ich mittlerweile ganz sicher. Am 28. März 1974 hatte ich dieses Zeichen bereits einmal erhalten, doch war es da ganz anders, denn ich hatte bis zu diesem Moment nicht begriffen, dass ich mich in einer Stockung befand. Ich hatte nur lange sinnlose Anstrengungen hinter mir und gar nicht begriffen, woran ich mich da abarbeitete. Das konnte ich durch das I GING durchschauen, sodass es mir sehr hilfreich war.

Allerdings hatte ich schon damals, wie ich mich erinnere, nicht in der Weise auf das Problem reagiert, die das I GING vorschlägt, denn es geht davon aus, dass man sich zurückziehen sollte, weil hier ein Fall vorliegt, in dem es gar keine Möglichkeiten erfolgreichen Einwirkens mehr gibt. Der sonst oft im I GING auftauchende Rat „Fördernd ist Beharrlichkeit“ gilt hier nicht, ja, es sagt ausdrücklich „Schlechte Menschen sind nicht fördernd für die Beharrlichkeit des Edlen. … So zieht sich der Edle auf seinen innern Wert zurück, um den Schwierigkeiten zu entgehen … er verbirgt seinen Wert und zieht sich in die Verborgenheit zurück.“

Ich habe mir schon 1974 gesagt, dass das der falsche Weg ist. Er kommt einer vollkommenen Selbstaufgabe gleich, da man im Verborgenen nicht mehr wirksam sein kann. Wer das nicht glaubt, der mag sich vormachen, dass er für eine irgendwie geartete Nachwelt arbeitet, dass er etwa, im Falle des Autors, für eine künftige Zeit schreibe, die dann seinen Wert besser und gerechter als die gegenwärtige zu erkennen und zu schätzen wissen wird.

An diese Nachwelt glaube ich nicht, ganz im Gegensatz zu einem meiner Kollegen, der sogar dem Gedankenspiel nachhing, es werde dereinst in ferner Zukunft jemand in einem Raumschiff sitzen und auf einem Lesegerät den Roman lesen, an dem er gegenwärtig schreibt.
Sicher, es wird Raumschiffe geben, es wird darin Lesegeräte geben etc., aber eine Nachwelt, die unseren heute neuen Roman zu schätzen wissen wird … nein, die wird es nicht geben. Und um ehrlich zu sein, die Nachwelt kann mir auch gestohlen bleiben. Wir wissen doch längst, wie es um sie bestellt ist, denn sind wir nicht selbst Nachwelt für die vielen vor uns und erfüllen diese Aufgabe in keiner Weise. Wie vielen Autoren habe ich selbst noch die Hände geschüttelt, an die schon heute längst niemand mehr denkt?! Man könnte ganze Bibliotheken mit ihnen füllen.

Es ist um die Nachwelt immer schlecht bestellt. Hoffnungen rechtfertigt sie keinesfalls. Wir müssen stattdessen für unsere Mitwelt arbeiten. Aber das geht nur, wenn wir immer wieder dem Arbeitsmotto Lars Gustafssons folgen, der sagte „Wir geben nicht auf. Wir fangen nochmals an.“ So sinnlos uns dies auch erscheinen mag.