Der Palast in meinem Kopf

Wiesbaden, 17. Februar 2014, bei Kammermusik von Walter Proebst mit u.a.
dem Schuman Trio Mainz

Ein fast spätherbstlicher Morgen. Das Rheintal in Richtung Mainz gänzlich im Nebel verschwunden. Sitze bei den Klaviermusiken von Walter Proebst, einem Komponisten, der nirgendwo verzeichnet zu sein scheint. Vor einigen Jahren fand ich eine Kassette mit 7 CDs, die seine Klavierlieder und die Kammermusik enthält, auf einem Flohmarkt. Ich hatte das Gefühl, sie retten zu müssen und bin seither froh, immer wieder, wenn ich etwas davon höre, denn Proebst Musik hat eine große Einfachheit und meisterliche Klarheit.

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Die Musik könnte von einem Zen-Meister geschrieben worden sein. Zudem scheint er in seiner Musik gewissermaßen verschwunden zu sein, da nicht mal das Internet Aufschluss über ihn zu geben vermag. Lediglich ein ehemaliger Rennfahrer und jetziger Rentner gleichen Namens aus der Nähe von Landshut hat den Weg ins digitale Gedächtnis gefunden.

Es wäre mir recht, wenn man das eines Tages von mir ebenfalls sagen könnte. Da würde jemand an ein Buch von mir geraten und dann nach Informationen über den Autor suchen, ohne etwas zu finden. Kein Autor mehr vorhanden. Das wäre grandios – etwa so wie ich vor Jahren einen meiner Gedichtbände „Ich. Nichts. Vorbei.“ betitelt habe. Das würde mir sehr gefallen.

Aber darauf ist wohl nicht zu hoffen. Am gestrigen Abend saßen die Liebste und ich noch beim Tee und sie bestand plötzlich darauf, alle Romanstoffe und -titel aufzuschreiben, die darauf warten, von mir noch geschrieben zu werden. Also Projekte, die ich bereits entworfen habe oder die durchaus schon bis zu einem gewissen Umfang geschrieben worden sind. An oberster Stelle mein gegenwärtiger Brasilien-Roman, der sich mittlerweile der Seite 300 nähert.

Es war etwas erschreckend, denn sie kam auf eine Liste mit 10 Romanen, die da auf mich warten. Und ich musste ihr dann noch sagen, dass die Liste nicht vollständig sei. Den elften Roman erzählte ich ihr in einer fünfminütigen Kurzfassung, sodass sie ihn ergänzen konnte.

Das ist natürlich alles völlig verrückt, denn man benimmt sich, als sei man unsterblich. Aber so ist es eben mit der Kreativität, sie lässt sich nicht bremsen. Und es ist schließlich auch eine große Freude, wenn ich – völlig gleichgültig wie mein Leben äußerlich verläuft und wie lang oder kurz es auch immer sein mag -, weiß, dass der Palast in meinem Kopf so ungeheuer viel größer ist als alles, was ich der Welt jemals davon werde zeigen können.