Das Jahr beginnt erst jetzt – In den Königsgräbern

Wiesbaden, Mittwoch 19. März 2014, bei lauter Arien mit Beniamino Gigli, dem "Sänger des Volkes",
'O del mio dolce ardor', 'Dalla sua pace' uva., alles Aufnahmen aus den Jahren 1918 bis 1949

Nie war im Schreiben ein Gedanke dagewesen, es
könnte Geld einbringen. Und hier war es gleich
nach den ersten Sätzen unvorstellbar, daß diese
Geschichte, käme ich überhaupt damit zu Rand,
von auch nur einem einzigen Menschen gelesen
würde, und das gab mir doch einen Stoß in die
Verlassenheit. Indem ich umso eigensinniger
weitertat, vergaß ich sie zunächst und fand mich
dann in einer neuartigen Freiheit.
Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht

Begann heute den Schreibtag erstmals in diesem Jahr wieder bei offener Balkontür, mit Blick auf die blühenden Bäume hinter dem Haus, bei, in der Sonne, 20 Grad. Die Tage nach dem Verlagsabend in Leipzig, die ich bei der Liebsten in Naumburg und dem umgebenden Burgenlandkreis verbrachte, waren doch recht kalt und windig.

Wir haben es uns trotzdem nicht nehmen lassen, zum Beispiel zum Blütengrund zu fahren, um uns das Max Klinger Haus sowie den Weinberg anzusehen und hernach im Tal der Unstrut bei einem Winzer einzukehren, der einen ausgezeichneten Wein direkt vom Faß ausschenkte.

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Außerdem, was nicht minder erfreulich war, fanden wir die Zeit, um endlich meine ersten ca. 20 Seiten von „Das ferne Land“  durchzusprechen, der Stoff, der als nächstes als Roman verwirklicht werden soll. Ich denke, dass ich damit etwa im Spätherbst, nach dem Abschluss meines Brasilienromans, richtig werde beginnen können.

Es ist mit diesem Stoff recht sonderbar, denn ich trage ihn eigentlich schon seit Jahrzehnten mit mir herum. Ich wusste immer, dass ich diese Geschichte eines Tages würde schreiben müssen, weil es darin um ein Schlüsselerlebnis meiner Kindheit geht, aber ich war all die Jahre nicht bereit dazu, die Arbeit daran in Angriff zu nehmen.

Die Möglichkeit, es nun bald doch zu tun, hat mir recht eigentlich die Arbeit an der Neufassung des Romans „Kinder der Bosheit“ eröffnet, mit der ich zwischen Ende Oktober 2013 und Ende Januar 2014 beschäftigt war.

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Diese Neufassung des Romans, der ursprünglich 1986 bei Kiepenheuer & Witsch erschien und mir damals den Preis der Deutschen Akademie Rom, Villa Massimo einbrachte, hat mir gewissermaßen einen neuen Zugang zu meiner Kindheit eröffnet, indem ich ihn nicht mehr wie ehedem unter den Gesichtspunkten der erzählerischen Struktur und der sprachlichen Gestaltung betrachten musste, was, als ich ihn in den 80ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals schrieb, natürlich im Vordergrund stehen musste. Ich konnte mich deshalb weit stärker auf die Geschichte selbst konzentrieren und erlebte dabei, wie sehr der Stoff meine eigene Kindheit spiegelt, die Orte meiner Herkunft, sowie bestimmende Gestalten dieser Zeit.

Das hat wohl dazu geführt, dass mir auch andere Kontinente der Kindheit endlich zugänglich geworden sind, sodass ich nach Abschluss der Neufassung von ‚KdB‘ direkt mit einer ersten Niederschrift von „Das ferne Land“ begann, die ich erstmal als Erzählung realisiert habe, um auf engem Raum die wesentlichen Inhalte des Stoffes sicher zu haben. Das ist dann sehr schnell gelungen, sodass ich damit den Eingang zu diesem Bereich freigelegt habe, um ihn demnächst öffnen und bereisen zu können.

Ich komme mir dabei wie ein Archäologe vor, der endlich einen lange gesuchten Eingang zu einer Pyramide gefunden hat. Wenn ich diesen Eingang ab Herbst öffne, so werde ich eines der Königsgräber meiner Kindheit betreten. Anubis sei mir gnädig.