Und immer ‚ist’s Orpheus, wenn es singt‘

Montag, 15. September 2014, bei Arien aus Händels Opern 'Amadigi di Gaula, Agrippina, Riccardo primo,
Tolomeo, Orlando, Radamisto, Rodelinda und Sosarme', gesungen von dem anbetungswürdigen Countertenor
Bejun Mehta und der Sopranistin Rosemary Josgua. René Jacobs leitet das Freiburger Barockorchester.

Obwohl ja der literarische Trend allgemein zur schmutzigen Wäsche geht und man von manchen Kollegen kaum noch etwas anderes erfährt, brauche ich nicht zu berichten, dass die Koffer, kehrt man nach langen Urlaubswochen zurück, meist mit ihr gefüllt sind. Dass hingegen diesmal auch die Notizbücher und Festplatten einen reichlichen Zuwachs zurückbringen, muss berichtet und gelobt werden und verdankt sich der wunderbaren Zusammenarbeit der drei nachfolgend abgebildeten Gestalten, denn die Literatur ist nie die Sache einer einzelnen Person. Mindestens drei müssen in Aktion treten. Die schreibende Hand, die sprechende Stimme und der Gott, der überwacht und gebietet.

v.l. 1.) Autor mit Laptop, 2.) der Sänger Orpheus und 3.) Apollo, der Gott, der auf die Form achtet.
v.l. 1.) Autor mit Laptop, 2.) der Sänger Orpheus und 3.) Apollo, der auf die Form achtet.

Konkret heißt das, dass mein Brasilienroman, den ich am 3. Juni 2012 begonnen habe, am 26. August d.J. fertig geworden ist. Nach zweieinviertel Jahren und 420 Normseiten Text, war also das, was ich Mitte April 2012, als ich mit meinem Übersetzer Jan Oldenburg die Avenida Presidente Vargas in Belém do Pará hinunter ging, gesprächsweise entworfen habe, Wort für Wort in die Realität der Fiktion hinüber gewechselt. Jetzt muss das Manuskript liegen, warten, liegen, warten, vermutlich bis zum Jahresende, bevor ich wieder daran gehe, um die Überarbeitung zu schreiben, die aber dann sicher nicht die letzte sein wird.

Das Buch hat sehr viel mit Wasser zu tun, zum einen mit dem Regen, der ihm auch den Titel gegeben hat, zum anderen mit dem Amazonas bzw. dem riesigen verzweigten Delta, in dessen Süden das brasilianische Belém, die Stadt auf den Wassern, liegt, dann aber auch mit dem Atlantik, in den der Amazonas mündet und der es mit Afrika verbindet, wohin sich Plácido und der tote José am Ende aufmachen. Dann aber selbstverständlich auch mit der anderen Seite des Atlantiks, der Nordsee nämlich, an der ich das Buch abschloss, im Land zwischen den beiden weiblichen Armen der Schelde, sowie mit der Ostsee, an der ich geboren bin und das Buch zu schreiben begann, im schönen Prerow. Alles Orte, an die die Götter mich also führten, auch wenn sie in Brasilien – dem Candomblé entsprechend – andere Namen tragen.

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Um nach dem Abschluss nicht in das Nichts starren zu müssen, dass das ausschließliche Schreiben in den Cahiers nicht zu füllen vermag, habe ich mir den Anfang eines anderen Romans wieder vorgenommen, den ich hier und bis zum möglichen Erscheinen mal den Bruder-Roman nennen möchte, obwohl er natürlich einen anderen Titel hat, ebenso wie der Brasilien-Roman anders heißt. Das Manuskript des Bruder-Romans hatte, als ich es mir nach einer Arbeitspause von dreivier Tagen vornahm, knapp 70 Seiten, die ich auch der Liebsten zur kontrollierenden Lektüre gab. Wir entschieden dann, dass ich, für den Rest unserer Zeit am Meer, daran weiter arbeiten sollte, was so fruchtbar war, dass sich der Umfang dieses Manuskriptes bis zu unserer Abreise verdoppelt hat.

Ich werde die Arbeit daran jetzt in Deutschland fortsetzen, bis zur ersten vollständigen Niederschrift zumindest, die zum Jahresende geschafft sein sollte. Allerdings habe ich, um das leisten zu können, heute entschieden und auch so mit der Verlegerin abgesprochen, dass die Neuauflage meines eigentlich noch für dieses Jahr geplanten Romans „Kinder der Bosheit“ erst im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Ich habe nach wie vor den Satz dafür nicht fertig und möchte mich damit in diesem Jahr auch nicht mehr befassen, da mir der Bruder-Roman wichtiger ist. Zu Jahresbeginn 2015 werde ich dann einige Tage für den Satz der „Kinder der Bosheit“ einschieben und hernach die erste vollständige Überarbeitung des Brasilien-Romans angehen.

literaturbote

Eine kleine Erfreulichkeit erreichte mich nach der Rückkehr zudem aus Frankfurt, nämlich der Abdruck meiner Erzählung „Regenzeit in Cusco“ im LITERATURBOTEN des Hessischen Literaturzentrums. Ich schrieb die Geschichte Mitte Oktober vergangenen Jahres gegen Ende unserer Perureise. Wer also seine Gogolin-Sammlung vervollständigen möchte, der kann sie über die Webseite des Hessischen Literaturzentrums bestellen. Und auf Anfrage bei mir gibt es auch eine Signatur obendrauf.