Die Reisen der Landvermesser

Schierstein, Mittwoch, 24. Juni 2015, bei „The Turn Of A friendly Card“ von The Alan Parsons Project, 1980 Arista Records

Als Vorab-Veröffentlichung und – zugegeben – auch als kleine Werbemaßnahme setze ich hier heute meinen Essay „Die Reisen der Landvermesser“ her, den ich zu Junibeginn noch für unseren Freund, den Frankfurter Lyriker Bernd Stickelmann, geschrieben habe. Der Essay wird als Nachwort im August in seinem neuen Lyrikband „So sagen Landvermesser“ erscheinen, der einen großen Überblick über Stickelmanns lyrisches Schaffen der letzten Jahre präsentieren wird. Dazu enthält der Band viele wunderbare Arbeiten des Wiesbadener Malers und Grafikers Nicolaus Werner.

Stickelmann
Bernd Stickelmann Juni 2015 in Mainz

 

vor uns kein Weg; hinten verwischt ein Windstoß die Spur
Arno Schmidt: Enthymesis

 Die Reisen der Landvermesser

Landvermesser kennen den Weg nicht. Das zwingt sie, weit genauer als andere hinzusehen. Zwar scheint im Zeitalter der Satellitennavigation das Reden über Landvermesser so unnütz, wie das über eine ausgestorbene Spezies, doch Landvermesser waren und sind die wirklichen Abenteurer. Sie haben uns die Küsten, Länder, Kontinente, ach den Planeten erst sichtbar gemacht. Selbst ein so grundstürzendes Werk der Wissenschaftsgeschichte wie Charles Darwins »Entstehung der Arten«, das uns den Blick auf unsere eigene Entwicklung im Baum der Evolution öffnete, war nur, nimmt man es genau, ein Nebenergebnis der Landvermessung. Die berühmte Reise der Beagle, die Darwin fast fünf Jahre um die Welt führte, diente der englischen Marine zur kartographischen Vermessung der südamerikanischen Küsten.

Wer hinzuhören versteht, vermag in Bernd Stickelmanns Versen den Widerhall solcher Vermessungsarbeit zu entdecken.

Meter für Meter
wogen ihre Worte
über Landstriche
von allen Wassern
gewaschen wiegen
sie Tagträume

Längst scheinen die Küsten und Länder, die Berge und Grenzen unserer Welt vermessen, doch bleibt für Landvermesser trotzdem unendlich viel zu tun, denn während wir sehenden Auges immer schneller ins längst Bekannte taumeln, wächst hinter unserem Rücken die Dunkelheit, türmt sich das Schritt für Schritt Vergessene. Kein Fortschritt ersetzt das, wovon wir fortgeschritten sind. Es ergeht uns vielmehr wie dem Landvermesser K. in Franz Kafkas Fragment gebliebenen Roman »Das Schloss«, der spätabends ankommt, und feststellen muss: »Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.«

Bernd Stickelmanns Verse behaupten nicht, dieser »Leere« etwas entgegenhalten oder sie gar für uns füllen zu können. So vermessen ist der Lyriker nicht. Doch bleibt er ein genauer Landvermesser, der Nachricht gibt vom unsicheren Küstenverlauf unseres Lebens.

ich rufe zurück
aus dem Wachkoma
des kleinen Mannes

 benennt er sein Tun. Er weiß, er erhebt die Stimme, während um ihn herum

 Fanfaren
des Alltäglichen
für Obszönes aufspielen

Franz Kafkas Roman »Das Schloß«, den Bernd Stickelmann selbst mit dem Satz »Bedenkenlos geschieht hier nichts« zitiert, erzählt eine Jenseitsreise, die seinen Protagonisten K. trotz aller Bemühungen an kein Ziel und letztlich nur in den Tod führen kann. In einen Tod, den er vermutlich bereits auf der ersten Seite der Geschichte, als er die Brücke ins Dorf überschritt, erreicht hatte. Verglichen mit dieser gänzlich ausweglosen Situation, in der sich K. einen ganzen Roman hindurch abmüht, ohne zu begreifen, dass er längst tot ist, hält Stickelmann Widerstand für möglich. Zumindest in der Verweigerung, im Ignorieren scheint noch offenes Land erreichbar zu sein.

hört weg
wenn Suchmaschinen
im Staub in aufgewirbeltem Staub

wühlen und graben summen und surren
sich an taube Ohren tasten
in gefälschten Träumen spuken

Der menschlichen Anfälligkeit für falsche Träume nicht zu erliegen, das ist eine Fähigkeit, ohne die Landvermesser auf Abwege geraten und Fata Morganen folgen würden. Darum vielleicht prophezeit Bernd Stickelmann sich selbst zugleich das wahrscheinliche Schicksal seiner Verse, mit denen er uns Nachricht zu geben versucht. Stickelmann ist ein präziser Kartograf der Kontinente des alltäglichen Irrsinns, auf denen unser Leben stattfindet. Doch ruft er sich selbst zu:

du und deine Worte
werden nichts anderes sein
als Weihwasser auf trockenen Feldern

 Resignation? Vielleicht, aber Weihwasser immerhin. Das weist voraus auf den Vers aus Johannes 1, 14 »das Wort ist Fleisch geworden/ Und hat unter uns gewohnt«, den Stickelmann gegen Ende seines lyrischen Vermessungsprotokolls zitiert. Am Ende also doch ein Ausblick auf ein Transzendentes? Gewiss nicht, dieser Dichter kennt nur den Ursprung der Worte. Und jeden wohlfeilen Weg hinaus hat er sich selbst längst verriegelt, denn er weiß:

am Schluss
tanzen Engel
mit lackierten Mündern
in der Gunst der Stunde

ihre geklonten Körper
balancieren hie und da
zu Melodien der Datenbank
auf dem Strich

 So bleibt Bernd Stickelmann ähnlich Kafkas K. ein verurteilter Bewohner des Landes, das er für uns zu vermessen unternimmt. Ohne die Illusion jedoch, dass mit der Gefahr auch Hölderlins Rettendes wächst, wie es in der »Patmos« Hymne heißt. Lediglich wie ein Sehnsuchtsblick auf das vielleicht doch mögliche Andere blitzen ihm kurz Hölderlins Zeilen aus der »Hälfte des Lebens« auf, wenn ihm das

mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen

ins eigene Gedicht leuchtet. So viel Hoffnung darf sein. Wir wissen ja, dass es am Ende heißen wird, »im Winde klirren die Fahnen«.

(c) Peter H. Gogolin – Schierstein im Juni 2015