„Hiiiiier ist Johnny!“ Oder warum man nichts nachholen kann

Wiesbaden, Dienstag 09. Juni 2015, bei Ismael Lo: Jammu Afrika + Bob Dylan: Tell Tale Signs (The Bootleg Series Vol. 8)

Stephen Kings Roman Shining erzählt von einem Schriftsteller, der verrückt wird. Und woran erkennt man das? Falls Sie Stanley Kubricks Verfilmung gesehen haben, so wird dieser Moment der Erkenntnis wohl stattgefunden haben, als die Frau des Schriftstellers, die schmächtige, verängstigte ‚Wendy‘ (Shelley Duvall) es erstmals wagt, am Schreibtisch ihres Mannes das Manuskript durchzublättern. Statt des zu erwartenden Romans sehen Wendys große, erschrockenen Augen dort aber nur lauter Blätter, auf denen immer wieder der Satz steht: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ In diesem Moment also wird es allen klar. Dieser Kerl muss verrückt sein. Dass er später mit dem Hackebeil durchs Overlook Hotel läuft, das ist an sich nur noch die Erfüllung.

Dabei sagt dieser Satz, den Jack Torrance (im Film der grandiose Jack Nicholson) da so ausführlich schreibt, natürlich nichts als die reinste Wahrheit. Denn vorbei ist tatsächlich vorbei; es lässt sich nichts nachholen. Ich will hier gar nicht von nicht geküssten Küssen reden, über die mag sich jeder für sich allein grämen. Mir geht es wie immer mal wieder um mein Schreiben, das eine kleine Bilanz von mir verlangt, weil ich nämlich vor einer knappen halben Stunde genau dort wieder angelangt bin, wo ich vor etwa zehn Wochen bereits einmal war. Ich beschreibe also einen Umweg, einen Umweg von zehn Wochen Dauer, an dessen Ende ich keinen Schritt weiter bin.

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Es ist das erste Lektorat meines Brasiliens-Romans, mit dem ich diesen  Umweg gehen musste. Gegen Ende August 2014 hatte ich die erste vollständige Fassung dieses Romans abgeschlossen. Schlappe 410 Seiten, die ich danach liegenließ, um einen anderen Roman weiterzuführen. Den Brasilien-Roman wollte ich mir zu Beginn dieses Jahres wieder vornehmen. Das verzögerte sich, da ich dann tatsächlich erst den anderen Roman abschloss, inklusive mehrerer Korrekturdurchgänge. Als ich aus diesem Tunnel wieder ans Licht kam, da war es April. Ich tröstete mich damit, dass man für Überarbeitungen zum Text schließlich auch Distanz braucht und begann nun endlich mit dem Lektorat des Brasilien-Romans.

Na prima, ich kam bis knapp über die Seite 100 hinaus und musste abbrechen. Warum? Weil ich für meine Deutschlandtrilogie, von der demnächst der Band „Kinder der Bosheit“ erscheinen soll, einen begleitenden Essay schreiben musste. Dieser Essay entstand auch, doch trieb er mich tief in meine Autoren-Vergangenheit. Ich schrieb diesen Text, der am Ende nur 33 Seiten lang war, ganze acht Mal, schrieb also insgesamt wohl 250 bis 260 Seiten. Und dann vernichtete ich ihn. Das war natürlich eine Katastrophe, doch mehr als dieser vernichtete Essay reute mich die verschwendete Zeit.

Für mein Lektorat am Brasilien-Roman bedeutete das, dass ich nochmals ganz von vorn beginnen musste. Und vorhin kam ich nach all den Wochen mit meinem Korrekturdurchgang endlich dort wieder an, wo ich das Manuskript beim ersten Versuch verlassen hatte. Wenn man sich jetzt zum Spaß mal vorstellt, dass ich erneut abbrechen und neu beginnen müsste und dann erneut etc., dann begreift man wohl problemlos, warum Flann O’Brien in seinem Roman „Der dritte Polizist“ WIEDERHOLUNG als sicheres Merkmal betrachtet hat, dass man sich in der Hölle befindet.

Schriftsteller glauben natürlich, dass ihnen die Hölle erspart bleibt. Und darum tue ich jetzt so, obwohl ich keinerlei Grund dazu habe, als ob alles weiter gut laufen wird. Ich habe den Abschluss dieses Korrekturdurchgangs für Anfang August vorgesehen. Dann will ich nämlich auf eine Recherchenreise von zwei Wochen gehen, die ich, frech wie ich bin,  Urlaub nenne. Und was bei Urlaubsbeginn nicht fertig ist, das wird liegenbleiben müssen.

Ach ja, die Idee zu meinem Brasilien-Roman hatte ich 2012, im April, als ich im Nordosten Brasiliens unterwegs war. Man sieht also, es geht alles so ziemlich ruckzuck. Und falls das Buch jemals erscheint, da schreiben wir dann vielleicht 2017, 2018. Ach, Schluss mit diesem ganzen unbegründeten Pessimismus!

Lassen Sie es sich gut gehen. Und falls eines Ihrer Kinder sagt, es wolle Schriftsteller werden, einfach kräftig auf die Finger hauen. Wenn das nicht hilft, dann an Jack Nicholson und das Beil halten. Sie nehmen das Beil, setzen dieses fiese Jack Nicholson Grinsen auf, schlagen die Tür zum Kinderzimmer ein und brüllen dabei: „Hiiiiiier ist Johnny!“

Falls das immer noch nicht geholfen hat (es gibt solche Fälle), so müssen Sie sich leider damit abfinden. Es folgt dann zwangsläufig ein langes Siechtum, in dessen Verlauf Bücher entstehen. Aber das wollen wir alle ja nicht hoffen.