Unbefriedigender Verlauf einer Romankorrektur

Montag, 05. Oktober 2015, bei Glucks 'Orfeo ed Euridice' unter Riccardo Muti

Seit gestern wieder in der Korrektur des Bruder-Romans. Zuerst fand ich mein Notizbuch, in dem ich die Recherchen vom Juli für die Jagdszene am Schluss des Romans festgehalten hatte, nicht mehr wieder, bis mich J. darauf brachte, dass ich es zusammen mit dem Manusskriptausdruck abgelegt haben könnte. So war es dann auch. Zudem stellte ich dann fest, dass das Manuskript bereits etwa zur Hälfte korrigiert war. Dies und die Suche nach dem Notizbuch brachte mir den unbefriedigenden Verlauf dieses Korrekturdurchgangs wieder zu Bewusstsein. Wie ist es möglich, dass ich ein Manuskript, dessen Niederschrift ich im März abgeschlossen hatte, jetzt Ende der ersten Oktoberwoche immer noch so vorfinde, mitten in der abgebrochenen Arbeit? IMG_2340 Nach der Fertigstellung der vollständigen Niederschrift brauchte ich naturgemäß Distanz zum Text, bevor ich mich an eine Korrektur machen konnte. Ich legte den Ausdruck also beiseite und gab den Text zudem Anfang April an zwei meiner Probeleser, in der Hoffnung, dass ich ihre möglichen Hinweise für die bevorstehende Korrektur noch berücksichtigen könnte. Das erfüllte sich in beiden Fällen leider nicht. Der eine reagierte zwar recht schnell, lobte aber das Buch so sehr, dass, außer dem Hinweis auf zwei Tippfehler, keine verwertbare Kritik dabei herauskam. Der andere schien hingegen von dem Buch völlig überfahren zu sein, denn er meldete sich überhaupt nicht mehr. Erst nach über zehn Wochen und vierfachem Nachfragen meinerseits kam von dort eine lapidare Antwort von anderthalb Sätzen Länge. Ich wagte es, erstaunt wie ich war, nochmals nachzufragen, wurde daraufhin aber beleidigt. Bei dem Versuch eines Telefonats wurde einfach aufgelegt. Nun gut, dann ist man halt diesen Menschen auch endlich los. Möge ihm die Erde leicht werden. Inzwischen war es Juni geworden, was aber bei meiner unendlichen Lebenszeit bekanntlich kein Problem ist. Mir selbst war, unabhängig von meinen Lesern, klar geworden, dass ich den Schluss des Buches neu schreiben musste und bemühte mich dafür um einen Recherchentermin bei einem Forstamtsleiter der Hessischen Forstverwaltung, der mich gegen Ende der ersten Juliwoche dann auch für zwei Tage mit in seinen Wald nahm, mich bei einer Jagd dabei sein ließ, mir stundenlang für Fragen zur Verfügung stand und sich lange Kapitel aus meinem Manuskript vorlesen ließ, die er sehr sachkundig kommentierte. Dafür bin ich sehr dankbar. Zurück zu Hause blieben mir noch zehn Tage bis zum Beginn der Mainzer Sommerakademie, für die ich gemeinsam mit J. eine Romanwerkstatt von einer Woche Dauer abzuhalten hatte. In diesen zehn Tagen ist die halbe Manuskriptkorrektur entstanden, die ich gestern im Ablageschuber vorfand. Es kam die Sommerakademie, die uns ganztägig beschäftigt hielt und wie üblich sehr forderte. Danach hätte ich Zeit zum Verschnaufen gebraucht, doch folgte eh eine Reise ins Ruhrgebiet zu meiner kranken Mutter, wo ich einige Tage blieb, mit ihr Arztgänge absolvierte und in die ganze Unausweichlichkeit eintauchte, die am Ende des Tunnels auf uns alle wartet. Bei meiner Rückkehr war auch der Monat beendet, und es blieben nur wenige Tage, um die Recherchenreise nach L. vorzubereiten, die seit Jahresbeginn geplant war und der Vorbereitung eines neuen Romans dienen sollte. Diese Reise war sehr erfolgreich, wobei es naturgemäß noch Jahre dauern wird, bis daraus auch tatsächlich ein fertiger Text resultieren könnte. Als wir von dieser Recherchentour zurück waren, folgte, die Reisetaschen noch nicht ausgepackt, eine Fahrt zum Verlag, nach der dann nicht nur der August an sein Ende gekommen war. Im September konnte ich erstmal gar nichts tun, zumal sich der Gesundheitszustand meiner Mutter weiter verschlechterte und J. noch eine Seminarwoche auf Sylt zu absolvieren hatte. Bei mir kam ein kleiner Auftritt für die Buchpräsentation eines Freundes hinzu. Am Ende des Septembers war ich froh, dass ich wenigstens einen Schreibplan und zwei erste Kapitel für das Buch festgehalten hatte, für das ich im August nach L. gereist war. Gut, das wäre es so in groben Zügen. Sieben Monate nach Abschluss der Niederschrift sitze ich nun wieder vor diesem Text. Ein halbkorrigiertes Manuskript ist bekanntlich schlimmer als ein halbes Schwein. Letzteres fällt zwar immer um, doch könnte man es, wenn es hart auf hart kommt, wenigstens essen. Neben halben oder halbfertigen Manuskripten kann man nur verhungern.