Warum macht man das, was man macht

Berlin, 15. Juni 2016, bei Tee aus Darjeeling, offener Balkontür, etwas kühlem
Wind und Cecilia Bartolis "The Salieri Album"

Vor einigen Tagen erhielt ich von der Zeitung die berühmte Liste mit den zehn Fragen. Personen, die man aus irgendeinem Grund für interessant hält, sollen möglichst kurz aber dabei trotzdem möglichst witzig eine Selbstauskunft geben, die möglichst charakterisierend ist. Die Anfrage war freundlich formuliert, sodass ich zusagte und nun dastehe, um mir Gedanken über mich selbst und mein Tun durch den Kopf gehen zu lassen. Ich habe zwar bis zur Ablieferung des Fragebogens noch einzwei Wochen Zeit, doch spüre ich schon jetzt die Last der Fragen über meinem Haupt schweben.

Allein schon die Eingangsfrage »Warum machen Sie das, was Sie machen?«, so betont harmlos gestellt, bringt mich in Schwierigkeiten. Erst einmal grundsätzlich natürlich, denn verbirgt sich dahinter nicht die Behauptung, dass das, was ich betreibe, das Schreiben also, um es einmal verkürzt auszudrücken, einer Begründung bedarf? Also keinesfalls selbstverständlich ist? Oder würde man auch den Metzger, die Filialleiterin der Bank und den Bademeister so fragen? Vermutlich wohl nicht, dabei hat doch Arno Schmidt einen Roman geschrieben, der u.a. in einem Freibad spielt. Ich bin deshalb sicher, dass Bademeister interessante Menschen sind und einer Befragung wert.

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Und wie verhält es sich mit dem Zeitaspekt dessen, was ich da mache? Auf welches Machen bezieht sich also die Frage genau? Auf mein heutiges, gerade eben? Auf das vor fünf oder zehn Minuten, Monaten, Jahren? Auf das am Anfang von allem gar, als ich mich entschied, Schriftsteller zu werden? Oder gilt die Frage gar für die Zukunft? Imre Kertész äußerte in seinen Tagebüchern die Vermutung, dass die Planung neuer Werke möglicherweise nur den nahenden Tod hinausschieben solle. Wobei das natürlich wahrlich keine geringe Leistung des Schreibens wäre, wenn sie denn gelänge. Obwohl, ich habe den Verdacht, dass, um den Tod hinauszuschieben, Würfelspielen mit dem alten Gevatter effektiver wäre. Ich will deshalb einmal halbwegs konkret (und knapp) hier benennen, was ich mache und warum ich es mache.

Fangen wir an: Erstens kann ich dieser Tage nur unter Schmerzen gehen. Knochen- und Gelenkschmerzen gehören zu den Süßigkeiten, die man naschen darf, wenn die Decke des Alters über einen fällt. Und das geht von einer Sekunde auf die andere los. Am Mittwoch war bis zu dem Moment, da ich das Café ›Bastian‹ verließ, noch alles gut, drei Schritte später hätte ich vor Schmerz schreien können. Das hat seither nicht aufgehört. Parallel ist meine Schwiegermutter ins Krankenhaus gekommen. Wir wissen nun, dass sie Krebs hat. Ihr Mann, mein Schwiegervater, kämpft mit dem seinen inzwischen das zweite Jahr. Meine Frau ist dementsprechend in höchstem Maße belastet und hetzt sowieso schon von einem Termin zum anderen. Drittens steht uns eine Wohnungsrenovierung bevor, die allein schon ausreicht, uns an den Rand unserer Möglichkeiten zu bringen, finanziell, kräftemäßig und von unserer Zeit her, denn alle sonstigen Arbeiten müssen dabei natürlich weiterlaufen. Ach ja, meiner Frau steht zudem eine schwere Zahn-Operation bevor.

Sie werden möglicherweise zugeben, dass das Schreiben von Büchern angesichts dessen das reinste Honigschlecken ist. Oder wie der spanische Autor Javier Marías einmal sagte: »Romane schreiben ermöglicht dem Romancier, einen guten Teil seiner Zeit in der Fiktion zu verbringen, wahrscheinlich der einzige erträgliche oder halbwegs erträgliche Ort.«

Dazu kommen dann unsere Brotarbeiten, also unser Unterrichten, das coachen anderer Autoren usw. Bei meiner Frau ist das so viel, dass bis zum Jahresschluss eigentlich kein Tag frei ist. Vorgestern lud unser Freund W., der Weinhändler, uns für den 16. Dezember zu einer Abendveranstaltung ein, und meine Frau rief sofort aus: „Da habe ich wohl leider Unterricht.“ Es stimmte dann zum Glück nicht, wie sie ihrem Terminkalender, der immer schon für zwei Jahre im Voraus ausgefüllt ist, entnehmen konnte, sodass wir W. nicht enttäuschen müssen. Aber der Fall kennzeichnet unsere gesamte Lebenssituation.

Ich erzähle das nicht, weil ich es so wichtig finde, denn für mich ist das normal, sondern weil im allerbesten Fall erst hinter all diesen Dingen, Problemen, Aufgaben und Schrecken des Alltags, hinter all dem Leben also, das einem ständig dazwischen kommt, das beginnt, was gemeint sein kann, wenn man gefragt wird, was man da macht – und warum.

Gut, ich schreibe also, ich schreibe während dieses ganzen Tumults, manchmal auch dagegen an. Natürlich ist das nicht nötig. Niemand verlangt das von mir. Niemand erwartet es. Und die Welt braucht es nicht. Oder, um meinen ältesten Sohn zu zitieren: »Wen juckt’s?«

Wahrscheinlich werde ich es nichtmal veröffentlichen. Warum schreibe ich es also? Nun, mein gegenwärtiges Schreibprojekt beschäftigt mich, weil ich es mir so vorgenommen habe. Ich habe mir vorgenommen, als eine Art »Kaddisch« – ein Trauergebet – elf Monate hindurch ein Buch über meine Mutter zu schreiben. Sie ist Anfang Dezember 2015 gestorben. Ich habe die letzten zehn Tage an ihrem Sterbebett verbracht und schreibe jetzt ein Buch über sie. Ich nenne es bisher „In der Nacht des zehnten Tages oder Der Anlass des Erzählens“, denn das ist meine Mutter letztlich, der Anlass meines Erzählens.

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Trotz all der Widrigkeiten, die mein Leben seither bewegt haben und noch jeden Tag bewegen, trotz all der Unterbrechungen, die das Schreiben daran unmöglich gemacht haben und zeitweilig schier absurd erscheinen ließen, bin ich mit meinem Schreiben gut im Plan. Da sie zu Dezemberbeginn gestorben ist und die Zeit des Kaddisch elf Monate dauert, so werde ich daran bis Oktober, November schreiben. Ich bin jetzt gerade ein knappes Kapitel über die Hälfte des Manuskriptes hinaus. Das macht mich ziemlich  zufrieden mit dem, was ich da mache. Und dass ich dieses Buch vermutlich niemals verkaufen werde, ändert daran gar nichts.

Als sei dies nicht genug, war ich währenddessen aber noch mit Dingen beschäftigt, die zum Teil schon seit vielen Jahren in Arbeit sind und auch noch Jahre brauchen könnten, bis sie abgeschlossen sein werden. Da ist zum Beispiel mein Roman »Calvinos Hotel«, den ich 2011 veröffentlicht habe. Wichtig für die Gegenwart ist nicht nur, dass er in diesem Jahr eine neue eBook-Fassung bekam, für die ich das gesamte Manuskript neu durchgehen musste. Es ist vor allem wichtig, dass 2011/12 ein Übersetzer in Brasilien davon eine Übersetzung ins brasilianische Portugiesisch gemacht hat.

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Aus diesem Grunde war ich in den Norden Brasiliens geflogen, um mit ihm an der Schlussfassung der Übersetzung zu arbeiten. Das Buch erschien dann nicht in Brasilien, da der Verlag in Konkurs ging. Ich hatte während meines Aufenthalts am Amazonasbecken aber eine Idee für einen neuen Roman, die ich von dort nach Hause mitbrachte. Daran hatte ich vom Frühjahr 2012 bis zum Augustende 2014 gearbeitet, das ergab eine erste vollständige Fassung. Die ließ ich liegen, um einen anderen Roman in erster Fassung abzuschließen, der dann ebenfalls liegenblieb und seither auf seine endgültige Form wartet. Als mir das gelungen war, nahm ich zu Jahresbeginn 2015 den brasilianischen Roman wieder auf, um ihn einer Schlusskorrektur zu unterziehen. Ich nenne ihn übrigens, um vor der Veröffentlichung den Titel noch nicht preiszugeben, den »Regenroman«.

So, dann kam im Frühherbst 2015 die unangenehme Nachricht, dass der Verlag, der seit 2011 unser neuer deutscher Verlag geworden war, in Konkurs gehen müsse, was bedeutete, dass allein fünf meiner Bücher vernichtet waren, dazu zwei meiner Frau, was besonders ärgerlich war, da meine Frau am meisten Bücher für den Verlag verkauft hatte. Und zu allem verlangte man auch noch von uns, über den bevorstehenden Konkurs bitte Stillschweigen zu bewahren. Es sollte angeblich bis zum Jahresbeginn 2016 dauern und dauert, wenn man auf offizielle Verlautbarungen des Verlages hofft, wohl jetzt im Juni noch immer. Nur die im Frühjahr eintreffenden und längst verspäteten Honorarabrechnungen trugen unter der Summa den Vermerk: »Die Beträge gehen in die Insolvenzmasse ein.« So hat man also schlicht jahrelang für den Müll gearbeitet. Den Müll anderer Leute.

Wir suchten angesichts dessen, ja, was genau? Erstens unseren Mut nicht sinken zu lassen und uns die fehlenden Finanzen anderweitig zu verdienen. Zweitens, uns unsere Arbeitskraft nicht rauben zu lassen, damit wir mit dem, was wir da machen, weitermachen konnten, irgendwie. Wozu bei mir auch gehörte, dass ich meinen »Regenroman« einem anderem Verlag anbot.

Außerdem entwarf ich ein weiteres neues Projekt, für das ich mich um ein Arbeitsstipendium bewerben wollte. Dafür brauchte es naturgemäß einen recht umfangreichen Probetext, sodass ich also wieder erstmal in ein neues mögliches Buch hineinschreiben musste, wovon ich nicht wissen konnte, ob das nicht sinnlose Liebesmühe war. Außerdem musste ein Antrag und ein Exposé geschrieben werden – eine dieser bei Autoren so verhassten Kurzfassungen des noch zu schreibenden Inhalts der künftigen Geschichte. Und als ich das endlich geschafft hatte, da war es so knapp bis zum Einreichtermin, dass ich dachte, wenn das jetzt auch nur einen Tag zu lange im Briefkasten liegenbleibt, dann war alles für die Katz.

Nun, die arme Katz musste am Ende zum Glück doch nicht beschimpft werden. Der Antrag erreichte seinen Bestimmungsort pünktlich, und der korrekte Eingangs wurde mir freundlicherweise direkt bestätigt. Nun gilt es bis zum Herbst zu warten, ob die Jury des Vergabegremiums meine Stoffvorstellung ebenso überzeugend finden wird wie ich. Natürlich bin ich von meinem Stoff ganz und gar überzeugt, aber auch meinen »Regenroman« hatte ich mit solchen Hoffnungen 2012 eingereicht. Ich wurde abgelehnt und schrieb das Buch folglich ohne die Unterstützung durch ein Stipendium und ohne einen Verlag zu Ende. Wie wird es dieses Jahr sein? Man wird sehen.

Ach ja, zu Jahresbeginn hatte sich mein brasilianischer Übersetzer wieder gemeldet. Und nach kurzem Zögern hatte ich ihm das Manuskript des »Regenromans« geschickt, denn immerhin war er der Auslöser dieses Buches gewesen. Er war der Grund, warum ich 2012 nach Brasilien geflogen war. Und er war dabei gewesen, als ich bei der Überquerung der Avenida-Presidente-Vargas, auf dem Weg zum Ver-O-Pesso Markt die Idee für den »Regenroman« gehabt hatte. Ich hatte den Roman im Gehen, während wir da über die Straße liefen, ihm gegenüber regelrecht herausgesprudelt.

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Also sandte ich ihm ein fertiges Manuskript, das inzwischen ja auch der neue Verleger bereits hatte, ging jedoch nicht davon aus, dass er es übersetzen sollte, denn ich wusste ja, dass er sich mit Brotarbeiten gerade so über Wasser halten kann und deshalb permanent mit anderen Übersetzungen befasst ist. Aber er ist ein Kämpfer, das muss man in Belém sein. Deshalb wollte ich ihm das Manuskript nur als einen Gruß über den Atlantik schicken.

Und nun kam alles zusammen, fast zeitgleich mit dem Fragebogen der Zeitung, der mit der Frage anhebt, warum ich das mache, was ich mache. Der deutsche Verleger kam und erzählte mir ganz aufgeregt, dass er das Manuskript des »Regenromans« innerhalb von vier Tagen gelesen habe. Er fände es ganz toll. Jetzt werde er es noch ein zweites Mal lesen, danach sollten wir uns treffen und das Buch durchsprechen und uns über mögliche Änderungen verständigen, falls das überhaupt nötig wäre. Ich war regelrecht erschüttert, denn wenn man weiß, dass man normalerweise halbe und ganze Jahre warten kann, ohne auch nur die geringste Regung seitens der Verlage verzeichnen zu können, als habe man sein Buch nicht an einen Lektor gesandt sondern in ein Schwarzes Loch geschmissen, aus dem kein Wort jemals zurückkehrt, dann triff das wahre Interesse eines Verlegers mitten ins Herz.

Aus Brasilien kam ganz kurz darauf die Nachricht, dass mein Übersetzer eine 50seitige Probeübersetzung des »Regenromans« erstellt habe und nun zwei Verlage das Manuskript ganz lesen wollten. Es passe so prima in ihr regionales Programm zur Literatur am Amazonas. Kurz darauf kam die Anfrage eines dritten Verlages hinzu, sodass der Übersetzer mich fragte, was er nun tun solle. Er war regelrecht etwas desorientiert, der liebe Jan. Denn eigentlich habe er die Probeübersetzung nur gemacht, um mir eine Freude zu bereiten, für den Fall, dass ich wieder nach Belém käme. Die Stadt sei derart plastisch in dem Buch eingefangen, dass er es einfach habe tun müssen.

Kurz danach kam dann sogar noch die Anfrage eines überregionalen brasilianischen Verlages, der nun nach vier Jahren seine Übersetzung des Romans »Calvinos Hotel« sehen wollte, und Jan, mein Übersetzer, schrieb, schick mir sofort eine Bio- und Bibliografie, dazu Bilder von Dir und Material für die Promotion des Buches.

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Das war es so in etwa, was bei mir bei der Frage »Warum machen Sie das, was Sie machen?« zusammentraf. Ich wette, Sie erinnern sich schon gar nicht mehr an den Anfang der Ereigniskette, oder? An meine kaputten Füße? Die Krebsdiagnose meiner Schwiegermutter? Sie wird übrigens heute operiert.

Ich weiß natürlich nicht, wie es bei Ihnen aussieht. Ist sicher auch nicht alles Sahne, und ich wünsche Ihnen das Beste. Halten Sie den Kopf hoch. Vor allem machen Sie auf keinen Fall den Fehler, den mein ältester Sohn macht. Der meint nämlich, der Umstand dass er in Pakistan 80 Programmierer für sich arbeiten lässt, die ihm sein Geld verdienen, berechtige ihn dazu, seinen Vater für einen Idioten und Verlierer zu halten. Also glauben Sie nicht, dass Sie etwas Schlechteres sind als – naja, wer auch immer.

Jedes Leben ist das richtige Leben. Jeder Weg, den Sie im Leben gehen, ist der richtige Weg, wenn es Ihr Weg ist.

Und falls mal irgendeine Zeitung kommen sollte, um Sie zu fragen, warum sie all den Kram machen, den Sie da machen, obwohl Sie doch ganz andere Probleme haben und Ihnen niemand etwas dafür gibt. Dann sagen Sie einfach: weil ich es bin, der das macht. Weil ich diesen Weg gehe, darum ist dieser Weg wichtig und richtig!

Bleiben Sie glücklich, wünscht Ihnen Ihr
PHG

PS: Das hier ist gewissermaßen die   l a n g e   Antwort auf die Frage, was ich tue etc. Meine Antwort für die Zeitung bestand natürlich nur aus einer Textzeile. Außerdem habe ich in der Aufzählung meine beiden Augenoperationen vergessen. Aber ‚wen juckt’s?‘