Eine Versammlung der Toten? Und der Verlorenen?

Venedig, Montag, 4. Juli, bei Helmut Lachenmann "Mouvement (- vor der Erstarrung) / 
"...zwei Gefühle...", Musik mit Leonardo / Consolation / u. Consolation II

Am Morgen mit der Lektüre von Richard Wagners kleinem Buch über seine Parkinson-Erkrankung begonnen, das mich sehr beeindruckt. Ich werde wohl, wenn ich morgen/übermorgen damit fertig bin, eine Besprechung dazu verfassen.

Musste mich zwingen, mich an den Computer zu setzen, um ins Schreiben zu kommen. Ich trödele gewissermaßen so herum, denn momentan empfinde ich das Schreiben als etwas schwierig. Das ist aber normal und liegt daran, dass ich auf das Ende meines Mutterbuches zusteuere. Der nahende Abschluss eines langen Textes kündigt sich für mich immer dadurch an, dass ich langsamer werde. Nicht zögernder, stockender zwar, doch behutsamer, sondierend und erwägend, denn wenn der Schreibprozess in diese Phase tritt, so weitet sich die Wahrnehmung, und ich sehe quasi im Fortgang der Arbeit, was noch alles fehlen oder doch zumindest hinzukommen könnte. Es ist, als reise ich durch eine Landschaft, schon das Ziel im Blick, während von den Horizonten (ja, eine solche Arbeit hat mehrere, unabsehbar viele mitunter!) her diejenigen zur Wortmeldung auftauchen, die noch mitgenommen werden möchten.

Dazu gehört auch, dass die Quelle möglicher neuer Texte bereits wieder zu sprudeln beginnt – jetzt zur Unzeit, da der Platz dafür noch längst nicht frei ist. Das ist besonders misslich, da sich die Zeit nach dem Tod der Mutter sowieso zu beschleunigen scheint, gar ihr Tempo verdoppelt. Und in dieser Situation bereits von neuen Projekten bedrängt zu werden, als hätte ich zu lange gezaudert und dürfe nicht mehr warten, das behindert mich sehr.

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Eines der möglichen künftigen Projekte klopft hartnäckig in meinen Träumen an die Tür. Meine Liebste ist stets ganz dagegen, wenn ich ihr davon erzähle, denn es sind immer die Toten, die mich besuchen. Wobei ich während des Traumes meist nicht weiß, dass ich da mit einem Toten umgehe; erst nach dem Erwachen wird es mir bewusst.

Eine der letzten dieser Traumbegegnungen zog sich sogar über mehrere Nächte hin. So traf ich am vergangenen Donnerstag gegen Morgen auf Fritz J. Raddatz und eine junge Frau, die sich hinter mir an einen Tisch setzten. Wir befanden uns in einem abgetrennten Bereich einer großen Halle, in dem Verkaufsstände sowie Tische und Stühle auf Gäste warteten, also vielleicht auf einer Buchmesse. Als ich die beiden sah, stand ich auf, ging zu ihnen hinüber und sagte: »Na, da setze ich mich doch zu Euch. Nicht, dass am Ende jemand denkt, ich hätte Euch den Rücken zugekehrt.« Wir unterhielten uns dann, doch konnte ich mich auf das Gespräch nicht konzentrieren, weil ich ständig überlegte, wer die junge Frau sei. Und erst, als ich erwachte, erinnerte ich mich daran, dass Raddatz schon über ein Jahr tot ist.

Obwohl ich die zu erwartende Antwort längst kannte, erzählte ich meiner Frau von diesem Traum, die mich dringend aufforderte, damit aufzuhören, mich mit den Toten zu unterhalten. Klar, sagte sie, denen ist langweilig, und da sie merken, dass du für sie offen bist … Hör damit auf, schick sie weg. Das ist nicht gut.

Interessanterweise habe ich von meiner verstorbenen Mutter noch nie geträumt, aber vielleicht muss sie mir ja auch nicht erscheinen, da sie sowieso durch mein Schreiben ständig anwesend ist. Dafür kamen mein Vater und mein toter Bruder U., einmal sogar gemeinsam, während ich im Trierer Theater am Bühneneingang stand. Günter Grass wartete seltsamerweise an der Bushaltestelle „Alte Schmelze“ auf mich, und …

Nun gut, die junge Frau, die mit Fritz Raddatz aufgetaucht war, erschien vorgestern wieder, und diesmal erkannte ich sehr schnell, wenn auch nicht sofort, dass es sich um meine Tochter handelte. Nach dem Erwachen, als ich mir den Traum zu notieren begann, wurde mir bewusst, dass Raddatz und meine Tochter für mein Unterbewusstsein wohl zusammengehören, denn er hatte mich am Tag ihrer Geburt zum Eppendorfer Krankenhaus gefahren, in dem meine damalige Frau lag und mit der Tochter auf mich wartete.

Nun gehe ich mit dem Gedanken um, dass ich vielleicht ein kleines Buch schreiben sollte, in dem ich gewissermaßen meine Toten um mich versammele. Denn wenn sie mir im Traum begegnen, so wollen sie doch zu Wort kommen. Und warum nicht solch ein letztes Gespräch mit ihnen führen? Die literarische Gattung der Totengespräche, der Nekrikoi dialogoi, ist alt, an diese Tradition anzuknüpfen, wäre eine mich reizende Aufgabe.

Es gibt jedoch noch einen anderen Antrieb für mich, solch einen Versuch zu unternehmen, denn ich fühle mich – durch mein Mutterbuch sowie meine Übersetzung der Poundschen Cantos – gewissermaßen in der Rolle des Odysseus, der auf dem Weg zurück nach Ithaka ist und sich zuvor am Eingang zum Totenreich von Teiresias, dem blinden Seher, die Zukunft voraussagen lässt. Im Canto I heißt es:

Das rückfließende Meer brachte uns an den Ort
Den Kirke vorhergesagt hatte.
Perimedes und Eurylochus vollzogen hier die Riten
(…)
Sodann sprach ich manches Gebet zu den falen Häuptern der Toten;
(…)
Leichenhafte Seelen aus dem Erebus, von Bräuten,
Jugendlichen und von Alten, die viel ertragen hatten;
Seelen, befleckt mit letzten Tränen, zärtliche Mädchen,
Viele Männer, zerfleischt von bronzener Lanze,
Beute des Schlachtfelds, noch ihre Waffen tragend,
All diese umringten mich mit Geschrei.
(…)
Das schmale Schwert blank gezogen,
Wehrte ich dem ungestümen Drang der Toten,
Bis ich Tiresias befragt hätte.
(…)
Und Anticlea kam, die ich zurückwies, und dann Tiresias der Thebaner,
Das goldene Zepter in der Hand, erkannte er mich und sprach:
»Ein zweites Mal? Warum, Mann des Unglücks,
Wendest du dich den lichtlosen Toten zu und diesem freudlosen Land?
Weiche von der Grube, lass mir den blutigen Trunk,
Mich zu besänftigen.«
Ich trat zurück,
Und er, stark vom Blute, begann: »Odysseus,
Wirst zurückkehren über dunkle Meere, trotz des gehässigen Neptun,
Doch verlieren alle Gefährten.«(*)

odyssee

So mag es sein. Ich werde sehen, was meine weitere Fahrt für mich bereithält. Auch wenn die Gefährten verloren werden müssen. Für Ihre eigene Odyssee wünsche ich Ihnen allzeit guten Wind.

Und bleiben Sie glücklich, Ihr PHG

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* Die Übersetzung der obigen Ausschnitte aus Ezra Pounds Canto I ist von mir