Im Zwischenreich: Wenn das Unbewusste an die Tür klopft

Venedig, 05. Januar 2017, bei strahlendem Sonnenschein mit Beethovens Konzert
für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur, mit den Berliner Philharmonikern unter
Christian Thielemann und Rudolf Buchbinder am Klavier

Vermutlich weil ich mich gerade wieder mit Verlagsangelegenheiten herumquäle, lieferte mir mein Unterbewusstsein einen Tagebucheintrag vom Anfang des Oktobers 2016. Da hatte ich geschrieben:

„Ich muss gestehen, dass mich schon die wenigen einzwei Tage unruhig machen, die ich hier in der Wohnung nach Abschluss und Versand meines neuen Roman-Manuskriptes verbringe. Ich stürze sofort in die vollkommene Sinnlosigkeit.

Vielleicht hätte ich doch, wie ich ursprünglich vorhatte, an die See fahren sollen, nach Domburg etwa. Ich weiß nicht genau, wo das Problem steckt. Einerseits hatte ich, als ich auf den Abschluss des Buches zuging, diesen Wunsch bzw. die Notwendigkeit einer Reise sogar deutlich ausgesprochen. Dann aber war mir eine Reise fragwürdig geworden. Und das Ergebnis war, dass ich nichts entschieden hatte. Jutta fuhr zu den Proben für ›Der Kuss Spinnenfrau‹ nach Stuttgart und ich blieb hier hocken.

Klar, kann man machen, muss man aber nicht, oder? Und vor allem sollte man es vielleicht auch nicht. Ach, es ist alles ein fürchterliches Durcheinander. Und auch wenn ich daran denke, dass das nach dem Abschluss eines Romans, an dem man jahrelang gearbeitet hat, ja nichts als natürlich ist, so hängt man halt trotzdem irgendwo im Zwischenreich.

Zwischenreich ist vieles, Zwischenreich ist auch offener Raum für viele neue Möglichkeiten, doch vor allem ist es eben Zwischenraum, in dem man nicht weiß, wohin man will und wofür man überhaupt da ist, und, schlimmer noch, was für einen Sinn das alles überhaupt haben kann. Grauenhaft.

In seiner dritten Heidelberger Poetikvorlesung äußert Patrick Roth genau das, was ich als Autor und auch als Tagebuchschreiber ständig denke und erlebe, da es das ist, was gewissermaßen hinter meinem Rücken mein Tun im Akt des Vollzuges nichtet. Ich schreibe und behaupte mich damit als anwesend, als existierend. Und im gleichen Atemzug, es gibt da gar keine Differenz, bin ich ausgelöscht. Bin nichts.

Kein Angestellter einer Bank, kein Torwart, kein Strauchdieb, Autofahrer, Käseverkäufer, Bademeister, Anwalt und Computerschrauber muss das so erleben: Patrick Roth schreibt – und das geht mir wirklich nach, geht mir nahe, weil es mich betrifft, wird mir bis zu meinem Tode nachgehen, so vermute ich, Patrick Roth schreibt also: »Ich habe also nichts. Habe nicht ›die Antwort‹ – bin auf der Suche. Notwendig. Und berichte Ihnen davon. Ist es nicht das, was Sie hören wollen? Mein Alltag, der Alltag des Schriftstellers, ist voller Niedrigkeiten, dumm-dumpfem Stolz, Überhebung – im besten Fall: rechtzeitig erkannt; voll Nicht-Könnens, voll Kraftlosigkeit, Gewöhnlichkeit – im besten Fall randvoll von Sehnsucht, »ich laufe über.«

Warum tut er das, der Autor? Ist er blöd? Hat er sich nicht einen Job suchen können, der eine gewisse Aussicht auf Erfolg versprach. Ist er einer dieser Versager, die sich am Ende ihres sinnlosen Lebens mit der Kultur entschuldigen? Wie es mein großer Sohn gewissermaßen von mir behauptet, wenn auch nicht so ausführlich formuliert, da ihm die Wörter dafür fehlen.

Ich denke, er tut es, weil Erfolg, wie immer man ihn auch definieren mag, nicht der Sinn unseres Lebens ist und sein kann. Wo andere nur darüber nachgedacht haben, wie und wo es ihnen gelingen könnte, in die erste Reihe zu kommen, da hat er darüber nachgedacht, ob denn das alles einen Sinn haben könne. Und wenn ja, worin er dann bestehen könnte.

Um das zu klären, zu erkennen, machen wir dann schreibend halt all diese Nachtreisen ins eigene Ich. Das sind freilich Reisen, vor denen sich Leute, für die dieser sogenannte »Erfolg« ein Maßstab ist, schützen sollten.“

So, damit wird nun das Tagebuch von 2016 endgültig geschlossen. Am neuen schreibe ich schon seit einigen Tagen. Und mein neuer Roman erreicht vielleicht in dieser Woche noch die 50. Seite.

Bleiben Sie heiter, wünscht Ihnen
Ihr PHG