Nichts außer Krimis? oder ’so Bücher wie früher‘

Wiesbaden, Freitag, 31. März 2017, bei Sonnenschein und 
Ross Dalys 'Elefthero Simio', auf der kretischen Lyra

Neulich saß ich im Straßencafé und hörte am Nebentisch folgendes Gespräch zwischen zwei jungen Frauen:

– Was liest du denn da?
– Ach, das ist echt harter Stoff?
– Ein Krimi, den ich noch nicht kenne?
– Da hacken sie einem gleich auf der ersten Seite die Hände ab und …

Ich wandte mich den beiden zu:

– Darf ich mal was fragen?
– Wenns sein muss. (zögernd)
– Lesen Sie auch mal was anderes? Oder nur Krimis?
– Was meinen Sie denn damit?
– Naja, ich meine Literatur. Einfach Literatur.
– Hm, versteh ich nicht. Was soll das sein?
– Naja Literatur eben. Es ist doch nicht immer so gewesen, dass es nur Kriminalromane gab.
– Was gibts denn noch? Liebesromane und Krimis, aber Liebesromane finde ich langweilig.
– Ja, ich auch. (die beiden lachen) Aber andere Bücher als Liebesromane und Krimis kennen Sie nicht?
– Vampire gibt es noch, aber die meinen Sie bestimmt auch nicht.

– Ach, ich weiß, was Sie meinen. (sagt die zweite, die sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte) Sie meinen bestimmt so Bücher wie früher, oder? Meine Mutter hatte früher mal …
– Genau, so wie früher, das meine ich wohl.

Tja, was macht man da? Man reißt sich am Riemen (wie mein verstorbener Vater zu sagen pflegte), denn wer kann in einem Café schon etwas mit einem weinenden alten Mann anfangen?

Am Abend erzählte ich meiner Liebsten davon, aber sie fragte nur, warum ich mich eigentlich immer mit fremden Leuten unterhalte.

Und nun, heute, bin ich unvermutet selbst in einen Krimi-Autor verwandelt worden. Ich schlug die Zeitung auf, weil ich nach der Ankündigung einer Veranstaltung meiner Liebsten suchte, die am 5. April in einem hiesigen Literatur-Gesprächskreis ihre Bücher vorstellen und aus ihrem Erzählband „Die Nacht mit Marilyn“ lesen soll, und was fand ich? Ich fand mich selbst, zum Krimi-Autor mutiert.


Mit Schrecken erinnerte ich mich an das Gespräch mit dem Journalisten, in dem er gefragt hatte: „Und als was kann man das jetzt bezeichnen? Ist es ein Krimi? Ein Reisebericht ist es ja wohl nicht.“

Reisebericht kam ihm wohl in den Kopf, weil in dem Buch jemand nach Brasilien reist. „Natürlich ist es kein Krimi“, hatte ich geantwortet. Es ist einfach Literatur, ein Roman. Wenn Sie das literarisch etwas einordnen wollen, dann könnte man sagen, dass es sich um ‚Phantastischen Realismus‘ handelt.

Aber das hat wohl alles nichts genutzt. Geblieben ist der Krimi. Und da diese Ankündigung der Lesung nur so etwas wie eine Art Vorbericht zu dem eigentlichen Artikel ist, in dem das Buch selbst vorgestellt werden soll, werde ich mich wohl noch an meine Niedermetzelung zum Krimiautor gewöhnen müssen.

Nun ja, ich bin ja selbst schuld, denn immerhin wird in dem Roman ein Mensch entführt. Und nicht nur das, es wird auch jemand verstümmelt und ein anderer getötet. Wie will ich mich denn da eigentlich aus der kleinsten möglichen Genre-Schublade des gegenwärtigen Literaturmarktes wieder herauswinden? Das schaff ich doch nie.

Und nimmt man es mal genau, so bin ich vermutlich niemals etwas anderes gewesen, als ein Krimiautor. In meinem Roman „Seelenlähmung“ verschwindet immerhin ein Mensch, der zwar gesucht wird, doch nie mehr auftaucht. In dem Roman „Kinder der Bosheit“ wird ein Kind ertränkt. In „Calvinos Hotel“ wird ein Deutscher Luftwaffengeneral entführt. Zwei Entführer werden erschossen. In „Das Herz des Hais“ wird ein Dirigent erstochen und ein möglicher Vergewaltiger verbrannt. Die Täterin ist noch dazu vermutlich eine Serienmörderin, denn sie hat ihre Mutter auf gleiche Weise zu Tode gebracht. In meinem künftigen Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ wird jemand auf der Jagd erschossen.

Soll ich weiter machen? Oder haben Sie das Problem schon erkannt. Wie soll ich denn bei dieser Lage der Dinge, in einer Welt, in der außer Krimis eigentlich nichts mehr gelesen wird, mit Aussicht auf Erfolg erklären, dass ich keine schreibe und meine Bücher einfach für ‚Literatur‘ halte. Sie wissen schon, so wie früher. Das ist doch aussichtslos!

Und jetzt wird meine Krimi-Lesung sogar schon in der Zeitung angekündigt. Möglich, dass ich als die Donna Wallander von Wiesbaden ende.

Wenn Sie zu den wenigen verbliebenen Menschen gehören, die Mitgefühl haben (so was von früher), dann trauern Sie bitte um mich. Mein Tod als Autor von Literatur steht seit heute fest. Meine Wiedergeburt als Krimi-Autor auch.

Dass ich das in diesem Leben noch erleben muss.

Bleiben Sie trotzdem glücklich
wünscht Ihnen Ihr PHG

PS: Die Ankündigung der Lesung meiner Liebsten fand ich dann später trotzdem noch. „Die Nacht mit Marilyn“ war aber leider falsch geschrieben. Es war daraus zweimal „Marylin“ geworden. Kann es sein, dass niemand mehr Marilyn kennt? Gut möglich, denke ich, ist halt auch so eine Frau von früher.