Ambivalenz und Liebe

Venedig, 30. April 2017, bei Wagners "Tristan und Isolde" unter dem großen
Carlos Kleiber mit René Kollo als Tristan

Am Morgen im prallen Sonnenschein vorbei am Palazzo Vendramin, in dem Richard Wagner am 13. Februar 1883 starb. Wir sind ja auf der Rückreise, da wir am morgigen 1. Mai Karten für die „Götterdämmerung“ in Wiesbaden haben. Leider soll das Wetter morgen in Deutschland regnerisch werden.

Inzwischen bin ich mit der (wohl abschließenden) Lektüre des Bruderromans beim 4. Teil angelangt; es ist ja im Grunde ein klassisches fünfaktiges Drama. Dabei fiel mir erstmals etwas deutlich auf, was  mir im gesamten Schreibprozess stets nur unterschwellig bewusst gewesen ist. Ich meine das, was ich im Titel „Ambivalenz und Liebe“ nenne, wobei ich mir bewusst bin, dass die Konjunktion hier ein beinahe tautologisches Verhältnis fasst; denn dass die Liebe jemals ohne Ambivalenz wäre, das glaube, wer dafür naiv genug ist.

„Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, mein Bruderroman, erzählt ja die Geschichte eines Brudermordes. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte war ein Brudermord, ist nur deshalb überhaupt Mord, bekommt nur von daher seinen Sinn und ragt in die moralische Dimension; alles andere wäre belanglos gewesen, nichts als das Töten eines Tieres durch ein anderes Tier, wovon uns niemand erzählt hätte. Man muss sich selbst im anderen erkennen und ihn letztlich so lieben, wie sich selbst.

Das ist es natürlich auch, was mir als Reisemusik eben „Tristan und Isolde“ aufgegeben hat. Wie schreibt doch  Nietzsche in der IV. Unzeitgemäßen Betrachtung?  »Zwei Liebende, ohne Wissen über ihr Geliebt-sein, sich vielmehr tief verwundet und verachtet glaubend, begehren voneinander den Todestrank zu trinken, scheinbar zur Sühne der Beleidigung, in Wahrheit aber aus einem unbewußten Drange; sie wollen durch den Tod von aller Trennung und Verstellung befreit sein. Die geglaubte Nähe des Todes löst ihre Seele und führt sie in ein kurzes, schauervolles Glück, wie als ob sie wirklich dem Tage, der Täuschung, ja dem Leben entronnen wären.«

Es war wohl auch Nietzsche, der den Tristan als Wagners ‚Hymne an die Nacht‘ bezeichnete. Mein Bruderroman ist ungewollt zu einer ebensolchen Hymne geworden. Das Buch spielt innerhalb von 24 Stunden, wenn man von der Exposition und dem abschließenden Reinemachen des Schauplatzes mal absieht, so beginnt es mit Sonnenaufgang an Allerheiligen und endet kurz nach Sonnenaufgang an Allerseelen.

Nun sind das alles freilich Bezüge, die man als Leser nicht begreifen, ja, nicht einmal wahrnehmen muss, um das Buch zu lesen und zu verstehen. Die Handlung erschließt sich selbstverständlich auch ganz ohne Kenntnis solcher Hintergründe. Es ist auch in keiner Weise ein Buch über Musik oder gar über Wagner.

All das, was ich hier auf meiner Rückreise nach Deutschland gewissermaßen aus Langeweile ausführe, ist im Grunde lediglich ein Hinweis auf den großen Teppich des Geistes, in dem die Geschichte, die der Roman erzählt, nur ein einzelnes Muster ist, das ich hoffentlich hübsch genug gewebt habe, damit es mit Vergnügen gelesen werden kann. Oder anders gesagt, Sie wissen ja, dass die ganze Welt in zwei Teile aufgeteilt ist, von denen der eine sichtbar und der andere unsichtbar ist. Und der sichtbare ist nur Widerschein des unsichtbaren Teils, von dem ich hier ein bisschen erzählt habe. Ich hätte anderes erzählen können.

So, der Kellner kommt, dann werde ich hier mal unterbrechen. Zum Glück müssen wir bis München nicht umsteigen. Vielleicht erzähle ich Ihnen später noch eine Kleinigkeit.

Bringen Sie den April in guter Form zu einem Ende
und bleiben Sie glücklich, wünscht Ihnen PHG