Und immer wieder die Zeit

Wiesbaden, Freitag 21. April 2017, bei "Antar", dem fälschlich als 2. Symphonie
bezeichneten symphonischen Märchen von Nicolai Rimsky Korsakov

Oft klage ich ja, dass die Zeit zu schnell vergeht und zugleich die Arbeit nicht voran kommt. Heute stellte ich mit Erstaunen fest, dass manches auch schneller geht, als mein subjektiver Eindruck wahrhaben möchte.

Ich bin vorhin mit der Übernahme der dritten handschriftlichen Korrektur meines Roman-Manuskriptes „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ in den Computer fertig geworden. Und dabei stellte ich fest, dass ich für das ganze Buch inklusive dreier Fassungen lediglich 2 Jahre und 8 Monate gebraucht habe. Hier liegt es nun, neu ausgedruckt. Übers Wochenende werde ich das Buch nochmals lesen, wobei sich naturgemäß noch Kleinigkeiten ergeben werden. Dann wird es am Montag erneut ausgedruckt und an den Verlag gehen.

Dabei lag die letzte dieser drei Fassungen seit dem 23. November vergangenen Jahres und wartete darauf endlich in den Computer übernommen zu werden. Das hatte mich sehr gequält. Ich wollte diese Schlussbearbeitung, die nun heute fertig geworden ist, unbedingt noch im vergangenen Dezember vor dem Weihnachtsfest erledigen. Doch es hat sich nicht realisieren lassen, hauptsächlich, da der Verlag mit den verschiedenen Druckfahnen des Brasilienromans dazwischen kam, eigentlich noch immer dazwischen ist, denn auf dem Buchmarkt ist das längst fertig Buch ja bis auf den heutigen Tag nicht verfügbar.

Also habe ich die Fertigstellung des Bruderromans Monat um Monat verschieben müssen. Und nun bin ich, nach 2 Jahren und 8 Monaten doch tatsächlich immer noch schneller, als gedacht. Nun denn, schweig stille mein Herz.

Vielleicht fehlen uns auch einfach die richtigen Maßstäbe. Vorgestern ist meine Tochter 31 Jahre alt geworden. Sechzehn Jahre zuvor, an einem Tag, als ich zu sterben meinte, rief ich sie an, um ihr zu gratulieren. Sie hatte keine Zeit, war mit Freundinnen beschäftigt. Das ist in dem Alter so. Ich sehe immer noch das kleine Mädchen vor mir, das ich in Rom auf dem Schoß hatte. Nie habe ich geglaubt, dass sie einmal so alt werden könnte. Aber das eine sind die Fakten, das andere die körperlichen Gefühle.

Bei Homer heißt es: ‚Uns Menschen verfolgt die schier unermessliche Ewigkeit. Und so fragen wir uns, werden unsere Taten die Zeiten überdauern? Werden Fremde unseren Namen hören, lange nachdem wir tot sind, und sich fragen, wer wir waren? Wie tapfer wir kämpften, wie leidenschaftlich wir liebten?‘ — Natürlich fragen wir längst nicht mehr so. Wir leben ja nicht zu Zeiten Achilles. Wir kämpfen nicht mehr, wir erstellen Webseiten, wenn es hoch kommt. Und leidenschaftlich lieben, das mag in irgendwelchen Büchern noch geschehen. Aber doch in unseren Leben nicht, da würde es nur stören. Wir brauchen auch nicht die unermessliche Ewigkeit, angesichts derer wir uns mit unseren kleinen Leben genichtet fühlen. Wir sind es jeden Tag schon allein durch die Art wie wir so dahinexistieren und glauben, wir hätten es geschafft, wenn nur ausreichend Geld aufs Konto kommt. Abermals, schweig stille mein Herz.*

Ich wünsche Ihnen ein schönes, wenn auch leider noch zu kaltes Frühlingswochenende. Genießen Sie es, damit Ihnen die paar Tage nicht unbemerkt davonlaufen.

Herzlich, Ihr PHG

*  Ach ja, und Leute, die Homer zitieren, die haben natürlich ein völlig veraltetes Bildungsideal.