Eine kleine Zeitreise zu van Gogh

Wiesbaden, Freitag, 19. Mai 2017, bei grauem Nieselregen und Musiklosigkeit

In den Erinnerungen der Suzanne Valadon lese ich, wie van Gogh erfolglos im Kreis um Lautrec, Degas und Utrillo Fuß zu fassen suchte, die eine gemeinsame Wohnung gemietet hatten. Sie schreibt:

„Er kam und schleppte ein schweres Bild mit sich, das er in eine Ecke stellte, wo es gutes Licht hatte, dann wartete er, ob man ihm etwas Aufmerksamkeit schenken würde. Aber niemand interessierte sich dafür. Er saß seinem Bild gegenüber, beobachtete die Blicke der anderen, nahm wenig an der Unterhaltung teil; schließlich ging er müde weg und nahm sein Werk wieder mit. Aber in der nächsten Woche kam er wieder und begann das gleiche Spiel von neuem.“*

Ich finde das eine ganz und gar schauerliche Schilderung. Und geht es uns nicht letztlich allen so? Nicht, dass ich mich mit van Gogh vergleichen möchte, schon wegen der Tatsache nicht, dass ich viel zu sehr die Musik liebe, um mich von einem meiner Ohren zu trennen. Aber gut, das passierte ja auch erst später in Arles, wohin er ging, nachdem man ihn in der Rue Tourlaque 7 lange genug ignoriert hatte. Aber es ist eine wirklich schauerliche Situation. Und daran ändert auch der Umstand nichts, dass heute auf der ganzen Welt ältere Damen gern Reproduktionen seiner Sonnenblumen über Schuhschränke und ähnlich wichtige Orte in ihren Einfamilienhäusern hängen. Warum hat nicht wenigstens Suzanne Valadon, die diese Szene so trefflich zu beschreiben vermochte, ihm wenigstens soviel Aufmerksamkeit geschenkt, dass er sich nicht völlig ignoriert fühlen musste? Aber das tun diese Leute nie.


Wenn ich eine Zeitreise unternehmen würde, um ihm zu sagen, dass es heute in Amsterdam ein Van Gogh Museum gibt, das die weltweit größte Sammlung seiner Bilder als Dauerausstellung zeigt und das jährlich Millionen hineinlaufen, er würde wohl so lange lachen, bis er alle Krähen von allen Weizenfeldern der Welt vertrieben hätte.**

Aber vielleicht war ihm da das Lachen auch schon vergangen. Und wenn ich ihn gefragt hätte, warum er sich das antut? Hätte er mir dann, analog zu Franz Kafka, der das Wort Malerei nur durch das Wort Literatur ersetzen musste, geantwortet: „Da ich nichts anderes bin als Malerei und nichts anderes sein kann und will.“? Vermutlich. Kann auch sein, er hätte mich wohl gar nicht verstanden. Das tun die armen Männlein und Weiblein, die sich für die Kunst entscheiden, nämlich nie.

Trotzdem, man muss begreifen, dass Kunst grundsätzlich nichts wert ist. Kein Bild, kein Buch, keine Musikpartitur usw. ist etwas wert. Und der Umstand, dass auf einem zur Zeit gerade mal wieder überhitzten Kunstmarkt Unsummen für gewisse Bilder gezahlt werden, hat damit ebenso wenig zu tun, wie irgendwelche hunderttausendfach verkauften Thriller oder Liebesromane.

Jeder, der die Absicht hat, Kunst zu machen, in welcher Form auch immer, muss sich klar darüber sein, dass Kunst grundsätzlich nichts wert ist. Und wenn man sie trotzdem macht, dann macht man sie gewissermaßen als Geschenk. Falls dann jemand kommt und das, was man da gemacht hat, trotzdem bezahlt, dann hat man Glück gehabt. Aber das Ziel des Tuns kann dies niemals sein.

Man macht Kunst nur aus einem einzigen Grund, nämlich weil man es zufällig kann. Man hat die Gabe bekommen, Kunst zu machen. Wenn man dann Kunst macht, dann gibt man diese Gabe weiter. Mehr ist es nicht. Alles andere, was danach auf dem sogenannten Kunstmarkt oder dem Buchmarkt oder wo immer passiert oder eben nicht passiert, das ist Brimborium, womit man nichts mehr zu tun hat.

So, Schluss mit der Kunst. Jetzt gehe ich mal in die Küche, damit meine Liebste nachher, wenn sie aus ihrem Kurs kommt, etwas essen kann. Ich mache nur eine Spargelcremesuppe, dazu etwas Weißbrot und Käse. Ich setze Ihnen mal das Rezept hierher, vielleicht können Sie was damit anfangen.

Sie nehmen also (für 4 Personen): 1 Bund Frühlingszwiebeln, 50 g Butter, 500 g Spargel grün, 1 Kartoffel, 1 1/2 l. Gemüsebrühe, Salz, Pfeffer, 3 Eßl. Creme fraiche, Schnittlauch.

Wenn Sie das alles haben, dann putzen Sie die Frühlingszwiebeln, schneiden sie in Ringe und dünsten sie in ausgelassener Butter. Den Spargel schälen (meiner ist so fein, dass ich das nicht brauche), in 1 cm lange Stücke schneiden und dazugeben. Die Kartoffel schälen, in Stücke schneiden und mitdünsten. Mit der Gemüsebrühe auffüllen und etwa 15 Minuten köcheln lassen. Die Spargelspitzen herausnehmen und die Suppe pürieren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Creme fraiche unterheben. Die Spargelspitzen wieder zugeben und mit dem Schnittlauch bestreuen. Fertsch ist die Suppe.

Und, falls Sie das Rezept nachkochen, so wünsche ich Ihnen , dass Sie es mit Freude und Gewissenhaftigkeit tun, auch wenn es nur eine Suppe ist. Voltaire hat gesagt: „Ein Koch, ich meine ein guter Koch, ist ein göttliches Wesen.“ Und das wollen wir doch alle sein? Oder?

Bleiben Sie glücklich
wünscht PHG

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* nach F. Fels, Maurice Utrillo, Paris 1930, S. 107
**Krähen über Weizenfeld (aber unser eigenes Exemplar, von Jutta Schubert, nicht von van Gogh, wir können so was nämlich selbst)