Die Geduld eines ganzen Lebens und ein Schatzkästlein

Wiesbaden, Freitag, den 18. August 2017, bei Domenico Cimarosas 'Il Matrimonio Segreto'
in einer Aufnahme von den Schwetzinger Festspielen, Juni 1986, Live-Mitschnitt einer
Aufführung unter Hilary Griffiths und dem Orchester des Königlichen Schlosstheaters
Drottningholm

Es hat zu allen Zeiten Verleger gegeben, die die Guillotine ihrer eigenen Bücher waren. Und obwohl ich selbst davon inzwischen auch einige persönlich kenne, so will ich hier doch von einem anderen solchen Fall erzählen. Und dies auch nur deshalb, weil ich dadurch heute, nach vielen Jahren eine große Entdeckung gemacht habe.

Vor zehn, elf Jahren muss es gewesen sein, dass ich vom Herausgeber einer Zeitschrift, für die ich damals hin und wieder Bücher besprach, ganz nebenbei den Hinweis auf einen spanischsprachigen Autor bekam, dem ich auf meine neugierige Art nachging. Er, der Herausgeber, hatte in fast verächtlichem Ton auf ein Buch hingewiesen, das ich dann ganz überwältigend fand. Verächtlich war er nicht gegen das Buch, sondern über den von ihm vorausgesehenen Umstand, dass das deutsche Lesepublikum dieses Werk natürlich übersehen und ignorieren würde. Was dann auch im Großen und Ganzen so eintrat.

Nun, sei es, dachte ich damals, ich zumindest war begeistert und hätte gern mehr gelesen, obwohl schon dieser eine Band, der nur eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Werk präsentierte, eines der Bücher war, in dem man ein ganzes Leben hindurch immer wieder in Zwiegespräch mit seinem Autor treten kann. Weitere Bücher fand ich damals aber nicht, was mich freilich auch nicht wunderte. Immerhin hatte mich das Vorwort des Bandes, das von einem Frankfurter Autor verfasst war, darauf vorbereitet.

Hieß es doch in diesem Vorwort, der deutsche Verlag des Autors ‚überlasse die Bücher nach dem Druck ihrem Schicksal‘. Und als klänge dies nicht abschreckend genug, fügte er an: ‚die Buchhändler ignorieren seine Produktion‘. Wow, dachte ich, was für ein Todesurteil für einen Verlag und seine Bücher! Ich habe das Vorwort, das ich damals las, jetzt links neben mir liegen und kann entlang meiner alten Bleistiftanstreichungen zitieren.

Ich kann und will hier jetzt gar nicht erklären, warum ich das Buch damals so wunderbar fand, zumal ich mir nach der Lektüre sehr gut den Satz des Autors gemerkt hatte, ein Buch sei eh mittelmäßig, wenn man seine Vorzüglichkeit erklären könne. Einige Zeit hindurch, ein zwei Jahre vielleicht, lag das Buch danach immer noch in Griffnähe, bei all den anderen Büchern, mit denen ich ständigen Umgang pflege. Danach wanderte es in den Büchervorrat neben meinem Bett und wurde nur noch hin und wieder vor dem Schlafengehen für zehn, zwanzig Minuten angeschaut.

Dann kam der Tag, an dem wir über den Umbau unserer Bibliotheksräume entschieden. Dafür mussten alle Bücher, die in den Zimmern gestapelt lagen, in die Regale eingestellt werden, damit wir einen Überblick bekamen, wie umfangreich die Sammlungen überhaupt wirklich waren. So geriet dass Buch, das mir über Jahre so nahe gewesen war, ins Regal, wurde alphabetisch einsortiert, allerdings verkehrt, da der Doppelname des Autors dazu verleitete. Hernach wurde die Bibliothek umgebaut, erhielt neue Regale, alles wurde eingepackt, erst viel später wieder ausgepackt, neu aufgestellt und so verschwand das Buch aus meinem Blick.

Bis vor einer Woche, als ich ein anderes Buch zu lesen begann. Diesmal kam der entscheidende Hinweis nicht aus einem Vorwort. Es war vielmehr das Nachwort, stammte von Botho Strauß und beschloss den Essayband „Von realer Gegenwart – Hat unser Sprechen Inhalt?“ von George Steiner. Einer meiner Antiquare, die ich unregelmäßig aufsuche, hatte mir den Band aus Hansers Reihe ‚Edition Akzente‘ über Monate aufbewahrt. Er erschien im Jahre 1990 – vor 27 Jahren, also vor der Geburt so vieler, die heute das Lesen längst aufgegeben haben – und fesselte mich sofort, zumal er inhaltlich in direktem Zusammenhang mit einem meiner eigenen Schreibthemen stand.

Ich las hinein, war entzückt, und dann – wie meine Mutter, die immer erst den Schluss der Kriminalromane zu lesen pflegte, um vorab zu wissen, wer der Mörder war – blätterte ich nach hinten zum Nachwort von Botho Strauß. Und da war er wieder mein spanischer Autor, dessen Lektüre ich vor einem Jahrzehnt so anregend gefunden hatte. Botho Strauß zog ihn heran, um auf seine geistige Verwandtschaft zu George Steiner hinzuweisen. Ich ging die Regale ab, fand das Buch, nahm es mit an den Schreibtisch, begann wieder zu lesen, fand im Vorwort die angestrichene Stelle mit dem Verlag, der die Bücher seinem Schicksal zu überlassen beliebt und suchte ihn diesmal im Internet.

Ich fand ihn, und nicht nur das, ich entdeckte auf der nicht sehr langen Backlist auch gleich ein halbes Dutzend weiterer Bücher, die mich interessieren, Bücher meines Autors, dazu aber noch einiges andere, das mir fehlt. Es war, als öffne man einen unscheinbaren Karton, der sich dann als Schatzkästchen entpuppt, aus dem einen lauter Edelsteine entgegen blinken.

So, jetzt wissen Sie, was mir heute den Tagesbeginn verzaubert hat, warum sich vielleicht nur Bücher erhalten, die man auch getrost ‚ihrem Schicksal überlassen‘ kann, und warum man manchmal für etwas die Geduld eines ganzen Lebens braucht.

Ach ja, eine schmerzliche Kleinigkeit noch, denn es gibt auch Dinge, die für immer verloren sind, wenn man nicht zupackt. Das Schlosstheater Drottningholm, das ich oben bei meiner Musiklektüre erwähnte, ist so ein schmerzliches Beispiel. Vor etwa einem Vierteljahrhundert saßen die Liebste und ich nämlich bei einem Essen mit dem Hofkapellmeister des Königs von Schweden in Stockholm, und er schlug uns vor, nach Drottningholm zu fahren und uns von ihm durch das Theater führen zu lassen. Idiot, der ich war, meinte ich aus einem persönlichen Grund ablehnen zu müssen. Dafür ist mir die Liebste immer noch etwas böse, und sie ist mir wahrlich für nichts so leicht böse.

Also, greifen Sie zu, wenn sich die Gelegenheit bietet, bleiben Sie geduldig, aber warten Sie nicht zu lange

Und bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen, Ihr PHG

 

PS: Vielleicht haben Sie es gemerkt. Ich habe vermieden, die Namen des Autors, des Verlages etc. zu nennen. Ich will mich den Geflogenheiten des Verlages und des Autors anpassen, von dem es heißt, er habe sich sein Leben hindurch nicht darum gekümmert, was aus seinen Büchern wurde. Überlassen wir also diesen Lektürehinweis – und ein solcher soll es durchaus sein – seinem Schicksal.