Kurz vor Schluss?

Wiesbaden, Sonntag, 24. September 2017, bei ganz viel Maria Callas auf dem
Plattenteller: "A chronology of operatic scenes and arias sung live from the
concert stage during the great years, 1949 - 1959.
EURIPIDES, ATHENER
Er wurde alt zwischen dem lodernden Troja
und den Steinbrüchen Siziliens.
Er mochte die Höhlen am Strand und die Malereien des Meers.
Die Adern der Menschen deutete er
als ein Netz der Götter, in dem sie uns fangen wie Wild;
er gab sich Mühe, es zu durchlöchern.
Mürrisch war er, hatte nicht viele Freunde;
als es an der Zeit war, zerrissen Hunde ihn.
(aus: Giorgos Seferis: Logbuch III)

 

Wahlsonntag, was für eine unangenehme Vorstellung. Faschisten werden in das Parlament einziehen. Leute, die mir vorkommen, als seien sie aus Gräbern auferstanden. Und Mutti Merkel wird grinsend dabeistehen und sich in ihre vierte Amtszeit hineinschweigen.

Deshalb auch in D-Land zurück, sodass die Liebste und ich, wenn sie nachher von der anderen Rheinseite herüber aus ihrem Kurs kommt, noch die ersten Ergebnisse bzw. Erwartungen zur Kenntnis nehmen können, bevor sie am Abend weiter nach Stuttgart muss, um am Montag etwas für die Wiederaufnahme der „Spinnenfrau“ mit dem Schauspieler zu arbeiten. Wenn ich diesen Wahltag vom Ausland aus erleben müsste, so könnte es sein, dass ich vor lauter Ekel gar nicht mehr zurückkommen kann.

Im Traum gegen Morgen, zwischen fünf und sieben, zerfiel mir alles unter den Fingern. Was eben noch fest gewesen zu sein schien, es war nun aus abgenutztem, bröckeligem Gummi, der Risse bekommen hatte und bei jeder Berührung abplatzte, aufriss, sich pellte und mir in den Händen blieb.

Im großen Durcheinander auf meinem Schreibtisch liegt ein Zettel mit dem Aufdruck Kurz vor Schluss, ein einfacher Zeitungsausschnitt, der diese Aufschrift zufällig auf der Rückseite trägt. Auf der Vorderseite – und darum ist dieser Ausschnitt erfolgt – gibt es ein kleines Bild von Hubert Fichte mit zwei afrikanischen Masken, eine Aufnahme von Leonore Mau. Der bedeutungsschwere Aufdruck kann also schon deshalb gar nicht gemeint sein, weil er ja auf der falschen Seite dieses Zeitungsschnipsels prangt. Aber ist das Menetekel nicht immer irgendwie auf der Rückseite von allem verborgen? Könnten wir nicht die Warnung drohenden Unheils überall lesen, wenn wir nur bereit wären, genau hinzuschauen?

Und das betrifft nicht nur die miefige deutsche Wahl, nicht nur die Verschiebung nach rechts, die in ganz Europa stattfindet, nicht nur den nahen Osten und ‚Jerusalem, die steuerlose Stadt!‘, den nördlichen Koreaner und den irren Greis in La casa bianca, nicht nur … nicht nur …

Wir sind alle aus Erinnerungen gemacht, aus Geschichte und Geschichten zusammengesetzt. Und wer keine Erinnerungen hat? Aus was ist der gemacht? Mitunter beneide ich meinen ältesten Sohn um seinen leeren Kopf. Doch würde er ihn mir überlassen, im Tausch, was für ein Schreck würde in mich fahren, weit größer wohl noch als der, der mich erfasst, wenn ich an die Zukunft denke.

Seit einigen Tagen lese ich Gedichte von Giorgos Seferis (Nobelpreis, als ich 13 Jahre alt war). Er schreibt in dem Gedicht „Der letzte Tag“:

Der Tag war wolkig. Niemand beschloss etwas
es wehte eine leichte Brise.
( … )
Doch wussten wir, beim nächsten Tagesanbruch wäre nichts mehr
unser Eigen, nicht die Frau, die neben uns tief schlief
noch die Erinnerung, dass wir einst Männer waren,
nichts mehr beim nächsten Tagesanbruch.*

 

Der Unterschied zwischen uns und Seferis ist lediglich dies, dass er noch sagen/schreiben konnte „Doch wussten wir“.

So, das wollte am heutigen Vormittag wohl heraus. Die Callas singt auf meinem Plattenteller ‚Pace, pace, mio Dio!‘, doch wissen wir ja, wenn uns die Götter etwas vorenthalten, dann tun sie es ganz.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und könnte jetzt sagen, wählen Sie richtig. Aber das tue ich nicht. Es würde reichen, wenn Sie so wählen, dass Sie sich später nicht schämen müssen, wenn Sie an Ihre Geschichte zurückdenken. Sie wissen ja, die Erinnerung ist eine Brücke, über die man in das Land gelangt, in dem … ach ja.

Bleiben Sie glücklich
Ihr PHG

* aus Giorgos Seferis: Logbücher – Gedichte, Griechisch/Deutsch, in der Übersetzung von Andrea Schellinger, erschienen bei Elfenbein, Berlin, 2017