Woher kommt das?

Wiesbaden, Freitag, 1. September 2017, bei immer noch Bach-Tagen, heute dem vierten und
der 'Kunst der Fuge' mit Trevor Pinnock am Cembalo

Eine der wiederkehrenden Fragen, mit denen man sich als Autor mitunter so schwer tut, ist die nach dem Ursprung, nach der Herkunft, der Quelle der Ideen, Stoffe usw. Meist kann man darauf gar nicht antworten, aus vielen verschiedenen Gründen nicht. Zum einen weiß man vieles ja im Detail selbst nicht, dann aber ist einem das Meiste auch einfach zu banal und wird einem deshalb gar nicht in dieser Weise zur Frage, denn schließlich geht man ja jeden Tag damit um und hätte viel zu tun, wenn man sich darüber ständig wundern sollte. Also ruft diese Frage auch immer eine gewisse Verlegenheit hervor.

Im Prinzip könnte man über die meisten Autoren wohl das sagen, was ich mal in einem Dokumentarfilm über den französischen Philosophen Jacques Derrida gehört habe. Da wurden u.a. auch einige seiner Familienmitglieder befragt, zu denen er durchweg ein sehr gutes und liebevolles Verhältnis zu haben schien. Und einer seiner Brüder sagte: „Wir wundern uns schon, was er so denkt und schreibt. Wir verstehen das auch nicht. Ich meine, wir anderen haben alle ja auch ein Gehirn im Kopf, aber sowas kommt darin nicht vor.“

Hier steckt, denke ich, das Problem, und es geht mir jetzt gar nicht darum, auf irgendeine Weise auf Ausnahmepersönlichkeiten hinzuweisen, ganz im Gegenteil. Wenn wir jemanden als besonders begabt bezeichnen o.ä., dann kleben wir ihm ja auch nur ein Etikett an, weil wir uns die Sache nicht anders zu erklären wissen. Mir geht es vielmehr darum, von der Seite der Autoren und Schreibschüler her zu denken, die ich als Mentor betreue. Denn dort kommt die Frage ja in ihrer Negativform immer wieder als Klage vor. Wenn es nämlich heißt, ach, mir fällt gar nichts ein. Oder: Woher soll ich es denn nehmen, wenn mir nichts einfällt? Und so weiter.

Und dann heißt es auch schon mal, wie ist denn das bei Ihnen? Woher nehmen Sie das, was Sie schreiben? Auch bei mir entsteht in solchen Situationen eine gewisse Verlegenheit, freilich nicht, weil ich es nicht wüsste. Ich weiß es im Grunde sehr genau. Die Antwort ist für die meisten trotzdem unbefriedigend, weil sie notwendig allgemein bleiben muss. Ich nehme ‚es‘ nämlich einfach von überall her. Aus der ganzen Welt. Aus meinem ganzen Leben. Aus allem, was ich tue, erlebe, sehe, höre, denke, lese, träume usw. Aus Filmen, Büchern, Gesprächen. Alles, was mir in der Welt – von der ich in meinem kurzen menschlichen Leben ja leider nur einen winzigen Ausschnitt erleben darf – begegnet, wird mir zum möglichen Material für mein Schreiben, für meine Kunst. Ich habe aus diesem Grund an anderer Stelle mal den Autor als eine Art ‚Menschenfresser‘ bezeichnet. Er nimmt alles, wirklich alles, in sich auf, verdaut es irgendwie und benutzt es hernach für seine Arbeit.

Mitunter kann es viele Jahre dauern, bis der Menschenfresser etwas von dem, was er da gefressen hat, in veränderter Form wieder von sich gibt und in seiner Arbeit benutzt. Meist weiß er dann gar nicht mehr, woher es stammt. Und wenn es sich nicht einfach an irgendeinem Ort in seinem Gedächtnis erhalten hat, dann befand es sich in der Regel jahrelang in solchen Notizbüchern, darauf wartend, ob es nun vergessen oder vielleicht doch eines Tages wieder ausgegraben wird.

Das klingt nun sehr beliebig. Da muss ja ein ziemliches Kuddelmuddel zusammenkommen. Oft tut es da auch. Aber es gibt da einen entscheidenden Unterschied, und jetzt sind wir doch wieder beim Gehirn* und dem, was da beim Autor anders läuft als beim Nicht-Autor. Ein großes Durcheinander würde vielleicht bei jedem anderen Menschen entstehen, beim Autor nicht. Das liegt daran, dass der Autor all diese Dinge mit einer gewissen Gerichtetheit in sich aufnimmt, er ist nie ohne eine Intention, wenn er sich etwas merkt, notiert. Er sieht gewissermaßen die spätere Verwendung voraus. In dieser Bibliothek seiner permanenten Aufzeichnungen mag all das dann schlummern, bis der reitende Bote aus dem fernen Land kommt, es wachküsst und sagt: Komm, du wirst gebraucht.

Der französische Autor Michel Butor schrieb in einem Essay über Marcel Proust mal etwas, das sehr genau festhält, dass dieser Vorgang durchaus nicht beliebig und ungenau ist. „Der wahre Romancier“, schrieb er, „besitzt die Fähigkeit, bei der Lektüre, insbesondere aber im Gespräch, bestimmte Sätze, bestimmte Wörterfrequenzen zu isolieren, die eine Individualität im Geschriebenen fixieren. Aus der Sprachpersönlichkeit kann (so) eine Person entstehen.“

Überlegen Sie mal, wann Ihnen unter Ihrer Lektüre zuletzt eine solche Sprachpersönlichkeit begegnet ist. Vermutlich werden Sie lange suchen müssen, denn in den meisten heutigen Büchern sprechen die Figuren leider alle weitgehend gleich.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, und achten Sie auf die Welt, sie ist ungeheuer reich.

Ganz herzlich

Ihr PHG

 

*Also doch ein anderes Gehirn? Nein, denn alles, was das Gehirn betrifft, lässt sich trainieren.