Schattenland – Die dunkle Seite

Wiesbaden, Montag, 2. Oktober 2017, bei italienischen Arien, gesungen
von Giuseppe di Stefano
Jeder Teil unserer Persönlichkeit, den
wir nicht lieben, wendet sich gegen uns.
Robert Bly

Wolkig grauer Tag, der gar nicht recht hell werden will, sehr passend, finde ich, dazu die Canzoni des sizialianischen Sängers, der so oft mit Maria Callas gemeinsam auftrat, etwa in der Lucia di Lammermoor, die Karajan im Januar 1954 an der Scala dirigierte. Da war ich gerade vier Jahre alt geworden und hatte begonnen, Buchstaben abzumalen. Es scheint fürchterlich lange her zu sein.

„Wir schleppen einen langen Sack hinter uns her“, sagt der amerikanische Autor Robert Bly, einen Sack, in den wir von frühester Kindheit an alles hineinstopfen, was zu den dunklen Anteilen unserer Persönlichkeit gehört. Alles das, was wir lieber nicht so genau ansehen. Bis zum Alter von ein oder zwei Jahren seien wir noch runde, vollständige Persönlichkeiten, doch dann fängt es an, dass wir „Brave Kinder“ zu sein haben, dass wir nicht zu laut spielen und ruhig sein sollen, nett zu den Erwachsenen, nicht zornig werden und immer so weiter. Da beginnt sich der Sack zu füllen. Als ich vier Jahre alt war und erste Buchstaben malte, da muss mein Sack schon reichlich gefüllt gewesen sein. Was verstecken wir nicht alles in diesem Sack, in dem Bemühen, ein ‚guter Junge‘ oder ‚ein gutes Mädchen‘ zu sein, vor den anderen und auch vor uns selbst.

So wächst unentwegt unser Schatten, dort in dem dunklen Sack, unsere dunkle Seite. Da bekommt unsere helle Seite, die im Licht, die allgemein akzeptiert ist, von uns selbst und den anderen, ganz schön etwas zu schleppen. Mir will scheinen, mein eigener ganz persönlicher Sack, den ich in fast sieben Jahrzehnten angefüllt habe, muss zu Zeiten viele Kilometer lang gewesen sein. Andererseits aber vielleicht auch nicht. Das hat mit dem Malen der Buchstaben zu tun.

Oder anders gesagt, da ich von allem Anfang an geschrieben habe, Geschichten erzählt und Gedichte verfasst habe, ist das Schattenmaterial, das weggesperrt und ins Dunkle abgesunken war, niemals so massiv verdrängt gewesen wie bei anderen Menschen. Ich habe es immer wieder aufgesucht, mich damit befasst, habe stets erneut die schwierige Reise ins Land der Schatten gemacht, mitunter sogar für andere, also nicht nur ausschließlich für mich; aber so vieles im Schattenland ist eh kollektiv und hat nur eine etwas persönliche Färbung.

Zugegeben, anfangs war mein schreibender Umgang mit dem Schatten eher unbewusst, so man sagen kann, dass der Umgang mit dem Unbewussten halt unbewusst geschieht. Immerhin, ich war auf der Spur, doch geschah naturgemäß das, was immer geschieht, wenn der Sack, den wir da mit uns herumschleppen, zu voll geworden ist, und das war er bei mir in den Jahren ab etwa 1990 eindeutig geworden. In dieser berühmten Lebensmitte, die Dante meint. Er war so voll, dass ich ihn kaum noch zu schleppen vermochte. Schon eine einzige Stunde reichte völlig aus, um mich ganz und gar zu erschöpfen, sodass ich mich oft einfach auf den Fußboden legte und einschlief. Also wurde ich krank. Was wäre auch anderes möglich gewesen?

Damals war ich darauf gefasst, dass ich sterben würde. Und ich will nicht leugnen, dass ich mit diesem Sterben auch einverstanden war. Der Weg zurück in die Welt dauerte danach noch sehr lange. Heute bin ich ein Überlebender, ein Langzeit-Überlebender. Mein Weg zurück zum Schreiben dauerte noch länger und war außerordentlich mühsam. Vor allem deshalb, weil ich die Wege ins Schattenland nun bewusst zu gehen versuche.

Im Moment, und deshalb schreibe ich hier darüber, steht wieder solch eine Reise für mich an. Ich weiß momentan noch nicht, ob ich die Kraft dafür haben werde oder vielleicht aufgebe. Ob ich den Zugang finden werde oder mich verirre. Es ist eine Situation auf Messers Schneide, und der aktuelle Grund für diese Gratwanderung ist in dem Umstand zu sehen, dass mein gegenwärtiger Verleger mir mein letztes Buch zerstört hat. Die Arbeit von 5 Jahren durch Unfähigkeit aus den Händen geschlagen. Man stelle sich vor, der Brasilienroman „Der Mann, der den Regen fotografierte“ sollte laut Vertrag im vergangenen März zur Leipziger Buchmesse erscheinen. Er ist dann mit mehreren Monaten Verspätung zwar irgendwann erschienen, aber bis zum heutigen Tag weder normal im Buchhandel noch bei Amazon lieferbar. Und der Verleger schweigt dazu bzw. lügt abwechselnd, dass es so nicht sei bzw. dass er selbst auch nicht wisse, warum dem so sei.

Ob ich das überstehen werde, den Verlust dieses Buches überstehen und darüber hinaus die Kraft finden werde, überhaupt weiterhin Neues zu schreiben, das vermag ich nicht abzusehen. Nun, schaun wir mal.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen so etwas
niemals passieren möge und Sie glücklich bleiben

Ihr PHG