Das Lachen der Mainzer – auch eine ‚Anderswelt‘

Wiesbaden, Samstag, 18. November 2017, bei 4,7 Grad Celsius und Wagners Rheingold, in 
einer Aufnahme von 1951 aus Bern unter Otto Ackermann (gedacht soll seiner werden) 
und der großen Inge Borkh als Fricka
„In Wahrheit sind wir alle Schatten!“
Jorge Luis Borges im
Essay über Hawthorne

Das Fenster meines Arbeitszimmers geht nach Süden auf den Fluss, aber das Rheintal ist im Nebel verborgen, Mainz auf der anderen Seite nicht wie üblich zu sehen. Die Sonne, trüb wie ein Auge, das hinter dem grauen Star verborgen liegt, versucht sich erfolglos bemerkbar zu machen. Der Feigenbaum hinterm Haus wirft die Blätter gleich abgehackten Händen von sich. Seine Früchte wird, wie jedes Jahr, niemand ernten.

Die Mainzer Lesung am gestrigen Abend war sehr gelungen. Wir waren sogar ängstlich, dass wir die Besucher nicht alle unterbringen könnten. Alle Karten schon im Voraus ausverkauft.

Aber dann passte es mal gerade so mit dem Platz, und das Publikum ging unheimlich gut mit bei den Erzählungen zum Thema ‚Die Wunder des Weins‘. Naja, böse Zungen behaupten, dass man in Mainz mit Wein nie etwas falsch machen kann. Aber das u.a. ist auch das Schöne an den Mainzern, wenn Sie mich fragen.  Hier in Wiesbaden hätte man es da weit schwerer.

Warum? Nun, das wäre letztlich die Frage nach dem Unterschied zwischen den Mainzern und den Wiesbadenern. Ich bin ja nur ein Zugereister, aber ich würde sagen, es liegt daran, dass die Mainzer gern lachen und es auch einfach tun. Während man in Wiesbaden das Gefühl hat, dass die Leute erstens nicht wissen, ob sie lachen dürfen. Und zweitens betrachten sie denjenigen, der sie zum lachen bringen will, vorsichtshalber erstmal mit Misstrauen. Es könnte ja auch sein, dass er was anderes im Schilde führt. Was so ein Fluss zwischen zwei Orten doch ausmacht. Fährt man über die Theodor-Heuss-Brücke ist man beinahe schon in einer Art ‚Anderswelt‘.

Die Liebste ist leider seit dem frühen Morgen mit dem Zug Richtung Stuttgart unterwegs. Wieder mal für sie kein freies Wochenende; hat sie in diesem Jahr eigentlich schon eines gehabt? Sie wird bis inklusive Montag unterrichten und erst am späten Abend zurück kommen.

Ich werde versuchen, die drei Tage zu nutzen, um einerseits endlich meine Besprechung zu dem  Seferis-Band des Elfenbein Verlages zu beenden, andererseits meine Novelle um den Fotografen Alwin Fall entscheidend vorwärts zu treiben.

Momentan hält er sich in diesem luftig gebauten Dorf auf einer kleinen Insel auf, es ist dunkler, als es der Tageszeit nach sein dürfte, und er versucht, von Gesichten verfolgt, den Strand zu erreichen. Drücken Sie ihm die Daumen, dass er findet, was er sucht.

Es handelt sich, wie ich gestern schon schrieb, um eine Geschichte, die in das Genre der Phantastischen Literatur gehört. Nicht der Fantasy. Was aber ist die Phantastik? Was macht die Phantastik? Wovon erzählt sie?

Die Phantastik spielt nicht unbedingt in fremden Welten, anderen Zeiten, auf fernen Planeten usw. Sie spielt vielmehr in unserer eigenen Welt, aber sie sagt gewissermaßen: Schau mal, siehst du die Tür dort in der Mauer? Ja? Gut,  wenn du morgen wieder hier vorbei kommst, dann wirst du sie vergeblich suchen. Sie ist jetzt da, vielleicht sogar allein für dich. Geh, öffne sie, schau, was dahinter auf dich wartet.

Die Phantastik behauptet also gewissermaßen, dass die ‚Anderswelt‘ immer gleich nebenan ist, einen falschen(?) Schritt entfernt beginnt und auf dich wartet. Nachts unter der steinernen Brücke kannst du den Zugang zu ihr finden, manchmal fällt man in ein Kaninchenloch und dann ist es passiert, man gerät unvermutet hinter den Spiegel, vor dem man sonst immer nur steht und sich eitle Grimassen schneidet, vielleicht kommt man des Nachts in einer fremden Stadt an und in dem Hotel, in dem man das letzte Zimmer bekommt, da wohnt … ja wer? Nun, das kommt auf die Geschichte an. Und natürlich müssen sich diese Türen nicht unbedingt in einer Mauer befinden, es gibt sie ebenso im eigenen Kopf.

Sie merken es vielleicht schon, die Phantastik spielt stets in bzw. mit zwei Welten (oder mehreren) zugleich, während es in der Fantasy ganz wie in den realistischen Romanen immer nur um eine einzige Welt geht. „Der Herr der Ringe“ spielt halt in Mittelerde, im Grunde so wie „Die Blechtrommel“ von Grass eben in und um Danzig spielt. Da ist also nichts Doppelbödiges, nichts, was den Figuren in der Geschichte (und den Lesern) gleich den Boden unter den Füßen wegzieht. Man mag in rasend schwierige Ereignisse geraten, in tiefe Gefühlskrisen und große Kriege, aber der Welt, in der man sich befindet, kann man sich immer sicher sein.

Letztlich ist das sogar die einzige Sicherheit, die der Mensch braucht, um handeln zu können und nicht verrückt zu werden. Man muss seiner selbst und der Welt, in der man agiert, sicher sein, dann kann man sich jedem Abenteuer stellen. Die Geschichten der phantastischen Literatur nehmen dem Leser diese Sicherheit, da werden die Wände der Welt durchlässig, alles so fest Geglaubte kann brüchig werden und den alten Göttern aus dem schwarzen Urgrund der Zeiten Einlass gewähren, die Träume sind keine Träume mehr sondern vielleicht die eigentliche Wirklichkeit, werden zu Zugängen einer Welt, die gleich auf der anderen Seite des Scheibenglases auf dich lauert. Und wissen wir das in Wirklichkeit nicht alle? Haben wir nicht immer schon geahnt, dass mit der Welt etwas nicht stimmt? Was, wenn wir im Tunnelgewirr der UBahn nur ein einziges Mal falsch abbiegen müssten, um nie mehr an die Oberfläche zu gelangen?

Sumerische Tafel mit dem Gilgamesch-Epos

Ich glaube, dass diese Art von Geschichten so alt ist wie die Menschheit bzw. sie existieren, seit wir Menschen uns Geschichten erzählen. Der Mensch, dieses Geschichten erzählende Tier, hat sich niemals mit der einen Realität zufrieden gegeben.

Immer gibt es da auch  die Geschichten von der ‚Anderswelt‘, ob nun in den Großhauswelten der Religionen, die Paradiese und Höllen schufen, die auf uns warten, ob in der ‚Anderswelt‘ der Kelten, die diesen Topografien den Namen gegeben hat, ob in den Toten- und Unterwelten etwa der Griechen, der Höllen- und Himmelfahrt Dantes, ach schon im babylonischen Gilgamesch-Epos reist Gilgamesch, König von Uruk, auf der Suche nach der Unsterblichkeit seinem verstorbenen Freund Enkidu in das Reich der Toten hinterher.

Aber ich rede hier nicht von tiefster historischer Vergangenheit allein. Dort sind bloß die Wurzeln dieses Genres zu finden. Und wer sich dafür interessiert, der sollte sie aufsuchen und auch durchaus dort mit seiner Lektüre beginnen. Es warten an diesen erzählerischen Quellen der Menschheit höchst staunendmachende Entdeckungen auf den Leser.

Schaut man dann wieder nach vorn, so findet man den ohne Zweifel gewaltigsten literarischen Versuch in der phantastischen Literatur der Gegenwart bei dem Berliner Autor Alban Nikolai Herbst, der mit seiner „Anderswelt Trilogie“, zu der die umfangreichen Bücher „Thetis“, „Buenos Aires“ und „Argo“ gehören, eine das Genre sprengende eigene Gattung geschaffen hat, die von Homer bis ins digitale Zeitalter ausgreift, den Mythos ebenso gegenwärtig erzählt wie die von Replikanten besiedelte Zukunft, die wir freilich längst unumkehrbar betreten haben.

So, das soll es für den Vormittag mal sein, drücken Sie mir die Daumen, dass ich nach diesem kleinen Streifzug durch die Phantastik wieder die Tür in der Mauer finde, hinter der ich meine eigene gegenwärtig zu schreibende Geschichte weitergeführen kann.

Bleiben Sie glücklich, in dieser und jeder anderen Welt
wünscht Ihnen Ihr PHG

PS: Der Nebel hat sich gelichtet. Mainz ist auf der anderen Seite des Flusses (auch so eine Metapher für die Anderswelt) wieder in die Existenz getreten.