Das Leben gestalten! Immer wieder neu.

Venedig, Samstag, 4. November 2017, in der Nacht und darum ohne Musik

Ich sitze noch spät, habe die Fenster geöffnet, draußen  in der Dunkelheit die fernen Geräusche des ewigen Wassers, Licht nur im engen Kreis um mich herum, von meinen beiden Computerbildschirmen und der, für den Kontrast, eingeschalteten linken Schreibtischlampe, etwa 15 Watt. An der hohen Decke des Palazzos die feinen Streichelgeräusche der Flügel von ein, zwei Fluginsekten, die gegen die weißen Stuckaturen stoßen, die ich weiter hinten in diesem riesigen Raum mit einer Stehlampe beleuchte.

Ich habe, als ich nach Venedig zog, um hier mein immer nur wieder zeitweiliges Domizil aufzuschlagen, gedacht, dass sich mein äußeres Leben und vor allem auch meine Träume wesentlich verändern würden. Ich hänge der Meinung an, dass Träume nicht nur der träumenden Person eigen sind, der natürlich vor allem, aber ansonsten ganz wesentlich vom Ort abhängen, an dem der Träumer sich aufhält. Inzwischen weiß ich es nicht mehr. Sicher, ich habe in diesem Jahr viel über den Tod geträumt, aber das scheint mir eher meiner recht realen Lebenssituation geschuldet, dem Tod meiner Mutter etwa, Anfang Dezember 2015, meiner sich daran anschließenden Arbeit am „Mutterbuch“, mit dem ich über ein halbes Jahr beschäftigt war. Dann, wir hatten kaum Zeit, um zur Besinnung zu kommen, die gesundheitlichen Katastrophen der Schwiegereltern, die vorerst mit dem Tod meines Schwiegervaters am 2. Mai dieses Jahres endeten. Alle weiteren Entwicklungen sehen wir mit Bangen auf uns zu kommen.

Um einen Bogen zu schlagen. Am Morgen unterbrach ich meine Arbeit an dem kleinen Essay über Giorgos Seferis und seine Gedichte, den ich am Tag zuvor noch zur Hälfte fertig wähnte und woran ich schon viel zu lange sitze. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass ich mit der Rezension der Existentialismus-Zeitschrift schnell sein müsse, da ich diese Besprechung nicht bei dem Herausgeber angemeldet hatte und M. mir bereits die Besprechung des Nietzsche-Heftes weggeschnappt hat. Nun, so las ich also während des Tages vieles in diesem interessanten Heft, merkte dann, wie sich in meinem Kopf das, was ich dazu sagen wollte, zu einem zusammenhängenden Bild (ja, Bild, mir gehen dabei auch sehr viele Sätze durch den Kopf, doch ohne ein sich entwickelndes Bild geht es nicht) formte.

Von da an musste ich mich nur noch hinsetzen, um es aufzuschreiben. Das tat ich dann, und ich schickte es auch direkt an Leander, der mir kurz darauf schrieb, dass er den Text am Montag auf der Plattform einstellen werde. Vermutlich ist er, da es Wochenende ist, aus Party-Gründen unterwegs und hat meine Sendung nur auf dem Handy empfangen.

Mir wurde diese kurze Arbeit auch deshalb wichtig, weil ich begriff, wie sehr der Existentialismus mein Leben geprägt hat, und ich sah mich in der Erinnerung, kaum 24jährig, mit B. im Tragetuch vor meiner Brust und später dann im Kinderwagen, neben A. durch den Bürgerpark gehen und ihr dabei Sartres Freiheitsbegriff und die sich daraus ergebende Wahlfreiheit erklären. Ich weiß nicht, was sie darüber dachte, so wie ich auch nie wusste, was sie davon verstanden hatte. Aber das war eigentlich egal, weil sie sowieso nie zu etwas Stellung bezog. Ich habe auch, wenn ich ihr eine meiner Geschichten zur Lektüre gab oder ihr vorlas, darauf niemals etwas anderes zu hören bekommen, als ein ganz allgemeines „gut“. Nachfragen brachte da nichts. Aber tatsächlich war ich es, der an der ganzen Sache etwas nicht begriff, nämlich dass sie so etwas wie „Wahlfreiheit“ und die Möglichkeit, sich neu zu entwerfen, gar nicht zulassen konnte, nicht einmal im Denken, weil dann nämlich möglicherweise der ganze Status quo zusammengebrochen wäre.

Und ich hatte auch philosophisch einen ganz entscheidenden Punkt nicht begriffen, eine gewissermaßen psychische und sogar physische Vorbedingung, die auch Sartre nicht wirklich thematisiert, die Angstfreiheit nämlich, als Bedingung der Möglichkeit  solcher Wahl und Neuentwerferei. Heidegger, scheint mir, hat das gewusst oder zumindest geahnt, denn er schreibt ja, dass die Menschen sich im Vorgefundenen einrichten. Tschechovs „Die Leute fliegen nicht zum Mond. Sie gehen nach Hause, zanken mit ihrer Frau und essen Suppe.“ ist in dieser Hinsicht das absolut letzte Wort. Und ich war als junger Kerl von knapp 20 natürlich ein unrealistischer Träumer, der wie der Narr im Tarot durch die Welt läuft und dabei gar nicht merkt, in welche Abgründe er gleich stolpern wird.

Angstfrei war ich, aber wäre ich es auch gewesen, wenn ich weniger blind gewesen wäre? Ich will es hoffen, denn zumindest diese jungenhafte Blindheit ist mir vom Leben längst genommen worden, und trotzdem bin ich nach wie vor angstfrei. A. war das niemals, was vielleicht biologisch bedingt ist. Sie war es so wenig, dass sie niemals akzeptierte, dass ich Schriftsteller war. Obwohl ich nichts anderes tat, als zu schreiben, wollte sie mir das Schreiben permanent verbieten. Selbst als ich für meinen Roman „Kinder der Bosheit“ den Preis der Deutschen Akademie Rom, Villa Massimo, erhielt und sie mit mir ein ganzes Jahr in Rom saß, sagte sie: „Ich habe einen Soldaten geheiratet. Keinen Schriftsteller.“ Und natürlich hieß das auch, dass sie einen Schriftsteller niemals geheiratet hätte. Gut, das ist okay. Der Schriftsteller und sie gingen dann auf verschiedenen Wegen weiter. Das Dumme war nur, dass der Schriftsteller es so spät erst begriffen hatte und für den Rest seines Lebens die Folgen zu tragen hat.

Aber ich rate Ihnen, machen Sie es trotzdem wie die Existentialisten – Denken Sie über sich nach und entwerfen Sie sich, wenn nötig, neu. Realisieren Sie Ihre Freiheit. Nichts ist festgeschrieben! Sie sind frei, auch wenn Sie es noch nicht bemerkt haben sollten.

Ganz herzlich
Ihr PHG