Versprechen, dem eigenen besseren Selbst gemacht

Wiesbaden, Donnerstag, 9. November 2017, während Beniamino Gigli, der 'Sänger des Volkes'
Arien aus Mozarts Don Giovanni singt.

Am Morgen fiel mir auf, dass ich seit fast zwei Wochen das betreibe, was man im englischen Alltags-Slang als ‚muddeling through‘ bezeichnet. Das deutsche ‚Durchwurschteln‘ trifft es nicht so recht, denn das Englische ist so viel reicher. Es enthält den ‚mud‘, also den Schlamm. Und ‚muddle‘ meint auch die Verwirrung, die Konfusion. Bis hin zu Wendungen wie ‚muddel away one’s money‘, sein Geld verschleudern. Und genau so kam ich mir vor, wie jemand, der durcheinander ist, im Schlamme wühlt und dabei, wenn nicht schon sein Geld verschleudert, so doch immerhin finanziell Schaden nimmt. Kein gutes Gefühl mithin.

Also startete ich endlich mal wieder meine ToDo-Liste, die ich zwar immer anlege, hernach aber meist nicht beachte, weil ich mich eben durchwurschtele. Vielleicht lag es auch daran, dass mich am Morgen ein Kollege unverdientermaßen wegen meiner angeblich so schnellen Intelligenz zu loben geruhte. Muddeling through heißt nämlich auch soviel wie ’sich mit mehr Glück als Verstand durchbringen‘.

Egal, die ToDo-Liste zeigte mir dann, was ich eigentlich – zumindest auf literarischem Gebiet – dringend tun sollte oder wollte. Und nichts davon lässt sich mal so schnell nebenbei, ohne tagelanger Arbeitsanstrengung erledigen.

Natürlich habe ich längst alles ganz genau im Kopf, was ich da zu schreiben gedenke. Aber das hilft auch nicht viel. Eher ist es eine Falle, denn es lässt mich glauben, alles zu haben bzw. alles zu wissen, sodass gar nichts groß passieren kann. Im Grunde ist das sogar immer mein größter Feind gewesen, denn entstehen können die Dinge nur durch reale Arbeit. Und derjenige, der die Dinge eben nicht spielerisch leicht im Kopf hat, sondern aus seiner Erfahrung weiß, dass er sich alles Schritt für Schritt erstreiten muss, der wird am Ende, vielleicht langsam, doch gewiss, ein Ergebnis vorweisen können, während der ewige Jüngling mit den goldenen Fingern, der ich trotz meines Alters zu Zeiten immer noch bin, am Ende mit leeren Händen dasteht.

Natürlich hatte ich in Wahrheit ungeheuer viel gearbeitet, aber eben nicht das, was ich mir vorgenommen hatte. Putzen und Kochen und Einkaufen und die Schwiegermutter besuchen und auf den Friedhof begleiten  und so weiter sowieso. Geschrieben hatte ich zwar auch. Doch mit der Besprechung der Gedichte von Seferis war ich etwa zur Hälfte fertig gewesen, als das das neue Sonderheft des Philosophie Magazins in meiner Post steckte, sodass ich mich sofort hinsetzte und über den Existentialismus schrieb. Das Ergebnis ist hier auf der Literatur-Plattform Cultureglobe nachzulesen.

An der Novelle über Fallada hatte ich mehrfach weitergeschrieben, aber nur mit Unterbrechungen und auch jeweils nur so magere 400 Wörter pro Tag. Und wirklich drängend wurde es erst, als im Gespräch mit der Liebsten recht konkret meine Arbeitsgewohnheiten analysiert worden waren und ich zudem einen Entschluss für eine baldige Publikation gefasst hatte, für die der Fallada-Text unbedingt noch fertig werden muss.

Es soll ein Band mit drei Novellen werden, zusammen knapp über 200 Seiten, und alle drei dem Genre der Phantastischen Literatur zuzurechnen. Die Novelle über Fallada soll den Abschluss bilden und quasi eine Meditation über den Tod bzw. über die Unsterblichkeit sein – Unsterblichkeit als Hölle freilich. Ich betrachte die Geschichte als meine untertänigste Verbeugung vor dem Großmeister Arno Schmidt und seiner „Tina“.

Und jetzt sitze ich da und schreibe Ihnen das, statt mich weiter in den Text selbst zu vergraben. Aber das werde ich jetzt ändern, zumal ich heute auch noch coachen muss und dafür zu lesen habe.

Sie sehen, solche ToDo-Listen sind meist kaum mehr, als Versprechen, abgegeben dem eigenen besseren Selbst gegenüber. Ich würde aber trotzdem dazu raten, sie anzulegen und dann möglichst abzuarbeiten. Verlassen Sie sich nicht auf Ihre goldenen Finger, sonst stehen Sie am Ende mit leeren Händen da.

Bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen PHG

PS: Nebenbei arbeitet mein Gehirn daran, einen passenden Titel für den Novellen-Band zu finden. Falls es da Ergebnisse geben sollte, so reiche ich sie heute noch nach.