Die Schwester Shakespeares

Freitag, 12. Januar 2018, mit Olivier Messiaen: 'Quartett auf das Ende der Zeit"

Am Morgen, noch vor dem Frühstück, brachte der Postbote den zweiten Band mit den Briefen der Virginia Woolf. Er hatte die Sendung derart übel in den Postkastenschlitz gewürgt, als sei er nicht Postbote sondern Auftragskiller.

Damit nähert sich unsere Sammlung der Ausgabe der Gesammelten Werke Virginia Woolfs langsam seinem Ende und also der Vollständigkeit. Der letzte, fünfte Band der Tagebücher fehlt noch, sowie der Roman ‚Nacht und Tag‘.

Der zweite Briefband endet naturgemäß mit den drei Abschiedsbriefen, den zweien an Leonard und dem Brief an Vanessa Bell. Wenn ich die letzten Briefe vom März 1941 lese, so will mir scheinen, als habe der Krieg und die Drohung einer möglichen Invasion der Nazi-Armee VWs Selbstmord zu einem guten Teil mitverschuldet.

Am 20. März schrieb Vanessa Bell an VW „… aber Du darfst gerade jetzt nicht hingehen und krank werden. Was sollten wir denn tun, wenn die Invasion kommt und Du eine hilflose Kranke bist …“

Ich beginne mir VWs Bücher im Grunde erst jetzt zu erobern, wobei „erobern“ ein viel zu auftrumpfendes Wort ist, denn ich lese sie nur sehr langsam und zögerlich. Begonnen habe ich zudem mit den Tagebüchern, vor allem dem dritten Band mit den Aufzeichnungen aus den Jahren, als sie „Die Wellen“ abschloss, korrigierte und druckfertig machte. Erst dann ging ich an den Roman selbst und scheiterte prompt. Jetzt lese ich „Jacobs Zimmer“, von dem es heißt, sie habe mit diesem Roman ihren eigentlichen Stil gefunden.

Es ist ein Buch, das mir durchaus gefällt, doch liest es sich schwierig. Zwei Punkte sind mir dabei inzwischen klar geworden. Zum einen erinnerte ich mich an die endlosen Debatten aus den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die sich um die Frage drehten, ob es denn überhaupt eine „weibliche Schreibweise“ gäbe, eine eigene, andere Art der Literatur, des Schreibens aus weiblicher Sicht. Heute würde ich sagen, diese Debatte hätte sich erübrigt, wenn die Kontrahenten – Befürworter wie Gegner – sich mal die Mühe gemacht hätten Virginia Woolfs späten Romane anzusehen.

VW wurde zwar von den Feministinnen damals aufs Schild gehoben, doch ganz sicher nicht deshalb, weil da eine Lektüre-Kenntnis bezüglich ihrer Prosa vorlag. Da ging es vor allem um die Essays und bei den meisten weiblichen Lesern beschränkte sich auch dabei die Kenntnis auf einen einzigen Text, nämlich auf „Ein Zimmer für sich allein“ – ihr am leichtesten lesbares Buch, das zudem wie eine Art Kampfschrift in die Debatte der Zeit passte.

„Ich sagte Ihnen im Verlauf dieser Rede“, heißt es da, „daß Shakepeare eine Schwester hatte; aber suchen Sie nicht nach ihr … Sie lebt in ihnen und in mir und in vielen anderen Frauen, die heute nicht hier sind, weil sie Geschirr spülen und die Kinder ins Bett bringen … und wenn jede von uns fünfhundert* im Jahr hat und ein Zimmer für sich allein; wenn wir an die Freiheit gewöhnt sind und an den Mut, genau das zu schreiben, was wir denken; wenn wir dem gemeinsamen Wohnzimmer ein bißchen entronnen sind und menschliche Wesen nicht immer nur in ihrer Beziehung zueinander sehen, sondern in Beziehung zur Wirklichkeit; … wenn wir der Tatsache ins Auge sehen – denn es ist eine Tatsache -, daß es keinen Arm gibt**, auf den wir uns stützen könnten, sondern daß wir allein gehen und daß unsere Beziehung eine Beziehung zur Welt der Wirklichkeit und nicht zur Welt der Männer und Frauen sein sollte, dann wird die tote Dichterin, die Shakespeares Schwester war, den Körper annehmen, den sie so oft abgelegt hat.“

Nun, worauf ich hinaus will: Virginia IST das weibliche Schreiben. Hätte man ihre Romane gelesen, so hätte sich die Debatte erübrigt. VW IST die Schwester Shakespeares, von der sie hier selbst spricht. Aber das heißt ganz und gar nicht, dass die Schwester Shakespeares WIE Shakespeare ist. Sie ist eben anders, ist eben so selbstständig, dass sie unserer Lektüre zwangsläufig Probleme bereiten muss, denn unsere Leseerfahrungen sind eben nach wie vor durch männliche Autoren geprägt.

Was das bedeutet, kann man besser verstehen, wenn man sich mal Anton Tschechows Erzählungen vornimmt, sowie auch seine Kommentare zu dem, was er für die Prinzipien einer guten Prosa hielt. Tschechow ist mit seinen Forderungen nach Kürze, Sparsamkeit, Knappheit der Prosa, mit seiner extremen Reduktion der Aussage auf das Wesentliche, geradezu der Antipode zu Virginia Woolf.

Was wir uns angesichts dessen erkämpfen müssten, das ist die Einsicht, dass nicht einer von beiden allein Recht hat, dass nicht seine oder ihre Prosa richtig ist, sondern beide. Die Texte der Virginia Woolf sind ebenso große Kunst wie die des Anton Tschechow, der eine ganze Generation vor ihr schrieb. Und natürlich sind sie schwer zu lesen! Aber haben wir uns denn eingebildet, dass es leicht sein müsste, wenn Shakespeares Schwester kommt?

Aber was rede ich da eigentlich? Das alles ist ja längst vorbei. Weder kann heute noch jemand so schreiben, dass er einem Tschechow gerecht würde, noch hat das massenhafte Schreiben all der weiblichen Autoren, die heute den Markt mit ihren Liebesgeschichten, Regionalkrimis und kulissenschiebenden Historienschinken überfluten, irgendetwas mit den literarischen Formen zu tun, die Virginia Woolf zu Beginn der europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.

Falls Sie sich trotzdem irgendwann mal daran machen sollten/möchten, Virginia Woolf zu lesen, so sollten Sie es tun in dem Bewusstsein, dass Sie da einen Schatz heben; den größten Schatz, den eine einzelne Frau schreibend jemals angehäuft hat, ganz allein.

Wäre ich eine Frau, dieses Wissen würde mich glücklich machen
was ich auch Ihnen wünsche,
Ihr PHG

 

* fünfhundert – VW meint wohl 500 Pfund, aber was für eine Kaufkraft dieser Betrag so um 1930 hatte, das weiß ich nicht.
** ohne den stützenden Arm, und nicht nur den Arm, von Leonard Woolf, hätte VW vermutlich niemals gehen können.