Offene oder geschlossene Form – was der Roman verlangt

Wiesbaden, Mittwoch 21. März 2018, bei Benjamin Brittens "War Requiem", in einer
Aufnahme vom Januar 1963, in der Kingsway Hall, London, unter Brittens Dirigat
„My subject is War, and the pity of War.
The Poetry is in the pity.
All a poet can do today is warn.“

In vielfacher Weise fühle ich mich wieder mit dem Thema Krieg konfrontiert. Natürlich einerseits mit dem irren Schlachten, das seit nun so vielen Jahren ein mörderischer Herrscher in Syrien inszeniert, dann aber auch mit den bevorstehenden Konfrontationen, auf die wir wie eine blinde Herde Schafe zutaumeln, ob nun mit Russland oder Nord-Korea. Dann aber vor allem auch in meinem eigenen Schreiben.

Heute sprach ich mit jemandem, der zufällig gerade meinen ersten Roman „Seelenlähmung“ liest (in der Urfassung zudem), der ja eine Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg zum Thema hat. Er sprach von den politischen Aspekten meiner Bücher, schränkte dann aber vorsichtshalber ein, dass er ja noch nicht alle meiner Bücher gelesen habe. Ich musste ihm freilich im Stillen Recht geben, denn wenn auch nicht alle Bücher vom Krieg handeln, so sind sie doch alle politisch

Gleichzeitig lese ich seit Tagen die Fahnen für die Neuausgabe des Romans „Calvinos Hotel Korrektur, der in den Jahren 1994/95 spielt und den Balkan-Krieg zum Gegenstand hat.

Zwar handeln alle Bücher auch von einer Familiengeschichte, aber darum kommt der Krieg doch recht häufig vor. Der 2. Weltkrieg gar mehrfach. Aber keine Bange, ich will Ihnen gar nichts vom Krieg erzählen. Denn ich weiß ja, dass der Krieg zwar ein großes Thema in meinen Bücher ist, jedoch zugleich ein sehr ungeliebtes bei meinen Lesern. Wir wollen alle nicht gern darauf hören, wenn der Poet zu warnen versucht. Lieber stolpern wir in den nächsten Krieg hinein und jammern dann im Nachhinein über unsere Blessuren und unsere allseitige Unkenntnis. Aber jeder Künstler, der etwas wert ist, setzt sich mit der Vergangenheit auseinander, ist mit der Vergangenheit in einem ständigen Gespräch. Das ist normal und nicht meine persönlicher Obsession.

Da war es fast eine Erleichterung, dass heute vom Verlag eine Mitteilung kam, mein neuer Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ sei angenommen. Doch fiel diese Zusage für mich auf interessante Weise inhaltlich mit dem Gespräch über die „Seelenlähmung“ zusammen. Der Leser der „Seelenlähmung“ hob außer dem politischen Aspekt nämlich auch die offene Form des Buches hervor, sein Aufgesplittersein auf viele Erzählebenen und -perspektiven. Das Buch erschien erstmals 1981 und seine Form erschien mir damals notwendig und für die Lesegewohnheiten dieser Zeit nicht zu schwer, eher reizte die Leser, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist heute, wie mir bei diesem Gespräch bewusst wurde, sicher etwas anders geworden.

In der Zusage vom Verlag kam ebenfalls die Form des Buches zur Sprache, doch diesmal quasi andersherum. Der Verleger schrieb: „Zunächst: vier von sechs Hrsg. stimmten für die Veröffentlichung. Der häufigste kritische Einwand: zu konventionell erzählt, … bzw. der Erzählstil wirkt zu altväterisch-geschlossen. Thomas Mann wurde bemüht. Was aber wiederum kein unehrenhafter Vergleich ist, finde ich.  Wir sind also mit Mehrheit dafür, Dein Buch zu machen. In welcher Ausstattung, müssten wir noch gemeinsam klären (Hardcover oder Softback? Welche Papiersorte & Format?).“

Da hatte ich also einerseits zu offen erzählt, zu aufgesplittert, andererseits zu altväterisch-geschlossen, beides erreicht mich an einem Tag. Nun finde ich zwar auch, dass der Thomas Mann-Vergleich nicht ehrenrührig ist, aber darum geht es mir gar nicht, denn beide Bücher haben ja nicht zufällig genau die Form, die sie haben. Ihre Form ist in beiden Fällen ja von mir gewollt, ist nicht entstanden, weil ich zufälligerweise nicht anders schreiben kann. Hier liegt das Problem! Und es ist wirklich eines, ein großes zudem. Man kann sich nämlich gar nicht mehr vorstellen, dass ein Autor in der Lage sein könnte, seine Texte in unterschiedlichen Stilarten, Erzählhaltungen, erzählerischen Strukturen und Formen zu verfassen. Wenn man sagt da sei etwas zu „altväterisch-geschlossen“, dann soll das ja heißen, der Gogolin schreibt eben so, schreibt grundsätzlich altväterisch-geschlossen. Das ist aber natürlich völliger Quatsch. Man müsste sich nur mal meinen bisher letzten veröffentlichten Roman „Der Mann, der den Regen fotografierte“ ansehen. Dann würde man nämlich finden, dass man dort ein Buch vor sich hat, dass derart temporeich aus einem ganzen Dutzend verschiedener Perspektiven erzählt, dass jedem Thomas Mann Freund unter der Lektüre die Ohren wegfliegen.

Bei mir ist jeder Roman anders, ich gehöre nicht zu den Autoren, die allenfalls eine einzige Schreibweise beherrschen. Meine Bücher sind jeweils anders als die vorhergehenden, und sie sind es, weil jeder Stoff seine ganz eigene Form benötigt, ohne die er gar nicht geschrieben werden könnte. Der Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ ist so in sich geschlossen, weil er ein hochverdichtetes Geschehen erzählt, nämlich eine Romanhandlung, die sich innerhalb von nur 24 Stunden abspielt, darin wird in einer einzigen Nacht die Konfrontation zweier Personen inszeniert, von der eine am Ende tot ist. So etwas MUSS man in einer streng geschlossenen Form erzählen, liebe Leute. Mit Thomas Mann hat das gar nichts zu tun. Es ist vielmehr die notwendige und einzig mögliche Erzählform für diese Geschichte.

Nun werden manche Leser hier vielleicht sagen: Was will der Gogolin überhaupt? Soll er doch froh sein, dass sein Buch angenommen ist. Was meckert er da herum. Ist doch schietegal, was die kritisiert haben, wenn sie das Buch trotzdem machen. Aber so ist es nun mal nicht. Ich schreibe halt nicht irgendwelche Bücher, deren Form unwichtig ist. Und es ist ein Symptom unserer Zeit, dass das gar nicht mehr begriffen wird, weil es die Leser längst nicht mehr interessiert und die meisten Autoren von ihrem handwerklichen Können her gar nicht mehr in der Lage sind, sich solche Fragen zu stellen. Das ist alles sehr bedauerlich.

Nun gut, ich weiß, ich werde daran nichts mehr ändern können. Schon Hubert Fichte sagte, er schreibe für eine Zeit, die nicht mehr lesen könne und vermutlich gar keine Augen mehr habe. Wissen Sie noch, wer Hubert Fichte war? Na, hab ich mir doch gedacht.

Bleiben Sie trotzdem glücklich
(es geht nur ‚trotzdem‘)

wünscht Ihnen Ihr PHG