Die Erfahrung des Erhabenen

Mittwoch, 2. Mai 2018

Die letzten Tage brachten wieder Stürme, die so hier im Rheintal kaum üblich sind. Aus den Bäumen vor meinem Arbeitszimmerfenster wurde ein immer wieder in wuchtigen Wellen bewegtes Wogen, bei dem sich alle Farben des Laubs über Stunden vermischten.

Warum nur erinnere ich mich so deutlich an viele Stürme, vor allem Herbststürme, in meinem Leben? Bis in die ersten Bremer Jahre und dann später in Hamburg sind ganz genaue Bilder in mir. Vermutlich gehört das zu den Erfahrungen des Erhabenen, die uns zuteil werden, wenn wir vor gewaltigen Naturereignissen stehen, sich überwältigende Landschaften vor uns auftun oder wir hohe Berge aufragen sehen, den unendlichen gestirnte Himmel erblicken oder das gepeitsche Meer erleben – und ja den Sturm, der die Bäume niederzureißen droht. Wir erleben unser Kleinwerden vor der Natur.

Raoul Schrott schreibt in „Erste Erde“ von der Kontinentalverschiebung, die die Berge wachsen lässt, die Platten auftürmt, als seien die so entstehenden Gipfel und steilen Wände wie Wellen aus Gestein, die wir nur deshalb für fest und stabil halten, weil unser geringes Zeitmaß des menschlichen Lebens nicht die Wahrnehmung gestattet, dass da alles ständig in Bewegung ist. Die Gebirge als Wellen aus Gestein, die sich so langsam bewegen, dass wir es nicht erfassen können.