Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen

Wiesbaden, Mittwoch 16. Mai 2018, bei Vivaldis 
'Juditha triumphans' mit Magdalena Kožená als Juditha

Angesichts der gegenwärtigen Ereignisse um den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels erscheint mir Vivaldis Oratorium   (er nannte es genau: Sacrum militare oratorium, als könne es so was überhaupt geben) seltsam passend; dabei hatte ich nur den wunderbaren Mezzosopran von Magdalena Kožená wieder einmal hören wollen, und Vivaldis Juditha war das erste Ergebnis, das mir die Suche in meinem iTunes-Archiv lieferte.

Sie wissen vermutlich, es ist die Geschichte um Judith und Holofernes, des Feldherrn des assyrischen Königs Nebukadnezars, der gegen Israel zieht und dort die einzige noch Widerstand leistende Stadt Bethulien belagert und beschießt. Judith geht zu ihm, um ihn um Gnade anzuflehen. Holofernes verliebt sich in sie, und Judith geht zum Schein darauf ein. Er lässt ein großes Gastmahl auffahren, isst und trinkt mit ihr und schläft dann ein. Als er eingeschlafen ist, schneidet Judith ihm den Kopf ab und kehrt in die von ihr gerettete Stadt zurück. Der volle Titel Vivaldis heißt dann auch „Die über die Barbarei des Holofernes triumphierende Judith„.

Das großartige Bild der Artemisia Gentileschi ist vermutlich bekannt. Das Buch Judith im alten Testament berichtet davon.

Ich halte diese Darstellung freilich für in mehrfacher Weise geschönt. Zum einen glaube ich nie und nimmer, dass sich Holofernes in Judith verliebt hat. Er war ein kriegserfahrener Soldat, der sich nicht erst verlieben musste, um eine Frau zu begehren und zu bekommen. Solch romantische Rücksichtnahme war ihm sicherlich gänzlich fremd, und Vivaldi bzw. sein Librettis Iacopo Cassetti haben das gewusst oder doch stark vermutet. Warum hätten sie ihn im Titel des Oratorium sonst der ‚Barbarei‘ beschuldigen sollen. Wäre er wirklich verliebt gewesen, dann hätte er viel eher für ein Lustspiel mit dem Titel „Wie der verliebte Feldherr den Kopf verlor“ herhalten können.

Kurz, dieser assyrische General wird die um Gnade flehende Juditha vielmehr vergewaltigt und sich danach besoffen haben.

Und der zweite Punkt, den ich nicht glaube, ist der, dass Judith nichts als die Absicht hatte, ihre Stadt zu retten. Sie wird um Gnade ersucht haben, aber zur Tat geschritten ist sie erst nach der Vergewaltigung, als Holofernes sie für besiegt hielt und sich betrank. Da hat sie die Gelegenheit ergriffen und sich gerächt. Was wirklich vorgefallen war, hat sie wohlweislich verschwiegen, denn sie wusste ganz genau, dass das niemand erfahren durfte. Als geschändete Frau wäre sie von den Bürgern ihrer Stadt verstoßen worden, selbst wenn sie ihnen zehn Köpfe von besiegten Assyrern gebracht hätte.

Ich denke, dies ist ein ganz typisches Beispiel für das, was Christa Wolf mit ihrem Satz „Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ meinte. Machen Sie sich einen Reim darauf, liebe/r LeserIn, wenn Sie sich demnächst unter der Lektüre vielleicht mal wieder fragen, was den Autor getrieben haben mag, das zu erzählen, was er da erzählt. Und falls Sie den Eindruck haben sollten, dass da etwas Schlimmes erzählt wird, so können Sie sicher sein, dass das, was wirklich geschehen ist, weit schlimmer war.

Denn so wie es gewesen ist, kann man es nicht erzählen. Und außerdem würde die Energie, körperliche und geistige Energie, die es braucht, meist über viele Jahre braucht, um etwa einen Roman zu schreiben, gar nicht ausreichen, wenn hinter all dem nicht etwas viel Größeres stehen würde.

Ich arbeite inzwischen wieder seit fünf Tagen an der Korrektur meines Romans „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, den ich im August 2014 in Domburg, direkt nach dem Abschluss des Roman-Manuskriptes Der Mann, der den Regen fotografierte„, begonnen habe.

Diese Korrektur ist durchaus schmerzhaft – man kann es vielleicht sehen, ganze Seiten werden gestrichen -, doch wird das Buch mit jedem Strich besser.

Abgeschlossen habe ich das Manuskript des  Bruderromans erstmals letztes Jahr im April. Und nun sitze ich da und mache das Buch druckfertig, damit es demnächst, wie angekündigt, beim Hamburger Verlag EXPEDITIONEN erscheinen kann. Das werden dann also vier Jahre sein, wenn es erscheint. Vier Jahre. Überlegen Sie mal. Wann haben Sie sich zum letzten Mal eine Arbeit vorgenommen und auch durchgeführt, die niemand von Ihnen verlangt hat, und die dann vier ganze Jahre Ihres Lebens verbraucht hat. Wann haben Sie das getan? Haben Sie es jemals getan? Verstehen Sie mich bitte richtig. Es geht mir nicht darum, mich für diese Arbeit zu loben. Ich möchte nur den Versuch einer Andeutung machen, was das für eine Arbeit ist, die man als Autor da unverlangt macht.

Nun, egal, weiter im Text – ich habe noch viele Seiten vor mir und Vivaldis Juditha ist gerade siegreich ans Ende gekommen.

PS: Judith hätte nicht zu Holofernes gehen müssen, das muss man sich klar machen. Sie hätte wie alle anderen hinter den Mauer ihrer Stadt hocken bleiben können.

Bleiben Sie glücklich

wünscht Ihr PHG