Totensuche

Wiesbaden, Montag, 2. Juli 2018, bei Bob Dylans
"Tell Tale Signs"
Open doors lead into nothingness

Morgen steht nun unsere Polenreise bevor, in deren Verlauf wir auch nach Auschwitz fahren werden. Ich schrieb bereits im vergangenen Jahr darüber. Das Erschrecken, von dem ich damals erfasst wurde, ist nicht wirklich gewichen. Und zu erkennen, auf was diese Reise hinauslaufen wird, vermag ich natürlich auch nicht.

Heute bin ich noch einmal einige der Daten durchgegangen, die mich auf der Reise begleiten werden. Zuerst natürlich den Eintrag des ermordeten Edmund Gogolin, der die Häftlingsnummer 20743 trug.

 

Allein, dass ich nun für den Rest meines Lebens die Nummer eines ermordeten Auschwitz-Häftlings, der den Namen meines Vaters trägt, auswendig weiß, erschreckt mich. Und das Wissen, dass er nicht wirklich mein Vater war, sondern ein Namesvetter, der ermordet wurde, als mein Vater gerade 14 Jahre alt war, ändert nichts daran, dass er nun zu meinen Toten gehört, deren Schicksal ich nachgehen muss.

 

Der andere Edmund Gogolin ist in Rypalki geboren worden. Den Ort Kretki Duze, den ich als ersten Wohnort meines wirklichen Vaters und seiner Familie habe, liegt knapp 12 Kilometer nördlich davon. (Die blau markierte Route zeichnet den Weg nach.) Eine Entfernung, wie mein Bruder D. einmal sagte, die man damals zwar „nicht alltäglich zurücklegte“, aber wenn, dann war es  mit zwei Stunden Fußmarsch gut zu machen.

Ob ich in der Auschwitz-Database mehr über ihn werde herausfinden können, das weiß ich nicht. Vor allem aber verzeichnet die Suchmaschine der Auschwitz-Webseite keinen anderen Gogolin. Was vermutlich bedeutet, dass Grete, Käthe, Horst, Heinz und Hannelore, meine anderen Toten, die laut Yad Vashem während der Shoah ermordet wurden, nicht in Auschwitz sondern anderswo umkamen. Ich habe zu Jahresbeginn bereits aus Anlass meines Romans „Kinder der Bosheit“ über sie geschrieben und damals auch vermerkt, dass ich ihre Geschichte noch werde schreiben müssen.

Das ist letztlich der Auftrag. Und das ist auch der tiefere Grund meines Erschreckens, denn wäre mir dieser Auftrag gegeben worden, als ich, sagen wir mal, fünfzig Jahre alt war, dann hätte ich dem mit einem anderen Horizont begegnen können als jetzt, da ich auf mein siebzigstes Jahr zugehe und nicht weiß, ob ich ihn noch werde erfüllen können. Aber letztlich ist das eine unsinnige Berechnung, denn es ist nun mal wie es halt ist. Und außerdem ging es für mich, als ich fünfzig war, selbst sehr nahe ans Sterben. Der Gedanke an solch ein Arbeitsprojekt wäre damals völlig unsinnig gewesen und hätte meine Verzweiflung nur ins Unermessliche getrieben. Insofern passt es jetzt sehr viel besser, aber es ist natürlich trotzdem ein ‚Auftrag‘, der so ziemlich jede andere, sagen wir mal, Schreibabsicht über den Haufen wirft.

Angelegt habe ich bisher ein dokumentarisches Begleitbuch, das ich „Geh nicht zu früh nach Auschwitz“ nenne. Der Titel stammt vom Theatermacher Georg Tabori, mit dem meine Liebste gearbeitet und über den sie ein Buch geschrieben hat. Er hatte mit seinem Besuch in Auschwitz, wo sein Vater starb und er selbst wohl nach dem Willen der Nazis hatte sterben sollen, gewartet, bis er über achtzig war.

Man sieht also, ich bin mit dem, was da in diesem Monat noch auf mich zukommt, nicht so recht glücklich.

Bleiben Sie es trotzdem
wünscht Ihnen PHG