Die Pferde auf dem Hügel

Montag, 24. September 2018, mit Maria Callas und Verdis „Aida“

Nachdem die Liebste spät am Freitag nach einer Seminarwoche aus Murnau zurück war und am Samstag in Darmstadt ihren Vortrag über Annemarie Schwarzenbach, Autorin und Weltreisende, gehalten hatte, saßen wir am Abend noch beim Tee. Sie fragte, ob ich denn während ihrer Murnau-Woche auch für das Lektorat ihrer Erzählung „Die Pferde auf dem Hügel“ Zeit gefunden hätte. Ich hatte. So sahen wir das Lektorat dann gemeinsam durch.

Ihre Geschichte geht auf eine Episode zurück, die wir während einer Recherchenreise auf einer Dänischen Insel erlebt haben, im August 2015 schon, wobei sie auch das obige Foto gemacht hat. Wir unterhielten uns dann noch länger über den Text, und ich fragte sie, ob sie denn die analoge Geschichte kenne, die ich nach der Reisen vor drei Jahren geschrieben hatte. Sie war erstaunt und wollte sie hören.

Die Geselligkeit der Mörder

Ich musste im Computer lange suchen, fand den Text zuerst gar nicht, bis ich dann feststellte, dass es sich dabei um das 3. Kapitel in meinem Roman „Die Geselligkeit der Mörder“ handelt.

Ich las vor, bis der Text nach knapp 900 Wörtern abrupt abbrach, mitten im Satz. Was war das? Ich wollte es zuerst darauf beruhen lassen, angefangener Roman, drei Kapitel, letztes hört einfach auf. Na und? Kommt doch öfter vor. „Kaum fünf Minuten später fanden sie den Hof der Knudsons. Er tauchte links der Straße wie in einem Traum vor ihnen aus den Feldern, und alles wirkte, als …“ stand da. Als hätte just in diesem Moment der Postmann zweimal geklingelt. Na egal, was soll’s.

Aber die Liebste insistierte. Warum brach das einfach so ab? Warum mit einem unvollendeten Satz? Was war da geschehen, in diesem Moment? Und dann befragten wir uns und den Kalender, gingen die Ereignisse der letzten Jahre durch. Und wir fanden es heraus. J. erinnerte sich plötzlich sogar an den Moment, da ich am Nachmittag zu ihr ins Arbeitszimmer gekommen war. Sie hatte gerade mit einer Freundin telefoniert und mit ihr gemeinsam sehr gelacht. Das hatte ich unterbrochen, um ihr mitzuteilen, dass ihr Vater angerufen habe. Die Mutter war in der Stadt gestürzt und gerade ins Krankenhaus eingewiesen worden. Und damit versank dieser Romananfang in den Falten der Zeit.

Die Ausgrabung der letzten 3 Jahre

Ich habe heute alles genau rekonstruiert, alles augegraben. In den drei Jahren, seit der Reise nach Dänemark, die die Idee für diesen abgebrochenen Roman geliefert hat, sind so viele Dinge geschehen, dass mir schwindelig wird, wenn ich es mir vor Augen führe. Eine eigene Erkrankung mit drei Wochen Antibiotikagabe, die mich sehr geschwächt hat. Dann die wochenlange Schlussphase der Krankheit meiner Mutter, die ich bis zu ihrem Tod begleitet habe. Darauf dann eine Operation beider Augen, die mich für Wochen lahmlegte, mit völliger Computer-Abstinenz. Das ich in dieser Zeit überhaupt an diesem Schreibprojekt hatte arbeiten können, war schon fast erstaunlich. Dann folgte der Sturz der Schwiegermutter, den sie zwar überlebte, doch begann damit die Endphase im Drama der Schwiegerfamilie.

Im Monat nach dem Sturz der Schwiegermutter wurde mein Arbeitszimmer für eine Renovierung ausgeräumt, die bis in den August dauerte. Bis wir im Januar darauf damit begannen, neue Regalwände aufzubauen, war mein Arbeitszimmer für mindestens ein halbes Jahr verschwunden. Und kaum hatte ich damit begonnen, wieder etwas an eigene Arbeit zu denken, da starb der Schwiegervater. Die Folgen davon dauern noch an.

Seither sind vier größere Reisen dazugekommen, nach Hiddensee, nach Frankreich, nach Murnau und nach Polen. Alles zusammen hat ausgereicht, um mich im Grunde fast vergessen zu lassen, dass ich diesen Roman überhaupt jemals begonnen hatte. Zumal ich außerdem allein im ersten Halbjahr 2018 zwei andere Romane druckfertig gemacht und eine hundertseitige Novelle geschrieben habe.

Was soll man dazu sagen, außer, dass ich da wohl ein Fragment für den Nachlass produziert habe. So meine Liebste, wenn sie dereinst damit beginnen sollte, meinen sogenannten Nachlass zu sichten, überhaupt noch in der Lage sein wird, diese alten Dateien zu öffnen usw. Vielleicht sollte ich mal einen Programmierer fragen, ob er mir nicht ein Löschprogramm schreiben könnte, dass so ein Jahr nach meinem Tod automatisch alles auf dem Rechner ausradiert, um sie von all dem zu befreien.

Ich tue es nur deshalb nicht, weil ich nicht weiß, ob sie das glücklicher oder im Gegenteil unglücklicher machen würde. Und letzteres will ich ja nicht.

Aber wir geben nicht auf. Wir fangen nochmal an.

Herzlich, Ihr PHG