Die Trauer des Buchbinders und der Asteroid ‚Ryugu‘

Mittwoch, 26. September 2018, bei Verdis ‚Aida‘, nochmals

Die japanische Sonde Hayabusa 2, so lese ich, hat zwei Landeroboter auf dem Asteroiden ‚Ryugu‘ abgesetzt.

Im Landeanflug

Das wird die Menschheit sicher einen Schritt voran bringen, also bei der Erkenntnis des Universums, seiner Entstehung usw., meine ich. Und natürlich bei der Ausbeutung der Rohstoffe, mit denen wir, beim heutigen Tempo der Entwicklung sicher in den nächsten 20 bis 30 Jahren beginnen werden. Leute wie mein Vater, der den größten Teil seines Lebens 1000 Meter tief unter der Erde mit dem Abbau von Kohle verbringen musste, werden dereinst auf Monden und Asteroiden in Bergwerke einfahren; denn letztlich geht es darum.

Unser Buchbinder wird dann schon lange tot sein. Wir waren gestern wieder bei ihm – so drei- bis viermal im Jahr bringen wir ihm Bücher unserer Bibliothek zum Restaurieren und Neubinden. Er stand in grauem Arbeitskittel an seinem mit Kleister verklebten Tisch, sortierte Papierlagen und war deprimiert. „Ich weiß nicht, wann ich eure Bücher machen kann. Morgen“, sagte er, „muss ich zu einer Operation ins Krankenhaus. Und in meinem Alter, da weiß man ja nie.“

Er ist 81 und arbeitet gemeinsam mit seinem Bruder seit Jahrzehnten in der eigenen Buchbinderei, einer der wenigen, die es überhaupt noch gibt. „Na, es wird schon gut gehen. Und wir haben es mit den Büchern nicht so eilig“, sagte ich. „Sie sind doch noch fit.“ Er ist ein kräftiger Kerl, der immer gearbeitet hat. „Meine Schwiegermutter ist jetzt 84“, sagte ich, „und die ist körperlich höchstens noch die Hälfte von Ihnen. Die hat gar nichts mehr zuzusetzen. Aber Sie.“

„Ach, ich weiß auch gar nicht, ob ich will“, entgegnete er. „Ich habe so viele Enttäuschungen erlebt. Vielleicht wäre es besser …“

„Wie geht’s denn Ihrem Bruder“, versuchte ich ihn abzulenken. Der Bruder war vor zwei Jahren sehr krank gewesen, er hatte ihn jeden Tag in der Klinik besucht und die Buchbinderei nur noch halbtags geöffnet gehabt. „Der ist noch da“, sagte er, „dem geht’s gut. Aber der hat ja auch noch seine Frau. Er hat mehr Glück im Leben gehabt. Bei mir …“

Ich erinnerte mich, dass er vor Jahren, als wir ihn kurz vor den Feiertagen zu Jahresende besuchten,  erzählt hatte, dass er sich vor den Weihnachtstagen fürchte. Er habe mal, um an Heilig Abend nicht allein zu sein, gedacht, ach, da fahre ich in den Rheingau raus und esse irgendwo schön. Aber das habe nicht geklappt. Alles sei geschlossen gewesen, er habe vor der Tür gestanden und musste zurück in seine Wohnung.

Er beschnitt die Kanten eines unserer Bücher. „Ich habe hier immer einen Kunden gehabt“, sagte er dabei. „Das war ein ehemaliger General mit einer schönen Bibliothek. Die letzten restaurierten Bücher hat er nicht mehr abgeholt. Er ist in den Wald gefahren und hat sich dort auf dem Ansitz eines Jägers erhängt.“

Natürlich wünschten wir ihm alles Gute, versuchten ihn aufzumuntern, fragten nach dem Krankenhaus, er wusste es erst gar nicht, mit Hilfe meiner Liebsten kam er dann auf den Paulinenstift. Dafür müsse er am Abend noch den Koffer packen, wie schnell man was vergessen könne, die Zahnbürste …

Jetzt liegen unsere Bücher bei ihm im Regal, mit einem roten Gummiband darum, unter das ich einen Zettel mit unserer Telefonnummer geschoben habe. Wir hoffen auf seinen Anruf.

Von Ryugu werden wir bis dahin sicher schon neue Bilder haben.