Notate

v.l. 1.) Autor mit Laptop, 2.) der Sänger Orpheus und 3.) Apollo, der Gott, der auf die Form achtet.
Attische Kylix — v.l. 1.) Autor mit Laptop, 2.) der Sänger Orpheus und 3.) Apollo, der Gott, der auf die Form achtet.
Die Literatur ist niemals Sache eines einzelnen Subjekts.
Mindestens drei Akteure gehören zu ihr: die schreibende Hand,
die sprechende Stimme und der Gott, der überwacht und gebietet.
(Roberto Calasso: Die Literatur und die Götter)

Anfang 2014 habe ich begonnen, ein Heft mit sporadischen Aufzeichnungen zu füllen. Es sind Gedankensplitter, Beobachtungen, Anmerkungen, Zitate, Lektürefetzen, mitunter auch Schlussfolgerungen, ohne dass die vorhergehenden Prämissen genannt werden. Nehmen Sie die Texte nicht als bleibende Wahrheiten, denn morgen passiert mir oder Ihnen vielleicht das Gegenteil.

PS: Die Aufzeichnungen sind chronologisch von unten nach oben geordnet, ohne dass ein Datum genannt wird und die Chronologie etwas bedeutet. Zitate sind gekennzeichnet.



Schreiben bedeutet zu wissen, daß man sich nicht im gelobten Land befindet und es auch nie erreichen wird, aber dennoch beharrlich den Weg in dessen Richtung weiterzugehen, durch die Wüste. (Claudio Magris: Die Welt en gros und en détail)


… er sah so ausgemergelt aus wie ein Schauspieler bei Tageslicht. (Henry James: Die Madonna)


…denn das menschliche Gehirn kann zur besten aller Folterkammern werden, die es erfunden, eingerichtet und in Millionen von Jahren, in Millionen von Ländern,  an Millionen schreiender Kreaturen ausprobiert hat. (Nabokov: Ada)


Es gibt Realitäten, die dürfen nicht ausgesprochen (nicht veröffentlicht geschrieben) werden, obwohl jeder sie weiß, wenigstens spürt. Das Verbot besteht aber nicht etwa, weil die Nennung allgemein bedrohlich wäre (da wäre sie vielmehr befreiend), sondern weil sie das Bild angreifen, das jeder von sich selbst gegen sich selbst aufrechterhalten will. In dem Ruf nach Verschlüsselung schallt der unbedingte Wille zum Betrug. Gegen sich selbst. Gegen andere. Damit Mensch bleiben kann, was man gelernt hat, daß Mensch sei. Auch und gerade, wenn Mensch s o nicht existiert. (Alban Nikolai Herbst)


Wo kommst du her? Ich weiß nicht. Ich bin falsch abgebogen.


Die Mutter ist Gott, in den Augen eines Kindes.


Am Ende des Tages steht immer die Unabwendbarkeit des Heimwegs.


Es ist gewiß, daß nicht selten autobiographische Äußerungen verkappte Fiktionen, „private“ Mythen, Phantasmen, bewußte Provokationen, kurz: Irreführungen sind; sie erfüllen die Funktion einer Selbstentäußerung, um den Autor gleich einem Tintenfisch um so besser zu verbergen. (Bernd Mattheus: Georges Bataille – Eine Thanatographie I)


Der Kaulbarsch ist nur ein kleiner Fisch, aber der Beste für die Suppe.


„Was siehst du?“ fragte er, als er spürte, dass sie ihn ungewöhnlich lange anschaute. „Die Schönheit der Verwilderung.“ antwortete sie.


Er erwachte von der nächtlichen Serenade des in der Küche tropfenden Wasserhahns.


Niemand wird je wissen, von welchem Geheimnis aus ich schreibe, und daß ich es ausspreche, ändert nichts daran. (Jacques Derrida: Circonfession)


„Mein Herz wurde schwarz.“ (geflüchteter IS-Kämpfer)


Am Nebentisch: „Und als dann der Vulkanausbruch kam, da war uns der ganze Urlaub verdorben.“


Als er, im Café sitzend, plötzlich bemerkte, dass um ihn herum nur englisch gesprochen wurde, da war er unvermutet mit dieser behäbigen hessischen Stadt ganz ausgesöhnt.


Er fühlte sich seltsam zufrieden, nachdem er seinem weltreisenden Freund, der gerade im Indischen Ozean unterwegs war, online eine Nachricht auf seine Webseite geschrieben hatte, über die dieser täglich mit der zurückgelassenen Welt kommunizierte. Ob es denn schon so war, dass das Internet bis in die eigenen Emotionen reichte?


Du sollst, um die Wahrheit sagen zu können, das Exil vorziehen. (Nietzsche)


Ein Kampf mit den Geheimdiensten ist wie ein Kampf mit Spiegeln. Nirgendwo gibt es Wahrheit.


Es ist ein absoluter Mythos, dass der Mensch von Natur aus neugierig und auf die Wahrheit aus sei und vor allem wissen möchte. Angesichts einiger anerkannter Bedeutungen von „wissen“ gibt es in der Tat eine ganze Menge Zeug, von dem wir nichts wissen wollen. Beleg dafür ist die ungeheure Zahl sehr grundlegender Fragen und Themen, über die wir nicht abstrakt nachdenken mögen. (David Foster Wallace: Georg Cantor)


Und wer durfte bei alle dem sich darauf berufen, er sei ein Künstler und behaupte in sich einen Weltinnenraum? Auf diese Front der Fragen kam dann die folgende Antwort: Schon indem ich, vor wievielen Jahren nun?, mich absonderte und beiseiteging, um zu schreiben, habe ich meine Niederlage als Gesellschaftsmensch einbekannt; habe ich mich ausgeschlossen von den anderen auf Lebenszeit. Mag ich auch bis zum Ende hier unterm Volk sitzen, begrüßt, umarmt, eingeweiht in seine Geheimnisse – ich werde doch nie dazugehören. (Handke: Nachmittag, S. 73)


Die alte Frau, die, auf der Bank in der Einkaufsstraße neben einem überquellenden Mülleimer sitzend, zu ihrem Dackel sagt: „Das ist ja unerträglich. Du wackelst schon genauso mit dem Kopf wie dein früheres Herrchen.“


Heute der Gedanke, dass ich, wenn es J. nicht gäbe, nirgendwo mehr dazugehörte. Es gibt für mich keinen Ort – schon gar keine Heimat -, an dem ich mit Gründen sein müsste. Ohne J. wäre ich wie losgebunden und würde von der Zeit wie vom Wind einfach fortgeweht. J. ist mein Ort in der Welt.


„Du gehst nach Namibia?“
„Ja, da kenne ich die Leute auch.“


Unsere Narben haben die Kraft, uns daran zu erinnern, dass die Vergangenheit Realität war.
(Hannibal Lecter)


Die Weltgeschichte ist voll von Intriganten, die an die Macht gekommen und von loyalen Menschen, die untergegangen sind.


Ich mag Auftragskiller. Egal, was man mit ihnen macht, man fühlt sich hinterher niemals schlecht. (Marv)


Man wartet mitunter lange auf etwas. Manchmal zu lange.


Einen Dieb stellte man bei Nacht / Und als man hat das Licht gebracht / Erkannt‘ ich meinen Sohn. / Gern hätte ich es abgewendet / Aber ich konnt‘ es nicht. (jap. Renga)


Der Himmel, sagte er, ist ein großes weit offenes Loch, in das die Wünsche der Menschen hineinfallen.


Kann eine lange Reihe von Siegen, über viele Jahre errungen, in der Summe eine Niederlage ergeben?


Wenn ich Lust zu der Arbeit verspürte, die ich heute aufnehme, fehlte mir wahrscheinlich der Mut, sie durchzuführen, weil ich nicht daran glauben könnte. Ich glaube nur an das, was mich Überwindung kostet. Ich habe nichts Brauchbares in dieser Welt vollbracht, was mir nicht zuvor nutzlos erschienen wäre, nutzlos bis zur Lächerlichkeit, bis zum Ekel. Der Dämon meines Herzens heißt – Wozu? (Georges Bernanos: Die Großen Friedhöfe unter dem Mond)


Du bist verloren, wenn du dem Befehl eines Narren folgst. (Achilles zu Patroklos)


Der Text, den Sie schreiben, muß mir den Beweis erbringen, daß er mich begehrt. Dieser Beweis existiert: Es ist das Schreiben. Das Schreiben ist dies: die Wissenschaft von den Wollüsten der Sprache, ihr Kamasutra (von dieser Wissenschaft gibt es nur ein Lehrbuch: das Schreiben selbst). (Roland Barthes: Die Lust am Text)


Angler sind Männer ohne Frauen.


Mein Erschrecken, als J. sagte, sie habe in ihren vier Jahren am Bochumer Schauspielhaus alles gelernt, was sie auch heute noch ausmache. Erschrecken vor allem über ihre Bestimmtheit und weil ich selbst von mir niemals sagen könnte, durch was ich so geworden bin, wie ich bin. Aber heißt das nicht, dass sie eine Geschichte hat, während ich mich nur auf einen ständigen Wandel beziehen kann?


– Ich glaube nicht an Gott.
– Das ist kein Problem. Er glaubt auch nicht an dich.
(Legion: Directed by Scott Stewart)


Wenn du einem Unheil begegnest, ist es gut, dem Unheil zu begegnen. Wenn du stirbst, ist es gut zu sterben. Dies ist die wunderbare Weise, dem Unheil zu entrinnen. (Ryokan)


Philosophie ist die Selbstkorrektur, die das Bewußtsein seiner eigenen anfänglichen Übertreibung der Subjektivität angedeien lässt. (A.N. Whitehead: Prozeß und Realität, S. 52)


A. schreibt mir, dass HS von einem meiner Romane „hingerissen“ sei. „Er ist hingerissen – wie ich’s vorausgesagt habe.“ Und ich, obwohl ich mich natürlich darüber freue, denke, was ist denn das für ein Wort? Dass jemand von meinem Buch ausgerechnet ‚hingerissen‘ sein könne, habe ich als letztes von allem erwartet. Kurz darauf schrieb mir HS selbst und meinte, das Buch habe ihn „überfahren“. Die Lektüre scheint also auf jeden Fall ein körperliches Ereignis ausgelöst zu haben.


Kein Fortschritt ersetzt das, wovon wir fortgeschritten sind.


Jeder Tag, an dem du nicht an den Tod denkst, ist ein verlorene Tag.


Es kann auch zuviel Realität geben.


Haben Engel behaarte Schenkel?


Verirrte Fliege im Zendo / Immer wieder stellst du / meine Geduld auf die Probe. / Weißt du wenigstens, was MU ist? / Keine Antwort ! / Keine Antwort. / Aber mit deiner Buddhanatur / spazierst du mir / auf der Nase herum.


Das raue Handtuch auf der Haut nach dem Duschen. / Der Geruch des Deodorants unter den Achseln. / Auf der Treppe im Erdgeschoss liegt Sonnenschein. / Am Briefkasten klappert die Postbotin. / Endlos ist die Fülle der Ereignisse. / Endlos die Fülle der Antworten.


„Der Kommunismus ist eine Idee, der Faschismus aber ist eine bloße Ausrede, eine angemaßte Freisprechung des täglich Bestialischen durch Ritualisierung desselben.“, schreibt Handke in der Geschichte des Bleistifts. Das ist zwar richtig, doch ist es für die millionenfachen Opfer der einen wie der anderen unterschiedlos ohne Belang. Und es kommt hinzu, dass jeder banale Serienmörder eine ‚Idee‘ zu haben und ihr zu folgen glaubt.


Zur „Insel Sachalin“: Angesichts der unmenschlichen Haftbedingungen in diesem russischen Arbeitslager schrieb Anton Čechov in einem Brief: „Heute weiß das gesamte gebildete Europa, daß nicht die Aufseher schuld sind, sondern wir alle ….“ – Wenn wir doch endlich dahin kämen, dies über uns zu sagen, angesichts der unvorstellbaren Flüchtlingstragödien, die sich überall abspielen. Sich dafür öffentlich zu schämen, ist viel zu wenig.


Die Zeit, die meine war, ist fast vergangen. Ich fang das letzte Rasseln ihres Atems auf.


Auf einem Schiff, das in die falsche Richtung fährt, kann man nicht weit in die richtige Richtung gehen.


„Worte sind da, um der Gedanken willen. Hat man den Gedanken, so vergisst man die Worte. Wo finde ich einen Menschen, der die Worte vergisst, auf dass ich mit ihm reden kann?“ schreibt Dschuang Dsi in ‚Das wahre Buch vom südlichen Blütenland‘. Nun widerspricht man ungern einem Weisen, aber Dschuang Dsi irrt natürlich, um nicht zu sagen, dass er schlechte Metaphysik betreibt. Ohne Worte, hat er keinen Gedanken. Und reden könnte er ohne sie schon gar nicht, mit Niemandem. Er wäre gedankenlos und stumm. Ach ja, guter Dschuang! Selbst um Dir das Verschwinden der Worte zu wünschen, brauchst Du Armer die Worte.


Hier ist alles Geschäft. Und das Billigste dabei ist der Mensch.


Was ist dein größter Schmerz? Dass man mich nicht braucht. Wischt sich mit einer heftigen Bewegung die plötzlichen Tränen aus dem Gesicht.


Im Zug sitzt mir gegenüber ein Mann mit einer Krawattennadel aus Gold quer über dem unordentlich gebundenen Schlips. Als ich nach einem Wort suche, um ihn zu beschreiben, fällt mir prompt das sicher fünfzig Jahre nicht mehr gehörte und schon gar nicht benutzte Wort „Ganeff“ ein. Wieviel jiddischen Jargon wir doch in meiner Kindheit noch gesprochen haben.


Das digitale Prinzip ist reine Zeichensequenz: Hat es seine Herrschaft auf alles ausgedehnt, wissen wir nicht mehr, welche Erde uns trägt – wenn es dann noch eine Erde gibt. (Roberto Calasso: Der Untergang von Kasch)


Wir alle sind nur Schatten an der Wand, die inzwischen den naiven Kinderglauben an den unsichtbaren Schattenspieler längst verloren haben.


Kaum hat der Narr seine Maskierung abgelegt, macht er die schmerzliche Erfahrung, dass es nicht etwa der Fasnachtstrubel sondern der Alltag ist, in dem wir uns verstellen, dass wir alle tagein, tagaus Masken tragen und dass wir unser wahres Gesicht vielleicht nur einmal im Jahr für ein paar Stunden hinter der Fasnachtsmaske zeigen.


Eingesammelt werden zu den Vätern.


Alle schlechten Gedichte sind ehrlich.


Man wird zum Schriftsteller, wie Gregor Samsa zum Käfer geworden ist.


Eine gute Oper ist ein dichtes Geflecht von Emotionen, die von Musik transportiert werden.


Inspiration, diese Fliege, die auf den Frosch wartet.


Es ist ein allgemeiner menschlicher Fehler, anderen seine Absichten anzuvertrauen, auch wenn Schweigen am Platze wäre. (Spinoza: Theol.-Pol. Tr. XX, S. 300 – 301)


Der eigentümliche Reiz, den das Thema des zweiten Satzes aus Schubert Sinfonie Nr. 2 B-dur auf mich ausübt. – Es erfüllt sich nichts. Die ganze Sinfonie besteht aus Erwartung.


Jemanden lieben – und ihn in Ruhe lassen.


An der Aufmerksamkeit, die ich vom Schriftsteller fordere, ist auch etwas Beschämendes, weil man in dem Augenblick, da man sie hat, zugleich begreift, wie fürchterlich unaufmerksam man davor war und auch danach wieder sein wird.


Die Scheibe Salami, die der Frau am Nebentisch von der Pizza rutschte, während sie aß, als sei ihr plötzlich die Zunge aus dem Mund gefallen, als trage sie eine Zungenprothese, die sich selbständig gemacht hatte.


Warum hat Hitler nicht begriffen, dass er Alberich ist? (Wapnewski)


Schreiben heißt, mit einem unbekannten Gesicht in die Welt hinaussehen.


Er habe, sagte er nach der Scheidung, irgendwann einfach keine Lust mehr gehabt, sich in sie hinein zu betteln.


Dass der harmlose Mitreisende im Speisewagen des Zuges mir so ganz und gar zuwider wurde, als die Kellnerin ihm den Teller mit den „Königsberger Klopsen“ hinstellte und mir der abstoßende Geruch der fadgrauen Fleischkugeln in die Nase stieg.


Zu keiner Zeit hat die Frau so sehr zur Dekoration gedient, wie während des Jugendstils.


Ich habe mich redlich bemüht, die Handlungen der Menschen nicht zu verlachen, nicht zu beklagen, nicht zu verabscheuen; ich habe versucht, sie zu begreifen. (Spinoza)


Plötzlich fiel ihm auf, dass er unter den Hunderten von Menschen, die den Platz belebten, der einzige war, der schrieb. Und das war natürlich immer so gewesen.


Der Text, dachte er, ist mir immer wieder Bild meiner Entmachtung.


Die Obdachlosen in den Schnellrestaurants und Marktplätzen der Bahnhöfe, sie sitzen still in den Ecken  und versuchen, sich unsichtbar zu machen. Bringt jedoch ein Gast sein Tablett zur Geschirrablage, so sind sie Sekunden später dort, inspizieren alles auf essbare Reste hin und nehmen die Pfandflaschen an sich.


Am Ende eines langen Tages in der Stadt war er erleichtert, als doch noch jemand an ihm vorbeiging, der ein Buch in der Hand hielt.


Willkommen sei dieser Schmerz, denn eines Tages wird er dir nützlich sein. (Ovid)


Wir wissen nun, daß auch die Zivilisationen sterblich sind und daß der Abgrund groß genug ist für alle. (Paul Valéry: Die Krise des Geistes)


Die Kontrolleurin im Zug zum Bistrokellner: Ich mag keinen Wein. Ich steh mehr auf Sex. Das ist der schönste Rausch.


Die irritierende Beobachtung, dass Staubpartikel im Sonnenschein, der in ein Zimmer dringt, nach oben statt nach unten zu fallen scheinen.


Lange Zeit lebte meine Mutter von Wundern.


Sie lächelte unter Aufbietung all ihrer Kraft, obwohl es sich anfühlte, als zerreiße ihr Gesicht.


Im Restaurant läuft auf dem Fernseher eine Kochsendung.


Die Tröstungen der Welt sind allesamt nur die Verpackung für unsere Angst.


Ein Mädchen mit dem Gesichtsausdruck einer sexuell frustrierten Manga-Figur saß mir in der S-Bahn gegenüber.


Es ist die Ironie der Politik, dass man oft gewählt wird, um das Gegenteil von dem zu tun, wofür man gewählt wurde.


Ich habe nie verstanden, warum man Menschen verlieren muss. Und ich habe es in meinem Herzen auch nie akzeptiert, obwohl es mir, häufiger vielleicht als üblich, geschehen ist. Seltsamerweise ist mir jeder Verlorene später wieder begegnet, sei es auch nur für kurze Zeit. Aber Verlorene sind es geblieben.


Der Schrecken, der mich am Mittag überfiel, als ich vom Selbstmord der Regisseurin hörte, die sich während der Proben – ihres eigenen Stückes – umgebracht hatte.


Nach Brecht ist die sogenannte platonische Liebe so etwas wie ein vegetarisch lebender Tiger. Ist dann die nicht platonische Liebe ein Fleisch fressender Tiger? Und was tut der Tiger, wenn das Fleisch gefressen ist? Und was tut die Beute des Tigers?


Eben wie elektrisiert von Handkes Satz auf der Seite 134 der Niemandsbucht: „Ein neues Erzählbuch, ich wünsche es mir.“ – Was sagt es, wenn einem dabei die Tränen kommen?


Plätze in der ersten Reihe bei einer ethnischen Säuberung.


Vergeblich klopft, wer ohne Wein ist, an die Tür der Musen. (Aristoteles)


Das ist die Theaterverwahrlosung, sagte sie. Zu manchen Zeiten gelingt es mir nichtmal mehr, mir meine Nägel zu schneiden. Einmal hätte ich eine neue Brille gebraucht und habe es über Jahre nicht mehr geschafft, mich darum zu kümmern.


Manche Menschen sind wie Hunde, die nachts im Mondschein heimlich Knochen vergraben.


Die Liebe eines alten Mannes ist wie eine Blume im Winter.


Unsere größten Träume rosten am schnellsten.


Die Apsis der Kirche von Combray – kann man etwas darüber sagen? Sie war so plump …
(Marcel Proust, Recherche)


Dass einem die Demütigung auch zum Antrieb werden kann.


Die Welt nicht mehr erklären wollen. Erleichterung, als sei die Last eines ganzen Lebens von ihm abgefallen.


Der digitale Fernsehempfang im Café wurde immer wieder unterbrochen; die Bilder flogen in Fetzen über den Schirm. „Nicht bewegen“, sagte der Kellner lachend.


Das Paradies ist ein Ort der Unbewusstheit.


Sie wirkte, als habe sie bei eisiger Kälte den Bus verpasst.


Nach einer weitverbreiteten Theorie verliebt sich eine Frau immer in zwei Männer. In den Mann, der er tatsächlich ist, und in den Mann, den sie aus ihm machen möchte. Bei Männern ist es einfacher, weil sie lediglich erkennen müsen, dass die Frau, mit der sie zusammenleben, nicht die ist, in die sie sich verliebt haben.


Nachdem ich die ‚Etudes Australes‘ von John Cage gehört hatte, folgte auf dem Sender eine Arie (Mattinata: Wien, Wien, nur du allein) mit Pavarotti und Domingo, und ich fand plötzlich diese beiden Stimmen, die ich sonst so geliebt hatte, völlig unerträglich, sodass ich den Sender abschalten musste. Reinigung durch Cage.


Trotz der Schwärze, der allumfassenden Dunkelheit, auf die wir zugehen, immer wieder unser kurzes Leben hochhalten.


(c) Peter H. Gogolin: Jede Verfielfältigung, Nachdruck, Kopie ohne Zustimmung des
Autors untersagt - versteht sich hoffentlich von selbst.