Wagner pur, also heute mal ohne das Leben drumrum

06. Dezember 2011, Wiesbaden - Bei Carlos Kleiber - Verdi: La Traviata

Von “Der Ring des Nibelungen” hatte ich mir aus dem Shop der Metropolitan Opera in NY die Gesamtaufnahme mitgebracht, die Karl Böhm in den Jahren 1966 und 1967 während der Festspiele in Bayreuth aufgenommen hat. Es ist eine Opern-Markierung, die von diesem Planeten niemals wieder verschwinden wird, so man über Ohren verfügt.

Die Namen der Sänger sind wie ein Kompendium aus der Halle der Unvergessenen. Theo Adam, Birgit Nilsson, Leonie Rysanek, Wolfgang Windgassen, Martti Talvela, Josef Greindl, Marga Höffgen, Erika Köth, Martha Mödl und die unvergleichliche Anja Silja – um aus dem großen Aufgebot nur die Hälfte zu nennen, da sie meine privaten Lieblinge sind. Natürlich sind sie alle inzwischen aus dem aktuellen Opernbetrieb verschwunden und nur noch in den Audio-Archiven gegenwärtig.

Und ich würde mich wundern, wenn ein gegenwärtig hochgelobter Wagner-Sänger wie René Pape, dessen Sammlung mit Einzelaufnahmen aus verschiedenen Opern unter dem Dirigat  Daniel Barenboims, die ich in den letzten Tagen ebenfalls zweimal durchgehört habe, überhaupt noch weiß, was da vor ihm stimmlich geschehen ist. Seine Leistung in der Walküre ist mit “Wotans Abschied”  und dem “Feuerzauber” eher bescheiden. Im “Fliedermonolog” aus den Meistersingern gefällt er mir sehr, obwohl er fast an der Grenze zu einer zu großen Lieblichkeit singt. Das “Gott grüß euch” aus dem Lohengrin wirkt deshalb fast etwas flach, besitzt wenig Farbe. Jürgen Kesting würde wohl sagen, dass die Tessitura hier größer ist, als Pape seiner Stimme abverlangt. Er singt, als müsse er sich gerade hier schonen. Nun gut, soll es so sein. Niemand verlangt, dass er seine Stimme überbeansprucht. Aber warum steht er dann heute an dem Platz, an dem er steht? Die Parsifal- und Tannhäuser-Partien auf dieser CD gefallen mir sehr, halten sich aber durchaus im Rahmen und sind keinesfalls so überwältigend, wie er gegenwärtig von seiner Plattenfirma gehandelt wird. Vielleicht muss man aber auch einfach bedenke, dass Papes Stimmlage der Bass ist und er als Bass nicht gerade so markant aufzutreten vermag wie der Tenor.  Pape wirkt deshalb viel mehr, als sei er darauf versessen, als Bass das mögliche Belcanto eines Tenors zu erreichen. Damit gewinnt er sicher im Belcanto, verliert aber etwas in der eigenen Stimmcharakteristik. Wobei ja überhaupt noch zu fragen wäre, ob denn Wagner – und besonders der Ring – im Belcanto intalienischen Sinnes gesungen werden sollte.

Interessant ist, dass im Beiheft das von Jürgen Kesting geführt Interview mit Pape zu eben dieser Frage, die Wagner selbst so wichtig genommen hat, eigentlich nichts ergibt. Pape antwortet auf Kestings Frage in beiden Fällen, dass es da eigentlich keinen Unterschied gäbe. Man singt halt ‘schön’, einmal eben in dieser und dann in jener Sprache. Ich will hier nicht die Wagnersche Diskussion über die Unterschiede bezüglich der Vokale und Konsonanten im Deutschen und Italienischen wiederholen, aber kann es wirklich so einfach sein, wie René Pape es im Gespräch mit Kesting behauptet?

Allerdings war Böhms unvergleichlicher Ring und Papes Zusammenstellung aus Walküre, Meistersinger, Lohengrin, Parsifal und Tannhäuser nicht meine einzige Durchmusterung Wagners der letzten Tage, denn ich habe auch noch die Ring-DVDs der Bayreuther Festspiele von 91/92 angeschaut. Also die Barenboim/Kupfer Realisierung des Rings. Wozu ich einfach sagen muss, dass ich sie vermutlich nochmals werde sehen müssen, um ihr gerecht zu werden.

Ich halte ja sehr darauf, dass das Hören im Vordergrund steht. Entsprechend habe ich erst in der letzten Zeit auch DVDs gekauft, um mir einzelne Opern-Inszenierungen auch anzuschauen. Schon dass man jetzt von den “Inszenierung” sprechen muss, während man früher von verschiedenen “Einspielungen” eines Werkes sprach, zeigt ja, dass sich mit der Entwicklung der visuellen Medien eine Verschiebung vom Ohr zum Auge vollzogen hat. Ich fühle mich aber nach wie vor als ein ‘Schüler’ von Joachim-Ernst Behrendt und halte deshalb dafür, dass das visuelle Erlebnis/Ereignis das Hörerlebnis zu fördern hat. Wenn es das nicht tut, dann ist das Bild nichts wert. Und schon gar nicht ist es dem Ereignis des Ohres überlegen.

Ich weiß seit diesem Frühjahr, dass Andreas Baesler, bei dessen Peter Grimes-Inszenierung ich im kommenden Frühjahr hospitieren werde, als Opernregisseur in dieser Hinsicht eine Gegenpositition einnimmt. Er sagten mir ganz ausdrücklich, dass für ihn die Inszenierung und damit das visuelle Erlebnis im Vordergrund steht; dem gilt seine Arbeit als Regisseur. Er besäße zwar selbstverständlich auch sehr viele Opern-Einspielungen, doch würde er eigentlich außer zur Vorbereitung auf eine neue Inszenierung kaum jemals einfach so eine Oper nur “hören”. Das kann ich zwar verstehen, will sagen, ich kann es nachvollziehen, weil die Arbeitssituation dazu führt, aber es ist natürlich gänzlich falsch. Und ich bedaure es für ihn. Ich will das hier gar nicht weiter begründen bzw. untersuchen. Ich möchte nur mal den Gedanken zur Diskussion stellen, dass man also beim Inszenieren von Opern aus beruflichen Gründen zu der Haltung gelangen kann, dass an dem  Produkt “Oper” das visuelle Ereignis vor dem auditiven steht.

Das finde ich höchst kurios. Und ich kann darauf nicht besser antworten, als indem ich an die amerikanische Schriftstellerin Helen Keller erinnere, die das schwere Schicksal hatte, sowohl taub als auch blind zu sein. Auf die Frage, was von diesen beiden Behinderungen für sie die schlimmere sei, antwortete diese taubblinde Frau, ohne zu zögern, dass sei natürlich die Taubheit. Denn Mozart könne man schließlich hören! Für mich ist Helen Kellers Satz, dass man Mozart “hören” kann, derart evident, dass mir die Tränen in die Augen treten, wenn  ich daran denke. Es ist einfach das, was mit einem passiert, wenn man einer großen unabweißbaren Wahrheit begegnet.

Musikalisch überzeugt die Einspielung der Kupfer/Barenboim-Inszenierung von 1991 natürlich absolut, denn Barenboim ist in seinem Dirigat so präzise und plastisch, dass einem fast jede andere Einspielung verschwiemelt vorkommt, weich und romantisiert. Auch Levines großartiger an der Metropolitan Opera inszenierte Ring kommt dagegen kaum auf, denn Levine geht nicht analytisch vor. Er steht für eine original wagnerisch, illustrierende Aufführung. Das kann man begrüßen aber auch enttäuschend finden. Gegenwärtig steht an der MET ein neuer Ring unter James Levine bevor, der vielleicht spannender werden könnte. In der Ankündigun heißt es: For the first time in more than 20 years, the Met unveils a new Ring cycle. Robert Lepage’s groundbreaking production – the most ambitious production the Met has ever attempted – will be seen in its entirety, with a cast of the world’s greatest Wagnerian singers and Maestro James Levine on the podium.

  • Rheingold, Das – Saturday, April 7, 2012 – 9:00 PM
    Levine; Harmer, Blythe, Bardon, Margita, Siegel, Terfel, Owens, Selig, König
  • Walküre, Die – Friday, April 13, 2012 – 6:30 PM
    Levine; Voigt, Westbroek, Blythe, Skelton, Terfel, König
  • Siegfried – Saturday, April 21, 2012 – 11:00 AM
    Levine; Voigt, Bardon, Lehman, Siegel, Terfel, Owens
  • Götterdämmerung – Tuesday, April 24, 2012 – 6:00 PM
    Levine; Dalayman, Harmer, Cargill, Gould, Paterson, Owens, König

Doch zurück zum Ring von Barenboim/Kupfer: Gesanglich ist diese Aufnahme einwandfrei und hat wirkliche Größen, wozu für mich freilich John Tomlinson als Wotan nicht immer gehört, weder stimmlich noch im Spiel, das zu sehr auf die klischeehafte Figur eines Borsalino-Mafioso setzt, der sich unter einer kaputten Sonnebrille verbirgt. Aber auch das optische Erlebnis, das dieser Ring ohne Zweifel bietet, ist doch leider zu schnell verbraucht. So wirkt der Lichtkanal aus grünem Laserlicht im Rheingold anfangs überraschend und neu, aber dieser Effekt verbraucht sich ebenso schnell wie der, der durch den Umstand ensteht, dass die Riesen in dieser Inszenierung tatsächlich wirkliche Riesen sind. Denn die weitgehende Unbeweglichkeit nimmt Fasolt und Fafner eben wieder das, was sie im ersten Moment durch ihre monumentale Gestalt gewinnen. Hier wäre sicher die Einbindung kompetenter Figurenspieler notwendig gewesen, um diese Riesen wirklich beweglich zu machen und zum Beispiel ihre riesigen Arme und Hände so zu gebrauchen, dass sie sich nicht sofort der Lächerlichkeit aussetzen. Denn wenn das nicht geschieht, dann hat man trotz ihrer Größe unglaubwürdige Riesen, deren Hände nur irgendwie herabbaumelm und nicht mal die von Ihnen so begehrte Freya zu fassen vermögen.

John Tomlinson als Wotan stolziert über die Bühne wie ein etwas verfetteter Götz George, dessen auf dem einen Auge dunkle Brille zu plump seine partielle Blindheit symbolisiert. Durchgehend gefallen hat mir im Rheingold dagegen zum Beispiel Graham Clark als Loge, der wie ein kleiner, etwas molliger, in schwarzes Leder gehüllter schwuler SS-Blondkopf seine Intrigen spinnt; Loge ist perfide, aber eben deshalb äußerst stimmig inszeniert. Und stimmlich auch Wotan überlegen.

Nun, ich will das hier beenden, denn ich kann jetzt nicht den ganzen Ring besprechen, zumal ich nur einen schnellen Eindruck geben wollte und dafür schon viel zu sehr ins Detail gegangen bin.

Ich werde mich zudem ab jetzt sowieso mehr mit Benjamin Britten befassen müssen, da die Proben für die Oper “Peter Grimes” in Münster bereits am 10. Februar beginnen und ich auch schauen will, ob ich einen kleinen Essay für das Programmheft schreiben kann. Eine Britten-Unterseite meiner Webseite muss ebenfalls noch eingerichtet werden, da ich die Proben schreibend und fotografierend begleiten und zeitnah dokumentieren werde. Insgesamt ist da noch einiges an Vorarbeiten zu leisten. Nicht zuletzt habe ich noch keine Unterkunft in Münster. Nun, es wird sich finden.

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Das Meer der Geschichten

Wenn  man bedenkt, dass das ganze Leben ein Meer aus Geschichten ist, ja, dass jeder Tag voll von Geschichten ist, dann muss man zugeben, dass man als Autor an den Geschichten, die man irgendwann einmal für wert befunden hat, niedergeschrieben zu werden, in der Regel viel zu lange gearbeitet und auch hernach vor allem viel zu lange festgehalten hat – denn das Leben ist kurz.

Morgen werde ich am Nachmittag mit Bettina Römer, der Sprecherin meines Hörbuches mit phantastischen Erzählungen “Der Schatten Gottes”, ins Studio zu Radio Rheinwelle fahren, um das Buch vorzustellen, daraus zu lesen und in der Zeit von 15 bis 17 Uhr mit dem Moderator Rüdiger Heins zwischen Musiken von Keith Jarrett über Phantastische Literatur zu plaudern. Wer zuhören möchte, der kann das auf UKW über 92,5 Mhz tun. Oder am besten direkt über Webradio, also einfach auf die Seite des Senders gehen und sich in den Stream live einschalten.

Die Sammlung umfasst 12 Erzähltexte, die ich jetzt, nachdem die Hörbuchfassung in diesen Tagen auf der Verlagsseite und auf den Hörbuchportalen von audibel.de publiziert wird, endlich auch einmal als Print-Manuskript zusammengestellt habe. Es hat knapp 250 Seiten und wäre auch als Druckausgabe gut vorstellbar. Der Verlag erwägt es für das kommende Jahr, doch da bereits die Neuauflage des Romans “Seelenlähmung”, der im vergangenen Herbst von mir verschoben worden ist, sowie als neuer Roman “Das Herz des Hais” auf der Liste meiner Publikationen für 2012 steht, so wird dieser Erzählband in einer möglichen Druckfassung wohl noch etwas warten müssen.

Es ist freilich eh so, dass ich gar nicht mehr weiß, wann ich die einzelnen Geschichten dieses Bandes geschrieben habe; einige von ihnen sind sicher über zehn Jahre alt. Das liegt daran, dass ich zum einen Erzählungen sowieso immer nur zwischen größeren Werken schreiben konnte, also in der Zeit zwischen Romanen oder aber Theaterstücken. Meiner speziellen Freude an der klassischen phantastischen Erzählung bin ich dabei nur dann nachgegangen, wenn ich keine Mainstream-Story schrieb. Das hat natürlich damit zu tun, dass es angeblich für dieses Genre der Phantastischen Literatur gar keinen Markt mehr gibt, sodass ich die Texte recht eigentlich nur für mich geschrieben habe; da sind 12 Geschichten in etwa 10 Jahren schon viel. Und ich habe umso mehr gestaunt, als ich in der vergangenen Woche bei der Zusammenstellung des Manuskriptes für die mögliche Druckfassung feststellte, dass tatsächlich genau die Hälfte dieser Texte zuvor bereits in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlich worden waren.

Mir liegen diese Geschichten inhaltlich naturgemäß sehr am Herzen, aber ich spüre eben auch deutlich, dass sie für mich längst abgeschlossen sind und ich die Zeit, die ich damit auf Lesungen oder wie jetzt im Radio zubringe, eigentlich lieber für das Schreiben neuer Texte hätte. Aber das geht nun mal nicht, denn als Autor kann man heute froh sein, wenn man auch nur die Hälfte seiner Schreibzeit tatsächlich für das Schreiben zur Verfügung hat. Das Eintauchen in das Meer der Geschichten, das doch das Eigentliche sein sollte, gelingt also kaum jemals im gewünschten Maße.

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Geschenke, 57th Street Station und die Fahnenkorrektur

Donnerstag, 22. September 2011 - Wiesbaden: bei Galuppi "La Diavolessa"

Bei schönem Frühherbstwetter heute am Nachmittag in der Stadt, da ich noch zwei vorbestellte Geschenke abzuholen hatte, die für den Geburtstag der Liebsten im kommenden Monat eingeplant sind. Mit den Geschenken ist es bei mir immer so, dass es zwei, drei Monate vor dem Termin zu sprudeln beginnt. Mir fällt dieses ein, mir fällt jenes ein, und wenn sich dann der Tag der Geschenkübergabe zu nahen beginnt, dann haben sich da fünf oder sieben oder zwölf Geschenke angesammelt, sodass ich machmal schon selbst zu überlegen beginne, ob das nicht zu viel wird und das eine oder andere nicht für eine spätere Gelegenheit aufbewahrt werden sollte. Aber am Ende kann ich gar nicht anders, als mit allem, was ich da gefunden und mir ausgedacht habe, direkt vorzupreschen. Ich finde das Schenken einfach zu schön. Was übrigens auch erklärt, warum mir meine übersättigten Kinder immer so auf den Geist gingen, die auf meine über Jahre wiederkehrende Fragen, was sie sich denn wünschten, in der Regel nur mit einem “weiß nicht, wir haben schon alles” zu antworten wussten.

Nun egal, der Liebsten schenke ich mittlerweile seit 21 Jahren mit Begeisterung. Ich habe das mal in dem Gedicht “Wofür ich meine acht Leben brauche” zusammengefasst.

Wofür ich meine acht Leben brauche

Nummer Eins – zum Schreiben
das ist klar.

Zwei – zum Lesen
Jahr um Jahr.

Drei – verbringe ich
auf Reisen.

Vier – beim Trinken
und beim Speisen.

Fünf – mit meiner Lieb allein
die ist manchmal nicht daheim.

Sechs – verrate ich Euch nicht
das ist ganz allein für mich.

Das siebte endlich dann
zum Denken.

Und das achte? Wer wirds raten?
Das ist einfach zum Verschenken!

Weil das Schenken schöner ist
als ein fetter Gänsebraten.

Kurz, ich freue mich bereits sehr auf die Rückkehr der Liebsten nach ihrer Premiere am 30. 09. in Stuttgart und dann auf den Geburstag am 09. Oktober. Bisher sind fünf Geschenke beisammen. Ein weiteres wartet noch in Regensburg. Außerdem werde ich natürlich für uns kochen. Fragen, wen sie einladen möchte, muss ich sie auch noch.

Bin inzwischen mit der Fahnenkorrektur der “Seelenlähmung” gut vorwärts gekommen und kann davon ausgehen, dass ich bis zum Wochenende spätestens mit allem durch sein werde, sodass Leander das Buch druckfertig machen kann. Ja, ich habe es sogar geschafft, zwischendurch einen schönen Anfang meiner ersten Story für den Erzählband “57th Street Station” zu schreiben,

57th Street Station, New York

für den die Liebste und ich im August in Manhatten die Idee hatten. Wir werden einen Band mit Stories machen, der je zur Hälfte von ihr und mir bestritten werden wird. Die genaue Anzahl der Texte haben wir noch nicht festgelegt, aber unter einem Dutzend, also 6 von ihr und 6 von mir, sollte es nicht sein. Der Text, den ich jetzt begonnen habe, heißt “A soup of tomatoes” und geht auf eine Situation zurück, die wir tief in der Nacht auf der 6th Avenue erlebt haben.

Ach ja, Galuppis Oper, die ich nach wie vor höre, während ich dies schreibe, lohnt sich wirklich sehr. Sie hat 1755 in Venedig ihre Uraufführung erlebte. Galuppi (1706 – 1785) war zeitweilig der bekannteste Opern-Komponist seiner Zeit und hat über 100 Opern komponiert. Er ist ein wichtiger Komponist am Übergang von der Opera seria zur Opera buffa, von der venezianischen zur neapolitanischen Tradition. Aber man würde sich irren, wenn man ihn nur aus musikhistorischer Sicht wichtig findet, da sein Einfluss auf die Opera buffa unzweifelhaft bis Mozart und Rossini reicht. Die wenigen Einspielungen seiner Opern, die man heute noch findet, zeigen wie in der “Diavolessa” einen enorm großen melodischen Reichtum und eine dramatische Stimmführung, die fast schon die Wiener Klassik vorweg nimmt. Wollte man eine Entwicklungslinie von Monteverdi zu Mozart ziehen und darauf die Komponisten der Zeit nach der Maßgabe ihrer Formensprache eintragen, so befände sich Galuppi sicher ganz rechts im letzten Drittel, nicht weit von Mozart entfernt.

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Endlich in der Fahnenkorrektur

Dienstag, 20 September 2011 - Wiesbaden: bei René Papes erstem Wagner Album

Als ich der Liebsten vorhin am Telefon erzählte, dass am Abend nach dem Coaching von Leander die Fahne der “Seelenlähmung” zur Korrektur gekommen sei, da stöhnte sie auf. Denn natürlich wusste sie um meinen Kampf mit der Korrektur der Scan-Fassung des Romans, der nach unserer USA-Reise auf mich gewartet und mich wochenlang blockiert hatte.


Meinem ersten Eindruck nach kann ich jetzt aber sagen, dass es anders ist. Ich bin zwar erst auf der 15. Seite, sodass da durchaus noch etwas kommen könnte, aber ich bemerke doch, dass ich nun ohne großen emotionalen Stress an dem Text zu arbeiten vermag; kurz, ich kann ihn, zumindest bisher, ganz sachlich durchgehen. Deshalb habe ich auch die Hoffnung, dass ich diesmal recht schnell damit fertig werden könnte; also sagen wir mal, noch in dieser Woche. Ich habe, abgesehen von dem morgigen Coaching-Gespräch, das ab 12 Uhr mit Frau Z. in Australien stattfindet, für den Rest der Woche alle Termine gecancelt und werde mich nur noch dem Manuskript widmen. Das heißt, ich werde, so das Wetter mitspielt, am Nachmittag auch jeweils wieder für zwei Stunden ins Sportstudio traben.

PS: Habe das “First Wagner Album by ‘The Greatest Operatic Bass in the World’”, also die CD mit den Einspielungen aus der Walküre, den Meistersingern, dem Lohengrin, Parsifal und dem Tannhäuser, die René Pape allesamt unter Barenboim und der Staatskapelle Dresden gesungen hat, erstmal enttäuscht aus dem Laufwerk genommen. Pape wirkt auf dieser Aufnahme erstaunlich schwach auf mich. Und dabei hatte ich mir die CD gekauft, da ich so sehr gespannt auf ihn war und die CD zur Einstimmung für die Premiere des “FAUST” hören wollte, die im Dezember an der MET stattfindet, wo René Pape, neben dem wunderbaren Jonas Kaufmann in der Titelrolle, den Mephisto singen wird. Jonas Kaufmann hörte ich übrigens erstmals live als Florestan in der Fidelio-Inszenierung von  Andreas Baeslers, bei dem ich im kommenden Frühjahr bei den Proben zu Brittens Oper “Peter Grimes” in Münster hospitieren werde, um für meinen neuen Roman zu recherchieren.

So weit also vorerst dieser René Pape-Versuch. Bin kurzentschlossen musikalisch ganz umgestiegen und habe zu Bob Dylans  “Minnesota Tapes” gewechselt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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Lindqvist / Europäischer Rassismus / Wochenende in Berlin

Donnerstag, 15. September 2011 - Wiesbaden: bei Stravinskys "The Rake's Progress"

Seit heute komme ich endlich wieder dazu, meine Lektüre von Sven Lindqvists Reisebericht, oder sollte ich sagen, seiner Geschichtsanalyse, die einem Gang durch die Hölle gleichkommt, zu Ende zu führen. Er nennt seinen Bericht ja ganz konsequent >>>> “Durch das Herz der Finsternis”, womit der Bezug zu dem meisterhaften Roman >>>> “Herz der Finsternis” von Joseph Conrad hergestellt ist.


Ich war im Frühsommer durch einem Lesetipp von Ramon Schack auf dieses wichtige Buch aufmerksam geworden und hatte dann die ersten drei Teile ziemlich schnell lesen können. Meine Atlantiküberquerung und der New York-Aufenthalt hat dann alles unterbrochen, und ich konnte erst heute die Lektüre des IV. Teils des Buches in Angriff nehmen, der thematisch bis zum Holocaust reicht.

Doch der Bogen, den Lindqvist schlägt, ist weiter gespannt, denn er beginnt noch vor der Zeit des Europäischen Kolonialismus. Und der Autor ist beileibe kein distanzierter Historiker, der am heimischen Kamin die Quellen abwägt. Vielmehr hat er sich selbst, mit dem Laptop im Gepäck, aufgemacht, die Sahara zu durchqueren und die Orte des Schreckens aufzusuchen, die sich in die Jahrhunderte der Europäischen Kolonialgeschichte eingeschrieben haben. Sein Thema verfolgt ihn dann auch zwangsläufig bis in seine Träume. Verständlich, denn der Verlauf der Europäischen Expansion während des 19. Jahrhunderts wurde von einer Aufassung getragen, die den Völkermord für ein unvermeidliches Nebenprodukt des Fortschritts hielt.

Wer Europas verhängnisvolle Rolle in der Weltgeschichte besser verstehen möchte, der sollte dieses Buch lesen. Wer begreifen will, wie sich der schändliche Gedanke der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse, der aus evolutionären Gründen zwangsläufig die Ausrottung der anderen Rassen zu fordern schien, zu einer quasi wissenschaftlichen Anschauung entwickeln konnte – auch mit Hilfe von Charles Darwin – der sollte dieses Buch dringend lesen.

Aber ich kenne natürlich persönlich auch Leute, die angesichts dessen einfach sagen werden: “Wen juckt’s!” Sie brauchen dieses Buch nicht zu lesen. In ihren Herzen lebt die Finsternis bereits.

Ich will hoffen, dass ich bis zu meiner für den Mittag des Samstag angesetzten Reise nach Berlin, wo ich an der jährlichen Party des Verlages teilnehmen möchte, mit dem Buch durch bin. Die Zugfahrt soll dann der erneuten Lektüre von Nagel und Newmans Buch über Gödel gewidmet sein. Ach, im Grunde sollte man immer nur reisen. Das Unterwegssein entbindet zumindest von den ständigen Alltäglichkeit. Bloch schrieb: Die gleichen Dinge täglich bringen langsam um. Neu zu begehren hilft die Lust der Reise. Die Liebste und ich haben deshalb auch bereits für den Mai des kommenden Jahres eine Reise nach Israel geplant, die uns durch das ganze (kleine) Land führen soll. Ich fühle mich seelisch ganz erschüttert, wenn ich daran denke.

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Der Schatten des Saturn – Seelenlähmung, die eigene

Wie sehr man sich mitunter doch im Unklaren über sich selbst befindet! Seit ich nun im zweiten Monat mit RH arbeite und es mir zum Glück gelungen ist, ihn wieder zum Schreiben zurück zu bringen, bin ich sehr massiv mit den Themen Depression und Schreibhemmung konfrontiert. Nun ist es so, dass ich in meinem Coaching durchaus immer schon damit habe umgehen müssen, doch hat das nie im Mittelpunkt meiner Arbeit gestanden. Es war eher ein Randphänomen, das es eben auch gab. Man musste damit irgendwie umgehen. Und ich hätte auf Nachfrage immer behauptet, dass ich das Thema Schreibblockade in meinem eigenen Schreiben ebenso wenig kenne wie das Thema Depression.

Tatsächlich ist es aber wohl so, dass das alles Quatsch ist. Die Korrektur meines für den jetzigen Buchherbst zur Neuauflage vorgesehenen Romans “Seelenlähmung”, der im Jahre 1981 mein Erstling war, hat mir mehr als deutlich gezeigt, dass es ganz anders ist/war. Die “Seelenlähmung” ist ein zu wesentlichen Teilen autobiographisches Buch über eine zutiefst schwarze Depression, die sich über Jahre hingezogen hat und von mir nicht als solche erkannt worden ist. Über die Mechanismen dieser Verkennung, über die psychischen Verschiebungen und Projektionen will ich hier jetzt nicht sprechen, weil das ein zu umfangreiches Thema ist, das auf andere Weise behandelt werden muss.

Die erste, die das in aller Klarheit erkannte und mir auch auf den Kopf zusagte, aber dabei natürlich nur auf Abwehr stieß, war die Autorin Luise Rinser, die ich im Frühsommer 1989 in Rocca di Papa nahe Rom für das ‘Allgemeine Deutsche Sonntagsblatt’, das es inzwischen schon lange nicht mehr gibt, interviewte. Sie hatte natürlich selbst sehr viel Erfahrung mit der Depression, worauf ich sie damals auch ansprach, da sie ein Buch darüber geschrieben hatte und den dunkel dräuenden Schatten des Vaters sehr gut kannte. Mir behagte das schon deshalb nicht, weil es mich zu sehr an die Astrologie gemahnte, gegenüber der ich fast einen aufklärerischen Reflex empfinde. Nun, es kann mich ja trotzdem niemand daran hindern, im Nachhinein etwas klüger geworden zu sein.

Ich bin – zumindest in dieser Hinsicht – eine krude Mischung aus Wissen und gleichzeitig völliger Blindheit/Verdrängung. Ich bin immer wieder wie ein Mensch gewesen, der allgemein über eine Verletzung reflektiert, ohne sich dabei gewahr zu werden, dass er selbst unter dieser Verletzung leidet. Das muss Selbstschutz sein.

Im Februar 1998 schrieb ich zum Beispiel das folgende Gedicht:

Dämmerung

Sanfter Anprall des Abends.
Vom Fluß her steigen die Schatten.
Acht Sommer und Winter haben
mir die Geduld in die Knochen gegossen.

Zwischen Hügel und Fluß antwortet
ein Vogel seinem Echo.
War Nichts! War Eis! War tot!
Langsam füllt sich der Brunnen.

Der schnelle Gang des Mondes
läßt dich die Jahreszeiten verwechseln.
Und dann wieder steht alles still, Echos in der Luft,
Schatten und der Duft von Stein und Wasser.

Was soll das heißen, verdammt noch mal? Acht Sommer und Winter haben mir die Geduld in die Knochen gegossen? Was soll denn das abseits von allen lyrischen Metaphern heißen? Das heißt doch in Wirklichkeit, dass ich nach meiner Scheidung von 1990 über acht Jahre in einer durchgehenden Depression gelebt habe, die sich 1998, als ich dieses Gedicht schrieb, endlich etwas zu lichten begann. Aber das war ja alles schon lange nach der Veröffentlichung meines ersten Romans. Über die Dauer der Depression, in der ich gelebt habe und aus der heraus ich den Roman “Seelenlähmung” schrieb, der in der ersten Fassung 1981 veröffentlicht wurde, mag ich hier gar nicht nachdenken. Es müssen ebenfalls viele Jahre gewesen sein.

Der entscheidende Punkt bei meinem Roman-Erstling war freilich, dass ich damals mit der Veröffentlichung auf eine Zeitsituation traf, in der sofort verstanden wurde, was diese “Seelenlähmung” meinte. Wir lebten ja alle in der “bleiernen Zeit”, wie der Film von Margarethe von Trotta so treffend titelte. Die Mischung aus RAF-Hysterie und Konfrontation mit der Geschichte der Nazi-Väter war in jenen Tagen einzigartig. Der Film “Die bleierne Zeit” und mein Roman “Seelenlähmung” erschienen beide im Jahre 1981; mein Buch im Frühjahr, von Trottas Film im Herbst.

Nun, wichtig wird sein, was ich daraus für die Zukunft folgere. Ich werde mich auf jeden Fall hinfort intensiv mit dem Thema Depression auseinandersetzen müssen. Dies einerseits natürlich auch ganz besonders deshalb, weil ich inzwischen mehrere depressive Autoren coache. Frau S. und Herr RH sind da keine Ausnahmen. Dann aber auch deshalb, weil es für mein eigenes weiteres Schreiben zwingend erforderlich ist.

Wenn man wie ich jetzt plötzlich/endlich begreift, dass man an einer Depression gelitten hat, dann liegt eine Menge Arbeit vor einem. Dies schon allein deshalb, weil ich es wie immer genau wissen will.

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A Soup of Tomatoes

Die letzten Tage haben mir deutlich gezeigt, dass mich die Korrekturarbeiten an der Scan-Fassung des Romans “Seelenlähmung” völlig blockiert hatten. Tatsächlich hatte ich ja neben dieser Arbeit, mit der ich nach unserer Rückkehr aus den USA begann, kaum noch irgendetwas anderes geschrieben. Meine Blog-Einträge stagnierten ebenso wie meine eigenen Aufzeichnungen im Journal, das ja eigentlich ein tägliches sein soll. Von sonstiger Prosaarbeit ganz zu schweigen. Und dann, als ich vor drei Tagen das durchgesehene Manuskript endlich an den Verlag geschickt und eine Viertelstunde später mit der Verlegerin telefoniert hatte, da löste sich das. Ich fuhr direkt danach zur Massage in die Stadt, hatte dabei eine wunderbare Idee für ein Geschenk, das ich am Tag drauf mit nach Dortmund nehmen wollte und verbrachte schon die Reisezeit, die am nächsten Morgen kurz nach 8 Uhr begann, mit dem Schreiben eines neuen Erzähltextes.

Es ist die Story “A Soup of Tomatoes”, die mein erster Text für den von der Liebsten und mir gemeinsam geplanten Kurzgeschichtenband mit New York-Stories werden soll, dem wir den Arbeitstitel “57 Street Station” gegeben haben. J. hat mir letztens bereits den Anfang ihrer ersten Story für diesen Band vorgelesen. Mein erster Text, den ich jetzt begonnen habe, erzählt von der Begegnung mit dem Schwarzen, der gegen Mitternacht vor der berühmten LOVE-Skulpture von Robert Indiana auf der Sixt Avenue saß und, sich vor und zurück wiegend, fortwährend halblaut die folgenden zwei Zeilen sang:

To masturbate is a destiny.
Do you like a soup of tomatoes?

Es ist natürlich die Geschichte einer Enttäuschung, die umso größer ist, da die Heldin der Geschichte von ihrem ersten Besuch in New York einen ganz besonderen Eindruck erwartet hat.

Dass ich plötzlich wieder frei dafür war, diese Geschichte zu beginnen, noch dazu auf einer etwas anstrengenden Zugfahrt von fünf Stunden, die mit zwei Umsteigen verbunden waren, das hat mich sehr gefreut und gezeigt, welche Kräfte durch die Korrektur gebunden worden sind.

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“Seelenlähmung” immer noch nicht fertig. Es wird eng.

01. September - Wiesbaden: bei Verdis "La forza del destino" unter Valery Gergiev.

Eigentlich hätte ich mit der Durchsicht der Scan-Fassung der “Seelenlähmung” längst fertig sein müssen. Niemals ist mir die Korrektur eines Textes so schwer gefallen. Was umso problematischer ist, als die jetzige Fassung, die ich korrigiere, ja erst den Scan aus der früheren Buch-Ausgabe betrifft. Danach muss dann der Satz erfolgen, den ich dann in den Fahnen nochmals korrigieren muss. Ich bin wahrhaftig mit dem Tempo einer Schnecke unterwegs.

Heute rief die Verlegerin an, die zum einen mitteilen wollte, dass nun endlich alle Verträge auf die Post gegangen seien – also sowohl die Verträge für Juttas dreifache Ausgabe der “Weißen Rose”, also den Roman, das Stück sowie den Dokumentenband mit den Interviews etc., die J. bei den Recherchen mit den Überlebenden aus dem Umkreis der “Weißen Rose” führte.  Und dann die Verträge für mich, den beiden Neuauflagen von “Seelenlähmung” und “Kinder der Bosheit” sowie dann für das nächste Jahr den neuen Roman “Das Herz des Hais” – sich dann aber freundlicherweise  meinen Problemen mit der Karpaltunnelsyndrom weit mehr widmete. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit dem Text am jetzigen Wochenende fertig werden will, was sie naturgemäß begrüßte. Gebe Ganapati, dass ich das einhalten kann.

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Kleine Kriecher

22. August 2011 - Wiesbaden: Bei Verdis "Aroldo" - mit Carol Vaness als Mina, groß!

Wer hat das gesagt? Watt, Molloy, Malone, der Namenlose? Ich weiß es nicht mehr. Beckett zuletzt gelesen habe ich sicher vor mehr als 25 Jahren. Aber er hat natürlich recht, wenn er eine seiner unvergleichlichen Figuren dieses “Ich bin  nur ein kleiner Kriecher …” sagen lässt. Aber im Facebook-Zeitalter kann das niemand mehr zugeben. Selbst Leute, die nur von den verquälten Pupsen ihrer Pudel zu berichten haben, behaupten das genaue Gegenteil. Sei es.

Meine Arbeit geht aber in der Tat nur kriechermäßig voran. Erst gestern am Sonntag war ich endlich mit der Lektüre der alten Romanfassung der “Seelenlähmung” durch, die ich nach der Rückkehr aus New York begonnen hatte.

Und das bei läppischen 225 Seiten. Also habe ich mir erst ab heute die Korrektur der Scan-Fassung vorsetzen können und bin jetzt, da ich sie für den Tag beende, auf Seite 28 angekommen. Was aber freilich nicht heißt, dass ich mich den ganzen Tag über diesem Text widmen konnte. Es waren ein paar Stunden am Morgen sowie dann am späten Abend. Dazwischen lagen jeweils längere Telefonate mit der Verlegerin sowie der PR-Repräsentantin des Verlages, um sowohl die zurückliegende Veröffentlichung von “Calvinos Hotel”, als eben auch die bevorstehende Neuveröffentlichung von “Seelenlähmung” vorzubesprechen. Dann bis zum Abend meine Coachings. Und danach ein längeres Telefonat mit der Liebsten, die in Stuttgart gerade an der Inszenierung von “Die Schwestern Brontë – Von der Kunst durch Wände zu gehen” arbeitet.

Ich hoffe sehr, dass ich bis zum bevorstehenden Monatsende endlich auch mit der Durchsicht der Scan-Fassung meines Roman-Erstling fertig sein werde, denn erst danach kann er gesetzt werden und muss dann von mir nochmals in den Fahnen korrigiert werden. Ich will mir nicht sagen lassen, dass das Buch nicht rechtzeitig zur Herbstmesse fertig sein konnte, weil ich die Korrekturen nicht gemacht habe.

Musikalisch waren die Tage seit unserer Rückkehr aus den USA allerdings überaus interessant. Habe z.B. noch nie so konzentriert Wagner gehört. Zwei verschiedene Ring-Einspielungen sowie das Wagner-Recital von Pape. Und außerdem eine ganz wunderbare Aufnahme von Brittens “Peter Grimes”. Aber dazu in einem eigenen Eintrag.

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Kreatives Schreiben: Interview auf Radio Rheinwelle

Von 15:00 bis 17:00 Uhr wird morgen am 16. August 2011 auf Radio Rheinwelle – dem nichtkommerziellen Sender für Wiesbaden, Mainz und Umgebung – in der Reihe eXperimenta ein Live-Interview mit mir zum Thema ‘Kreatives Schreiben und Coaching’ zu hören sein, das Rüdiger Heins führen wird.

Heins ist Begründer von INKAS – des INstituts für KreAtives Schreiben in Bingen am Rhein – und ist regelmäßig mit dem Radio Magazin eXperimenta auf Radio Rheinwelle on air. Als weitaus umpfangreichere Druckausgabe kann das Radio Magazin eXperimenta übrigens auch über die Webseite von INKAS runtergeladen werden.

Ich bin schon gespannt auf das Gespräch mit Rüdiger Heins. Die Sendung ist zu empfangen auf UKW 92,5 Mhz, über Kabel auf 99,85 und 102,7 Mhz, sowie direkt über die Webseite des Senders www.radio-rheinwelle.de

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Korrektur der “Seelenlähmung” zieht sich hin

14. August - Wiesbaden - bei Verdi: Simone Boccanegra, mit Leo Nucci + Kiri Te Kanawa

Dass mir der Verlag die gescannte Textfassung meines Romans “Seelenlähmung” , der zur bevorstehenden Herbstmesse neu aufgelegt erscheinen wird, Mitte Juli ausgerechnet wenige Tage vor unserer Atlantik-Überquerung mit der Queen Mary 2 zur Korrektur zuschickte, war natürlich ein Problem, das allerdings während der sich anschließenden Telefonate sofort in einem “macht überhaupt nichts, wir haben endlos Zeit” etc. ertränkt wurde.

Ich war sogar noch bereit gewesen, die übersandte Scanfassung des Romans, da sie sowieso auf dem Computer korrigiert werden muss, auf einen Laptop zu laden, um dann möglicherweise an Bord daran jeden Tag einige Stunden zu arbeiten, aber die Liebste machte mir schnell klar, dass ich das nur auf die Gefahr hin tun könne, unsere Beziehung stark zu gefährden, sodass ich dem Verlag völlig haltlos versprach, das  Manuskript ‘sofort’ nach unserer Rückkehr aus New York durchzusehen. Dazu fühlte ich mich verpflichtet, da es sich ja noch längst nicht um eine Fahnenkorrektur handelt. Das jetzt existierende Manuskript ist das Ergebnis eines notwendig fehlerhaften Scans der Originalausgabe des Romans, der ursprünglich bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Der Verlag hat diesen Scan schon mehrfach einer Korrektur unterzogen, doch sind letztlich noch hunderte von Fehlern darin. Man muss sich das einfach mal vorstellen. Das Scannen eines Textes und der Einsatz einer Software zur Texterkennung leistet natürlich viel, doch wenn man sich eine Software vorstellt, die ihre Arbeit zu 99% richtig macht, was großartig wäre, dann bedeutet das, dass in einem gescannten Text immer noch 1% Fehler enthalten sind. Und das sind bei einem Text mit einer Länge von 500 000 Zeichen immer noch 5000 Fehler, die man erstmal finden, sprich ‘sehen’ und dann entfernen muss.

Mal ganz davon abgesehen, dass so ein Scan eines Textes nicht nur Fehler produziert sondern auch wesentliche Texteigenschaften einfach löscht, also schlicht verschwinden lässt, was von einem Lektor in der Regel gar nicht erkannt werden kann. Hat der Autor z.B. irgendwo etwas kursiv geschrieben, die Texterkennung tilgt das, und man kann froh sein, wenn sie den Buchstaben überhaupt erkannt hat; dass er nun recte da steht, das nimmt man in Kauf, zumal es auch nur der Autor selbst erkennen würde. Aber was macht man bei einem Text wie meinem Roman “Seelenlähmung”, der wie ein Kaleidoskop viele verschiedene Textebenen ständig mit- und gegeneinander verschiebt, von denen viele eben auch kursiv gesetzt sind, um den Leser zu orientieren? Von anderen Texteigentümlichkeiten ganz zu schweigen. Es ist eine Katastrophe.

Oder sagen wir es sanfter, es ist schlicht eine Heidenarbeit, die höchste Konzentration erfordert. Damit wollte ich strikt nach unseren sieben Tagen auf dem Atlantik und den sich anschließenden sieben Tagen in New York beginnen. Als wir dann in den Morgenstunden des 3. August in Frankfurt landeten, da war davon gar nicht zu reden. Und damit meine ich nicht mal den tagelangen Jet-Lag, die vom täglich mindestens zehn Stunden durch die Stadt laufen kaputten Füße, nicht die im Flur stehenden Koffer mit der Schmutzwäsche, nicht den leeren Kühlschrank usw. sondern all das, was auf uns gewartet hatte. Von den Anrufen auf dem AB über die Postberge, die die Schwiegermutter pflichtbewusst in der Küche aufgehäuft hatte, und dann natürlich unsere Terminkalender mit den dafür erforderlichen Vorbereitungsarbeiten.

Nimmt man es genau, so beginne ich daraus erst heute aufzutauchen, da die Liebste wieder nach Stuttgart abgefahren ist, wo sie die nächsten sieben Wochen – obwohl sie zwischendurch nochmals für — “Der Name der Rose” zur Wiederaufnahme nach Naumburg muss – mit der Produktion ihres Stückes über die Schwestern Bronte beschäftigt sein wird. Bei mir sind noch der Montag und der Dienstag der kommenden Woche recht dicht, da ich abgesehen von den Coachings, die ich umlegen musste, am Nachmittag des Dienstag auch noch zu einem Radio-Interview in den Norden Wiesbadens zum Sender ‘Radio Rheinwelle’ fahren muss, wohin mich Rüdiger Heins, der Gründer und Leiter des INKAS  Institutes – Institut für Kreatives Schreiben im Netzwerk für alternative Medien und Kulturarbeit e. V. .- eingeladen hat. Unser Interview über das Thema “Coaching und kreatives Schreiben” können Sie am Dienstag zwischen 15 und 17 Uhr live auf UKW 92,5 Mhz, sowie über Kabel auf 99.85 Mhz hören. Natürlich auch bundesweit als ‘radio on air’ über die Webseite des Senders www.radio-rheinwelle.de .

Die Korrektur der Scan-Fassung des Seelenlähmung-Manuskriptes wird allerdings auch danach noch nicht wirklich beginnen können, da mir inzwischen aufgefallen ist, dass ich das Buch in der Originalfassung erst nochmals vollständig werde lesen müssen, bevor ich mich an die Korrektur der Neuausgabe mache. Als mir dies klar wurde und ich mit der Lektüre der alten Buchfassung begann, da fiel mir sofort auf, dass ich unabhängig vom Scan auch die alte Textfassug sofort korrigieren wollte. In der Erstausgabe (um nur ein einziges Beispiel zu nennen) schrieb ich zum Beispiel “invertiert”, wo ich heute natürlich ohne zu zögern “schwul” schreiben würde.

Kurz, der Autor, der die “Seelenlähmung” ursprünglich schrieb, kommt mir bei der Lektüre nach all den Jahren in einigen entscheidenden Punkten recht fremd vor.  So sitze ich nun, mit einer alten Bibliotheksausgabe meines Romans in Händen, die über und über mit Plastik beklebt ist und von Buchlaufzetteln und Stempeln der ‘Landeshauptstadt Stuttgart’ und Vermerken wie ‘AUSGESCHIEDEN’ verunziert wird, und versuche mich diesem Fremdling anzunähern.

Im Grunde stört es mich massiv, dass ich mich gegenwärtig damit noch befassen muss, denn ich möchte längst viel weiter sein und mich z.B. mit den ‘Konzessionen des Herzens’ beschäftigen. Aber abgesehen von den Einstiegskapiteln vom Jahresanfang habe ich mich mit diesem neuen Buch gar nicht mehr befassen können. Was für ein Elend! Ich weiß, dass es vermutlich das letzte große für mich wichtige Buchprojekt ist, und die Arbeit daran liegt seit Monaten brach. Aber ich habe der Neuauflage zugestimmt, weil das Buch gemeinsam mit “Kinder der Bosheit” und dem im Frühjahr erschienenen Roman “Calvinos Hotel” eine Trilogie bildet. Also muss ich mich dieser Korrektur unterziehen.

 

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“Der Name der Rose” – ganz großes Kino!

13. Juni - Wiesbaden - bei Mozart: Cosi fan tutte -

Die Intendantin freut sich

Seit dem gestrigen Abend sind wir aus Naumburg zurück, wo am Samstag die Premiere von >>>>   “Der Name der Rose” und gestern dann, wie wir inzwischen wissen, auch die 2. Vorstellung mit großem Erfolg beim Publikum angekommen sind. Beide Aufführungen waren mehr als ausverkauft (jeweils 110 Besucher bei eigentlich nur 100 Plätzen). Der Applaus dauerte fast eine Viertelstunde, wobei die Zuschauer die letzten Minuten hindurch sogar aufstanden und im Stehen klatschten. Eine große Ehre für die Schauspieler, die Regie und das ganze Team, vor allem aber auch für >>>>  Andreas Becker, der für das grandiose Bühnenbild gesorgt, sowie die Masken und die faszinierenden Puppen des Inquisitors und des Jorge von Burgos gebaut hatte, was alles gemeinsam aus der Inszenierung von Jutta Schubert wirklich ganz großes Kino machte. Für alle nachfolgenden Fotos von der Aufführung liegen die Rechte bei Andreas Becker. Mit einem Klick auf  jeweilige Bild gelangen Sie ins größere Format.

Die Masken und die Puppen waren überaus sehenswert und vermittelten den Zuschauern der Inszenierung über das dramatische Spiel der Schauspieler hinaus einen bleibenden Eindruck, der während der Premiere oftmals zu direkten Reaktionen bei den einzelnen Auftritten Anlass gaben.


Ich denke, die Fotos vermitteln viel von dieser ungewöhnlichen Inszenierung von Ecos “Der Name der Rose”. Ganz besonders gilt dies aber sicher für die beiden lebensgroßen Figuren, die den blinden Bibliothekar Jorge von Burgos, dessen Machenschaften um das zweite Buch der Aristotelischen Poetik letztlich für alle Todesfälle in der mittelalterlichen Abtei verantwortlich sind, sowie den päpstlichen Inquisitor darstellen.


Ein beeindruckendes Stück Sommertheater im Naumburger Marientor.  >>>>  Jutta Schuberts Regie hat diese spannende Theateraufführung um Tod und Teufelsglaube, Wahrheit und Liebe sehr schön vielschichtig und temporeich in Szene gesetzt. Die nächsten Aufführungstermine finden Sie hier:

Für J. heißt es nun nach 7 Wochen Probenarbeit aber erstmal ganz profan zu Hause ankommen, Taschen und Koffer auspacken, unentwegt Wäsche waschen, die aufgelaufene Post durchsehen, telefonieren, am Computer jede Menge liegengebliebene Arbeiten erledigen und innerhalb kürzester Zeit die nächste Probenphase vorbereiten, denn in wenigen Tagen geht es schon wieder nach Stuttgart. Aber jetzt werde ich erstmal für sie kochen, vielleicht hilft das etwas, um den Stress abzubauen.

 

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Klopstock, Herbst und Verdi

10. Juni - Wiesbaden - Verdi: Stiffelio

Nach der Pause bei meiner Durchmusterung der Verdi-Opern bin ich nun doch wieder etwas weiter gekommen. Gestern “Luisa Miller” und heute der “Stiffelio”. Schaut man den “Stiffelio” inhaltlich an, so handelt es sich im Grunde um ein ziemlich krudes Werk, in dem die Figuren einer protestantischen Sekte angehören und das in so vielen Opern so typische Verwirrspiel eine überbordende Rolle spielt. Wenn ich bosartig wäre, so würde ich sagen, eigentlich kann man das Werk vergessen, da es auch musikalisch kaum zu den wirklich großen Würfen Verdis gehört. Und dies, obwohl in meiner Einspielung José Carreras einen grandiosen Stiffelio gibt und auch seine Frau Lina mit Sylvia Sass sehr gut besetzt ist.

Einen gewissen anekdotischen Wert hat die Oper vielleicht für Literatur-Freaks, denn es spielt ein Buch eine entscheidende Rolle in dieser Oper. Es ist erstaunlicher Weise >>>>  Klopstocks “Messias”, in dem ein Brief versteckt wird. Nun könnte man ja in jedem beliebigen Buch einen Brief verstecken, wenn es nur um das Verstecken ginge. Warum also gerade im Messias? Einem Werk, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland erschien, ziemlich genau ein ganzes Jahrhundert vor der Uraufführung des “Stiffelio” in Triest im November 1850. Obwohl ich darüber zumindest in meinem kleinen Handbuch zu allen Opern Verdis von Bagnoli nichts finde, so denke ich, dass der Bezug durch den religiösen Hintergrund hergestellt wurde. Nicht nur ist der “Messias” natürlich ein geistlich-religiöses Werk, Klopstock wuchs vor allem auch in einer pietistischen Familie auf und bildet damit so etwas wie das natürliche Vorbild für die protestantische Sekte unter Führung Stiffelios. Das Libretto stammt von Francesco Maria Piave. Letztlich wird es Piave gewesen sein, der Verdi von diesem Stoff überzeugte.

Nimmt man alle Äußerlichkeiten von der Story weg, so kommt man an den Kern der Handlung und findet eine uralte Thematik. Sie dreht sich um den Ehebruch Linas, der Frau des Stiffelio. Entscheidend ist dabei, wenn man alle Winkelzüge in Abzug bringt, mit denen die Oper die Handlung verschleiert und den Weg zur Lösung des Konfliktes verlängert und der Übersichtlichkeit beraubt, dass Stiffelio seiner Frau Lina am Ende verzeiht. Das ist der Punkt, an dem diese Oper, die am 16. November 1850 im Teatro Grande in Triest Premiere hatte, modern ist, auch heute noch, zumal in Italien.

Schon allein, dass man auch einer Frau zubilligt, die Ehe zu brechen, spricht 1850 von einer entschieden emanzipatorischen Haltung. Und dass sie – schaut man auf das Ende – damit sogar durchkommt und ihr verziehen wird, in einer Zeit, da das Verstoßen und Töten ehebrecherischer Frauen keine Begründung gebraucht hätte, das ist eine fast unerhörte Botschaft.

Insofern ist auch die protestantisch pietistische Sekte, die Piave für das Setting nutzt, nur Kulisse. In Wahrheit meinen er und Verdi die bigotte katholische Sexualmoral, für die das sektirerische Gehabe aus dem deutschen Norden Quedlinburgs nur eine höchst passende Verkleidung war, um den eigenen Landsleuten den Spiegel vorzuhalten.

Also am Ende doch ein lautstarkes  “Bravo!” von mir für Verdi und seinen Librettisten. Man muss nur etwas genauer hinschauen. Übrigens wurde ursprünglich in der Besetzung die Rolle der Lina als erste genannt, nicht Stiffelio, dessen Name die Oper ja als Titel trägt. In der Uraufführung wurde sie von Marietta Gazzaniga-Malaspina gesungen. Jens Malte Fischer führt sie in seinem epochalen Werk “Große Stimmen” leider nicht auf. Er beginnt erst mit Caruso, also nahe am Beginn des 20. Jahrhunderts, davor wissen wir über die Sänger traurigerweise wenig.

Dabei ist der Name Gazzaniga ja durchaus nicht unbekannt. Giuseppe Gazzaniga (1743-1818) hat immerhin einen “Don Giovanni” geschrieben, der am 5. Februar 1787 in Venedig uraufgeführt wurde. Im gleichen Jahr, aber über acht Monate vor Mozarts Uraufführung seines “Don Giovanni” in Prag. Nun, der Stoff wurde damals recht häufig vertont. Und die verdächtige Ähnlichkeit zwischen Mozarts Fassung und gewissen Partien in C.W. Glucks “Don Juan, ou Le festin de Pierre”, die über ein Vierteljahrhundert vorher, bereits im Oktober 1761 in Wien uraufgeführt worden war, ist verbürgt. Was allerdings nichts daran ändert, dass Mozarts Opernfassung in allen Fällen die bessere ist. Aber machen Sie sich mal den Spaß und hören Sie sich Gazzanigas “Don Giovanni, o sia Il Convitato die Pietra” an. Und lassen Sie sich nicht von dem umständichen Titel stören. Auch Mozarts Oper heißt in Wirklichkeit vollständig “Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni” („Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni“). Für Gazzaniga war sein “Don Giovanni” übrigens schon die 37. Oper, insgesamt schrieb er fünfzig.

Zurück zu Verdi und Klopstock. Es gibt nämlich nicht nur diese Verbindung zwischen Klopstock und Verdi. Eine zumindest ebenso wichtige Verbindung gibt es von Klopstock zu Alban Nikolai Herbst, dessen Lesung der >>>>  “Bamberger Elegien – Das bleibende Thier” ich am gestrigen Abend im Hessischen Literaturforum im Frankfurter Mousonturm hören konnte.


Wollte man es ganz kurz auf den Punkt bringen, so müsste man sagen, Alban Herbst las in Frankfurt Elegien vor. Elegien sind eine literarische Form, die von den Griechen stammt und üblicherweise aus Distichen besteht, das meint eine Abfolge aus Pentametern und Hexametern. Herbst bedient sich vor allem des Hexameters. Und jetzt sind wir endlich wieder bei Klopstock – sorry, boys and girls, historische Hintergründe reichen immer etwas tiefer, als die Begründungen, warum man Pommes rot/weiß oder Döner essen sollte/könnte – denn, das ist der entscheidende Punkt, Klopstock war der erste, der in der deutschen Literatur den Hexameter benutzte; eben für die Niederschrift des “Messias”, von dem oben die Rede ist.

Seither, seit Klopstock, spricht man auch vom ‘deutschen Hexameter’. Und dieser Friedrich Gottlieb Klopstock, der in Hamburg bei der Christianskirche begraben liegt,  tat noch etwas, durch das er gewissermaßen auf umgekehrte Weise mit den Elegien des Alban Nikolai Herbst verbunden ist. Herbst hatte sich nämlich 2006 während eines Stipendien-Aufenthaltes in der Bamberger Villa Concordia vorgenommen, sich für den Epilog seines Abschlussbandes der “Anderswelt-Trilogie” des Hexameters zu bedienen. Das sollte freilich gar nicht erkennbar sein und deshalb wie Prosa gesetzt werden. Nur für die seiner Leser, die von allein den sprachlichen Rhythmus seiner Sätze zu erkennen vermöchten, würde der Hexameter sich offenbaren. Und da Herbst seine “Fingerfertigkeit” in Sachen Hexameter nicht für ausreichend groß hielt, so begann er während seines Aufenthaltes in der Villa Concordia eben dies zu üben. “Am Ende habe ich gar nichts anderes mehr getan.” Letztlich benötigte er viereinhalb Jahre, um die 13 Elegien des Bandes “Das bleibende Thier” niederzuschreiben. Und gesetzt hat er den Text tatsächlich so, als sei es Prosa. Bei Klopstock war es umgekehrt. Der hatte seinen “Messias” nämlich ursprünglich in Posa schreiben wollen und wechselte erst später zu den Hexametern der endgültigen Fassung.

Ach ja, am Anfang dieses Textes steht das seltsame Bild mit der mathematischen Klassenarbeit, für die ein Schüler eindeutig ein ‘mangelhaft’ bekommen hat. Ich fand dies Blatt gestern auf meiner Fahrt zum Wiesbadener Hauptbahnhof im Bus und klemmte es hinter den Rahmen des Werbeplakats, um es zu fotografieren. Es ist eindeutig, dass niemand diesem Kind mal verständlich erklärt hat, wie diese einfachen Gleichungen zu lösen sind. Wofür werden Lehrer eigentlich bezahlt?

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Name der Rose + die Bamberger Elegien

09. Juni - Wiesbaden - Gounod: Romeo & Juliette

Ganz erstaunlich, ich finde meine gelinde Abneigung gegen die französisches Oper leider wieder bestätigt. Gounods ‘Romeo & Juliette’ ist eine seltsame Mischung aus Gefälligkeit, Undramatik und sprachlichem Wohlklang. Gerade höre ich den Kampf zwischen Romeo und Tybalt, bei dem Tybalt stirbt. Das ist ja wahrlich eine der Schlüsselszenen und an Dramatik kaum zu überbieten, aber was Gounod daraus gemacht hat, das kann man nur als behäbig bezeichnen. Schade. Ich werde mir das zwar trotzdem bis zum Ende anhören, aber es wird wohl nicht besser werden.

Bei Hoffmans Erzählungen, um eine andere französischsprachige Oper zu nennen, geht es mir selbstverständlich ganz anders, das ist eine meine Lieblinge, und ich bedaure es nach Jahren immer noch, dass ich >>>>  Andreas Baeslers Inszenierung in Hamburg leider nicht habe sehen können. Auf seiner Webseite gibt es  auch keine Bilder mehr dazu, sonst hätte ich damit gern an diese Inszenierung erinnert.

Stattdessen, da ich ja gesucht habe, fand ich in meinem musikalischen Bildarchiv das nachfolgende Foto, das ich wegen der Anweisung des Komponisten “Continue in tempo – ignoring conductor” aufbewahrt habe. Natürlich ist das auch ein Witz, aber andererseits muss man die Tragik empfinden können, die darin liegt, wenn der Komponist schon voraussieht, welche Fehler die Dirigenten unweigerlich machen werden. Sodass er dem bereits in der Partitur mit solchen Hinweisen zu begegnen versucht.

Den größten Teil des Tages arbeitete ich am Lektorat eines Manuskriptes, das mich nur langsam vorwärts kommen ließ. Es gibt solch zähe Texte. Ich hoffe trotzdem, ihn in den nächsten Tagen abschließen und an den Autor retournieren zu können.

Inzwischen ist für den Samstag meine Fahrt nach Naumburg gebucht, sodass ich also mit fast einer Woche Verspätung zur >>>>   Premiere von “Der Name der Rose” zurück komme. Es kennzeichnet mein Gefühl dieser kleinen Stadt gegenüber, das ich in den zwei Woche ab dem 14. Mai entwicket habe, in denen ich dort im >>>>  Nietzsche Dokumentationszentrum an meinen Recherchen arbeitete, in Rafaels kleinem Café am Holzmarkt zwischendurch meinen Milchkaffee trank oder abends nach Arbeitsschluss auch mal das großartige ‘Kellerbier’.

Das Nietzsche Dokumentationszentrum in Naumburg

Im Grunde ist es das erste Mal überhaupt, dass ich sagen kann, ich habe einer Stadt gegenüber sowas wie eine sentimentale Empfindung. Und in der Tat habe ich ja bereits seit dem vergangenen Sonntag wieder dort sein wollen, was die Arbeit hier aber verhindert hat.

Ich habe in der Nacht, nach dem Telefonat gegen 00:30 noch die Premiere der Liebsten von >>>>  “Der Name der Rose” auf Facebook als Veranstaltung eingestellt, mit allen Spielterminen bis in den September hinein. Und wie immer bei diesen Einladungen hat es bereits die ersten Absagen gegeben. Auch von Andreas übrigens, der selbst Proben hat.

Zuvor werde ich am Donenrstag nach Frankfurt fahren, wo Alban Nikolai Herbst im Mouson Turm aus seinen >>>>  ‘Bamberger Elegien’ lesen wird. Ich habe meine Fahrt dorthin trotz meines höchst engen Arbeitsplanes zugesagt, da ich ihn unbedingt einmal selbst aus den Elegien lesen hören möchte. Ich hatte ja auf meiner Rückfahrt von Naumburg nach Wiesbaden in meiner eigenen stundenlangen Lesung das Erlebnis, dass der Text in meinem Kopf höchst geschmeidig zu laufen begann und gar nicht mehr aufhören wollte, sodass ich mich anstrengen musste, ihn vollständig in einem Rutsch beenden zu können, bevor ich in Frankfurt ankam und nach der SBahn laufen musste. Der Ton in meinem Kopf ist noch immer da. Mal sehen, wie der Autor klingt. Aber falls sich das irgendwie despektierlich anhören sollte, so sei angefügt, dass ich es keinesfalls so meine.

Ich halte Alban Nikolai Herbst 13 Bamberger Elegien “Das bleibende Thier” vielmehr für das einzige Stück absoluter Literatur, das es bisher im 21. Jahrhundert überhaupt gibt. Vielleicht muss ich ihm das mal sagen. Es wird ja, verdammt noch mal, bei dieser Situation auf dem versifften literarischen Markt, so viele andere Beispiele absoluter Literatur nicht mehr geben, wenn überhaupt; also sollte man vor dem einzigen Kollegen, der das versucht und geleistet hat, zumindest im Vorübergehen eine Verbeugung machen.

Und dies auch ganz bewusst im Gegensatz zum allgemeinen Betrieb, ja, deshalb überhaupt. Aber es soll uns nicht rühren. Wir leben nun mal in der Zeit, in der wir leben, in einer Zeit, da die Leser von Vampir-Romanen überflutet werden und Nachrichten aus den Feuchtgebieten so lüsternd erwarten, dass sogar über 80jährige männliche Lodenträger, die sonst nur das monatliche Jagdmagazin durchblättern, unbedingt kaufen wollen, um zu sehen, was unter dem Höschen von Frau Roche zu finden ist. Da ist natürlich nichts, aber die Narren schauen trotzdem nach, was bleibt ihnen denn sonst, außer dieser Enttäuschung bei der einzigen Begegnung mit der Literatur, die sie seit Jahrzehnten versucht haben. Verstehen Sie mich Recht, bitte, ich polemisiere hier nicht. Ich referiere in Wirklichkeit ganz schnöde Dinge, die ich selbst erlebt habe. Ich kenne den alten Kerl, der sich aus diesen und ähnlichen Gründen die “Feuchtgebiete” gekauft hat. Er erzählte mir davon, als er mich in seinem Mercedes zu seiner Villa am Stadtrand von Wiesbaden fuhr, um mir den Auftrag für die Lektorierung seiner Memoiren zu übertragen; er war adelig, da hält man das für unabdingbar.

Aber egal! Die Wahrheit ist, dass dieser Mann mit seiner sauerkrautartigen Prosa, die er als Autobiographie bezeichnet, zumindest noch eine große Besprechung mit Bild in Zeitungen wie dem Wiesbadener Tagblatt oder im Kurier bekommen würde. Er braucht bloß in der Redaktion anzurufen. Sogar ein Interview wird man ihm gönnen. Überhaupt kein Problem.

Aber Alban Nikolai Herbst wird für seine 13 Bamberger Elegien nichts bekommen. Keine einzige Besprechung. Man wird ihn totschweigen, wie man zu seiner Zeit Stefan Mallarmé totgeschwiegen hat. Warum? Na, ganz einfach. Weil er den kleinen Bürgern Angst macht. Er gehört nämlich zur heidnischen Schule! Er weiß, aus eigener körperlicher Erfahrung,  was der Eros ist und bewirkt. Er sagt in seinen Gedichten Schwanz und Möse. Und er sagt zu seinem Sohn “Schau da hin! So sind wir Menschen! Das ist unser thierischer Teil. Und er muss leben. Liebe es!” sagt er. Und vergiss nicht die Frauen, ohne die wir nicht wären. Ohne die wir nicht träumen könnten.”

Und dann die Zumutung der Form! Herbst schreibt nicht irgendwie. Irgendwie schreiben ja alle. Es geht einem ja der Müllkübel auf, wenn man die Sprache zur Kenntnis nehmen muss, in der da alle schreiben. Klar, wir wissen es ja, das ist der Markt. Und Leute wie Denis Scheck machen sich gehörig über diesen ganzen Mist lustig, auf ihren Sendeplätzen nahe Mitternacht, wo ihnen eh keiner mehr zuhört. Da stehen diese Restexemplare dessen, was einmal ein Intellektueller gewesen ist, mit ihren innerhalb von Sekunden abzufertigenden Bücherstapeln da, machen sich über Band 7 von “Beiß mich bis der Arzt kommt” lustig und schmeißen das Machwerk in den Kübel. Echt witzig, Dennis! Hast Du locker hingekriegt. Du bist ein toller Kerl! Aber erstens ändert das nichts, denn die Leser von “Beiß mich bis …” kaufen den Schund auch weiterhin hunderttausenfach. Die haben nämlich, als Dennis Scheck den Schrott in den Müll warf, bereits seit anderthalb Stunden damit in den Kissen gelegen.

Und den Blick auf einen Autor wie Alban Herbst hat Herr Scheck damit auch noch nicht gewagt. Wird er auch nicht tun. Obwohl er ihn natürlich kennt. Er weiß schon, warum er das meidet. da kann er nichts gewinnen.

Wird fortgesetzt …. wenn ich zurück bin!

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Ein Tag mit Reinhard Keiser am Gänsemarkt

06. Juni - Wiesbaden - Wagner: Tannhäuser

Dass jetzt, während ich schreibe, auf meinem Lieblings-Opernsender 1FM noch der Tannhäuser begonnen hat, ist eine wirkliche Bonusgabe für den Tag, die ich sehr zu schätzen weiß.

Dabei bin ich am Morgen in Sachen Oper schon hochgradig  verwöhnt worden, denn infolge meiner Angewohnheit, mich beim Aufstehen von einer Oper begleiten zu lassen, indem ich den Rechner anwerfe und dann via iTunes auf 1FM schalte, begann mein Tag mit dem ungeheuren Satz “Soll ich das Herz noch aus der Brust dir reißen?”

Ich war sofort wie gebannt, schaute in der Anzeige nach, was ich da hörte, und sah, dass ich einen Satz aus einem Rezitativ von Reinhard Keisers Oper MASANIELLO FURIOSO ODER DIE NEAPOLITANISCHE FISCHEREMPÖRUNG gehört hatte. Kurz darauf begann eine wunderschöne Arie, und ich geriet in Gefahr, aus meinem Schlafanzug gar nicht mehr rauszukommen, weil ich mich nicht wegbewegen mochte.

Nun, ich habe dann ziemlich viel lauter gestellt, um beides zu haben, die Musik und einen erträglichn Anblick im Spiegel des Bades. Das war auch gut so, denn kurz darauf klingelte bereits der Paketbote, der Sven Lindqvists “Durch das Herz der Finsternis” sowie Peter Wapnewskis “Der Ring des Nibelungen – Richard Wagners Weltendrama” brachte.

Reinhard Keiser ließ mich dann allerdings auch während des weiteren Tages nicht mehr los, denn das, was ich von der Oper noch hatte hören dürfen, das hatte mir sehr gefallen. Natürlich kannte ich sie nicht. Überhaupt wusste ich von Keiser wenig, zuvörderst dabei übrigens den Umstand, dass Karin im April bei der Aufführung seiner “Markus Passion” in Stuttgart im Chor mitgesungen hatte, wovon sie der Liebsten erzählt und sie dazu eingeladen hatte. Die “Markus Passion” ist zufällig auch die einzige Aufnahme, die ich von Reinhard Keiser in der Musik-Sammlung habe. Ansonsten kamen mir nur die oberflächlichen Stichworte Barockoper, Norddeutscher Komponist, Hamburg?, Anfang des 18. Jahrhunderts gestorben?, Freund von Telemann in den Sinn.

Das musste natürlich dringend ergänzt werden, doch kam ich dazu erstmal nicht. Die Sendung an die Tochter musste nach dem Frühstück auf die Post, dann arbeitete ich etwas an den Recherchen zum Roman “Die Konzessionen des Herzens”, genauer zum Thema Völkermord (Goldhagen), bevor ich mich für Frau M. auf das erste Coaching des Tages vorbeiten musste, die recht spät nicht wenige neue Kapitel geschickt hatte. Während dessen kam eine Absage des Coaching-Termins von Herrn B., der zu einer Fortbildung gewesen war und außerdem in der Agentur hatte arbeiten müssen, sodass er keinen neuen Text liefern konnte. Die freigewordene Zeit nutzte ich nach dem ersten Coaching direkt, um in den Ort hinunter zu gehen, denn ich musste zur Bank und hernach zur Ärztin, um eine Überweisung abzuholen, die morgen auf die Post soll.

Nach meiner Rückkehr dann das Abendessen, für das ich mir noch mal das Vergnügen einer Spargelmahlzeit mit Lachs und Bärlauch bereitete. Dann die Vorbereitung auf das Coaching mit Frau L., die ihren Roman nun sehr schön dramatisch engzuführen beginnt, vier Kapitel insgesamt hatte sie geschickt, über die wir sehr ergebnisorientiert sprechen konnten.

Aber dann, nach diesem letzten Coaching, riss ich mir den ersten Band von Ulrich Schreibers “Die Kunst der Oper” * aus den Regalen, die unsere Musikbibliothek enthalten, und stieg  in die Geschichte des frühen deutschen Musikdramas ein, in die Zeit, da Keiser und Telemann gemeinsam die Hamburger Oper am Gänsemarkt leiteten, und dann in die Zeit des Niedergangs, als in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts die Opern schlossen, ein Jahr vor Keisers Tod schloss auch die Oper am Gänsemarkt. Und wie immer ist es zum Weinen und Heulen, wenn man die Meinungen des bürgerlichen Pöbels zum Niedergang der Kultur liest.

Schreiber zitiert einen Artikel aus einem zeitgenössischen sogenannten Universal-Lexicon, dessen Autor sich nicht entblödet, folgendes daher zu posaunen: “Aber man hat auch Ursache, sich zu freuen, wenn das Opern-Wesen in Deutschland mehr und mehr in Abnahme geräth. Das Leipziger Opern-Theater ist seit vielen Jahren eingegangen, und das Hamburgische liegt in den letzten Zügen. Das Braunschweigische hat gleichfalls unlängst aufgehöret; und es steht dahin, ob es jemals wieder in Flor kömmt. Auch in Halle und Weißenfels” (wo die Liebste und ich vor anderthalb Wochen waren, um Heinrich Schütz zu huldigen) “hat es vormals Opern-Bühnen gegeben, anderer kleinen Fürstlichen Höfe ganz zu schweigen, die aber alle allmählich ein Ende genommen haben. Dieses zeigt den zunehmenden guten Geschmack unserer Landsleute, wozu man ihnen Glück wünschet.”

Glaubt man es? Kann soviel Frechheit und Perfidie möglich sein? Ich wünsche diesem nichtswürdigen Zeilenschmierer und journalistischen Lakaien, dass ihm der aller unmusikalischste Teufel, dem die Hölle in ihren tiefsten Schlünden Wohnung gibt, auf tausend Jahre mit glühenden Reisern seine nichtvorhandenen Ohren peitscht!

Aber das Dumme ist, dass auch in der Gegenwart letztlich nicht viel anders dahergeschwätzt wird, wenn wieder ein Theater stirbt, einem Haus die Mittel gekürzt werden usw. Ich habe es erlebt, wie es der Liebsten das Herz gebrochen hat. Und ganz Stuttgart hat es nicht gerührt. Das Volk gähnt dabei, denen geht das alles am A. vorbei, die kucken Dschungel-Camp und langweilen sich auf die Rente zu. Halt an dir mein Herz!

Wie schön dann andererseits, wenn Ulrich Schreiber in seinem überaus zu empfehlenden 5 bändigen Werk, das wir über Jahre bei der Büchergilde gekauft haben, wo es hoffentlich heute noch lieferbar ist, ein Detail aus der Keiserschen Oper analysiert und schreibt: “Ein Glanzstück Keisers ist der Ausbruch des Wahnsinns bei Masaniello in einem begleitenden Rezitativ, dem die d-moll-Arie “Ich eile nicht mehr zu Schiffe” folgt. Hier läßt Keiser über die ersten acht Takte einfach den Ton D im Baß liegen, so daß die Musik sich nicht kadenzierend weiterentwickeln kann. Dann geht sie in die Dur-Parallele (B) und von dort nach F- und A-Dur weiter und bricht plötzlich ab; in diesen auskomponierten Augenblick der Sinnenverwirrung und Stille fällt der tödliche Schuß auf Masaniello. Schon dieser Hinweis auf Keisers harmonisches Fingerspitzengefühl läßt …”

Schreiber geht danach auf Änderungen ein, die Telemann an Keisers Werk vorgenommen hat, zu dessen Schaden, aber das soll hier nicht interessieren. Mir geht es vielmehr darum, dass man hier sieht, dass die Entfernung ungeheuer ist, die Entfernung zwischen denen meine ich, die die Ohren haben, um zu hören und den Verstand, um zu begreifen, was Keiser da komponiert hat, um den tödlichen Schuss auf seinen Helden in Szene zu setzen, und denen, die es zynisch in einen Gewinn umdeuten, wenn die ganze Musiktheaterlandschaft eines Landes stirbt! Galaxien passen dazwischen! Und Meere von Tränen! Nichtswürdiges Gesindel ist es! Martern aller Arten, sollen ihrer warten! Und im Gegensatz zu Konstanze sollen sie wirklich darunter leiden!

Okay, ich habe meinen Teil gesagt. Auf 1Fm läuft inzwischen “Cosi fan tutte”, das rettet. Denn da, wo Musik ist, ist das Rettende auch! Und jetzt gute Nacht – noch mit “Una donna, quindice anni” – ein Schelm, der Böses dabei denkt.

* Ulrich Schreiber: "Die Kunst der Oper - Geschichte des Musiktheaters, Band I,
 Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution", 1988, Büchergilde
 Gutenberg, Frankfurt am Main, ISBN 3 7632 31013

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Zurück zum Text: Konzessionen des Herzens

01. Juni 2011 - Wiesbaden - Bob Dylan: The Minnesota Tapes

Bin nun , nachdem ich mich doch weitgehend mit dem Update meines Roman-Schreibprogramms “StoryMill” auf die Version 4.0 angefreundet habe, spontan wieder in die Schreibarbeit am neuen Roman eingetaucht. Seit Dienstagabend nach dem Coaching arbeite ich an einem neuen Kapitel zu “Die Konzessionen des Herzens” (Arbeitstitel), mit dem das gesamte Setting des Buches sehr viel vollständiger wird. Zygmunt, mein Erzähler, ist zur Zeit der Handlung des Romans 72 Jahre alt und lebt in einer leichten Zukunft des Jahres 2022. Der Roman spielt innerhalb einer knappen Woche, in der Zygmunt mit seiner Pflegerin Irina in der oberen Etage eines ansonsten weitgehend ausgebrannten 18stöckigen Hochhauses ausharrt und dabei sowohl von seiner Kindheit, seiner Arbeit als Opern-Regisseur und der Geschichte seiner Eltern im deutschen Faschismus erzählt. Vermutlich lebt er und Irina nur noch, weil niemand sich vorstellen kann, dass es im Haus nach dem Brand überhaupt noch Überlebende geben kann. Im Gegensatz zu Irina rechnet Zygmunt aber unbedingt mit seinem Tod in naher Zukunft und erzählt deshalb seine Geschichte – er ist ein geborener Erzähler, allerdings einer, der keine Rücksicht auf Konventionen mehr nimmt, weder auf literarische noch auf gesellschaftliche.

2022 ist eine Zeit des Völkermords in Deutschland. Horden von sogenannten “Sozialen Säuberern” wandern marodierend durch die Stadtlandschaften, die von den Sicherheitskräften nicht mehr verteidigt werden, und töten vor allem die sozial Deklassierten, die über Jahre in sogenannte “Low Social Areas” abgedrängt worden sind. Doch wird das Morden schnell wahllos und greift auf andere Teile der Städte über.

Am Dienstag habe ich ein Kapitel begonnen, in dem Zygmunt es erstmals wagt, des Nachts gegen Morgen im Rollstuhl auf den Balkon hinaus zu fahren und auf die vielen zerhackten Leichen hinunter zu sehen, die auf den Straßen liegen. Ich weiß, dass klingt alles ganz fürchterlich, aber ich denke, dass Völkermord/Genozid das größte Problem unserer Gegenwart ist. Es war es natürlich unübersehbar auch bereits im 20. Jahrhundert, aber wir müssen aufhören, es auszublenden und wenn überhaupt anderswo zu verorten. Es ist, wie Goldhagen sagt, “Schlimmer als Krieg”.

Außerdem ist “Die Konzessionen des Herzens” ein Buch über die Liebe – allerdings über eine Liebe, die zwangsläufig deshalb deformiert wird, weil Gewalt unsere Identität zerstört. Gewalt führt dazu, dass wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Und das passiert in meinem Roman auch Jan und Luisa, den Eltern von Zygmunt.

Ja, so weit vielleicht mal; ich bin froh, dass ich wieder dran bin. Es sind zwar nach wie vor eine Menge Recherchen abzuleisten, die ich auch gern mache, aber ich hatte dadurch während der vergangenen Wochen doch etwas das Gefühl, von meinem Text getrennt zu sein.

Nach Naumburg werde ich vermutlich erst wieder direkt zur Premiere von “Der Name der Rose” reisen, das zeichnet sich inzwischen doch ab. Ich bin jetzt in den beiden anstehenden Lektoraten, doch braucht das seine Zeit. Außerdem kommen gegenwärtig auch weitere Aufträge rein, auf die ich reagieren muss. Die Liebste ist zudem in der Schlussphase ihrer Proben so sehr eingespannt, dass sie eh kaum ansprechbar sein dürfte. Wir haben es noch nicht besprochen, aber ich werde vermutlich erst zur Generalprobe wieder anreisen. Am Abend telefonierten wir, und sie meinte u.a., dass die Aufnahme meiner Stimme für den Prolog und den Epilog des Atson von Melk, der ja der Erzähler der Geschichte ist, sehr schön markant komme. In dieser Woche waren u.a. auch technische und Tonproben dran. Zudem hoffe ich, dass ihre Entscheidung bezüglich des “Sommernachtstraums” im nächsten Jahr richtig wahr.

 

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Journal des Montags

30. Mai 2011 - Noch bei Heinrich Schütz: Auferstehungshistorie, SWV 50, Capella Fidicinia
unter Hans Grüß, Dresdner Kreuzchor unter Martin Flämig

Die Tage bis zur Premiere von >>>>  “Der Name der Rose” am 11. Juni im Naumburger Marientor werden für mich ebenso eng werden wie für J., denn ich merke schon jetzt, da ich nach meiner Rückkehr gerade mal einen Tag wieder in Wiesbaden gearbeitet habe, dass sich einiges aufgesummt hat. Nicht nur fallen die üblichen Coachings an, es muss auch das Manuskript von Herrn CD fertig lektoriert werden, bis ich wieder nach Naumburg fahren kann. Vielleicht wird es also nicht bis zum Sonntag klappen.

Erster Arbeitsplatz im Nietzsche Haus, Weingarten 18, Naumburg

Dabei ist die Erinnerung an meinen Naumburger Arbeitsplatz schon jetzt, nach nur einem Tag Abwesenheit, bereits zu einer Sehnsucht geworden, der unbedingt nachgegangen werden muss. Die Arbeit dort war doch sehr intensiv. Im Vergleich damit begegnet mir die Arbeit hier in Wiesbaden regelrecht zerrissen und auch weniger effektiv. Außerdem war bereits beim Erwachen am Morgen ein ganz gravierender Unterschied zur Naumburger Burgstraße deutlich, in der ich in den vergangenen zwei Wochen bei der Liebsten wohnte. Ich wurde nämlich wie hier in unserer Siedlung üblich durch das Geräusch der Laubsauger, Heckenscheren und Rasenmäher geweckt, das den ganzen Tag anhielt. Es ist, als sei dieser permanente ruhestörende Lärm so etwas wie der Beweis, dass die Anwohner sich Gärtner leisten können. Was für eine geradezu unglaubliche Ruhe hat, verglichen mit diesem Unfug, meine gerade beendeten zwei Wochen in Naumburg erfüllt.

Die knapp 50 Minuten der Schützschen “Auferstehungshistorie”, bei der u.a. Peter Schreier gesungen hat, reichten nicht für diese Tagesnotiz. Ich habe deshalb noch zu den “Cantiones Sacrae 1625″ ins CD-Laufwerk geschoben. Vielleicht ist es nötig anzumerken, dass  meine gestern begonnene Fixierung auf Schütz sich dem “Zufall” verdankt, dass die Liebste und ich in Weißenfels nach dem Besuch bei Novalis sein >>>>  Wohnhaus fanden und bis zur Schließung einige Stunden mit seiner Musik und alten Instrumenten verbrachten. Ich kaufte dabei einen Haufen CDs bis mein Geldbeutel leer war. Neben einer Box mit 10 CDs, die der Dresdner Kreuzchor aufgenommen hatte und die die Psalmen Davids enthält, die Auferstehungshistorie, die Cantiones sacrae I und II, die Kleinen geistlichen Konzerte, die Geistliche Chormusik I und II, sowie die 3 Passionen, also die Matthäus, Lukas und Johannes-Passion. Aus den 3 Büchern der “Symphoniae Sacrae” konnte ich die 2 CDs mit den “Symphoniae Sacrae III” erstehen, die unter Konrad Junghänel vom Cantus Cölln und dem Concerto Palatino eingespielt worden sind. Außerdem die CD, die die Chapelle Rhénane von den “Symphoniae Sacrae II” gemacht hat. Allerdings handelt es sich bei dieser Aufnahme nur um eine Auswahl – extraits du deuxième Livre (1647) -, nach der vollständigen Aufnahme, so sie überhaupt existiert, werde ich also ebenso suchen müssen, wie nach dem ersten Buch, den “Symphoniae Sacrae I”. Ich kaufte zudem die 2 CDs des “Schwanengesangs”, des “Opus ultimum”. Dies Werk rührt mich ganz besonders. Ich setze deshalb den erklärenden Text vom CD-Cover hierher. Die Einspielung ist übrigens durch das Collegium Vocale Gent und dem Concerto Palatino unter Philippe Herreweghe erfolgt.
Zu Heinrich Schütz’ “Schwanengesang” heißt es auf der Doppel-CD: “In den frühen 1660er Jahren begann Schütz, mittlerweile dem verblaßten Glanz des Dresdner Hofes zugerechnet, sich mit dem Gedanken an den eigenen Tod vertraut zu machen – er hatte die 75 bereits überschritten. So machte er sich daran, die 176 Verse des berühmten Psalms 119 zu vertonen, ohne mit einer Aufführung zu rechnen: Sein Schwanengesang war vielmehr für die Ewigkeit gedacht. Zehn Jahre später hatte dieses ‘Opus ultimum’ die Form von elf doppelchörigen Motetten angenommen. Doch gingen die Manuskripte verloren, und so sollte es drei Jahrhunderte dauern, bevor die Werke rekonstruiert – und schließlich auch gesungen – wurden.” (Hervorhebung von mir.)

Es gibt auf der amazon-Seite zu dieser Doppel-CD eine einzige Kritik, die aber sehr gut und treffend ist und die ich zu lesen empfehle, so sich jemand für Heinrich Schütz und sein großes letztes Werk interessieren sollte; so viele werden es nicht sein.

Nun, nehmen Sie Schütz ansonsten als Abschweifung. Letztlich entstand sie aus dem Bedürfnis zu erklären, dass ich während meiner Naumburger Wochen die Durchmusterung der Verdi-Opern nicht mehr durchführen konnte. Es wäre letztlich auch unpassend gewesen, denn ich habe die Zeit in Naumburg u.a auf den Spuren Adrian Leverkühns und Nietzsches verbracht, also Thomas Manns “Dr. Faustus” sowie Biographisches über den armen Fritz lesend, in dessen Mutter-Haus ich mich aufhielt. Verdi wäre dem Fritz zu wünschen gewesen, für sein ganzes Leben, der Wagner ist es leider geworden. Mich hat aus diesem Grunde die handschriftliche Widmung sehr gerührt, die eine Gruppe von Berliner Philosophen auf einem kleinen aus Nizza mitgebrachten Kieselstein hinterlassen hat, den wir in Röcken hinter der Kirche auf der Grabplatte Nietzsches vorfanden.

“Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,” heißt es da, “stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer. Ich hieß den Wind mich aufwärts heben, – nach Süden flog ich übers Meer. — Vernunft! Verdrießliches Geschäfte! Das bringt uns allzubald ans Ziel! Im Fliegen lernt ich, was mich äffte – schon fühl ich Mut und Blut und Säfte zu neuem Leben, neuem Spiel. —- Vom Strande unter dem Himmel NIZZAS, wo “der Fritz”  Heilung suchte vom unmenschlichen Klima Röckens, Naumburgs und Bayreuths, wurde dieser Stein hierher gelegt von Berliner Philosophen … (es folgen auf der Rückseite die Namen).”

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Zurück aus Naumburg, Röcken und den Bamberger Elegien

Wiesbaden 30. Mai 11 - Heinrich Schütz: Symphoniae Sacrae III, veröffentlicht 2 Jahre nach dem
Dreißigjährigen Krieg, eine einzige Hymne auf den Frieden.

Nichts geschieht wie vorgeplant. Als ich meinen zweiwöchigen Aufenthalt in Naumburg vorbereitete, ging ich  davon aus, dass ich auf einen gewissermaßen neutralen Ort treffen würde (wo hat es sowas schon jemals gegeben?), dem ich meine Arbeitsabsicht antragen könne. Ich und meine Arbeit, das war der Gedanke. Der Ort war für mich nur ein Rahmen, der existierte, weil die Liebste dort gerade ein Stück inszeniert, ansonsten sollte er mich nicht weiter berühren, so meine Vorstellung. Dass das völliger Unsinn war, hätte ich spätestens in dem Moment begreifen müssen, als J. mir erzählte, dass es da ein Nietzsche-Haus gäbe, in dem man vielleicht gut arbeiten könne.

Während des Philosophiestudiums hatte ich mich, abgesehen von einem Seminar zum “Zarathustra”, das u.a. auch von zwei Studenten, die hauptberuflich bei der Deutschen Bank arbeiteten und die Veranstaltung auf ihre Relevanz für ihr berufliches Fortkommen abzuklopfen versuchten,  demontiert wurde, überhaupt nicht mit Nietzsche befasst.

Und ich hatte sogar eine Art von sprachlicher Abneigung gegen ihn entwickelt. Genau genommen hatte ich eben die Qualität stets abgelehnt, die so viele andere Leser begeistert begrüßen, nämlich Nietzsches dichterische Sprache. Dass da jemand über Philosophie in der Sprache der Dichtung sprach, das hatte mich maßlos verstört, das hatte ich nicht akzeptieren können. Und nun kam ich in Naumburg ins Nietzsche-Haus im Weingarten 18, unterhielt mich nach der Besichtigung lange mit der Dame an der Kasse, erhielt die Telefonnummer des Leiters des nebenan neu gebauten Nietzsche Dokumentationszentrum, rief dort am nächsten Morgen an und durfte noch am selben Tag einen so gut geeigneten Arbeitsplatz beziehen, dass ich schier überwältigt war.

Danach kamen dann die Besuche bei Wieland in Oßmannstedt, bei Novalis, bei Heinrich Schütz, an Nietzsches Grab in Röcken und an vielen anderen Orten, sodass ich eigentlich nur sagen kann, ich habe die folgende Warnung nicht früh genug befolgt.

Aber was tut man denn, wenn man plötzlich vor einem Haus steht, in dem Karl V. genächtigt hat? Oder vor einem anderem, in dem Luther 1521 auf dem Weg nach Worms schlafen konnte?

Plötzlich steht man vor einer fast 500 Jahre alten geschnitzten zweiflügligen Toreinfahrt, in die die vermutlich zwei ältesten Darstellungen von Indianern geschnitzt sind, die es überhaupt in Deutschland, wenn nicht in Europa gibt. Sie zieren das mächtige Tor des Hauses am Naumburger Marktplatz, das auch Karl V. beherbergt hat. Und sie sind, was mich als Autor besonders fasziniert, fast vollkommen aus der Phantasie geschöpft. Als ich bei meiner Ankunft in der Stadt etwas über 3 Stunden ganz allein mit einer Stadtführerin all die ihrer Ansicht nach wesentlichen Orte von Naumburg besichtigte, da sagte sie: Vermutlich hat man den Holzschnitzern damals erzählt, dass die Indianer, die sie darstellen sollten, große Krieger und Könige waren. Da hatte sie sicher Recht, denn warum hätte man sie sonst überhaupt abbilden sollen? Und so sind nun mächtige Herrscher mit Schwertern, wolkigen Federbüschen und vor allem kräftigen Bärten in die hölzernen Tore des Hauses geschnitzt. Woher auch hätten die Künstler damals wissen sollen, dass Indianer keine Bärte haben?

Nun, meine obige Frage “was tut man, wenn … “, die ist selbstverständlich schnell beantwortet. Man muss sich darauf einlassen. Also haben wir uns in all das ganz zwangsläufig verstrickt. Und vor allem haben wir begriffen, dass wir mit der Landschaft und der Kulturgeschichte Sachsens noch längst nicht fertig sind; im Grunde haben wir gerade erst begonnen, uns damit zu befassen.

Mein oben angekündigter Eintrag zu den >>>>   “Bamberger Elegien” muss noch etwas verschoben werden. Vermutlich auf Mitte der Woche, Mittwoch also. Ich bin jetzt zum zweiten Mal ganz mit der Lektüre durch, zuletzt auf der Reise von Naumburg nach Frankfurt, habe das Buch vielleicht ertstmals einigermaßen vollständig verstanden, konnte es mit Lust lesen, begrüße es nun auch inhaltlich sehr und habe einen Ansatz gefunden, um es zu besprechen. Aber das muss ich hier nicht weiter skizzieren, es wird geschrieben werden, wenn ich so weit bin.

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Nationalheiligtümer? Wallfahrten?

Am gestrigen Sonntag entschieden wir uns dann doch noch spontan, die Fahrt nach Oßmannstedt zu wagen, obwohl wir ständig damit rechneten, dass die angesagten Gewitter uns davon abhalten würden. J. meinte, dass sie die restlichen Arbeiten für die musikalische Einrichtung auch am Abend noch erledigen könne.

Die Fahrt von Naumburg Richtung Weimar, in dessen Nähe Oßmannstedt liegt, ist wie die Fahrt durch eine Landschaft, die noch heute wie gemacht scheint, um darin die Heere des 18. Jahrhunderts gegeneinander aufmaschieren zu lassen – eine weite Felder- und Wiesen-Landschaft, sanft geschwungen, hier und da mit einem kleinen Wäldchen durchsetzt, Hügel, von denen aus man die Ebenen beobachten könnte usw. So fährt man dann auch durch Dörfer und kleine Orte, in denen man sich plötzlich in der Napoleon Straße befindet. Braune Wegweiser zeigen in Richtung von Gräbern, Denkmalen und Erinnerungsstätten der Schlachtfelder und der Herzog von Braunschweig fand wohl den Tod, wo jetzt eine Baumgruppe und ein Gedenkstein an ihn erinnert. Kurz, es ist das Gebiet der sogenannten Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, 1806.

Wir hielten freilich nicht an, den unser Ziel hieß Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt. Die Liebste erinnerte daran, dass sie in ihrem Kleist-Stück >>>>  LIEBEN UND TÖTEN eine Szene geschrieben hatte, in der die Französischen Soldaten des Nachts in Goethes Haus am Frauenplan einfallen und von der Vulpius vertrieben werden.

Oßmannstedt fanden wir dann nach einigen Regengüssen tatsächlich. Zuvor war uns das Buchenwalddenkmal beständig rechts voraus gewesen. Weimar und Umgebung konzentriert ja nicht nur Teutsche Kultur und Europäische Geschichte sondern auch die Barbarei auf recht engem Raum. Wir hatten Buchenwald gleich nach der Wende, wohl schon 1990, gemeinsam besucht, und die Liebste meinte unter der Fahrt, dass wir da auch einmal wieder hin müssten. Ich schwieg dazu, denn meine Neigung, diese Schinderorte aufzusuchen, ist nicht so ausgeprägt. Zumal ich im Rahmen meiner Recherchen für “Die Konzessionen des Herzens” ja auch noch nach Gogolin und Auschwitz werde fahren müssen.

Im Ort selbst gibt es zwar ein überlebensgroßes Denkmal für einen “Bienenvater”, doch für Wieland nichts. Wir mussten auch lange suchen, um das Wielandsche Gut zu finden, denn es war infolge von Straßenbaumaßnahmen vollkommen abgeschnitten und verbarrikadiert, sodass wir die GPS-Funktion auf dem iPhone zur Hilfe nehmen mussten, um uns den Weg dorthin zu bahnen.

Als wir dann im Innhof standen, entschieden wir uns, vor der Besichtigung des Hauses erstmal den Weg zum Wielandschen Grab an der Ilm zu suchen. Wir durchquerten den sehr schönen Park, der in dieser Zeit außer von uns nur von radwandernden Familien, die nach ihren Kindern und ihren Hunden schrien, besucht war. Ebenso an Wielands Grab, das wenige Meter oberhalb des Flüsschens Ilm liegt. Es brauchte über eine Stunde, bis wir es schafften, dort für drei Minuten allein zu sein. Nicht deshalb freilich, weil so viele Menschen unbedingt an Wielands Grab wollten. Nein, die Absperrung zum Grab diente nur dem Abstellen von Fahrrädern. Umlagert war das Grab deshalb, weil Hundebesitzer dort in der Ilm ihre Hunde zum Baden ins Wasser führten und Eltern ihren desinteressierten Kindern Papierschiffchen falten und zu Wasser bringen mussten. “Mamma gibts hier kein Eis?”

Und natürlich wird man dann auf den Parkwegen von den Fahrradrotten beiseite geklingelt; was wollen Fußgänger eigentlich dort?!

Im ehemaligen Wielandschen Gut waren wir dann allein, das heißt, unten an der Kasse standen drei ältere Damen – When will we three meet again? – es war so recht für den Gewittertag draußen. Wir entrichteten unsere je zwei Euro und stapften dann die breiten Steintreppen zum ersten Stock hinauf, wo man die weitgehend kahlen ehemaligen Wohnräume besichtigen konnte. Die Bibliothek enthielt zwar noch die Bücherregale, doch waren sie leer und dienten zum Teil als Ausstellungsfläche für einige alte Stiche. Nur der alte Sekretär nahe des Fensters erinnerte mit seinen Schubfächern, der Glasplatte und den vielen Tintenflecken im Holz an die Schreibarbeit, die Wieland hier geleistet hatte. Ansonsten große Gipsköpfe von Philosophen und knarrende Dielen.

Ach ja, an den knarrenden Dielen bemerkte ich plötzlich, dass uns zwei der drei unterbeschäftigten Zauberschwestern auf Schritt und Tritt folgten, als stünden wir im Verdacht, ihnen die leeren Bücherregale rauben zu wollen. Im Kaminzimmer wurde ich dann auch prompt zurechtgezischt, als ich mein iPhone zu einem kleinen Foto zu zücken wagte, um die kleine Szene mit Sofa, Sessel und Kamin zu fotografieren, da wir doch wussten, dass der arme Heinrich von Kleist genau dort 1803 gestanden hatte, um aus seinem “Robert Guiskard” vorzutragen. Nun, ich habe das Foto trotzdem gemacht; Kleists Geist sehen Sie ja sicher noch.

Im Flur lasen wir uns dann durch einen kleinen Wald von Hängetafeln, die Wielands Leben und Werk mehr oder weniger dokumentierten; sehr aufschlussreich und erschütternd. Und am Ende hatte dann auch Arno Schmidt nicht fehlen dürfen, der ab den 50ger ja in der Tat viel für Wieland getan hat.

Danach folgt dann aber Schweigen, niemand hat nach AS noch die Notwendigkeit empfunden, auf Wieland sonderlich hinzuweisen. Und von einem Nationalheiligtum, zu dem man wallfahrten müsse, ist nie mehr die Rede gewesen. Nun ja, die großen Worte werden bekanntlich als erste zu Schanden.

Ich überraschte die drei Damen an der Kasse dann noch maßlos, als ich mich für die 45 bändige Ausgabe der Sämmtlichen Werke Wielands, die ursprünglich Göschen veranstaltet und dann GRENO im Jahre 1984 als Reprint wieder aufgelegt hatte, interessierte. Im Grunde wollte man mir den Zugriff darauf verweigern, denn ich verlangte die Ausgabe, die im Rücken der Kassenfrau in einem Pappschuber stand, anzuschauen. Worauf ich dann die Antwort bekam, nun, sie werde mir mal einen der Bände herausziehen, damit müsse man ja vorsichtig sein.

Ich nahm den blauen Leinenband in die Hand, blätterte, erinnerte mich und sagte zur Liebsten. “Ich weiß jetzt nicht, ob ich die Ausgabe gehabt und dann wieder verloren habe. Oder ob ich sie damals nur kaufen wollte.” J. lachte wissend. Die Kassenfrau darauf seltsam irritiert: “Wie kann man sowas denn verlieren?” Ich: “Ach wissen Sie, das ist mir bestimmt gar nicht weiter aufgefallen, denn ich habe damals über 12.000 Bücher verloren.” Das Luftanhalten war zu hören. Ich fragte, was die Ausgabe denn koste und erhielt die verschämte Antwort: “Sie kostet 67,50 Euro”.

Da war ich dann selbst höchst überrascht, denn das entsprach umgerechnet ziemlich genau dem Preis von 1984, damals hatte diese unglaubliche Ausgabe 148,– Mark gekostet. “Ich nehme sie”, war meine Antwort. Und da ging ein Strahlen über das Gesicht der Kassendame. “Wir haben insgesamt nur noch zwei Exemplare”, sagte sie, “dann bekommen Sie die, die noch originalverpackt im Keller liegt.”

So verließen wir das Wielandsche Gut in Oßmannstedt mit einer dicken Bücherkiste auf der Schulter.

Als wir dabei waren, das Haus zu verlassen, da betrat vor uns noch ein älteres Pärchen den Kassenraum. Die Frau fragte: “Was gibts denn hier zu sehen?” Die Antwort “Die ehemaligen Wohnräume von Wieland.” wurde mit dem Satz quittiert: “Und kostet das was?” “Ja, 2 Euro.” Direkt nach uns verließen die beiden diesen “Wallfahrtsort” wieder.

Ich glaube zwar sowieso nicht, dass die Deutschen ein Nationalheiligtum brauchen, aber dass es der Wohnort eines Dichters nicht sein kann, das hätte sogar Arno Schmidt wissen müssen.

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Der Samstag in Naumburg & Schalke beim Siegen

Sitze noch etwas am Naumburger Marktplatz im späten Nachmittagslicht, bevor ich in die Unterkunft zurückgehe, um Schalke beim Siegen zuzuschauen.

Die Liebste musste entgegen unserer ursprünglichen Planung, mit mir gemeinsam zum Wieland nach Oßmannstedt zu fahren, den ganzen Tag im Theater an den Musik-Takes arbeiten und wird es, wenn sie nicht fertig geworden ist, auch wohl noch morgen tun müssen. Ich hatte es da leichter, denn nach dem gemeinsamen Einkaufen und einigen Besorgungen wie neuen gelben Marker-Stiften, verbrachte ich den ganzen Tag lesend und Notizen machend in der Stadt. Zuerst am Holzmarkt, auf dem sich die Lautstärke trotz des Pressefestes sehr in Grenzen hielt. Ich saß lange im kleinen Café von Raphael, erst draußen, wo die Intendantin Susanne Schulz dazu kam, nachdem sie eine Aufführung zweier ihrer Schauspieler auf dem Platz angeschaut hatte, später drinnen, in einem der bequemen altmodischen Sessel sitzend.

Ich widmete mich heute ganz ausschließlich der Lektüre von Manns “Dr. Faustus”, womit ich auch gut voran kam, obwohl ich zwischendurch immer wieder mal mit Raphael sprach, der zur Hälfte Peruaner ist, da er deutsch-peruanische Eltern hat. Er ist eigentlich Koch und hat sich mit dem kleinen Café am Holzmarkt, das er übrigens ausdrücklich italienisch Caffè nennt, erst die Hälfte seines Traumes erfüllt. Die zweite Hälfte soll ab Herbst in den Räumen nebenan als kleines Restaurant Wirklichkeit werden, das schon in Planung ist.

Meine Lektüre des Dr. Faustus wirkt auf mich über weite Strecken immer wieder wie ein Abstieg in ein anderes Jahrhundert, um nicht zu sagen, ins Mittelalter. Letzteres stimmt einfach schon deshalb nicht, weil das von Thomas Mann so bewusst immitierte Beinahe-Mittelalter von “Kaisersaschern”, das zu großen Teilen eben das Naumburg, in dem ich mich jetzt befinde, während der 30ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist, zwar von der architektonischen Substanz her Mittelalter ist, aber eben gerade nicht als Mittelalter fortgesetzt und erhalten in die Gegenwart.

Es ist freilich schon erstaunlich bis bemerkenswert und könnte Herrn Zeitblom wohl eine entsprechende Bemerkung über das magisch-dämonische in meinem Weltverhältnis entlocken, wenn ich gestehe, dass ich auf den Gedanken, Thomas Manns “Dr. Faustus” mit in meine Handbibliothek für die Wochen in Naumburg zu übernehmen, erst wenige Stunden vor der Abreise kam. Und vor allem, ohne zu wissen, dass ich dabei war, an den Ort der Kindheit und Jugend von Adrian Leverkühn zu reisen. Um ehrlich zu sein, ich habe das Buch niemals zuvor gelesen. Meine letzte Thomas Mann-Lektüre liegt fast 10 Jahre zurück und datiert aus der Zeit, da ich über Übergangssymbole im “Tod in Venedig” zu arbeiten begann. Als einziger plausibler Grund, weshalb ich das Buch am letzten Samstag einpackt, schwebte mir lediglich der Umstand vor, dass es in meine Musikbibliothek passte, die ich in Naumburg durchzuarbeiten gedachte. Und dann stand ich überraschend da und befand mich am Ort der Handlung.

Um die Summe der scheinbar zufälligen Übereinstimmungen voll zu machen, so hatte mein Coachee BS, mit dem ich gestern telefonierte, mir noch eine Ausarbeitung über Thomas Mann geschickt und darin u.a. über den “Dr. Faustus” verschiedenes spekuliert.

So, und wenn jetzt Schalke seine Sache nicht gut macht, dann kann ich ihnen als BVB-Fan auch nicht mehr helfen.

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Adson von Melk, Max Frisch und Barenboim

Gestern schloss ich wie vorgesehen die Besprechung der Max Frisch Biographie von Julian Schütt ab und sandte sie HD am Nachmittag nach München. Nachgelesen werden kann der Text dort nun in “Glanz & Elend – Magazin für Literatur und Zeitkritik” unter dem Titel >>>>  “Plötzlich ein Messer in der Hand”. Wobei mich erstaunte, dass ich bereits einige Reaktionen auf meinen Text bekam, die den Umstand, dass Schütt leider nur eine Teil-Biographie vorgelegt hat, die die Jahre bis 1954 umfasst, weit problematischer betrachteten, als ich es in meiner Besprechung getan hatte; nur deshalb verschweigen konnte ich es natürlich nicht.

Den neuen Arbeitstag im NDZ begann ich mit einer kurzen Niederschrift des Prologs und des Epilogs, die der inzwischen alt gewordene Adson von Melk in “Der Name der Rose” spricht. Ich werde diese Texte am  Dienstagmorgen der kommenden Woche im Tonstudio einlesen, damit die Liebste meine Stimme gewissermaßen als Rahmenhandlung benutzen kann, die in die Geschichte hinein und wieder hinaus führt. Darauf freue ich mich schon. So werde ich nun dem Repertoire meiner stimmlichen Auftritte nach Jack the Ripper in “Lulu” (You have a beautiful mouth!), Oskar Kokoschka in >>>> “Mona Alma” und dem Paganini in “Paganini – Die Magie der Töne” auch noch den Adson von Melk hinzufügen.

Ansonsten habe ich heute für die Recherchenarbeit nur einiges an Lektüre vorgesehen, so will ich das bereits begonnene Buch von Daniel Barenboim “Klang ist Leben” abschließen.

Zum Glück scheint sich überdies das sonnige Wetter zu halten, was erfreulich ist, da der Wetterbericht viel Regen angekündigt hat und J. dann die Proben im Marientor unterbrechen müsste.

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Im Nietzsche Dokumentationszentrum Naumburg

Inzwischen bin ich seit dem vergangnen Samstag in Naumburg an der Saale, wo meine Liebste nun schon in der vierten Woche Ecos >>>>  “Der Name der Rose” für das Sommertheater inszeniert. Ich habe mir für zwei Wochen Arbeit mitgebracht, Handbibliothek zu musikalischen Themen, dazu Entwürfe und Materialsammlungen, die ich durchgehen möchte, um die Vorarbeiten zum Romanprojekt “Die Konzessionen des Herzens” weiter voran zu bringen. Und ab heute am Dienstag habe ich nun einen sehr angenehmen und inspirierenden Arbeitsplatz im >>>>  Nietzsche Dokumentationszentrum bezogen, den ich bis zu meiner vorläufigen Abreise am 29. Mai zu benutzen gedenke.

Dr. Ralf Eichberg, der Leiter des Dokumentationszentrums, hat mich sehr freundlich aufgenommen, mir das Haus mit dem noch im Aufbau befindlichen Archiv gezeigt und mir einen Arbeitsplatz mit Blick auf die Veranda bzw. den Balkon gegeben, auf dem der kranke Friedrich Nietzsche im Haus seiner Mutter, im Weingarten 18, in den Jahren 1890 bis 1897 so oft gesessen hat, bevor er von der Schwester für die letzten Lebensjahre dann nach Weimar mitgenommen worden ist.

Ich habe heute dort noch nicht für den Roman arbeiten können, da ich noch die Besprechung der Max Frisch Biographie von Julian Schütt für “Glanz & Elend” schuldig bin, die ich vor meiner Abreise nicht mehr fertig bekam. HD fragte dann heute auch prompt per Mail an, wann ich mit der Rezension so weit wäre; er ist sehr geduldig, denn immerhin war der Frischsche 100. Geburtstag bereits am 15. Mai. Morgen werde ich den Text aber sicher abschließen können, was ich ihm auch so avisiert habe. Mein neuer Arbeitsplatz ist wie geschaffen dafür.

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Meine Erfahrungen (u. Enttäuschungen) mit John Demjanjuk – 1.Folge

13.05. 2001 - Bei Hoffmanns Undine (Man muss ein neues Leben anfangen, wenn man nicht von dem
alten zu Tode gedrückt sein will. ... Hör auf, wenn mir das Herz nicht brechen soll!)

Unter dem großen Demjanjuk-Artikel “Bis zuletzt keine Entschuldigung” im heutigen Wiesbadener Kurier *, den ich am Nachmittag im Café Goethe las, fand ich einen zweiten Artikel, der die Neuauflage des Prozesses gegen sieben Unteroffiziere der Bundeswehr wegen Misshandlung Wehrpflichtiger behandelt. “Einfach nur einen Befehl befolgt?” ist er betitelt. Allein dieser Titel müsste natürlich einem denkenden Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben. War eben dies doch der fast stereotype Satz, mit dem sich fast alle Nazi-Täter, die in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg vor Gericht standen, zu salvieren trachteten. Fritz Bauer, Generalstaatsanwalts und Hauptankläger der Auschwitz-Prozesse, müssen von diesem Satz die Ohren gedröhnt haben. Ich finde es ekelhaft, dass sich gegenwärtig noch immer deutsche Soldaten auf die Notwendigkeit, einen Befehl befolgen zu müssen, herausreden. **

Natürlich hat es zudem eine gewisse Ironie, dass der Redakteuer der Politik-Seite beim Wiesbadener Kurier den Bundeswehrartikel genau unter den Artikel über den Schuldspruch und die Freilassung von John Demjanjuk gesetzt hat. Ich will ihm dies anrechnen – vielleicht kann man als Redakteur nicht mehr tun.

Ja, aber ‘Verurteilung und Freilassung’, das ist das Problem: Als wäre diese Verurteilung nicht schon absurd genug, denn da erhält jemand, den man ja immerhin der Beihilfe am Mord von 28 060 Menschen für schuldig hält, eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren. Andere bekommen das für Betrug. Verhält man sich ebenso absurd wie die Richter, die diese 5 Jahre ausgemendelt haben, und rechnet nach, dann kommt man auf etwas unter 94 Minuten Haft für jedes Opfer. Beihilfe am Mord eines Menschen wird mit 94 Minuten Haft bestraft, aha. Da muss sich einer schon ganz schön ins Zeug legen, gell, um auf eine auch nur halbwegs ausführliche Strafe zu kommen. Man muss helfen, Tausende, ja Zehntausende ins Gas, in die Erschießungskammern, in die Öfen etc. zu bringen, wenn man eine halbwegs lohnende Strafe zusammenbringen möchte. Das schafft man ja kaum! Das verlangt von den Mördern ja regelrecht eine Arbeit im Akkord, man muss ja eine Art von Fließbandmörder werden, wenn man bei diesen Gerichten überhaupt auf eine Strafe kommen möchte, die sich abzusitzen lohnt.


(Photo by Johannes Simon/Getty Images)

Himmel, da wundern sich die Menschen in Belgien, dass die Ehefrau von Marc Dutroux nun nach 15 Jahren frei kommt? Wie das? Sie hat doch im Grunde fast gar nichts getan. Sie hat halt zwei Kinder im Keller verhungern lassen. Na und? Dafür hat sie eine Strafe von 30 Jahren erhalten – wie unverhältnismäßig! Und sie hat davon sogar 15 Jahre abgesessen. Das macht siebeneinhalb pro Kind. Und man hat sie lediglich wegen fahrlässiger Tötung belangt, nicht wegen Beihilfe zum Mord. Wäre Demjanjuk wie die Ex-Frau von Dutroux, Michelle Martin, bestraft worden, dann hätte er zu 420 900 Jahren Gefängnis verurteilt werden müssen. Und man hätte ihn, gute Führung vorausgesetzt, nach 210 450 Jahren entlassen können. Stattdessen hat er etwa 93,7 (aufgerundet) Minuten pro Opfer erhalten – und muss diese nicht einmal absitzen. Er wird nach diesem Urteil sofort entlassen, als sei die Verhandlung gegen ihn schon zu viel gewesen, so dass man sich beeilen müsse, dem armen Kerl nicht noch mehr Leid anzutun. Inzwischen erzählten die Abendmeldungen, dass er einen Platz in einem Pflegeheim gefunden haben soll. Man kann nur hoffen, dass dort keine Juden sitzen oder alle Insassen hinreichend dement sind, um sich das gefallen zu lassen.

Ja, ich höre auf, ich weiß, das alles ist absurd. Völlig absurd. Meine Rechnerei hier ist freilich nicht absurder, als das Urteil selbst. Und zumindest bin ich mir dieser Absurdität bewusst. Ob es die Richter ebenfalls sind, die dieses “Urteil” gefällt haben, das wage ich zu bezweifeln. Im Grunde ist das Urteil das Problem. Aber das meine ich jetzt etwas anders, als es sich liest. Ich meine nämlich den Umstand, dass das Rechtssystem eben auf Urteile abzielt. Okay, nochmal, etwas härter. Und zwar für alle diejenigen, die denken, es ginge um so etwas wie “Gerechtigkeit”. Mal abgesehen davon, dass überhaupt niemand weiß, was Gerechtigkeit überhaupt sein könnte. Ich weiß es nicht. Und Sie wissen es nicht. Die Richter wissen es nicht. Und wenn sie es bei einem 30jährigen Mörder noch zu wissen glauben, dann wissen sie es bei einem 91jährigen schon nicht mehr. Und wenn dann auch noch die Frage relevant wird, ob er selbst gemordet oder nur Beihilfe dazu geleistet hat, dann wird das alles derart nebulös und und schwer zu beurteilen, dass nur hartgesottene Kopfab-Fans nicht mehr zweifeln, dass ihre Forderungen “gerecht” seien.

Nebenkläger im Münchner Demjanjuk-Prozess haben deshalb auch gefordert, man möge Demjanjuk zwar schuldig sprechen, aber dann von einer Strafe absehen. Doch selbst diese aus dem Geist des Humanismus geborene Haltung wird dem tatsächlichen Rechtsverhältnis gar nicht gerecht. Dem geht es nämlich gar nicht um eine wie auch immer geartete Gerechtigkeit. Es geht ihm nur um das Urteil an sich. Gerechtigkeit ist nicht das Ziel solcher Rechtsverfahren. Das ist ist lediglich das Urteil. Kommen wir zu einem Urteil, so ist der Prozess abgeschlossen.

Hinterbliebene mögen sich deshalb über die fehlende Gerechtigkeit grämen. Dem Gericht ist es um diese nie gegangen. Und am Ende begnügen sich dann auch die als Nebenkläger auftretenden Hinterbliebenen  damit. Immerhin ist ja ein Urteil ergangen. Was will man dann noch.

Nun, ich persönlich würde einiges mehr wollen. Vor allem verlange ich etwas von John Demjanjuk! Dann aber auch von der deutschen Öffentlichkeit, die gegenwärtig so tut, als ging sie das gar nichts an und könne ebensogut irgendwo in der Dritten Welt stattfinden. Aber dazu werde ich diesen Artikel in den nächsten Tagen fortsetzen müssen. Vor allem werde ich erzählen müssen, was mich als Autor mit dem Thema “John Demjanjuk” verbindet, denn ich habe eine alte Geschichte mit ihm.

* Der Artikel steht in der Printausgabe auf S. 12 und ist wie so oft nicht in der Online-Ausgabe der Zeitung zu finden. Ebenso der Artikel über die Unteroffizier der Bundeswehr.

** Zur Info: Ich bin kein Kriegsdienstverweigerer, dem man in diesen Dingen vielleicht nicht zuhören müsste! Ich war vielmehr selbst viele Jahre lang Bundeswehrsoldat und Vorgesetzter. Und ich war während meiner Dienstzeit stets stolz darauf, dass die Bundeswehr das tumbe Verhältnis von Befehl und Gehorsam durch die Eigenverantwortlichkeit eines jeden Soldaten ersetzt hatte und der ‘Inneren Führung’ Raum gab. Ich habe damals gelernt, dass es sogar meine Pflicht als Soldat ist – so meine eigene moralische Ausrüstung das nicht von allein hergeben sollte -, dem Befehl eines Vorgesetzten offen zu widersprechen und seine Ausführung zu verweigern, wenn ich ihn mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann, er den Menschenrechten widerspricht, die menschliche Würde verletzt etc. Was ist seit dem Anfang der 70ger Jahre, in denen ich dies in der Ausbildung lernte und als aktiv umgesetzte Lehre aus den Erfahrungen der Nazi-Diktatur verstand und begrüßte, geschehen? Wie konnte das so weit verloren gehen, dass Ausbilder der Bundeswehr foltern?

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Erstaunlich viel gespielt

11.05.2011 - Noch einige Notizen bei Verdis Requiem.

Selbstwahrnehmung und Realität, das sind ja meist zwei Paar Schuhe. Mir zumindest geht es schon mitunter so, dass ich permanent tue, entwickle, Ideen generiere, arbeite und arbeite, und dabei denke, es geschehe gar nichts, es gehe nicht voran, die Welt um mich herum würde schlafen  usw. Esoteriker empfehlen einem ja aus gerade diesem Grund, eine sogenannte “Erfolgsliste” zu führen, da jeder Mensch natürlicherweise dazu neigt, sich tagtäglich auf seine weiteren Ziele zu fixieren und dabei ständig bereit ist zu übersehen, was er doch gerade eben geschafft hat.

Wie kurzsichtig das ist, das hat mir in den letzten Tagen eine meiner Nebentätigkeiten vor Augen geführt. Ich arbeite ja hin und wieder auch als Webmaster für die Seiten einiger Freunde und vor allem für die >>>>  Seite der Liebsten. Und dabei wurde mir erstmals klar, wie oft Stücke von ihr gespielt werden. Darum will ich es einmal hierher setzen, im Grunde als Selbstvergewisserung:

Wie schaut das also gegenwärtig aus? Am inzwischen vergangenen Wochenende hatte J. den probenfreien Tag in Naumburg genutzt, um im Theater Plauen Zwickau endlich einmal die Inszenierung ihrer >>>>  Kinderoper “Die versunkene Stadt” anzusehen, die dort im Januar dieses Jahres Premiere hatte.


Diese Oper ist von ihr ursprünglich für die Oper in Mainz entwickelt worden, die die Komponistin Violeta Dinescu für dieses Projekt gewinnen konnte. Das Werk lief dort erfolgreich über mehr als zwei Jahre, erlebte dann  die Aufführung in Hamburg und läuft nun seit Jahresbeginn im Theater Plauen Zwickau.

Eine zweite Kinderoper wird am Ort ihrer Uraufführung, nämlich in Erfurt, im August dieses Jahres eine Wiederaufnahme erfahren.


Jutta hatte für die DomStufen Festspiele des Theaters Erfurt im Sommer 2009 eine Fassung von >>>>  “Die Bremer Stadtmusikanten” geschrieben, bei der die Rollen der Tiere mit Opernsängern besetzt waren, die Arien von Rossini, Mozart, Di Capua und Offenbach singen, während die Räuber-Schauspieler versuchten, rappend dagegen zu halten. Jutta schrieb dafür ein sehr poetisches Libretto, das unter der Regie von Tabea Kranefoed einfallsreich umgesetzt wurde. Ich habe die Inszenierung 2009 selbst gesehen und konnte dabei die Begeisterung des jungen Publikums hautnah miterleben. Übrigens ist eine Aufführung auf den Domstufen des Erfurter Doms schon an sich ein Ereignis, das man nicht ersäumen sollte.

Die für den jetzigen August vorgesehenen Spieltermine schauen so aus: Premiere Sa, 13. August 2011, 16.30 Uhr, Weitere Aufführungen Mi, 17.08., 10 Uhr – So, 21.08., 16.30 Uhr – Do, 25.08., 10 Uhr – So, 28.08., 16.30 Uhr – Di, 30.08., 10 Uhr – Mi, 31.08., 10 Uhr.

Aber das sind erst zwei von insgesamt sieben Stücken, die gegenwärtig von der Liebsten aufgeführt werden. Das dritte ist eine Neuinszenierung ihres Schauspiels >>>>   “Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors”, die das Sandkorntheater Karlsruhe zur Aufführung bringt. Die Premiere fand bereits im März statt.

Das Schauspiel >>>>  “Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors” ist allerdings auch beim Jungen Schauspiel Ensemble München, das für die Uraufführung des Stückes verantwortlich war, und dem Kleinen Theater München-Haar weiter im Programm und wird auf Gastspielreisen bundesweit gespielt.

Und zum 90. Geburtstag von Sophie Scholl, am 9. Mai dieses Jahres, ist es in München natürlich aufgeführt worden.

Ein ganz besonderes Ereignis war dann die Uraufführung ihres Schauspiels >>>>  “Lieben und Töten – das kurze Leben des Heinrich von Kleist”, die im März dieses Jahres in München stattfand und vom Jungen Schauspiel Ensemble München unter der Regie von Michael Stacheder inszeniert wurde.

“Lieben und Töten” ist eine Auftragsarbeit für das Kleistjahr 2011. Und das Stück rundet damit die bisherige Arbeit für das Junge Schauspiel Ensemble München, da dessen Arbeit mit der Inszenierung von Juttas Schauspiel über den Widerstand der “Weißen Rose” begann. Das Junge Schauspiel Ensemble tourt zudem mit dem Stück bundesweit. Ende April hat es mit Juttas Schauspiel außerdem die Kleist Festspiele in Thun/Schweiz eröffnet. Dass auch Thun das Kleist-Jahr ausgiebig feiert, ist dem Umstand geschuldet, dass der Dichter 1802 und 1803 zweimal für einige Zeit in Thun gelebt hat. Auf der heute «Kleist-Inseli» genannten Delosea-Insel hatte er während einer Phase der Rousseau-Begeisterung Bauer werden wollen.

Eine weitere Premiere hatten wir am 1. Mai in Wiesbaden zu verzeichnen. Klaus-Dieter Köhler hatte für die >>>>  Wiesbadener Kammerspiele unter der Titel “Der alltägliche Wahnsinn”

14 Minidramen aus Juttas Sammlung mit dramatischen Kurztexten inszeniert, die sie über Jahre unter dem Titel “Europa vor dem Regen” gesammelt hatte. Die Premiere war sehr erfolgreich. Weitere Spieltermine finden sich auf der Webseite der Kammerspiele.

Und übersehen darf man siebtens auch auf keinen Fall, dass der Stuttgarter Schauspieler Horst Emrich auch weiterhin bundesweit auf Tournee ist und Juttas Stück  >>>>  “LiebesLeben” spielt, das über die Fragen von Aids/HIV in kurzweilger Art und Weise Auskunft gibt.

So schaut es also gegenwärtig allein mit ihren eigenen Stücken aus, was man durchaus einmal hervorheben sollte, finde ich zumindest. Für 5 Monate ist das eine Menge. Und für die Stücke, die zur Zeit in ihren Inszenierungen laufen, könnte man eine ähnliche Liste erstellen.

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Die Konzessionen des Herzens

In vielfacher Hinsicht habe ich zwar in den vergangenen Wochen auch immer wieder am neuen Roman “Die Konzessionen des Herzens” gearbeitet, strukturierend, Material sammelnd, viele Opern hörend (den ganzen Wagner u.a., bei dem ich jetzt seit gestern erneut mit dem “Ring” begonnen habe, heute zweiter Tag “Siegfried”, dazu 13 der 26 Verdi Opern und einiges im Umkreis), zudem überhaupt allgemein sehr viel zur Musik gelesen, über den Aufbau eines Opernhauses z.B., aber tatsächlich wieder im Stoff arbeiten, das tue ich erst wieder seit gestern. Und auch wenn es naturgemäß bisher noch nicht viel ist, so ist doch der Umstand selbst ungeheuer befriedigend.

Zwei Punkte sind noch zu vermerken. Zum einen die Reise nach Naumburg, wo die Liebste inzwischen in der dritten Woche Ecos “Der Name der Rose” für das Freilichttheater im Sommer inszeniert. Ich hatte ja bereits seit zwei Wochen dort sein wollen, dann verschob sich alles infolger vieler Arbeiten, die ich zuvor noch zu erledigen hatte. Und inzwischen ist auch die Planung, nach der die Liebste am Samstag mit dem Wagen zurückkommen wollte, um dann mein Gepäck – Kleidung für 2 Wochen plus Handbibliothek etc. – einzupacken und mit mir gemeinsam am Sonntag nach N. zu fahren, über den Haufen geworfen worden, da die Belastung durch die Fahrt für sie zu groß wäre. Sie hat ja zudem am Samstag noch den üblichen halben Probentag, sodass ich in unserem Abendgespräch entschieden habe, mit dem Zug nach Naumburg/Saale zu fahren, um ihr die insgesamt über 700 Kilometer für die Hin- und Rückfahrt zu ersparen.

Zweitens war ich in der letzten Woche auch damit beschäftigt, mir aus Recherchegründen eine Hospitanz in der Oper zu besorgen, weil ich unbedingt eine vollständige Opernproduktion begleiten und möglichst umfänglich dokumentieren möchte. Meine Hauptfigur für den neuen Roman, Siegmund (Zygmunt) Androvski, ist bzw. war ja Opern-Regisseur, und ich wäre schlecht beraten, wenn ich in dieser Hinsicht nicht gründlich recherchieren und mich stattdessen auf mein allgemeines Wissen über die Oper und das Musiktheater verlassen würde.

Ich kontaktierte deshalb auf einen Vorschlag der Liebsten hin >>>>  Andreas Baesler, der gerade am >>>>  Landestheater Linz Verdis “Il Trovatore” inszeniert und am 14. Mai damit Premiere hat. Ich schilderte ihm mein Vorhaben, dem er auch durchaus aufgeschlossen gegenüber stand, doch stellte sich im Gespräch schnell heraus, dass ich seine bevorstehende Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper “Il Ritorno di Ulisse in Patria”, die am 25. September in Münster Premiere haben soll, nicht begleiten kann, da die dreiwöchigen Vorproben bereits Anfang Juli beginnen werden und diese erste Probenphase damit in die Zeit unserer Atlantiküberquerung und die New York-Reise fallen wird. Andreas bot mir dann an, seine Inszenierung  von >>>>  Gaetano Donizettis Oper “L‘Elisir d‘Amore” zu hospitieren, die bereits am 2. Juli im Aalto-Musiktheater Essen Premiere haben wird, was noch vor unserer New York-Reise läge, doch beginnen dafür die Proben bereits in einer Woche, sodass ich meinen Aufenthalt in Naumburg nach der Hälfte der geplanten Arbeitsphase abbrechen müsste und mich natürlich auch kaum noch auf die Produktion vorbereiten kann.

So lief es dann gemäß der weiteren Planung von Andreas’ Inszenierungen auf >>>>  Benjamin Brittens Oper >>>> “Peter Grimes” hinaus, die erst im Jahre 2012, am 25. März in Münster Premiere haben wird.

Darauf freue ich mich sehr, zumal ich die Oper selbst einigermaßen kenne und durch den noch recht langen Vorlauf noch einiges an Vorbereitungszeit haben werde. Außerdem wird mir dies hoffentlich Gelegenheit geben, nicht erst ab Probenbeginn an der Produktion teilzunehmen, sondern auch bereits auf den Konzeptionsgesprächen, der Bauprobe etc. anwesend zu sein.

Diese Oper interessiert mich zudem aus zwei Gründen weit mehr, als es eine der Opern aus der Wiener Klassik o. ä. getan hätte. Natürlich hätte mich letzteres musikalisch sehr verführt, aber der Brittensche Stoff birgt im Gegensatz zu der oftmals ja recht oberflächlichen Verwirrhandlung dieser Opern ein echtes Geheimnis. Warum kommen die Lehrlinge des Peter Grimes um? War der Tod des ersten tatsächlich ein Unfall? Was wird da verborgend? Warum benötigt er dann trotz der konfliktreichen Situation unbedingt einen zweiten? Weshalb weist der zweite Lehrling Anzeichen von Misshandlungen auf? Warum kommt er dann so seltsam zu Tode? Und wie ist das mit dem Verhalten der Dorfbewohner? Warum halten sie ihn anfangs sofort für schuldig, den ersten Lehrling getötet zu haben? Und warum entscheidet der Richter trotzdem so klar auf Unfall? Vielleicht nur, weil es tatsächlich einer ist? Gibt es dafür Beweise? Warum entwickelt sich das feindliche Dorf dann zu einem Lynchmob? Mir scheint, in all dem steckt ein höchst aktuelles Thema, das rundum mit gesellschaftlichen Tabus belegt ist. Und ich bin höchst gespannt, wie Andreas Baesler das inszenierend wird.

Es kommt hinzu, dass bei dieser Inszenierung >>>>  Andreas Wilkens wieder für das Bühnenbild verantwortlich zeichnen wird. Baesler arbeitet schon lange mit ihm zusammen, und die Ergebnisse haben mich, so weit ich sie kenne, immer begeistert. Zuletzt der überwältigende “Fidelio”, von dem ich hier zwei Bilder von Wilkens’ Seite einfüge.

Ein Besuch auf >>>>  Wilkens HP lohnt sich enorm, wenn man einmal Fotos von seinen bildreichen Inszenierungen sehen möchte. Und den Entwicklungsprozess für “Peter Grimes” etwas intensiver begleiten zu können, das ist für mich unter diesem Aspekt enorm reizvoll.

Ich will schauen, dass ich im Rest der Woche, vor meiner Abfahrt nach Naumburg, außer den Coachings noch einiges tun kann, was ich zuvor vom Tisch haben möchte. Dazu gehört u.a. die Renzension der Schütt Biographie von “Max Frisch”, die ich schon zur Hälfte fertig hatte, dann aber liegen lassen musste. Außerdem der Abschluss der Lektüre von Peter Sloterdijks Rede >>>>  “Regeln für den Menschenpark”, womit ich natürlich über 10 Jahre zu spät dran bin.

Allerdings habe ich letzthin nachholend das Gespräch zwischen Peter Sloterdijk und Hans-Jürgen Heinrichs gelesen, das die beiden in der Frühjahrsausgabe des Jahres 2000 von >>>>  LETTRE – International geführt hatten. Siehe dort das Interview Die Sonne und der Tod – Über mentale Gitterstäbe, Erregungslogik und Posthumanismus sowie über die Unheimlichkeit des Menschen bei sich selbst” in Heft 48, Jahrgang 2000. Meine endlich begonnene Lektüre von “Regeln für den Menschenpark” ist eine zwangsläufige Folge daraus. Und beides bewegt mich emphatisch zu der Aussage, dass wir mit Peter Sloterdijk einen der größten Köpfe überhaupt vor uns haben! Ich hatte bisher zu wenig von ihm zusammenhängend gelesen, um das zu erkennen. Jetzt weiß ich es endlich – was allerdings eben auch bedeutet, dass da wieder ein Gesamtwerk auf mich wartet, das noch durchgearbeitet werden will. Egal, mit “Du musst (scusi!) mußt dein Leben ändern”, bin ich schon zur Hälfte durch und fühle mich angesichts des Gedankens bzw. der Bestimmung des Menschen als eines Übenden, als eines Wesens, das aus der Wiederholung entsteht bzw. sich durch die Einübung selbst manifestiert, erschafft, wie befreit. Zum einen natürlich, weil dies in der Tat von so ungeheuer viel befreit. Und zudem knüpft Sloterdijk damit ja auch an den Erfahrungsbegriff meines Aristoteles an … aber das ist natürlich längst schon wieder Stoff für einen neuen Blog-Beitrag. Bleiben Sie glücklich.

 

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Plötzlich ein Messer in der Hand

Am 15. Mai wird sich der Geburtstag von Max Frisch zum 100. Male ereignen. Ein Jahrestag, den man naturgemäß im Feuilleton begehen muss. So sitze auch ich gegenwärtig noch inmitten meines Bücherverhaus – über Kopfhörer Verdis Oper “La Battaglia Di Legnano” hörend -, um die bei Suhrkamp erschienene Max Frisch Biographie “Biographie eines Aufstiegs, 1911 – 1954″ von Julian Schütt zu besprechen. Ich habe jetzt auch durchaus einen schönen Einstieg gefunden und denke, dass ich den Text bis zum Wochenende spätestens fertig haben werde.


Ich war etwas skeptisch an Schütts Buch herangegangen, denn ich fand es zwar notwendig, zu Max Frisch etwas zu sagen, aber ich hatte das Gefühl, dass der 1991 verstorbene ‘meistgelesene Autor der Schweiz’ uns  vielleicht gegenwärtig doch nicht mehr allzuviel zu sagen habe. Das verging schnell. Zum einen deshalb, weil Schütt direkt zeigt, was für ein scharfer Kritiker Frisch war, seines Landes, seiner Gegenwart und seiner selbst. Ein Mann, der auch und gerade von Freunden beschrieben wird als einer, der plötzlich ein Messer in der Hand (ein geistiges gewissermaßen) gehabt habe, das er auch sich in die Brust stieß. Und zudem ist bei Julian Schütt von biographischer Hagiographie keine Spur zu finden. “Nein”, schreibt er gegen Ende seines Prologs, “ich habe Max Frisch nicht mehr persönlich gekannt, und ich bin froh darüber.” Einem solchen Biographen kann man einen Vorschuss geben und ihm zuhören, dachte ich.

Und dann kamen unter der Lektüre all die Erinnerungen wieder. Etwa an das erste Tagebuch, das Frischsche Tagebuch aus den Jahren 1946 – 1949, das so exemplarisch das Politische und das Persönliche zusammendenkt und vorführt. Und mir wurde bewusst, dass ich noch heute aus diesem Tagebuch gelegentlich zitiere, aus dem Gedächtnis zitiere, etwa wenn ich meinen Literaturcoachees etwas begreiflich machen will. So tief muss dieses erste Tagebuch auf mich gewirkt haben. Meine Lektüre hat etwa Anfang der 70ger Jahre erstmals stattgefunden, vor und parallel zum Roman “Stiller”. Viel später kam dann auch das zweite Tagebuch, aber wenn ich zurückdenke, dann steht immer das erste im Vordergrund. Wie ist das möglich, musste ich denken, denn immerhin braucht man schon eine ganze Hand, um die Jahrzehnte seit dieser Lektüre nachzuzählen.

Ja, und wenn ich an den “Stiller” denke, dann erinnere ich mich sogar an das Sonnenlicht jener Tage. Natürlich habe ich den Stiller erst lange nach seinem Erscheinen erstmals gelesen, ebenso wie das Tagebuch. Ich war damals 20, 21 Jahre alt und diente als Soldat in Rothenburg an der Wümme bei einem Heeresflieger Bataillon (wie sich das mit der Verdischen Oper kreuzt!). Es war Frühsommer. Mein Freund Até und ich hatten an diesem Tag einen langersehnten Urlaub bekommen und wollten gemeinsam in seinem VW-Cabrio nach Paris fahren. Es war noch jemand mit von der Partie, an dessen Namen ich mich nicht zu erinnern vermag. Woran ich mich aber erinnere, das ist das frühe kühle Sonnenlicht, das auf den Blättern der Ahornbäume blinkte, die vor den Unterkünften die Straßen innerhalb der Kaserne säumten. Das Licht auf den weißen Fassaden der Unterkünfte, die Schattenflecken der im Wind tanzenden Blätter. Und ja, der Umstand, dass Até schon draußen auf mich wartete, in diesem Licht, und sauer war, weil ich mich in Frischs “Stiller” festgelesen hatte und nicht erschienen war, um unser Gepäck unter der Haube zu verstauen.

Übrigens schrieb er mir vor wenigen Wochen, dass er dieses VW-Cabrio immer noch besitzt und damit demnächst eine große Tour unternehmen wird. Er hat immer noch das Auto von damals. Und ich habe die Erinnerung daran, dass ich auf der ganzen Fahrt nach Paris den Stiller las. Ich hatte damals keinen Führerschein, weil ich bei der Führerscheinprüfung der Bundeswehr durchgefallen war. Até musste deshalb allein die ganze Strecke fahren, während ich lesen durfte. Und ich las den “Stiller”, dieses Buch, das mit dem Satz beginnt “Ich bin nicht Stiller.”

Paris damals war ebenfalls eine große Erfahrung, vor allem deshalb, weil wir dort seltsame Bekanntschaften machten, von denen ich Erinnerungen ‘ohne Inhalt’ habe, will sagen, ich habe davon Bilder im Kopf, die ohne Text sind, ohne irgendeine Erklärung. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, dass Kants Satz ‘Anschauungen ohne Begriffe sind blind’ wahr ist. Aber meine Lektüre ist mir eigentlich heute noch gegenwärtiger als alles andere, gegenwärtiger als das Quartier Latin, viel gegenwärtiger, als die Mädchen, die wir trafen usw. Nur den Moment, in dem ich – endlich allein, da ich mich nach zwei Tagen von den anderen getrennt hatte – in die Kathedrale “Notre-Dame” eintrat, möchte ich davon ausnehmen. Das war ein überwältigender Augenblick, denn ich trat in einen schier unendlichen Raum, der von einem Licht erfüllt war, wie ich es noch nie gesehen hatte. Vor allem die riesige Rosette hat mich gefesselt. Und ich habe damals unsinnigerweise versucht, sie zu fotographieren, was um so unsinniger war, als ich nur einen sehr unzulänglichen Fotoapparat und einen Film für schwarzweiße Bilder hatte.

Von diesem Wunder aus Licht besitze ich also noch heute irgendwo ein verwackeltes Foto in Schwarzweiß. Oder? Besitze ich es tatsächlich? Existiert es vielleicht nicht nur in meiner Erinnerung? Das ist sehr gut möglich. Und die Bilder in meinem Kopf, die Bilder von dem verrauchten Zimmer, in dem ich mit einem bekifften Franzosen saß, dem ich den “Stiller” zu erklären versuchte. Und die verregneten Straßen, von denen aus wir in die Cafés am Boulevard du Montparnasse starrten, um hinter den vom Atem der Gäste beschlagenen Fensterscheiben noch einen freien Tisch zu finden.

Als wir zurückkamen, da stand die normale Welt allerdings noch, der Dienst in der Kaserne ging weiter. Até kam aus irgendeinem Grund für einige Tage in Haft, und ich hatte Wachdienst und musste ihn als UvD bewachen. Das war natürlich lächerlich, und wir haben uns das nicht zu Herzen genommen. Aber ich erinnere mich, dass ich während dieses Wochenenddienstes einem Gefreiten, der ebenfalls für diese Wache eingeteilt war, den “Stiller” schmackhaft machte. Und er revanchierte sich, indem er Salingers “Fänger im Roggen” (ich besitze heute noch die Erstausgabe) gegen meinen “Stiller” tauschte. Nachdem ich Holden Caulfields Abenteuer, will sagen “die verrückten Sachen, die sich letzte Weihnachten abspielten” und das ganze “David Copperfield-Zeug” gelesem hatte, da verging kein Tag mehr, an dem wir uns nicht mindestens fünfmal mit dem Satzfragment “Wenn Sie wissen, was ich meine.” begegneten. Und machmal taten wir es auch des Nachts, denn der Gefreite besaß einen Flugschein für Tragflächenflugzeuge, ganz privat, sodass wir nach dem Dienst mehrfach in der Woche zum Flugplatz hinaus führen, eine Cessna 172, die sogenannte ‘Skyhawk’, mieteten und damit unsere Runden drehten. Aber das ist schon längst eine andere Geschichte. Hab mich bloß etwas verloren, wofür ich um Entschuldigung bitte. Aber Max Frisch und seine ersten Bücher gehören da für mich unabweißbar hinein.

Was muss man daraus folgern? Aus Frischs Roman “Stiller”, aus Salingers “Fänger im Roggen”? Aus den Geschichten von Figuren also, die nicht wussten, wer sie sind bzw. sein könnten. Aus den Geschichten von Leuten, die die ihnen zugeschriebene Identität sogar vollständig ablehnten?  War das alles nur ein Ergebnis der Zeit nach dem 2. Weltkrieg? Weil man die Identitäten, die damals üblich waren, so abgrundtief hasste? Ich weiß es nicht genau, denn weder vermag ich die darin zumindest für Deutschland behauptete Zurückweisung der Eltern-Generation zu verallgemeinern. Noch wäre damit ja die damalige Bewusstseinlage eines Autors wie Frisch erklärt, der in der Schweiz lebte. Lassen wir das also für heute erstmal offen. Man wird dem für sich selbst nachfragen müssen. Aber gefühlt haben wir uns so, ganz gewiss.

PS: Noch zu Verdi – Mit “Die Schlacht von Legnano/La Battaglia Di Legnano” bin ich bei meiner Durchmusterung der Verdi Opern gewissermaßen auf der Mitte angelangt. Genauer gesagt, bei der 13. von 26 Opern. Natugemäß bin ich etwas hinter meinem Zeitplan zurück, sodass ich vieles vermutlich erst werde hören können, wenn ich endlich in Naumburg bin. Und vor allem habe ich es nicht geschafft, die Libretti der Opern, wie ursprünglich vorgesehen, einer Textkritik zu unterziehen. Es sind lediglich zwei Texte entstanden, die aber auch noch nicht veröfffentlicht sind. Man sehe es mir nach. Ich selbst tue es.

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Eine Erinnerung und eine Wut

Heute musste ich, weil ich meine Rezension über Jonathan Lethems Roman >>>> “Chronic City” verlinken wollte, wieder an David Foster Wallace denken, der sich 2008 erhängt hat. Tja, ein Autor, der sich erhängt. Wie finden Sie das? Ich lass das mal hier so stehen.

Die gedankliche Verbindung entstand für mich gewissermaßen zwangsläufig. Einerseits natürlich deshalb, weil Lethem ausgerechnet die Professur für Creative Writing am Pomona College übernommen hat, die David Foster Wallace (DFW) zuvor innehatte.

Andererseits aber auch deshalb, weil ich an all die Nichtreaktionen, die ich in den letzten Jahren erhalten hatte, denken musste, wenn es DFW betraf. Tja, auch die Nichtreaktionen kommen zielgenau an. Man sollte sich dessen bewusst sein.

Ich dachte etwa an unseren lebenslangen Freund MH in München, der immerhin regelmäßig für die Münchner Abendzeitung schreibt. Wir, die Liebste und ich,  hatten ihm in unserer Begeisterung zum Geburtstag >>>>  “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” geschenkt, DFWs Reportage über eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Ein Text, der so schreiend komisch und brutal genau die Verhaltensweisen unserer touristischen Mitmenschen beleuchtet, dass es schmerzt. MH hat uns noch nicht mal wissen lassen, dass er unsere Geburtstagssendung überhaupt erhalten hat. Okay.

Ich schrieb dann einen Blogbeitrag zu DFW Großroman “Infinite Jest / Unendlicher Spaß”, der 2009 endlich auf Deutsch erschien, ohne dass ich darauf auch nur eine einzige Reaktion bekommen habe. Etwa zeitgleich schrieb ich über “Zettels Traum” von Arno Schmidt und regte eine neue Lektüre des Großbuches an, wohlgemerkt eine, die vor der nun im vergangenen Herbst erfolgten erstmaligen Publikation des Werkes in durchgehend gedruckter Fassung lag. Darauf bekam ich vielfache Reaktionen. Und es entspann sich sogar ein über Wochen geführter Email-Briefwechsel mit Leuten, die mir ihre Leseerlebnisse mit AS mitteilten. Hinsichtlich DFW kam nichts, gar nichts.

Und dann kam die Nachricht von seinem Tod. Ich war sehr betroffen, schrieb kurz darüber, woraufhin ich eine einzige Rückmeldung erhielt. Sie war erstaunlicherweise von Andy Lettau, den ich bis dahin nur als Autor von total mainstreamig zugerichteten Thrillern kannte. Und außerdem fasste er seine Reaktion auf DFW Tod in ein Gedicht. Das hätte ich niemals erwartet. Noch dazu hätte ich niemals erwartet, dass mir dieses Gedicht gefallen würde. Aber das war wirklich der Fall. Ich nahm damals Lettaus Gedicht in meinen Blogbeitrag zu DFWs Tod auf. Auch darauf kam keine Reaktion. Aber das hat uns schon nicht mehr erstaunt.

Okay, so weit die Vorgeschichte bzw. die Geschichte dessen, woran ich heute denken musste. Ich habe mich deshalb entschlossen, den ehemaligen Bogbeitrag hier erneut zu veröffentlichen. Da ist er, sollen die Leute damit machen, was sie wollen.
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(17.09.2008)

Als ich vor zwei Tagen in der “Kulturzeit” auf 3sat Ernst Grandits berichten hörte, dass sich der amerikanische Autor David Foster Wallace in seinem Haus erhängt habe und dort von seiner Frau gefunden worden sei, habe ich aufgeschrien. Es war wie eine Erschütterung in meinem Körper, die immer noch nachwirkt. Ich hatte zuletzt seine großartige Arbeit über den Mathematiker Georg Cantor gelesen.

Meine Überlegungen, was ich über Wallace in meinem BLOG schreiben könnte, wurden nun vor einer knappen Stunde auf sehr angemessene Weise entschieden, als Andy Lettau mir mailte. Ich setze seinen Text ohne Kommentar hierher, möchte damit aber ausdrücklich sagen, dass er das, um was es mir angesichts dieses bedauerlichen Todes geht, treffender ausgedrückt hat, als ich es momentan könnte.

Lettau schreibt:

Ups, las Ihren Nachsatz erst jetzt. Hatte den Tod von DFW vor zwei Tagen in einem Forum im Schnellschuss kommentiert. Hat kein Schwein verstanden:

DAVID FOSTER WALLACE TOTal zu erkennen und zu verstehen ist wohl unmöglich.
Vielleicht muss man aber nur wie ein entlassener Mitarbeiter von Toyota denken.
Die Komplexität produzierende Hand lässt einfach das Lenkrad los.
Das Navigationssystem fliegt auf den schwitzenden Asphalt.
Das Gehirn arbeitet zur Verblüffung plötzlich eigenständig.
Der Mensch findet seinen eigenen Weg.
Nimmt sogar eine Abkürzung.
Um den Irrsinn herum.
Ende des Albtraums.
Einfach Ende.
Einfach.
Aus.

So weit Andy Lettau, dem ich für die Erlaubnis, seinen Text hier einzustellen, danke. Ich sage vorerst einfach mal, schade, dass Du das gemacht hast, DFW. Und vor allem, weil es auf diese brutale Tour sein und deine Frau dich so finden musste. Aber okay, manchmal geht es eben einfach nicht mehr weiter.

PS: Aus der Distanz von mittlerweile über zweieinhalb Jahren zu Lettau: Schätzen Sie das nicht gering. Es ist vielleicht Ihr bestes Werk. Aber ich kenne ja nicht so viel. Danke nochmals für diesen Text.

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Der tägliche Wahnsinn?

Nach einem frühlingshaften Nachmittag im Schiersteiner Yachthafen-Café mit viel Wind fuhren wir am Abend in die Stadt, um in den Wiesbadener Kammerspielen, die Premiere von Juttas Stück  >>>> „Der tägliche Wahnsinn“ zu sehen. Ein Abend, bestehend aus 14 Minidramen aus der über Jahre entstandenen Sammlung von kurzen Theatertexten, die die Liebste in einem Zeitraum von über zwei Jahrzehnten geschrieben hatte, und die unter der Regie von Klaus-Dieter Köhler aufgeführt werden sollten. J. war am Abend zuvor extra kurzfristig aus Naumburg an der Saale zurückgekommen, wo sie zur Zeit seit einer Woche Ecos  >>>> „Der Name der Rose“ inszeniert, um die heutige Premiere zu sehen.

Es war zwar keine Uraufführung, da eine ganze Reihe ihrer dramatischen Kurztexte, die sie thematisch unter dem Titel „Europa nach dem Regen“ gesammelt hatte, bereits in Trier, Regensburg und anderen Orts aufgeführt worden waren. Doch war die heutige Aufführung ihre erste Premiere in ihrer Geburtsstadt Wiesbaden, ihre erste Premiere überhaupt, nicht nur der heutigen Stücke, was natürlich Anlass genug war.

Nach einem Interview für das Wiesbadener Tagblatt, das Frau Baumgart-Pietsch mit J. führte, um es gemeinsam mit einer Besprechung der Premiere vermutlich am morgigen Dienstag zu veröffentlichen, begann dann um 20 Uhr die Aufführung, die vom Publikum von allem Anfang an mit viel spontanem Gelächter begleitet wurde, obwohl es oftmals ein Gelächter war, geeignet, einem im Halse stecken zu bleiben. So etwa im zweiten der 14 Minidramen, einer Straßenszene, die unter der Diktatur Ceaucescus in Bukarest spielt und zwei Passanten zeigt, die beide auf der Suche nach einem Strick sind, um sich aufzuhängen. Da es aber unter der Mangelwirtschaft des Regimes weder Stricke noch andere erforderliche Hilfsmittel gibt, um sich umzubringen, können sich die beiden Passanten am Ende nur wechselseitig Glück wünschen bei dem Versuch, dem Leben ein Ende zu machen. Es war bezeichnend für diesen Abend und seine positive Aufnahme, dass auch Sachverhalte wie die zeitlich inzwischen doch etwas entlegene Situation aus den 90ger Jahren des Kommunismus in Rumänien vom Publikum sofort verstanden wurden. Dies verdankt sich gewiss zum einen der Regie von Klaus-Dieter Köhler, dem es gelungen ist, die drei Schauspieler zu einem durchgehend sehr spontanen, frischen und pointierten Spiel anzuleiten. Zum anderen aber auch der jeweiligen Einzelleistung der Schauspieler. Die überzeugende Umsetzung etwa der Figur des jungen Johann Wolfgang von Goethe, der im Minidrama „Osterspaziergang“ auf seiner Italienreise, gespielt von Gregor Michael Schober, dem alternden Casanova begegnet, wird mir lange in Erinnerung bleiben. Die darstellerisch höchst flexible Jasaman Roushanaei als Casanova ist in dieser Szene zudem so frappierend plastisch geraten, dass es erstaunt. Schon allein der Umstand, dass eine junge und in ihrer Bühnenpräsenz überaus frauliche Frau ganz ohne große Anstrengungen durch Kostüm oder gar Maske den alternden Frauenhelden Giacomo Casanova darzustellen vermochte, war überraschen. Und dass sie kaum mehr brauchte, als einen Gehstock und eine minimal veränderte Körperhaltung, um das Publikum davon zu überzeugen, dass da der gebrochene und etwas altersweise Casanova neben dem jungen flapsigen Goethe, der mit seinen jüngsten Eroberungen prahlt, durch Rom flaniert, hat sie für mich zum Star dieses Abends gemacht.
Ohne nun alles an diesem neunten Minidrama festmachen zu wollen, sei aber noch die äußerst quirlig agierende Angela Hasak erwähnt, die in diesem Text die Rolle des heruntergekommenen Heinrich von Kleist spielte, dem Goethe und Casanova auf ihrem Osterspaziergang begegnen. Angela Hasak spielt ihre wechselnden Rollen in den unterschiedlichen Minidramen so differenziert, dass man sich wundert, wie sie trotz der Kürze der Texte solch klar von einander abgegrenzte Figuren gefunden hat. Sie spielt ebenso überzeugend die körperbehinderte Ehefrau, die in „Einbrecher“ an zwei Krücken nächtens ihrem vor ihr fliehenden Ehemann durch das Haus folgt und ihn am Ende erschießt, als auch den joggenden Touristen in „Katastrophe und Tradition in Japan 2011“, der neben dem in tiefes Phlegma verfallenden japanischen Angler, der darauf besteht, dass hier auch sein Urgroßvater bereits geangelt habe und sein Sohn ebenso angeln werde, wie ein Kobold wirkt, der sich fast zwanghaft bemüht, das Unheil zu verkünden, das selbst oder vielleicht gerade die gar nicht mehr hören wollen, die es direkt vor der eigenen Nase haben. Ich erfuhr erst nach der Vorstellung, dass Angela Hasak, an diesem Abend ihre erste Premiere nach der Ausbildung auf der Wiesbadener Schauspielschule gespielt hatte. Das hat mich sehr gefreut und auch überrascht, denn ihre Souveränität war wahrhaftig enorm; sie besitzt eine große Bühnenwirksamkeit und findet immer eine ganz eigene Figur, auch dort, wo sie ruhigere Figuren spielt oder wie in „Tischdekoration“ die von der Rolle her dominierende Jasaman Roushanaei begleiten muss.
Wollte man diese darstellerische Spannbreite der Aufführung der Schubertschen Minidramen zusammenfassen, so müsste man sagen, dass die Leistung der Regie durch Klaus-Dieter Köhler, der in diesem Jahr bereits das vielbeachtete Stück „Elisas Haut“ in den Kammerspielen zur Aufführung brachte, zum einen vor allem darin besteht, in der raschen Abfolge der vierzehn Minidramen, die ja ständige Orts-, Figuren- und Themenwechsel verlangen, eine solch differenzierte Figurenfindung und Stimmführung zu ermöglichen. Vierzehn Stücke an einem Abend mit einer Spieldauer von 65 Minuten ohne Pause, das fordert den Schauspielern eine Leistung im Wechsel von knapp fünf Minuten ab. Wenn daraus kein Einheitsbrei werden soll, den die Darsteller hetzend hinter sich bringen, dann braucht es eine sehr genaue und höchst einfallsreiche, auf die jeweilige Situation bezogene Regie, die von Klaus-Dieter Köhlers vielfältigen Erfahrungen im Bereich der Komödie erkennbar profitiert hat.

Jutta Schuberts Minidramen zeichnen sich, vergleichbar ihren abendfüllenden Schauspielen, dadurch aus, dass sie dort, wo sie sich allgemein zwischenmenschliche Probleme oder Beziehungsfragen zum Gegenstand nehmen, eine hohe psychologische Dichte erreichen; sie sind glaubwürdig bis zur Alltagstauglichkeit, dann aber auch wieder so zugespitzt und entlarvend, dass sie leicht den Bereich des Absurden berühren. Ebenso wichtig ist der Autorin neben der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen aber auch das Politische. So machen politische Themen in den vierzehn Minidramen, die am 1. Mai in den Wiesbadener Kammerspielen ihre Premiere hatten, die Mehrzahl aus und nehmen sich durchaus auch ganz aktuellen Gegenwartsfragen wie der gegenwärtigen Atomkatastrophe in Japan, dem Aufstand in der arabischen Welt oder der Verfolgung von Künstlern wie Ai Weiwei in China an. Insofern sind ihre Minidramen keine Eskapaden in den Bereich der leichteren Unterhaltung. Sie schließen sich trotz ihres komödiantischen und mitunter leicht absurden Charakters, den Klaus-Dieter Köhler sehr deutlich erkannt und bühnenwirksam umgesetzt hat, ganz deutlich an ihre großen Stücke wie „Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors“, „Adieu Marx“, „Hexenbrennen“, „Coming Out“, „Eden“, „Hornissenzeit“ oder „Stranden“ an.

Es wäre den Wiesbadener Kammerspielen unter Gregor Michael Schober, die erst im Oktober 2009 selbst Premiere feierten, sehr zu wünschen, dass die gelungene Inszenierung von „Der tägliche Wahnsinn“ in den kommenden Monaten noch viele Besucher in das schöne Theater im Wiesbadener Bergkirchenviertel führen möge. Aufführungen sind bisher bis zum 18. Juni geplant und im Programm angekündigt. Weitere Termine und Infos zum Theater und den Stücken des Gesamtprogramms finden Sie unter www.kammerspiele-wiesbaden.de

Aber Achtung, die Karten für das leider nur 60 Plätze fassende Theater sind meist ebenso knapp wie die Parkmöglichkeiten rund um die Bergkirche. Nehmen Sie es also dringend als Insider-Tipp und ordern Sie frühzeitig. Das freut dann auch die kleine Bewirtung im Haus, die mit nostalgischem Chic interessante Weiß- und Rotweine anbietet.

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Schatten Gottes und Naumburg erst später

Sitze noch bei einigen letzten Notizen und höre dabei “Tristan und Isolde”, der Webseite meines Lieblings-Opern-Sender 1 FM kann ich zumindest noch entnehmen, dass es eine Aufnahme unter dem Dirigat von Herbert von Karajan ist, mehr aber leider auch nicht. Nun, egal, die Klarheit des Orchesters und der Stimmen entschädigt für alle fehlenden Informationen.

Es verschiebt sich von der Planung her alles etwas. Zum einen sind bis zum Wochenende noch verschiedene Arbeiten aufgelaufen, die nicht vorhersehbar waren. So etwa beide Webseiten von HE, die aktualisiert werden müssen; ausgerechnet jetzt hat er sich ausgedacht, neue Seiten einzuführen, um alle öffentlichen Veranstaltungen der letzten Jahre mit Fotosammlungen zu dokumentieren. Außerdem steht ja die Seite der Liebsten noch zur Erneuerung an, sobald ich morgen das Coaching mit MN über seinen Berlin-Roman erledigt habe. Da überdies die Liebste, wenn sie zur Premiere ihrer Minidramen  >>>>  Der tägliche Wahnsinn in den Wiesbadener Kammerspielen und zum Interview mit dem Wiesbadener Tagblatt am 1. Mai aus Naumburg zurückkommt, in der Nacht nach der Premiere noch sofort wieder zurück fahren muss,

so haben wir uns heute im Telefonat entschieden, dass ich ihr nur meine Handbibliothek zum Roman “Die Konzessionen des Herzens” mitgeben werde. Ich selbst werde ihr erst am Donnerstag folgen, mit dem Zug, was auch den Vorteil hat, dass ich meine täglichen Coachings bis dahin hier noch wahrnehmen kann und die Coachees mich nicht auf dem Handy anrufen müssen. Ich werde dann aber vermutlich so lange in Naumburg bleiben, bis ich am 27. Mai nach Stuttgart muss. Selbst dann wird es freilich noch eng werden, da bis zur etwa ersten Juni Woche sowohl das Lektorat für CDs Roman fertig sein soll, als auch die Examensarbeit der Tochter. Nun, man wird sehen. Außerdem zeigt das ja nur, wie ungeheuer notwendig es ist, dass ich mich hier aus dem Alltag etwas befreie und qua Ortswechsel die Möglichkeit eröffne, etwas für die Entwicklung meines neuen Romans zu tun.

Am Nachmittag kam via Facebook übrigens die Nachricht von Bettina Römer, der Sprecherin meines Hörbuches  >>>>  “Der Schatten Gottes”, das nunmehr alle Texte dieser Sammlung mit Phantastischen Geschichten eingelesen seien.

Das hat mich sehr gefreut. Ich halte ja sehr viel von ihr und ihrer einfühlsamen Stimme, der man anhören kann, dass sie sich den verschiedenen Texten wirklich engagiert angenommen hat. Außerdem schrieb sie, dass Sie bereits eine Anfrage der Brentanoscheune in Oestrich-Winkel für eine Lesung aus dieser Erzählsammlung habe, und wollte wissen, ob ich dem zustimme. Sie schlug die lange Erzählung “Isoldes Liebhaber” vor, was mir gut gefällt. Ich habe ihr sofort die Zustimmung für diese Lesung gegeben und nur zusätzlich vorgeschlagen, dass man daran denken sollte einen Büchertisch einzurichten, um den gegenwärtig aktuellen Roman >>>>  “Calvinos Hotel” bei dieser Gelegenheit anzubieten.

Nimmt man es genau, obwohl man ja nicht zu früh Rechnungen aufmachen sollte, so kann man schon jetzt nach knapp 4 Monaten sagen, dass 2011 ein für die Liebste und mich sehr arbeits- und entsprechend ertragreiches Jahr ist. Ich bin froh, dass wir nicht alle Zeit bereits wieder verplant haben und uns im Juli z.B. die Atlantik-Überquerung plus New York geschenkt haben. Freilich sind das nur etwas über 2 Wochen. Also noch weit entfernt von meiner Absicht, ein Jahr in New York zu leben und zu arbeiten. Aber man soll ja bekanntlich nie nie sagen.

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Wer sind wir eigentlich?

Alle Sicherheiten und erst recht
die hier geschriebenen
sind handfeste Lügen.
Aus Unsicherheit. Die Fiktion
hingegen ist keine, doch könnte
sie ein Irrtum sein.
(Alban Nikolai Herbst: Poetik)

Wir legen uns in der Regel keine Rechenschaft darüber ab, aber ich bin sicher, dass wir alle inzwischen gelernt haben, mit einem unvergleichlich viel größerem Maß an Unsicherheit über das zu leben, was wir unser Selbst nennen, als unsere Identität bezeichnen, als unsere Persönlichkeit behaupten, oder als unseren – wenn es psychologisch oder gar esoterisch werden darf (es sind ja alles nur sprachliche Zuschreibungen) – Wesenskern betrachten.Wer sind wir? Erfinden wir das nicht jeden Tag neu?

Warum auch nicht? Zwischen der Rimbaudschen Erkenntnis “Ich ist ein anderer.” und dem von Jean Baudrillard verzeichneten ‘Verschwinden der Dinge’ liegt gerade mal ein Jahrhundert. Aus dem Verdacht gegen die eigene Identität, den um 1870 ein hochsensibler junger Dichter äußerte, ist inzwischen die Totalität des Simulakrums einer medialen Scheinwelt geworden.

Und damit ist nicht nur die Welt der klassischen Medien gemeint, denn dass morgen in der Zeitung von heute die Fische eingewickelt werden, das wissen wir ja. Ebenso, dass die täglichen TV-Nachrichten mehr und mehr einer Desinformation ähneln und uns dadurch den notwendigen Blick auf die Welt eher vernebeln. Aber was heißt das eigentlich, Blick auf die Welt? Ist er überhaupt noch möglich? War er je möglich? Können wir die Welt in den Blick nehmen? Nein, das können wir nicht.

Und wie verhält es sich dann eigentlich mit den Autoren, den Schriftstellern, den Geschichten- und Welterfindern? Wenn alles eh nur Simulation ist, hat dann ihr Tun noch eine Funktion? Werden die Autoren, diese berufsmäßige Erfinder der Realität, nicht überflüssig, wenn die Welt selbst den Charakter des Erfundenen angenommen hat und unsere Medien uns im täglichen, stündlichen Update auf den neusten Stand bringen?

Nun, ich widerspreche Baudrillard noch immer. Ich gehe nicht davon aus, dass das Ding durch sein Zeichen ersetzt worden ist; auch wenn wir inzwischen ganz unübersehbar in einer Welt der Zeichen leben. Das Zeichen ist einfach eine Notwendigkeit, da wir sprachliche Wesen sind. Aber das heißt nicht, dass unsere Zeichen, dass das Benennende, an die Stelle des Benannten tritt und es auslöscht. Man mag das aus dem Blick verlieren, aber es gibt immer beides.

Und der Autor? Seine Existenz besitzt einen größeren Zusammenhang, denn sein Tun erschöpft sich nicht in der Klammer von Zeichen und Bezeichnetem, in der Geschichte und den Dingen, von der die Geschichte spricht. Ja, nimmt man es genau, dann fängt dort die Aufgabe des Autors noch nicht einmal an. Sie geht vielmehr weit darüber hinaus, indem sie Sinn schafft. Der Erzähler ist kein Stenograph einer irgendwie gearteten Realität. Vielmehr sind wir die, die die Möglichkeiten erproben. Wir entwerfen Realitäten, allerdings keine zwingenden, sondern mögliche. Und das, was möglich ist, es ist nichtmal verpflichtet dem Autor zu folgen. Wo er demnach ankommt, ist immer fragwürdig.

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Lethems Manhatten, Herbst, die Elegien und Rilke

Seit Montag bin ich gedanklich bereits mit der Abreise nach Naumburg beschäftigt, die zwar erst am Wochenende erfolgen soll, mich aber bereits jetzt stark auf meine dort vorgesehene Romanrecherche hin fokussiert. Am Nachmittag des Montag fuhr die Liebste gewissermaßen voraus, da sie mit ihrer Inszenierung von Ecos >>>>   „Der Name der Rose“ heute am Dienstag begonnen hat und die nächsten sieben Wochen beschäftigt sein wird. Meine Anwesenheit wird damit verglichen nur ein Intermezzo sein, zwei bis maximal drei Wochen werde ich die Stadt als Ort für meine Arbeit nutzen, aber ich hoffe, dass ich mit den Vorarbeiten zum Romanprojekt „Die Konzessionen des Herzens“ am Ende ein gutes Stück weiter gekommen sein werde. Der Schwerpunkt wird auf der Erarbeitung des gesamten musikalischen Hintergrundes liegen, Verdi und vor allem Wagner, dann die gründliche Lektüre der Handbibliothek, die ich bereits zusammengestellt habe. Heute kam mir der Gedanke, dass ich mal ein längeres Gespräch mit >>>>  Andreas Baesler führen müsste, denn er ist ja schließlich wie meine Hauptfigur Opernregisseur, auch wenn er viel jünger ist. Werde ihn fragen, ob er Zeit für ein Treffen hat.

Am Montag schrieb ich zudem die Besprechung von Jonathan Lethems neuen Roman „Chronic City“, die HD dann am Dienstagnachmittag auf  >>>>  Glanz & Elend publizierte. Es ist eine rechte Tour de force geworden, die mir viel Spaß gemacht hat und augenscheinlich auch den Lesern gefällt. Ich hatte am Nachmittag auf Facebook bereits einige Rückmeldungen zu dem Text, bis dahin, dass geschrieben wurde, man habe sich das Buch zum Geburtstag gewünscht. Was will man mehr.

Die Tochter ist über das Osterwochenende in Finnland gewesen und schrieb: „In Finnland war es sehr schön. Wir hatten zwar immer noch Eis und Schnee, aber die Sonne hat trotzdem geschienen und wir haben Helsinki genossen. Vielen Dank für die “Kleinigkeit.” Das Buch klingt sehr spannend und ich werde es sicher heute abend beim Babysitten beginnen.“ Das Buch ist Donna Tartts „The secret history“, das ich ihr zum 25. Geburtstag geschenkt habe. Eva ist wenige Tage vor Tschernobyl geboren. Für mich und ihre Mutter hatte die Reaktorkatastrophe damals eigentlich immer nur den Bezug zu unserer Tochter. Ich vermag mich nicht zu erinnern, dass wir daran gedacht oder gar darüber gesprochen hätten, dass der nukleare Fallout Auswirkungen auf uns selbst haben könne, obwohl das natürlich Quatsch war. Wir haben nur an das neugeborene Kind gedacht, das inzwischen ein Vierteljahrhundert alt geworden ist. Wie schön.

Wir haben übrigens verabredet, dass ich ihre Examensarbeit lektorieren werde. Sie hatte mir, während ich auf der Fahrt nach Berlin war, ihre Arbeit angekündigt. Es werden zwar „nur“ etwa 60 Seiten sein, aber der notwendige akademische Jargon wird mich sicher wieder fordern; ich freue mich darauf.

Am Abend nach dem enttäuschenden Ausgang des Champions League Spieles Schalke gegen Manchester spontan wieder an die noch ausstehende Besprechung der  >>>>   „Bamberger Elegien“ von Alban Nikolai Herbst gegangen, die ich mir aus Leipzig mitgebracht hatte.

Dabei fiel mir erneut auf, dass der Stoff gar nicht gründlich genug angegangen werden kann. Im Grunde ist alles zu hinterfragen, vom Titel über die Bezugnahme auf Aragon bis zur Form der Elegie überhaupt. Der Inhalt, die verhandelte Geschichte, kommt erst danach. Vor allem ist ANHs Satz zu misstrauen bzw. zu widersprechen, es sei ihm egal, ob ein Leser das einfach als Prosa lese, denn schließlich habe er ja eh keine reinen Hexameter benutzt. Er wird nicht so naiv sein, wie dieser Satz tut, denn die Elegie besteht ja eben nicht aus reinen Hexametern sondern aus einer Abfolge von Hexa- und Pentametern, die den Zweizeiler, das Distichon, bilden. Seine Abkehr vom Zeilenbruch, wodurch die Abfolge der Takte im Vers unkenntlich gemacht wird, muss freilich noch einen anderen Grund haben.

Dazu bei Rilke auch nochmals in den „Duineser Elegien“ gelesen und mich etwas mit der historischen Situation vertraut gemacht, der Rilke seine 10 Elegien in fast anderthalb Jahrzehnten Arbeit abgerungen hat. Rilke hat mit der Form der Elegie bewusst versucht, an Klopstock und Hölderlin anzuknüpfen. Es war nichts weniger als der Versuch, die Form der Elegie und des Hymnus wiederzugewinnen. Und nicht nur das, er stellte sich damit auch die Aufgabe, den Beweis anzutreten, dass sie sich unter den gänzlich veränderten historischen Bedingungen als möglich erweisen sollten, also nach Baudelaire, Mallarmé und vor allem den philosophischen Befunden Nietzsches. Mit anderen Worten, Rilke hatte sich vorgesetzt, die Form der Elegie innerhalb des Horizonts der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu rechtfertigen.

Hier sehe ich ein mögliches Problem für ANH, denn nicht nur wäre zu fragen, ob denn seine Bamberger Elegien am Beginn es 21. Jahrhunderts ähnliches zu leisten versuchen. Vor allem wäre zu fragen, ob es überhaupt noch zu leisten wäre, angesichts einer historischen Situation, die eigentlich eine digitale Ontologie zu ihrer Beschreibung benötigte. Und ist der Herbstsche Schreibantrieb aus einer ähnlich zwingenden Notwendigkeit entstanden wie Rilkes fast Kantische Fixierung auf die Elegien, die zu einer gewissermaßen transzendentalen Dichtung führte, in der die Korrelation von Leben und Dichtung bis auf den Grund befragt wurde? Die Duineser Elegien zeigen, dass Rilke das Lebenkönnen als Bedingung der Möglichkeit von Dichtung begriff. Und das Dichtenkönnen hat er entsprechend als die Bedingung der Möglichkeit von Leben erfahren. Daraufhin wird jeder Autor zu befragen sein, der heute Elegien schreibt. Aber natürlich wird ANH hier zwangsläufig scheitern müssen, denn Rilke leistet da ja einen Versuch der Sinngebung, wie er nur vor Anbruch der Postmoderne noch möglich war; in der letzten Abenddämmerung der klassischen Moderne gewissermaßen. Schon fünf Minuten später steht er zwangsläufig unter Ideologieverdacht. Aber das muss ANH wissen, und da er kein Brecht ist, will sagen, einfach frech etwas schreibt, was er zwar „Buckower Elegien“ nennt, ohne aber auch nur die Absicht zu haben, von der Form der Elegie etwas zu verwirklichen, sieht man mal vom inhaltlichen Aspekt der Trauer und Klage ab, so wird man seine „Bamberger Elegien“ daraufhin befragen müssen, ob sie die Bedingungen ihrer Möglichkeit selbst nachweisen. Bin da sehr unsicher, trotz meiner grundsätzlichen Bewunderung für einen Kollegen, der solch ein Unterfangen in Angriff nimmt. Es ist ja viel größer, als etwa das der Modicksche Sonette, der ohne Begründungszwang spielerisch eine Form benutzt, die durch ihre Eleganz sofort überzeugt; das Sonett erzeugt schließlich selbst die Lust, die ihr Thema ist.

Nun, ich werde mir die Zeit nehmen müssen, die ich tatsächlich brauche, um dieses Buch zu würdigen; selbst wenn es am Ende nur ein Handkuss würde, so sollte er nicht zu flüchtig ausfallen.

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Der Naumburger Meister und der Spargel

Habe nun doch nahe Aussichten auf eine intensive Vorarbeitsphase am neuen Romanstoff “Die Konzessionen des Herzens”, der in den letzten Wochen, bedingt durch die Buchmesse und u.a. die Lesereise nach Berlin und Potsdam, um >>>>  “Calvinos Hotel” zu promoten, in weite Ferne zu rücken schien. Die Liebste und ich saßen am Nachmittag im Schiersteiner Yachthafen-Café und beschlossen, dass ich für zwei Wochen mit ihr nach Naumburg reise. Sie beginnt dort ab kommenden Montag mit der Inszenierung von Ecos >>>>   “Der Name der Rose” und wird nach einer Woche kurz zurückkommen, sodass ich dann gemeinsam mit ihr hinfahren könnte. Sie wird dann die Frage der Unterkunft geklärt haben.

Ich plane, die Zeit ganz intensiv für Lektüre und sonstige Recherchen zu nutzen, um mich auf musikalischem Gebiet auf den Roman vorzubereiten. Sehr viel über Opernproduktion wird zu klären sein, vor allem Wagners und Verdis gesamtes Opernwerk werde ich durchhören müssen, dazu die Bücher von Neuenfels, Mahnkopf, Werner-Jensen, auch wohl Krausser über Puccini, sowie Barenboim. Dafür wird es sehr günstig sein, wenn ich mich aus allem Alltäglichen, das hier in Wiesbaden permanent auf mich wartet, herausziehen kann, um mich ganz darauf zu konzentrieren. Das ist eine Arbeit, der ich mit großer Freude entgegensehe.

Und dazu dann natürlich Naumburg selbst als Zugabe. Der Dom, das Werk des >>>>  Naumburger Meisters, von dem ich bisher im Grunde nur weiß, dass Umberto Eco es so sehr schätzen soll. Oder halt auch einfach nur irgendwo im Café sitzen, um Notizen zu machen und den Stoff zu entwickeln. Am 27. Mai werde ich dann spätestens aufbrechen müssen, da ich einen Termin in Stuttgart habe.

Zudem war heute ein Tag mit vielen schönen Bestätigungen unserer Arbeit. Von Leuten, von denen man es gar nicht erwartet hatte, kamen Nachrichten, dass ihnen “Calvinos Hotel” sehr gefallen habe. Und die Liebste hat nicht nur ein dickes Lob vom Intendanten der Kammerspiele für ihre Minidramen >>>>  Der tägliche Wahnsinn” erhalten, die dort am 1. Mai Premiere haben werden.

Auch die Theaterverlegerin schrieb aus München, dass inzwischen sie selbst und vier andere Lektoren das Kleist-Stück “Lieben und Töten” mit Begeisterung gelesen hätten und sie es sofort verlegen wolle. Sie falle da etwas mit der Tür ins Haus, schrieb sie, aber ob J. sich bitte möglichst schnell melden könne, um möglicherweise zuzustimmen; sie würden dann das Stück noch sofort in den nächsten Tagen mit einem zusätzlichen Verlagsrundbrief anbieten.

Ach ja, und jetzt werde ich den ersten Spargel zubereiten. Welcher Wein dazu wohl passen könnte? Nun, die Liebste ist die Kellermeisterin, sie wird auswählen.

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Mit der Liebsten in die Kirschen

Ab dem Vormittag schrieb ich unter Begleitung von >>>>   Red Garland’s Piano und Coleman Hawkins Tenorsaxophon auf >>>>  The Bean an meiner Besprechung von Klaus Modicks neuem Roman “Sunset” für Glanz&Elend. Der Text machte mir Spaß, und ich sandte ihn auch gleich nach Abschluss ein, ohne  die Liebste ihn nochmals lesen zu lassen. Sie hatte seit dem Morgen um 10 sowieso in Mainz ihren vierten Kurstag zu halten, sodass ich mit ihr, als sie gegen 17:30 Uhr zurückkam, lieber sofort raus nach Frauenstein fuhr, um die Kirschblüte anzuschauen.

Wir trafen zwar unterhalb des Nürnberger Hofes viele Besucher, doch waren wir dann, als wir durch die Felder gingen, weitgehend allein, sodass wir den überwältigenden Anblick der Kirschblüten, die mit ihrer weißen Pracht den Himmel zuzudecken scheinen, lange auf uns wirken lassen konnten. Im Jahr zuvor hatte ich ihr nach unserem Besuch in Frauenstein ein kleines Gedicht geschrieben:

Kirschblüte

Im neunten Jahr unserer Hochzeit
fuhren wir hinaus nach Frauenstein
und gingen in die Kirschen.

Überladen mit den Schneebällen
der Blüten, probten die Bäume
den Auftritt für einen Garten im Winter.

Auf dem Rückweg kehrten wir ein, um etwas zu essen, fanden einen schönen Platz im Freien, der den Blick auf das Rheintal freigab und tranken dazu einen wunderbar fruchbetonten trockenen Riesling Kabinett, Dotzheimer Judenkirsch des Jahrgangs 2010.

Bei unserer Rückkehr hatte HD meine Besprechung >>>>  Synkopierter Trauermarsch für Brecht auf der Glanz & Elend Seite bereits eingestellt und gemailt “Sie haben Recht, der große Exil-Roman ist noch zu schreiben. Ich weiß auch wo: Frankreich, Portugal oder Spanien, ein Haus mit Meerblick. Jedenfalls kann er nur an der Peripherie geschrieben werden, nicht im Zentrum der Gegenwart.” Da hat nun wieder er naturgemäß völlig Recht, denn das Exil ist ja selbst Peripherie, und ein Blick vom Zentrum auf die Peripherie wäre unangemessen.

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Drei glückliche und ein etwas unglückliches Ereignis

Gestern in der Nacht brachte die Liebste aus Stuttgart die wunderbare Verdi Edition für mich mit, 74 CDs mit allen Opern, zum Teil in verschiedenen Aufnahmen, so den Don Carlos sowohl in französischer als auch in italienischer Sprache. Zudem gehört zu der Kassette das Begleitbuch “Verdi – Tutti i libretti d’opera” von Piero Mioli, sodass es mir nun tatsächlich an nichts mehr fehlt.
J. war auf der Suche nach Musiken aus dem Mittelalter, die sie für ihre Inszenierung von >>>>  “Der Name der Rose” in Naumburg benötigt, und hatte sich erinnert, dass ich die Oper “I Lombardi” in meiner Sammlung vermisste. Da sie nicht wusste, dass ich bereits die Einspielung von 1951 unter Ermanno Wolf Ferrari gekauft hatte, mit der ich aber sehr unzufrieden bin, so schaute sie beim >>>>  “Einklang” in Stuttgart auch nach Verdi und stieß auf diese >>>>  Gesamtausgabe. Bisher habe ich daraus nur die Lombarden gehört, bin aber allein davon schon ganz begeistert. Cristina Deutekom singt Giselda, Placido Domingo den Oronto und Ruggero Raimondi den Pagano.

Am Vormittag rief dann KD an, um zu sagen, dass das Tagblatt einen >>>>  Artikel über mich und >>>> “Calvinos Hotel” gebracht habe. Ich hatte noch gar nicht damit gerechnet, da ich das Interview, das Frau Baumgart-Pietsch als Grundlage für den Artikel genommen hat, erst am 22. März gegeben hatte. Aber es war natürlich sehr erfreulich, nicht zuletzt, da der Artikel das Buch und meine Arbeit daran sehr genau und mit viel Verständnis darstellt. Frau Baumgart-Pietsch hatte mir erzählt, dass sie den Roman in den 4 Tagen vor dem Besuch bei mir gelesen hatte; so waren alle ihre Eindrucke wohl noch ganz frisch.

Das dritte Ereignis, das ich als sehr glücklich empfinde, begegnete mir dann am frühen Abend in Form einer Mitteilung von meinem Sohn Lennart, die über Facebook kam. Lennart hatte den Artikel über meinen Link lesen können und schrieb mir aus Irland, wo er sich den zweiten Monat aufhält:

“hi papa, hab ich mir durchgelesen und in mir wurden da noch ein paar erinnerungen wach. Kann mich gut dran erinnern, wie du frueher viele filme und dokus ueber den Krieg aufgenommen hast. Und uns davon berichtet hast. Und auch sonst darueber gesprochen, mit eva, die denn von ihrer freundin erzaehlte, die aus dem Kriegsgebiet Jugoslawien kam. Ich war noch recht klein, aber ich kann mich auch an diese Zeit erinnern. Das war der erste Krieg, von dem ich in meinem Leben etwas mitbekommen habe und der mich damals, auch wenn ich ein Kind war, schon beschaeftigte. ich kann mich noch an die ganzen Plakate zu diesem Krieg, die in der Schanze hingen, erinnern. und eines davon habe ich nie vergessen. Auf dem Bild war ein von Kugeln durchloecherter Junge, die wunden waren sehr deutlich zu sehen. Da begriff ich, dass man auch als junger mensch sterben kann. bis dahin hatte ich immer gedacht, man stirbt erst, wenn man alt ist. ich habe mir dieses Bild immer angesehn.”

Lennarts Mitteilung bewegt mich sehr, denn er war gerade mal 4 Jahre alt, als der Krieg 1992 begann, und er war 7, als er 1995 mit dem Friedensschluss von Dayton endete. Ich hatte damals mit den ersten Recherchen für das Buch begonnen, es dann aber nicht geschrieben bzw. nicht über einige Entwürfe und Exposés hinaus vorwärts getrieben. Immerhin hatte ich mich aber jahrelang mit dem Stoff befasst, und ich werde mit meinen Kindern darüber gesprochen haben, denn ich habe ihnen stets erzählt, was ich gerade machte, wenn sie bei mir waren. Aber Tatsache ist ebenso, dass ich das bis heute nicht mehr wusste. Ich hätte niemals angenommen, dass Lennart solche Erinnerungen hat, die ja zumindest zum Teil noch aus der Zeit vor seiner Einschulung stammen müssen. Ganz davon abgesehen, dass ich niemals vermutet hätte, dass er damals bereits seine Sterblichkeit begriffen hat. Aber das ist nicht schlecht, die meisten Menschen begreifen das viel zu spät.

Halt, ein etwas unglückliches Ereignis gibt es ja auch noch. Es besteht darin, dass die Liebste am Nachmittag nach Karlsruhe fuhr und ich wegen meiner Coaching-Termine nicht mitkonnte. Ihr Stück “Die weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors” hat da heute Premiere gehabt. Es ist ein Theaterprojek, bei dem 30 Jugendliche die Geschichte der Geschwister Scholl spielen. J. und ich fanden das vom Konzept her zwar etwas ungewöhnlich, aber auch sehr reizvoll, sodass wir auf eine gutes Gelingen hoffen. Aber das werde ich bei ihrer Rückkehr in der Nacht dann ja noch erfahren. Etwas Musik wird sie mir diesmal freilich nicht mitbringen können.

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Wenn die Post pünktlich ist


Eben brachte mir der Bote die in meiner Sammlung noch fehlende Verdi Oper >>>>  “I Lombardi alla prima crociata” sowie >>>>  “Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen”, die Herbstschen Radio-Fantasien über D’Annunzio, Aragon, Powys und Pynchon, auf die ich schon vor der Fahrt nach München gewartet hatte. Das Ergebnis ist, ich werde mich jetzt sofort in die Stadt aufmachen, um bei einem kleinen Bummel durch den Sonnenschein etwas zu flanieren, mir vielleicht einen leichten Übergangsmantel kaufen (habe da vor zwei Wochen etwas in meinem Lieblingsladen gesehen, was mich reizt) und hernach dann ganz schnell im Café Goethe verschwinden, um für den Rest des Nachmittags das Buch von ANH zu lesen. Vor allem der Text über Cowper Powys interessiert mich sehr. Dann vielleicht auch noch Pynchon. D’Annunzio und Aragon sind Autoren, zu denen mir immer der Bezug gefehlt hat. Obwohl mir Hermanns D’Annuncio Roman >>>>   “Der Granatapfel” sehr gefällt. Müsste ihm eigentlich mal wieder schreiben.

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Ernani, Hai und Kleist

Tatsächlich habe ich Verdis Oper >>>>  “Ernani” in den letzten Tagen etwa ein Dutzend Mal gehört; auch jetzt liegt die Musik unter meinem Schreiben. Ich besitze drei Einspielungen und bevorzuge davon mit Vorsprung die Aufnahme unter Thomas Schippers, mit Leontyne Price als Elvira und Carlo Bergonzi in der Rolle des Rebellenführers Ernani. Diese Einspielung hat natürlich bereits einige Jahre auf dem Buckel, doch hat mich von den ersten Takten an die Frische fasziniert, mit der die Aufnahme daherkommt. Und Price/Bergonzi sind im Ausdruck so kraftvoll und klar, dass ich regelrecht mitgerissen werde. Schönheit und Tempo ergeben hier einen Drive, der mich zum Mitsingen animiert. Aber das tue ich der Musik natürlich nicht an!

“Das Herz des Hais” ist in der Korrektur inzwischen so weit fortgeschritten, dass ich das Manuskript morgen im Laufe des Nachmittags werde abschließen können. Danach dann soll die Verlegerin mal einen Blick darauf werfen. Für mich ist mit dieser letzten Korrektur in der Tat die Arbeit abgeschlossen. Lediglich bezüglich des Titels bin ich mir noch nicht sicher. Ist er wirklich gut? Oder sollte ich da noch über etwas anderes nachdenken? Der inhaltliche Bezug spricht freilich dafür.

Die Liebste rief noch in der Nacht aus München an, während sie aus der S-Bahn in die U-Bahn umstieg (oder umgekehrt?). Wir telefonierten, bis sie in ihrer Unterkunft ankam und dann noch lange, während sie im Flur stand, da dort die Verbindung nicht abriss. Sie scheint mit den letzten Proben zu ihrem Kleist-Stück “Lieben und töten – das kurze Leben des Heinrich von Kleist” sehr zufrieden und erzählte so davon, dass ich auf die Premiere/Uraufführung am Donnerstag sehr gespannt bin. Ich werde am Donnerstag um 14:04 in München ankommen, so die Bahn keine Verspätung hat. Als erstes werde ich gleich am Bahnhof einen Arbeitstermin absolvieren, indem ich Sch. im Café treffe, um mit ihm seine letzten Arbeiten zu besprechen. Danach dann vermutlich hinaus nach Haar oder in die Unterkunft bei Gregor und Anna. Das wird telefonisch zu klären sein. Ich hoffe zudem, dass ich während der über vierstündigen Zugfahrt zumindest die erste Hälfte von N.s Romanmanuskript werde lesen können. Die zweite Hälfte dann auf der Rückfahrt oder am Wochenende, sodass ich ihm eine angemessene Rückmelung geben kann.

 

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Der Idiot der Familie

Ich merkte über Tag, dass …

(habe eben kurz geschwankt, ob ich ‘merkte’ oder ‘bemerkte’ schreiben sollte. Entschied mich dann gegen ‘bemerkte’, da für mein Sprachgefühl im ‘bemerken’ ein längerer Zeitraum gemeint ist, während das ‘merken’ kurz, gar augenblicklich erfolgt. Keine Ahnung, ob es nur mir so geht; weder Wahrig noch Duden vermerken (sic!) da einen Unterschied. Aber das gehört wohl in die Kategorie der Wörter, von denen ich schon so oft erleben musste, dass andere da gar keine Differenz wahrnehmen. Wie oft habe ich während des Coachings einem Autor z.B. zu erklären versucht, dass es einen Unterschied zwischen dem Verb ‘sehen’ und dem Verb ‘schauen’ gibt. Nun hatte er/sie zwar sowieso immer nur ‘sehen’ benutzt, aber weil ich das korrigierte und in einigen Fällen stattdessen ‘schauen’ verlangte und er/sie es nicht verstand bzw. völlig gleichgültig fand, so habe ich es begründet. Und da stellte sich dann heraus, dass er/sie es trotz meiner Erklärung nicht nachvollziehen konnte; er/sie vermochte es nämlich nicht zu fühlen. Er/Sie benutzte einfach ein Zeichen, für das es bei ihm/ihr keine körperliche Adäquation gab. Der Unterschied besteht natürlich darin, dass das ‘sehen’ ein passiver Vorgang ist. So man nicht blind und zudem wach ist und die Augen geöffnet hat, so passiert das Sehen einfach. Ich kann dann gar nicht nicht sehen. Das Schauen hingegen ist ein aktiver, gerichteter Vorgang. Und andere Arten der visuellen Wahrnehmung noch viel mehr, das Starren etwa. Aber das muss man körperlich empfinden. Herr/Frau XY, die es nicht empfanden, hätten es nur auswendig lernen können. Aber das hilft natürlich nicht wirklich.)

… das Korrigieren meines Romanmanuskriptes “Das Herz des Hais” bzw. die Übernahme der schon vor der Reise nach Leipzig handschriftlich gemachten Korrekturen in die Computerfassung weitgehend mechanisch erfolgte. Ich sehe darin ein gutes Zeichen dafür, dass das Buch nun tatsächlich hinter mir liegt. Es geht mir sonst so, auch bei Korrekturen, die nicht entscheidend wichtig sind, dass ich eine recht starke emotionale Beteiligung empfinde, wenn ich Wörter streiche, mich für andere entscheide, Textblöcke umstelle usw. Ja, in der Regel kann ich überhaupt erst auf dieser Gefühlsebene entscheiden, ob ein Text jetzt richtig ist oder nicht. Ich sitze da beispielsweise vor zwei Seiten, die irgendwie nicht funktionieren, d.h. eigentlich funktionieren sie schon, aber nicht so, wie ich es möchte bzw. wie ich glaube, dass sie es tun müssten. Ich könnte aber auch nicht genau sagen, woran das liegt. Und dann probiere ich herum, lese es immer wieder, ändere da vielleicht eine Kleinigkeit und hier noch eine zweite, aber ich weiß dabei, dass das alles Unsinn ist. Man kann das so ändern, aber es ist zugleich Unsinn, weil es darum nicht wirklich geht. Es ist mit diesen zwei Seiten nämlich etwas Grundsätzlicheres nicht in Ordnung. Und dann sehe ich plötzlich (sehen kann man ‘plötzlich’, schauen nicht), dass da ein ganzer Textblock herausgenommen und an eine andere Stelle versetzt gehört. Und in dem Moment, da ich diese Aktion mit dem Text durchführe, da ist es, als wenn eine Tür ins Schloss fällt, als wenn unvermittelt etwas genau in den Rahmen passt, was vorher immer einige Millimeter zu groß oder zu klein war.

Wie kommt das? Wieso ist das wichtig? Wird man mir nicht sagen, dass ich Unsinn rede? Zumindest aber doch etwas, was niemanden im Ernst interessieren könnte, so man freundlicher mit mir umgehen sollte und nur meine Langweiligkeit anmerken möchte?

Ich glaube hingegen, dass es da um etwas ganz Grundsätzliches geht, das unser Verhältnis zur Sprache betrifft. Oder sagen wir besser, die Art und Weise wie wir Menschen durch Sprache definiert sind; selbst noch der Analphabet ist es ja. Wir sind Sprachwesen. Aber ich denke, dass es in der Sozialisation von uns Sprachwesen einen entscheidenden Punkt gibt, der immer übergangen wird bzw. den man schnell hinter sich lässt oder der, wenn er etwa philosophisch in den Blick genommen wird, (siehe >>>>   Jean Baudrillard und das Verschwinden der Dinge, den Wirklichkeitsverlust, der durch die Zeichensysteme erfolgt, die seine Stelle einnehmen in unserer von Zeichen anstelle des Realen erfüllten Welt) nur negativ bestimmt wird. Einzig der Dichter bestimmt ihn positiv, diesen entscheidenden Punkt!

In einer sauberen Welt ist das Ding und sein Zeichen, das also, wodurch das Ding bezeichnet wird, getrennt. Das ist es ja, was wir Menschen seit Adam und Eva machen. Wir verdoppeln die Welt, indem wir sie benennen. Wenn die Bibel Recht hat, dann hat G-tt, dieser alte Spaßmacher und erste Vollzieher des linguistic turn, uns zu diesem Spielchen angeregt und aktiv verleitet. Wer nachschlagen will, die Story ist verzeichnet im 1. Buch Mose unter 1.2, 19f.

Da heißt es: “Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und all die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen (Singular! Aber darüber reden wir ein anderes Mal.), dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jedem Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen.”

Da fängt alles an. Seither haben wir nicht nur die Welt der Dinge sondern auch die Welt der Zeichen. Signifikat und Signifikant. (Ich übergehe hier den Umstand, dass im Schrifttum das Signifikat in der Regel fälschlicherweise mit dem Ding gleichgesetzt wird, das dann der Signifikant bezeichnet.  Tatsächlich verweisen nach Saussure aber Signifikat und Signifikant nicht wie Ding und Zeichen aufeinander. Saussure ist nämlich so weit Kantianer, dass er weiß, dass wir von dem Ding an sich nichts wissen können. Das Signifikat bzw. das Signifizierte ist deshalb bei ihm nicht das Ding sondern vielmehr die Vorstellung von dem Ding. Und das Bezeichnende, das Signifizierende, das Zeichen, das auf diese Vorstellung verweist, ist das Lautbild, genauer, die Zeichenfolge, die einen Laut ergibt und eine Vorstellung von einem Ding bezeichnet. So bezeichnet also etwa die Zeichenfolge B a u m das Lautbild Baum, das die Vorstellung des realen Baums signifiziert. Wir haben das Zeichen und das Bezeichnete, wir haben die Welt verdoppelt.

Später werden die Dichter und Schriftsteller hingehen und die Welt der Zeichnen behandeln, als wäre sie selbst real bzw. als stehe sie zumindest stellvertretend für das Reale. Und die Welt wird sich mit all diesen Zeichen anfüllen, ohne dass wir dabei bemerken, dass das Reale, was immer das auch sein mag, dahinter mehr und mehr verschwindet. Aber zu diesem Zeitpunkt sind natürlich längst nicht mehr nur die Dichter und Schriftsteller an diesem Werk des Verschwindens beteiligt. Vielmehr vervielfältigen längst alle Arten von Medien den Kosmos der Zeichen. Und die Dichter sehen mitunter aus, als seien sie selbst deren Opfer.

Aber dem ist nicht so. Dies deshalb, weil die Dichter etwas besitzen, das wie ein Geburtsschaden in ihnen wirkt und verhindert, dass sie dem allgemeinen Bestimmungs-Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant entgehen können. Sie sind diesem rigorosen System der Aufteilung der Welt nicht vollständig unterworfen, weil es in ihnen einen Raum gibt, in dem das Bezeichnete und das Bezeichnende nicht unterschieden werden.

Das mag seltsam erscheinen. Können wir denn überhaupt anders? Ja, wir können und konnten. Der einzige Autor, der dies nach meiner Kenntnis zu erfassen versucht hat, ist der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. In seinem Spätwerk >>>>  “Der Idiot der Familie”, der monumentalen Untersuchung zum Leben und Werk Gustave Flauberts, das blamablerweise in der Sprachphilosophie bisher keine wesentliche Resonanz fand, (die Philosophie ist seit Beginn der 70ger Jahre andere Wege gegangen, außerdem hat Sartre sich diskreditiert, weil er nicht früh genug zum Stalinismus auf Abstand ging und sich dann auch noch als alter Mann von Andreas Baader instrumentalisieren ließ – aber am Wert seiner Arbeit über Flaubert ändert das alles nichts!) bestimmt Sartre eben diese Bedingtheiten zwischen Autor und  Sprache als Ausgangspunkt seiner Studie zu Flauberts Werk, das fundierter nie untersucht worden ist.

Sartre schreibt* “Man wird sich jedoch nicht wundern, daß unter bestimmten Bedingungen die Entwicklung der Sprache stehenbleibt und daß die verbalen Operationen, solange die Entwicklung nicht abgeschlossen ist, verworren erscheinen: ein solches Denken, das durch die reale Anwesenheit  seines Zeichens gefangen und verbürgt ist, aber zugleich erdrückt wird, haben wir in den Rezepten der Magie, in den goldenen Versen** und den carmina sacra; wir finden es jede Nacht in unseren Träumen wieder.”

Sartre macht also das dichterische Sprechen in gewisser Weise auf der Ebene des magischen Sprechens fest. Er tut es nicht deshalb, weil er etwas mit Magie am Hute hätte, sondern deshalb, weil er erkennt, dass wir zu dieser Verwechslung von Signifikat und Signifikant neigen, zur Gleichsetzung von Bezeichnetem und Bezeichnendem, das auch magischen Denksystemen eigen ist.

Sartre schreibt über den jungen Flaubert: “Als wenn die Sprache für das Kind nur erst sprechende Geräusche wäre – so wie man von singenden Steinen und weinenden Fontänen spricht. Ist ein solches Verhalten denkbar? Ja: wenn das Verstehen abbricht, bevor es abgeschlossen ist; die Idee bleibt im Ausdruck gefangen, ebenso wie der Ausdruck in den Tönen gefangen bleibt.”

Sartre ist hier dem Wesen des dichterischen Sprechens sehr nahe. Er konnte dem, denn so war sein Thema gewählt, nur am Beispiel von Person und Werk Gustave Flauberts nachgehen. Wäre er dem Thema weiter gefolgt, so hätte er den Rahmen seiner eigenen Ästhetik sprengen müssen. Eben dies müssen wir immer noch tun! Aber Jean-Paul Sartres Werk “Der Idiot der Familie” – über Gustave Flaubert, den Beginn der literarischen Moderne, den Wandel des Bewusstseins in Zeiten der völligen Unübersichtlichkeit, das nach mehr als drei Jahrzehnten immer noch auf seine Entdeckung wartet – das müssen wir wieder oder erstmals entdecken. Meine Ästhetik kommt von dort her.

Im Vorwort schreibt Sartre: “Ich füge hinzu, daß Flaubert, der Schöpfer des modernen Romans, am Kreuzungspunkt all unserer heutigen literarischen Probleme steht.” Wie wahr. Und wie entsetzlich, denn tatsächlich ist die heutige Situation ja davon geprägt, dass niemand weiß, dass wir überhaupt ein literarisches Problem haben. Und wenn es denn jemand wüsste, so wäre die Weltlage zugleich voll von so viel größeren Problemen, dass die der Literatur kaum erwähnenswert scheinen. Wer wird uns das verzeihen?!
——–
* Jean-Paul Sartre: Gesammelte Werke, Schriften zur Literatur, Der Idiot der Familie I, Rowohlt Verlag, Reinbeck, 1986, S. 23

** “…goldenen Versen” – Sartre bezieht sich hier auf das Buch >>>>   „Der goldene Zweig“ (The Golden Bough) des Ethnologen und Philologen James Frazer, der die religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Hintergründe antiker Texte erforschte.

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Guter Wochenbeginn

Häufig sind die Stockungen, mitunter zu häufig. Sitze seit dem Morgen, nachdem ich die Liebste zur Bahn gebracht hatte, da sie für die letzten Probentage nach München reist, endlich wieder an den Abschlusskorrekturen von “Das Herz des Hais”, die ich wegen der Reise zur Leipziger Buchmesse hatte unterbrechen müssen. Es wird neben meinen täglichen Coachings naturgemäß eng werden, doch hoffe ich trotzdem, dass ich diesmal damit fertig werde, bevor ich am Donnerstag zur >>>>  Premiere von “Lieben und Töten – das kurze Leben des Heinrich von Kleist” ebenfalls nach München fahre.

Die Uraufführung des Jungen Schauspielensemble München findet am Donnerstag, den 31. März im Kleinen Theater Haar, München-Haar statt, Vorstellungsbeginn ist 20 Uhr. Wer also noch Lust auf Kleist bzw. Jutta Schubert hat, der trifft uns dort.

Stockungen hat es auch mit meiner Durchmusterung der Verdi Opern gegeben. Einerseits ebenfalls wegen Leipzig, dann aber auch, weil ich mich zwischenzeitlich ablenken ließ und anderes gehört habe, was freilich nicht unwichtig, da neu für mich war. So hatte ich, als wir in Frankfurt waren, um Abisag Tüllmanns Ausstellung mit Bildreportagen und Theaterfotografien im Historischen Museum zu sehen, das ab heute abgerissen wird, Alexander Dargomizhskys Oper “The Stone Guest” gefunden, eine Einspielung des Bolshoi Theatre Orchestra unter de Dirigat von Andrey Chistiakov. Außerdem war mir Prokofievs aufregendes Werk “War and Peace” in der von der Kirov Oper unter Valery Gergiev eingespielte Aufnahme begegnet. Hinzu kam, dass ich nach Verdis “Oberto”, dem “König für einen Tag” und “Nabucco” mit “I Lombardi” hätte weitermachen müssen und dabei ärgerlicherweise feststellte, dass mir diese Oper fehlt, abgesehen und einigen Arien in meiner Sammlung verschiedener Interpreten, sodass ich da erst eine Bestellung aufgeben musste. Ich höre demzufolge nun schon seit mehreren Tagen immer wieder “Ernani”, wovon ich wie meist bei Verdi mehrere Einspielungen besitze.

Mein Gefühl sagt mir freilich auch, dass ich die Zeit seit der Messe dringend gebraucht habe, um mich von >>>>  “Calvinos Hotel” frei zu machen und für neue Arbeiten zu öffnen. Wozu übrigens jetzt auch wieder eine ganze Reihe von Rezensionen gehören soll, da mir diese Art des Schreibens sehr viel Spaß macht. Nach der bereits in der letzten Woche verfassten Arbeit über Einar Schleef hat HD auf “Glanz&Elend” nun zuletzt von mir die >>>>  Denis Johnson-Besprechung eingestellt. Ich habe zusätzlich eine eigene Unterseite mit meinen >>>>   Rezensionen eingerichtet, auf der ich in den nächsten Tagen zwischendurch die bisherigen Arbeiten einstellen werde, um sie zentral zu sammeln.

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In allem steckt die Zeit II

Schrieb nach der kurzen Visite zu H.s 78. Geburtstag am Nachmittag noch den Schluss der Besprechung zu Einar Schleefs Foto- und Erzählband >>>>  “Ich habe kein Deutschland gefunden” und sandte den Text eben an die Redaktion. Dabei ungewollt wieder entdeckt, wie sehr alles vom Vergehen der Zeit belastet ist, wie ich gestern schrieb. Ich fand nämlich einen Artikel, den ich im vergangenen Frühsommer noch geschrieben, dann aber niemals abgeschickt hatte. Es war einer von mehreren Aufträgen von HD für Glanz&Elend gewesen. Ich hatte, bevor wir für eine Woche nach Prerow in Urlaub fuhren, noch die Besprechung des neuen Romans von John Irving >>>>  “Letzte Nacht in Twisted River” abgeliefert und dann Denis Johnsons Roman >>>>  “Keine Bewegung” besprochen, den ich aber liegenließ, da ich nach der Urlaubswoche nochmal drübergehen wollte. Dann kam nach zwei Tagen Urlaub M.s Herzinfarkt, der alles auf den Kopf stellte und mich für Monate von sehr vielem abhielt, vor allem, weil sich daraus auch die widerwärtigen Anfeindungen von D. ergaben. Gebracht hat das für mich nur eine abgrundtiefe Enttäuschung und die Erkenntnis, dass Familien aus Lügen gemacht sind, wie ein Tisch aus Holz. Zum Herbst dann begannen die Arbeiten für die Publikation von >>>>  “Calvinos Hotel” und erst jetzt im März, da ich auf der Messe den Roman vorgestellt habe und meine Besprechungsarbeit wieder aufnehme, fand ich auch meinen  Text zu Denis Johnson wieder; fast ein Jahr ist vergangen. Es ist erschreckend.

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Brontë Schwestern und Einar Schleef

Seit die Liebste am Morgen nach Stuttgart fort ist, um die Produktion um die >>>>  Geschwister Brontë vorzubesprechen, sitze ich und schreibe an meiner Besprechung des Bandes >>>>  “Ich habe kein Deutschland gefunden”, der Prosatexte und Fotografien des vor 10 Jahren verstorbenen Einar Schleef versammelt.

Ich neige zwar wie immer, wenn ich zügig an einem Text zu arbeiten vermag, auch jetzt dazu, einfach durchzuschreiben, aber ich will mich mal ganz bewusst bremsen. Die Rezension steht bereits zu weit über der Hälfte, und ich werde deshalb den restlichen Sonnenschein nutzen, um ins Sportstudion zu gehen. Die Buchmesse hat dazu geführt, dass ich 3 Trainingstage ausfallen lassen musste, und so ist es mehr als notwendig, jetzt endlich wieder Tritt zu fassen und den Körper erneut daran zu erinnern, dass von ihm nicht nur der Kopf lebt.

Für Schleef werde ich dann noch am Abend etwas tun können, bevor die Liebste zurück ist. Abschluss auf jeden Fall morgen; angekündigt habe ich die Besprechung der Redaktion bereits.

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In allem steckt die Zeit

Sitze noch bei Glucks “Ezio”, um mich nach dem Tag etwas zu sammeln und auch einige Eindrücke vor dem Verschwinden zu bewahren. Da ich die Gluck Oper über das Internetradio höre und dort die ausgestrahlten Werke notorisch schlecht dokumentiert sind, so weiß ich leider nicht, ob ich den “Ezio” in der ersten oder der zweiten Fassung höre, sprich in der Prager Fassung von 1750 oder der Wiener Fassung von 1763. Warum bewegt mich das?

Das Interview für das Wiesbadener Tagblatt mit Frau B.-P. begann pünktlich um 11:00 Uhr, musste dann aber erstmal für den Fototermin unterbrochen werden. Der Fotograf war der typische Tageszeitungsfotograf, will sagen, ein Fotograf auf dem Durchflug. Er kam später, weil er vorher noch irgendwas anderes zu fotografieren hatte, und er verließ uns gewissermaßen im halben Laufschritt vier Minuten danach bereits wieder, da irgendwo von irgendeinem Denkmal das Laken zur Einweihung fallen würde. Und wenn er dieses Laken nicht genau im Moment des Fallens würde knippsen können, dann … ja, was dann? Ob er es weiß? Nun, wie auch immer, wir setzten danach das Interview fort, ich erzählte über das Buch und seine Entstehung, Frau B.-P. schrieb, fragte und schrieb, und dann war auch bereits etwas mehr als eine Stunde vergangen, sodass alles Notwendige gesagt war. Schaun wir also mal, was draus wird.

Am Nachmittag schrieb mir dann >>>>  Bettina Römer, die Schauspielerin, die so wunderbar meine Texte für das Hörbuch >>>>  “Der Schatten Gottes”, einer Sammlung von phantastischen Erzählungen, einliest, dass Sie zwei weitere Texte aufgenommen habe. “… meine zwei weiteren Lieblinge sind eingelesen: “Don`t throw books” und “Psychologie, die der Beruf bedingt” :) )) Dies zu lesen, hat mich sehr gefreut, denn ich bin mit Ihrer Stimme tatsächlich äußerst zufrieden. Wenn man bedenkt, was für seltsame Leseergebnisse es mit den männlichen Sprechern zuvor bei der Aufnahme des Romans gegeben hatte; ach, nicht gedacht soll ihrer werden. Bin gespannt, was das Hörbuch für einen Eindruck machen wird, wenn Bettina alle Geschichten beisammen hat.

Am Abend dann saß ich über meinen Notaten, die ich in meinem Taschenblock auf der Fahrt nach Leipzig festgehalten hatte, und ich wurde mir bewusst, wie sehr das Vergehen der Zeit alles durchtränkt. Ich könnte schon allein die Jahre nicht mehr erfassen und korrekt zusammenrechnen, die es gebraucht hat, um die Erzählsammlung fertig zu machen, die Bettina gerade einliest. Und wenn ich bedenke, dass zwischen meinem neuen Roman >>>>  “Calvinos Hotel” und seinem Vorgänger “Kinder der Bosheit” viele Jahre liegen, dann wird mir schwindlig.

“Niemand kommt nach so langer Zeit zurück”, hatte die Liebste zu mir am vergangenen Donnerstag, schon im Auto, während sie mich zum Bahnhof fuhr, gesagt. “Niemand kommt zurück. Aber du kommst zurück! Denk daran!

Ich bin also sowas wie ein Geburtstagsjunge. Nach langen Jahren wieder Geburtstag. Jedoch kann ich mich kaum darüber freuen, was wohl auch bemerkt worden ist. Nun, vielleicht wird das anders werden, wenn auch die übrigen Romane, die ich in der Zwischenzeit verfasst habe, veröffentlich sind. Möglich, dass sich dann das Gefühl einstellt, wieder mit mir selbst auf einer Höhe zu liegen, gleichzeitig zu sein, gewissermaßen.

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Aus Leipzig zurück

Die Liebste und ich sind von der Leipziger Messe zurück. Noch etwas müde sind wir dabei, uns wieder um die liegengebliebene Arbeit zu kümmern. Natürlich stehen wir momentan mitten im Chaos.

Die Verlegerin hat die Messe als großen Erfolg für den Verlag bezeichnet, was mich enorm freut. Steht zu hoffen, dass sich das fortsetzt. Am Dienstag wird es ab 11:00 noch ein Interview für das Wiesbadener Tagblatt geben, und ab Mittwoch kann ich dann hoffentlich endlich “Das Herz des Hais” in der Korrektur abschließen, sodass es dann mal, wenn auch die Nachbereitung der Messe abgeschlossen ist, an den Verlag gehen könnte.


Für mich bedeutet das Ende der Messe mit Buchvorstellung und den verschiedenen Lesungen aber nun auch, dass ich >>>>  “Calvinos Hotel” nun endlich los- und hinter mir lassen kann, um mich neuen Arbeiten zuzuwenden. Und damit meine ich nicht “Das Herz des Hais”, denn das ist vom Schreibprozess her gesehen ja ebenfalls bereits beendet. Ich meine vielmehr die anstehende Arbeit für den neuen Roman “Die Konzessionen des Herzens”, für den ich bereits die Wand über meinem Arbeitsplatz mit Fotos und anderem Material tapeziert habe. Es ist ja bereits sogar ein Anfang geschrieben, was ich gemacht habe, um von allem Anfang an den Ton des künftigen Buches festzulegen. Aber darüber hinaus war ich für den Stoff halt noch nicht wirklich frei. Das ist jetzt anders, und ich will sehen, dass ich bis zum Sommer, wenn wir unsere Atlantikpassage und die erste Erkundung New Yorks vor uns haben, einen guten Schritt mit dem Buch vorwärts gekommen sein werde.

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Über die Oper schreiben, ein Versuch

Da ich mich zu Monatsbeginn entschieden habe, eine vollständige Durchmusterung* aller Verdi Opern durchzuführen, die bisher auch tatsächlich Fortschritte gemacht hat, so habe ich nachträglich beschlossen, dass es nur notwendig und angemessen ist, wenn ich zu jeder Oper hier im BLOG auch etwas schreibe. Ich möchte freilich gleich hinzufügen, dass ich das vor allem als eine Art Selbstvergegenwärtigung tun möchte, auch wenn ich es hier jeweils veröffentlichen werde.
Mein Hauptaugenmerk liegt dabei immer auf der Geschichte, die die jeweilige Oper erzählt. Ich bin schließlich selbst kein Musiker bzw. Komponist sondern ein Geschichtenerzähler. Und ich halte dafür, dass es immer um Geschichten geht. Es gibt nur unterschiedliche Medien, unterschiedliche darstellerische Formen, deren wir uns bedienen, um diese Geschichten zu erzählen. Die Form der Oper ist lediglich eine davon. Ich sage dies freilich gewissermaßen aus systematischen Gründen, denn wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich als Opernfanatiker zugestehen, dass mich die Geschichten, die die Opern erzählen, nur am Rande interessieren; bestenfalls. Ich bin jemand, dem der Klang, also die Stimmen über alles gehen. Sie könnten von mir aus ihre Geschichte auch auf Shwahili erzählen bzw. singen. Es wäre mir egal, denn der Klang ist ausschlaggebend. Darin bin ich dann auch in gewisser Weise rassistisch. Warum? Nun, weil ich das Italienische bevorzuge und im Grunde überzeugt bin, dass sich andere Sprachen nur begrenzt für die Oper eignen. Große Probleme habe ich vor allem mit dem Französischen in der Oper, obwohl ich „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach über alles liebe und keinesfalls auf Deutsch hören möchte. Schwierig wird es auch mit dem Deutschen, wenn es sich nicht um Mozart handelt. Und die englische Sprache klingt etwa bei Gilbert & Sullivan wie ein ständiger Knittelreim. Seltsam, dass das bei Henry Purcell gar nicht so ist. Eine englische Oper scheint also möglich, aber nicht wirklich erstrebenswert.

Nun, wie auch immer, ich werde also versuchen, in den nächsten Wochen eine Darstellung der Verdischen Opern zu erreichen, die inhaltlich orientiert ist. Schaun wir mal, ob dabei etwas herauskommt.
——
* Als ‚Durchmusterung‘ bezeichne ich das Anhören der Verdischen Opern deshalb, weil dies die Bezeichnung ist, die Astronomen (nach dem Englischen Begriff Survey) für die systematische Durchsuchung des gesamten Himmels oder eines Teils davon nach bestimmten Objekten benutzen. Das Ergebnis einer solchen Durchmusterung ist ein Himmelskatalog. Angesichts des von Verdi geschaffenen Kosmos von 26 Opern erscheint mir dieser aus der Himmelskunde stammende Begriff deshalb höchst angemessen.

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Wiederaufnahme “Rostige Rosen”

Die Wiederaufnahme des Gender-Stückes “Rostige Rosen”, dessen >>>> Premiere heute in Stuttgart lief, war erfolgreich. Die Liebste sandte eine Viertelstunde vor eins in der Nacht eine SMS, dass sie nun endlich beim Essen säßen und hernach noch den Wagen vom Theater holen müssten, sodass es mit dem Telefonieren sehr spät werden könnte. “Alles lief sehr gut und sehr viele Zuschauer.” schrieb sie. Das hat mich sehr beruhigt, nicht nur, weil ihr das Stück sehr am Herzen liegt, sondern vor allem auch deshalb, weil sie, obwohl das Jahr noch so jung ist, in den wenigen Wochen bereits so arg viel Zeit bei Proben verbringen und ständig reisen musste, dazu noch krank war und es unbedingt bräuchte, jetzt einmal etwas zur Ruhe zu kommen. Aber dem wird nicht so sein, da nun in Naumburg die Inszenierung von >>>> “Der Name der Rose” bevorsteht.

Nun, ich hab dann gesagt, dass wir heute ausnahmsweise mal auf das Telefonat verzichten, da es einfach zu spät wird. Obwohl ich sicher noch ein paar Minuten sitzen werde, bevor ich ins Bett gehe, denn ich höre auf 1FM, meinem bevorzugten Opernsender im Internet, Richard Strauss’ Oper “Daphne”, die ich auf keinen Fall abbrechen möchte, da ich sie selbst nicht besitze und sie auch nicht sonderlich häufig aufgeführt wird.

Lennart Gogolin
Mein jüngster Sohn Lennart schrieb mir übrigens heute via Facebook aus Irland, er habe einen Fußmarsch von 7 Kilometern in die nächste Stadt gemacht und sich dabei ein bisschen die Landschaft angesehen. Ich muss gestehen, dass ich sehr stolz auf ihn bin, denn ich finde es eine reife Leistung, was er da macht. Ich meine natürlich weniger die Wanderung, als den Umstand, dass er in einem ihm fremden Land für vier Monate ein Praktikum mit Behinderten absolviert. Und da ich ihm das wohl leider nicht recht zugetraut habe, so bin ich jetzt ganz besonders beeindruckt. Na okay, kann man ja ruhig mal zugeben. Mach weiter so Lenny!

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Heute mit Salome

Während meine Nachbarn Arme voller Stangenweißbrot durchs Treppenhaus schleppen und demzufolge wohl eine Wochenendfeier vorbereiten, sitze ich im Korrekturgefängnis meine letzten Hafttage ab. Nun mache ich es natürlich trotz allem gern, obwohl – es gibt immer ein obwohl – ich verstärkt bemerke, dass ich vom langen Sitzen Probleme mit den Beinen bekomme. Durch häufigeres Aufstehen und Herumlaufen versuche ich das zu minimieren, aber es ist kein gutes Zeichen.

Heute habe ich zudem die am 1. März begonnene Verdi-Durchmusterung unterbrochen, um, angeregt von >>>> ANH, mal wieder die Salome zu hören. Zwar nicht die Aufnahme mit der jungen Hildegard Behrens unter Karajan, da ich diese leider gar nicht besitze, sondern >>>> die Einspielung mit Birgit Nilsson und den Wiener Philharmonikern unter Georg Solti von 1961, aber ich denke, es sind beides absolute Ausnahme-Einspielungen.

Und da Eric, die unsichtbare Hauptfigur in meinem Roman “Das Herz des Hais”, ja ein Operndirigent ist, so wird er mich sicher noch wissen lassen, was er davon hält. Ich vermute, dass er sagen wird, die Nilsson sei ihm lieber, weil ihre Stimme härter und im Grunde brutaler ist. Man muss sich ja vergegenwärtigen, dass die Salome keine nette Figur ist, schließlich stürzen sich ihretwegen Männer ins Schwert und müssen ihren Kopf auf dem Servierteller hinterlassen. Das ist Drama pur!

Und weiter gehts im Text! Ich will, bevor ich für das Wochenende einkaufen gehe, noch weit kommen.

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Hinter der Frisierkommode

Der heutige Korrekturtag ist zwar noch nicht beendet, aber da ich jetzt für zwei Stunden Sport unterbreche, so sei auch eine kurze Arbeitsnotiz erlaubt.

Ich bin recht gut voran gekommen, habe dabei aber stets die Befürchtung, dass ich zu schnell durch den Text gehe, sodass ich mich zwinge, noch langsamer zu lesen und jeden Satz dreimal anzuschauen. Besonders dann, wenn ich mich dabei erwische, dass ich eine Szene mit Vergnügen gelesen habe bzw. mich vom eigenen Text fesseln lasse, halte ich inne, weil ich den Verdacht habe, nicht mehr hinreichend aufmerksam  zu sein. Korrekturdurchgänge brauchen Distanz. Und ein vom Text gefesselter Leser hat sie naturgemäß nicht.

Wenn ich das Korrigieren eines Textes mit etwas vergleichen wollte, so fiele mir nur die Szene aus meiner Kindheit ein, in der ich mich mit der Taschenuhr meines Vaters im Schlafzimmer hinter der Frisierkomode versteckte, um die Uhr zu öffnen und Rädchen für Rädchen auseinander zu nehmen. Leider hat mich damals meine Mutter entdeckt und mir die Uhr weggenommen, sodass ich nicht weiß, ob ich es geschafft hätte, sie auch wieder zusammenzusetzen. Etwa vier Jahre werde ich damals alt gewesen sein. Und im Grunde habe ich meinen Platz hinter der Frisierkommode niemals verlassen. Alles, was ich schreibe, kommt aus der Zimmerecke hinter dieser Frisierkommode.

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Thomas Bernhard-Tag

Am Morgen erblickte ich nach dem Öffnen der Jalousien in der unteren Bibliothek auf dem Lesetisch den Prospekt des Suhrkamp Verlages zum Gesamtwerk Thomas Bernhards. Die Liebste musste ihn vor ihrer Abreise dorthin gelegt haben.


Ich blätterte darin und konnte mich nicht dagegen wehren, dass aus dem Tag prompt ein Thomas Bernhard-Tag wurde.

Recht eigentlich hat Bernhard ja die Verbindung zwischen mir und der Liebsten gestiftet, denn sie war etwa vier Jahre lang die Assistentin von Claus Peymann, hatte Bernhard in Salzburg getroffen, ihre Examensarbeit über den “Theatermacher” verfasst und außerdem eine schöne Erzählung über ihn geschrieben. Eben diese Erzählung hatte ich, wenige Tage bevor wir uns erstmals begegneten, in einer Literaturzeitschrift gelesen. So ist unsere Verbindung also eine von der Literatur gestiftete Verbindung. Und dass es diese Literaturzeitschrift schon längst nicht mehr gibt, während wir beide immer noch gemeinsam existieren, das scheint mir dafür zu sprechen, dass die Verbindung haltbar ist.

Das Motto, das ich über mein Schreiben setzen könnte, das fand ich beim Blättern im Prospekt ebenfalls. Es sind Bernhards Sätze “So grauslig das Beschriebene is’, so ist’s ein Genuß, das zu schreiben. Wenn’s einem gelingt.” Nun, dafür, dass es gelingt, braucht es eben eine Menge Arbeit. Arbeit und Genuss also, das sollen die Pole sein, zwischen denen auch der heutige Schreibtag ausgespannt ist.

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Krater im Text

Während der Korrektur erweisen sich manche Textstellen als regelrechte Krater. Nicht nur, weil man in sie quasi hineinfallen kann und dann viel mehr Zeit mit ihnen verbringen muss, als ursprünglich angenommen, sondern vor allem auch, weil man sie dabei vielleicht erstmals in ihrer wahren Bedeutung für den Roman erkennt, weil man plötzlich sieht, was von ihnen ausstrahlt. So geht es mir nun bereits den zweiten Tag mit der „Telefonszene“ gegen Ende des 6. Kapitels. Ursprünglich hatte Karen dort vom Krø aus nach Luzern telefonieren wollen, um Eric vor der Premiere zu erreichen. Sie gibt es dann sehr leicht auf, als Johanne ihr von der Benutzung der Telefonkabine neben der Theke abrät. Gestern schrieb ich diese Szene um, da mir auffiel, dass ihr leichtes Nachgeben nicht plausibel ist, denn immerhin hat Eric ja die Premiere des Figaro zu dirigieren, sodass sie ihm zumindest toi, toi, toi sagen muss. Erst heute jedoch wurde mir am Morgen während des Frühstücksgesprächs mit der Liebsten bewusst, dass dieses Telefonat die letzte Chance für Karen gewesen wäre, Eric lebend zu erreichen. Das weiß sie naturgemäß nicht, aber so man das Kapitel als Autor mit diesem Vorwissen betrachtet, fällt auf, dass es in Schieflage gerät, wenn Karen hier derart schnell zur Tagesordnung übergeht und sich bei der Rückkehr mit der Bildergalerie im Treppenaufgang befasst. Außerdem wird sich ihre spätere Verzweiflung ja nicht zuletzt auch von daher nähren. Also muss ich heute nochmals ran, um diese Szene neu zu fassen.
Die Liebste fuhr bereits um 09:00 Uhr nach Stuttgart, wo am Samstag die Premiere der Wiederaufnahme von >>>> „Rostige Rosen“ sein wird. Rückkehr am Sonntagabend. Will sehen, dass ich mit der Hai-Korrektur bis dahin durch bin und dann für ein gemeinsames Abendessen kochen kann.

Habe übrigens, nachdem ich im Januar und in der ersten Hälfte des Februar sämtliche Opern Richard Wagners angehört habe – als Vorbereitung für meinen neuen Romanstoff “Die Konzessionen des Herzens” -, gestern noch damit begonnen, Verdis Opern wieder ganz durchzunehmen. Dazu will ich parallel jeweils das sehr schön knapp ausgeführte Buch mit den Werkbeschreibungen von Georgio Bagnoli lesen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Verdis Erstling “Oberto” machte gestern den Anfang, ein Werk, das von der Story her etwas dünn wirkt, da es einzig um die betrogene Liebe und das daraus erwachsende Motiv der Rache geht – also ganz romantisch – aber musikalisch ist es bereits ein echter Verdi. Heute nun das Melodramma giocoso “Un giorno di regno” / König für einen Tag.

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Immer noch Korrektur “Das Herz des Hais”

Seit 09:00 wieder in der Korrektur, dazu Zemlinskys “Eine Florentinische Tragödie”; interessanter Kontrast zur Stimmung meines Textes, der in der dänischen Inselwelt Fünens spielt. Kenne freilich Zemlinsky viel zu wenig und werde da etwas nachholen müssen.
Das Manuskript “Das Herz des Hais”, das ich im letzten Spätherbst schon einmal für fertig hielt, leistet noch Widerstand und will also umworben sein. Ich hatte es freilich gegen Jahresende der Liebsten zur abschließenden Durchsicht gegeben. Da es bis in den Februar bei ihr lag und sie überhaupt nur infolge der anderthalbwöchigen Krankheitsphase dazu kam, es zu lesen, so ist aus der Schlussfassung nun eine Frühjahrsarbeit geworden. Ich will hoffen, dass ich bis zur Fahrt zur Leipziger Buchmesse damit durchkomme, wobei ich noch Zeit einrechnen muss, um die Lesungen aus >>>> “Calvinos Hotel” in Leipzig vorzubereiten.

J., die gestern erst kurz vor Mitternacht von Wiederaufnahmeproben aus Stuttgart gekommen war, musste in der Nacht um 04:15 bereits wieder hoch, da sie den Zug 05:11 erreichen musste, um mit dem Bühnenbildner nach >>>> Naumburg zu fahren, wo sie “Der Name der Rose” inszeniert . Premiere soll dort am 11. Juni sein.

Nachgetragen sei auch, dass ich mich gestern über die FB-Nachricht meines jüngsten Sohnes gefreut habe. Lennart schrieb, er sei gut in Irland angekommen und dort jetzt im Garten eingesetzt. Er grabe die Erde um und habe bereits Karotten und Spinat gepflanzt. Er arbeitet im Rahmen seiner Ausbildung für 4 Monate in >>>>  Ballytobin für eine Organisation namens Camphill, die in ganz Irland Behinderte betreut.

So, jetzt weiter im Manuskript – die Pause sollte gereicht haben, um die Konzentration auf den Text wieder zu schärfen.

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Abbildung und Realität

Vor dem Bildschirm, an dem ich gerade schreibe, steht seit über einem Jahr eine Postkarte. Sie stammt aus dem Frans Hals Museum in Haarlem und zeigt das “Stilleven met vruchten, brood en kaas” von Floris van Dijck aus dem Jahre 1613. Meine Frau und ich sind notorische Postkartensammler. Natürlich würden wir auch jedes Originalgemälde nehmen, aber erstens hängen unsere wenigen Wände, die nicht von Bücherregalen bedeckt sind, schon voll von Bildern. Und zweitens – aber das wissen Sie ja sicher.

Nun, auf dem Bild von Floris van Dijck steht vorn rechts auf dem Rand des Tisches, der unter einer Decke liegt, die mit ihren scharf markierten Falten fast zu realistisch wirkt, um echt zu sein, ein schwarzer Teller, auf dem ein einzelnes Brötchen liegt. Ein schwarzer Teller. Das stelle man sich einmal vor! Haben Sie das schon mal gesehen? Besitzen Sie einen schwarzen Teller? Dieser Teller ist derart schwarz und blank, dass sich die Unterseite des Brötchens in ihm spiegelt. Aber ich muss zugeben, dass mich der Teller eigentlich gar nicht interessiert.

Was dann? Nun, das ganze “Stilleven” ist natürlich eine Augenweide. Also etwas, auf dem man die Augen in aller Ruhe spazierenführen und sich satt trinken lassen kann. Ich mache das seit über einem Jahr – völlig ungeniert. Es ist die reinste Freude.

Von links her wandert der Blick vom roten Rand des Tischtuchs, das mit Blütenmotiven durchwirkt ist, nach rechts und findet blaue und weiße Trauben, vor denen ein rotwangiger Apfel prangt. Es könnte auch ein Pfirsich sein. Aber ob es zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Haarlem Pfirsiche gab, das muss man bezweifeln. Und außerdem ist die Textur dieser Frucht nicht samtig genug, um ein Pfirsich zu sein. Bleiben wir also beim Apfel, für den auch der typische Stil spricht, der aus dem ovalen Gelb ragt.

Mehr zur Mitte des Bildes hin folgt der prachtvolle Aufbau der Speisen, die diesen Tisch so einladend überfüllen. Auf einer weißen Überdecke mit Spitzenbesatz, die auf der lachsfarbenen Unterdecke liegt, ruht ein großer Käseteller und eine Schale mit Äpfeln, zwischen denen im Hintergrund das Braun eines Brotlaibes schimmert. Davor steht, dem Käse zugewandt, ein flaschengrünes Glas mit Wein – ich gehe einfach mal davon aus, dass man damals zum Käse kein Wasser trank.

Der Käse selbst ist eine Sache für sich, denn die zwei mächtigen angeschnittenen Laibe, auf die ein langes, spitzes Messer zeigt, das mit der Schneide auf dem Käseteller liegt, wirken nicht wirklich einladend. Der untere der beiden Käselaibe mag wohl ein etwas älterer Gouda sein. Von links nach rechts gesehen erfüllt die trocken-buttrige Farbe mehr als zwei Drittel der angeschnittenen Fläche, während die rechte Seite derart bräunlich eingefärbt ist, dass es nicht unberechtigt scheint, hier schon den Tod am Werk zu sehen. Ja, natürlich den Tod, den Vater aller Stillleben.

Wollte dies jemand anzweifeln, so müsste er lediglich den zweiten Käselaib in den Blick nehmen, der auf dem unteren liegt. Kleiner als der Käse an seiner Basis und  ganz von einem überreifen, harzigbraunen Laib umhüllt, den man beim Blick auf die Postkarte fast zu riechen meint, bildet er den Höhepunkt der malerischen Konstruktion.

Aber da gibt es noch das Brötchen. Vorn rechts auf dem schwarzen Teller liegt ein Brötchen, dessen Oberfläche, heller als das umgebende hellbraune Oval, auseinander klafft. Es ist das, was man gewöhnlich eine ‘Schrippe’ nennt. Doch sie ist so sehr eine Schrippe, dass man bei ihrem Anblick schlicht vergisst, dass man ein bloßes Bild vor sich hat. Noch dazu eines, das auf das Format einer Postkarte reduziert worden ist.

Was ist also real? Was nur ein Bild. Was soll diese Unterscheidung?

In den letzten Tagen  habe ich einen Skype-Chat mit der Tochter meines Bruders gehabt. In siebzehn Tagen wird sie 6 Jahre alt sein. Wir haben uns fast ausschließlich mit Hilfe von Smileys unterhalten. Sie ist, neben allem, was sie sonst noch sein mag, ein digital native, ein Ureinwohner der digitalen Welt, für die sich die Frage nach dem Unterschied zwischen der Abbildung und der Realität  nicht mehr stellen wird.

Und die Kunstproduktion? Wohin wird das, was bisher den Bereich des Imaginären besetzt hat, gehen, wenn letztlich die gesamte Welt ins Imaginäre rückt. Allerdings in ein Imaginäres, das durchaus nicht der Produktion entzogen sondern vielmehr ihr infantiler Motor ist.

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