Abbildung und Realität

Vor dem Bildschirm, an dem ich gerade schreibe, steht seit über einem Jahr eine Postkarte. Sie stammt aus dem Frans Hals Museum in Haarlem und zeigt das “Stilleven met vruchten, brood en kaas” von Floris van Dijck aus dem Jahre 1613. Meine Frau und ich sind notorische Postkartensammler. Natürlich würden wir auch jedes Originalgemälde nehmen, aber erstens hängen unsere wenigen Wände, die nicht von Bücherregalen bedeckt sind, schon voll von Bildern. Und zweitens – aber das wissen Sie ja sicher.

Nun, auf dem Bild von Floris van Dijck steht vorn rechts auf dem Rand des Tisches, der unter einer Decke liegt, die mit ihren scharf markierten Falten fast zu realistisch wirkt, um echt zu sein, ein schwarzer Teller, auf dem ein einzelnes Brötchen liegt. Ein schwarzer Teller. Das stelle man sich einmal vor! Haben Sie das schon mal gesehen? Besitzen Sie einen schwarzen Teller? Dieser Teller ist derart schwarz und blank, dass sich die Unterseite des Brötchens in ihm spiegelt. Aber ich muss zugeben, dass mich der Teller eigentlich gar nicht interessiert.

Was dann? Nun, das ganze “Stilleven” ist natürlich eine Augenweide. Also etwas, auf dem man die Augen in aller Ruhe spazierenführen und sich satt trinken lassen kann. Ich mache das seit über einem Jahr – völlig ungeniert. Es ist die reinste Freude.

Von links her wandert der Blick vom roten Rand des Tischtuchs, das mit Blütenmotiven durchwirkt ist, nach rechts und findet blaue und weiße Trauben, vor denen ein rotwangiger Apfel prangt. Es könnte auch ein Pfirsich sein. Aber ob es zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Haarlem Pfirsiche gab, das muss man bezweifeln. Und außerdem ist die Textur dieser Frucht nicht samtig genug, um ein Pfirsich zu sein. Bleiben wir also beim Apfel, für den auch der typische Stil spricht, der aus dem ovalen Gelb ragt.

Mehr zur Mitte des Bildes hin folgt der prachtvolle Aufbau der Speisen, die diesen Tisch so einladend überfüllen. Auf einer weißen Überdecke mit Spitzenbesatz, die auf der lachsfarbenen Unterdecke liegt, ruht ein großer Käseteller und eine Schale mit Äpfeln, zwischen denen im Hintergrund das Braun eines Brotlaibes schimmert. Davor steht, dem Käse zugewandt, ein flaschengrünes Glas mit Wein – ich gehe einfach mal davon aus, dass man damals zum Käse kein Wasser trank.

Der Käse selbst ist eine Sache für sich, denn die zwei mächtigen angeschnittenen Laibe, auf die ein langes, spitzes Messer zeigt, das mit der Schneide auf dem Käseteller liegt, wirken nicht wirklich einladend. Der untere der beiden Käselaibe mag wohl ein etwas älterer Gouda sein. Von links nach rechts gesehen erfüllt die trocken-buttrige Farbe mehr als zwei Drittel der angeschnittenen Fläche, während die rechte Seite derart bräunlich eingefärbt ist, dass es nicht unberechtigt scheint, hier schon den Tod am Werk zu sehen. Ja, natürlich den Tod, den Vater aller Stillleben.

Wollte dies jemand anzweifeln, so müsste er lediglich den zweiten Käselaib in den Blick nehmen, der auf dem unteren liegt. Kleiner als der Käse an seiner Basis und  ganz von einem überreifen, harzigbraunen Laib umhüllt, den man beim Blick auf die Postkarte fast zu riechen meint, bildet er den Höhepunkt der malerischen Konstruktion.

Aber da gibt es noch das Brötchen. Vorn rechts auf dem schwarzen Teller liegt ein Brötchen, dessen Oberfläche, heller als das umgebende hellbraune Oval, auseinander klafft. Es ist das, was man gewöhnlich eine ‘Schrippe’ nennt. Doch sie ist so sehr eine Schrippe, dass man bei ihrem Anblick schlicht vergisst, dass man ein bloßes Bild vor sich hat. Noch dazu eines, das auf das Format einer Postkarte reduziert worden ist.

Was ist also real? Was nur ein Bild. Was soll diese Unterscheidung?

In den letzten Tagen  habe ich einen Skype-Chat mit der Tochter meines Bruders gehabt. In siebzehn Tagen wird sie 6 Jahre alt sein. Wir haben uns fast ausschließlich mit Hilfe von Smileys unterhalten. Sie ist, neben allem, was sie sonst noch sein mag, ein digital native, ein Ureinwohner der digitalen Welt, für die sich die Frage nach dem Unterschied zwischen der Abbildung und der Realität  nicht mehr stellen wird.

Und die Kunstproduktion? Wohin wird das, was bisher den Bereich des Imaginären besetzt hat, gehen, wenn letztlich die gesamte Welt ins Imaginäre rückt. Allerdings in ein Imaginäres, das durchaus nicht der Produktion entzogen sondern vielmehr ihr infantiler Motor ist.

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Gemeinsam “Zettels Traum” neu lesen

Als ich vor Jahrzehnten mein erstes Exemplar von Arno Schmidts Großbuch “Zettels Traum” kaufte, da war es die siebenbändige Studienausgabe in braunem Leinenschuber. Sie ging mir Jahre darauf mit der gesamten Bibliothek verloren. Da war sie noch nicht ein einziges Mal vollständig gelesen. Und ausgelesen sowieso nicht, denn das ist bei solch einem Weltersatz in Form eines Buches naturgemäß ganz unmöglich.

Jetzt habe ich das Ausnahmewerk nochmals geschenkt bekommen, einbändig, 1330 Seiten stark, das Faksimilie im DIN A3 Format. Und das will ich jetzt doch nochmals angehen, bevor irgendwann einmal die neue Bargfelder Ausgabe erscheint, die mir dann vermutlich all die handschriftlichen Anmerkungen, Streichungen und Änderungen von AS nimmt und durch eine Druckfassung ersetzt, die damals beim ersten Erscheinen 1970 nicht möglich war.

Doch es sei gleich betont, dass es mir nicht um eine Lektüre geht, wie sie allenthalben in den ersten Jahren nach Erscheinen betrieben wurde, als man eine Art von Freak sein musste, um sich an die elitäre Aufgabe des Dechiffrierens einer Geheimschrift zu machen. Ich gebe es zu, ich habe es damals auch so gemacht, habe ebenfalls den “Bargfelder Boten” gelesen, in dem die Erleuchteten ihre Erkenntnisse absonderten und am Ende wohl gar den gleichen Korn tranken, den der Meister angeblich in größeren Mengen zu sich genommen hatte, während seiner nächtlichen Schreiborgien. Zumindest enthielt der Bargfelder Bote bald Anzeigen, in denen “Der Schnaps des Arno Schmidt-Forschers” angeboten wurde. Wir waren wohl damals alle irgendwie irre.

Diese Art der Lektüre meine ich also nicht – und schon gar keinen Abklatsch davon. Ich möchte vielmehr eine Lektüre versuchen, die man vielleicht als die Lektüre eines “Normallesers” bezeichnen könnte. Eine Lektüre, die zwar nicht davor zurück schreckt, mal ins Lexikon zu schauen, wenn man etwas nicht versteht, für die man aber kein Spezialist sein muss. Ich will eine Lektüre, die Spaß macht und mit Phantasie betrieben wird, eine, die auch mal sagt, okay, das lass ich erstmal so stehen, damit ich im Text weiter gehen kann, vielleicht erschließt sich ja später etwas von dem, was ich jetzt noch undurchsichtig finde usw. Ich bin sicher, dass eine solche Lektüre mit Gewinn möglich sein muss, denn alle anderen Bücher Arno Schmidts, auch die des Spätwerks, also “Die Schule der Atheisten”, “Abend mit Goldrand” und “Julia, oder die Gemälde”, habe ich mit großem Vergnügen und intellektuellem Gewinn lesen können. Wäre dies bei “Zettels Traum” nicht möglich, so bliebe das Buch ein literarische Abseitigkeit für Spezialisten. Und das ist es nicht, zumindest will ich das nicht glauben.

Also, eine normale Lektüre. Und auch sonst möchte ich an diesem Backstein von einem Buch nicht zum Schwerstarbeiter werden. Deshalb nehme ich mir im Prinzip nur eine einzige Seite pro Tag vor. Die Gesamtlektüre wird also auf jeden Fall etwa 4 Jahre beanspruchen. Bereichert und gestützt werden sollte diese Lektüre – und jetzt kommt das ‘Gemeinsam’ aus der Überschrift – indem ich mir wünsche, dass möglichst viele Leser sich anregen lassen und dabei mitmachen. Facebook und Twitter könnten dafür die geeigneten Kommunikationsmittel sein, um sich laufend über die Lektüreergebnisse auszutauschen, um über Lektürelust miteinander zu plauschen und sich den Lektürefrust vielleicht von einem Mitkämpfer relativieren zu lassen. Und vielleicht kommt man ja hin und wieder auch zu gemeinsamen Ergebnissen, auch wenn jeder natürlich wie immer das eigene Buch liest und das Kino im Kopf dabei nie den selben Film spielt wie beim Nachbarn.

Bis zum Ende des Monats Januar könnten sich vielleicht so viele Leser zusammengefunden haben, dass es sich lohnen würde, mit der Lektüre zu beginnen. Ich werde schauen, dass ich bis dahin eine eigene Facebook-Gruppe dafür einrichte, sodass der Austausch zu jeder Zeit gewährleistet ist. Okay, so weit vielleicht mal – ich freue mich drauf!

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Ari Folmans: WALTZ WITH BASHIR

Das Kulturmagazin der ARD  ‘Titel-Thesen-Temperamente’ (TTT) nannte Ari Folmans Film “Waltz with Bashir” den “Ungewöhnlichsten Film des Jahres”, die ZEIT fand, es sei “Ein Meilenstein des Kinos”. Und beides völlig zu Recht, wie ich finde, weil Ari Folman etwas gemacht hatte, was es vorher schlicht nicht gab. Er hat eine Dokumentation als Trickfilm gedreht.

Seine Recherche gilt dem ersten Libanon-Krieg, an dem Folman selbst als junger Soldat teilgenommen hat. Er hat daran aber kaum eine Erinnerung, und wären da nicht plötzlich die ihn verfolgenden Alpträume, in denen er von 26 dämonischen Hunden gejagt wird, so hätte er auch wohl nie einen Anlass gehabt, über diese Zeit nochmals nachzudenken. Aber die Alpträume lassen ihm keine andere Wahl, sodass er sich auf den Weg zu alten Kampfgefährten macht, um mit ihrer Hilfe das wieder zu Tage zu fördern, was er selbst so lange verdrängt hatte.

Herausgekommen ist dabei der erste vollständig animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, in dem Ari Folman in überwältigenden Bildern die Geschehnisse des ersten Libanon Krieges visualisiert, die er selbst miterlebt und doch so lange vergessen hatte.

“Krieg ist so surreal, und unsere Erinnerung ist so trickreich”, sagt der Regisseur, “dass ich dachte, es wäre besser diese Reise in die Erinnerung mit der Hilfe hervorragender Illustratoren anzutreten.”

Die DVD mit 90 Minuten Bonusmaterial ist bei Pandora Film erschienen.
http://www.amazon.de/Waltz-Bashir-Limited-Ari-Folman/dp/B001KZ9XAC/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=dvd&qid=1261336247&sr=1-1

Ich empfehle den Film sehr.

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Der bisher schlechteste Krimi

Als ich zum ersten Mal dachte, ich hätte einen geistesgestörten Kommissar vor mir, der einen Fall zu lösen versuchte, den sich ein Autor zurechtkonstruiert hatte, der weder von den elementarsten Erfordernissen der Logik noch von den simpelsten Bedingungen der Polizeiarbeit eine Ahnung hatte, da hielt ich Fred Vargas’ Erfolgsroman “Der vierzehnte Stein” in Händen. Lange Zeit glaubte ich, dass dieser Tiefpunkt des Krimigenres nicht zu toppen sei. Nun bin ich eines Besseren belehrt worden.

Da kommt jemand zu Tode. Allerdings so, dass es wie ein Unfall aussieht. Niemand würde sich darum kümmern, und der seltsame Kommissar in dieser Geschichte schon gar nicht, denn der ist eh damit befasst, im eingebildeten Sumpf seiner eigenen Seelenlage herum zu stolpern und möchte den ganzen Kram hinschmeißen. Nicht originell, klar, das kennt man. Aber vielleicht ist doch die Frage erlaubt, warum eigentlich alle Antriebsarmen, alle Depressiven, alle Verkorksten, Zweifelnden, Unzufriedenen, Geschiedenen, alle, die bei der Erziehung ihrer Kinder etwas versäumt haben, alle Einsamen, schlecht Ernährten, Schlaflosen, alle schlechten Väter, Söhne und was weiß ich verdammt noch mal, warum die alle Kommissare sein müssen? Verlangen das die Leser?

Zurück zur Geschichte, wenn man das Wort für das dürftige Konstrukt, das ich da gelesen habe, überhaupt benutzen will. Der Kommissar wird dann natürlich wider Willen doch in die Ermittlungen involviert, nämlich dadurch, dass, wenn man es vom Ende her betrachtet, ein völlig unnötiger zweiter Mord passiert. Diesmal ist es wirklich einer, denn niemand kann es für einen Unfall halten, wenn jemand in seinem Büro erschossen wird. Der zweite Tote ist der Sohn des ersten Toten. Und nun sagt sich unser behinderter Kommissar, der seltsamer Weise auch noch ein Freund des zweiten Toten war, dass er das jetzt doch unbedingt aufklären muss. Im Grunde könnte man schon hier abwinken und das Buch weglegen, denn die Glaubwürdigkeit des ganzen Konstruktes, das hier angeboten wird, ist so dürftig, dass es fast weh tut. Aber bekanntlich werden ja die offensichtlichsten Dinge nie getan. Also fängt nun die Ermittlung an. Na gut, wenn es denn wenigstens eine wäre.

Stopp! Es werden noch zwei weitere Taten verübt, bevor unser Kommissar dann so richtig aktiv wird. Beide führen jedoch nicht zum Erfolg. Die erste ist gegen die Sekretärin der beiden Toten gerichtet. Und die zweite gegen den Kommissar selbst. Wenn man fragt, warum all das passiert, dann stellt sich am Ende heraus, dass es dafür gar kein echtes Motiv gab. Es geschah lediglich deshalb, weil der Täter nicht wissen konnte, ob die betreffenden Personen etwas gewusst haben. Er hat sie also nur vorsichtshalber getötet bzw. zu töten versucht. Na ja, kann man natürlich machen. Aber warum?

Nun gut, es haut also von Anfang an alles nicht richtig hin. Aber das würde man als echter Krimifan, der an Fred Vargas und Konsorten geschult ist, natürlich verschmerzen. Wenn, ja wenn da nun tatsächlich irgendwas passieren würde. Wenn also die Polizei ermitteln würde, wenn sich der Verdacht verdichten würde, wenn irgendjemand in Gefahr wäre, wenn etwas auf dem Spiel stehen würde. Aber das ist im Grunde überhaupt nicht der Fall. Nachdem die oben geschilderte Ausgangssituation etabliert ist, und das ist so ab Seite 80 bis 100 restlos passiert, erwartet den Leser nämlich … was? Nun ja, schlicht gesagt, nichts mehr! Und dieses Nichts erstreckt sich mindestens über die nächsten 200 Seiten. Ungelogen! Da wird angeblich ermittelt, ohne dass dabei etwas heraus kommt und ohne dass dem Leser überhaupt mitgeteilt wird, was da genau untersucht wird. Da wird behauptet, dass die Polizei angestrengt arbeite, ohne dass man wüsste wie und warum. Da werden immer wieder Konferenzen der Ermittler abgehalten, in denen nichts zu konferieren ist, oder wenn doch, dann etwas, was der Leser längst weiß und das überdies natürlich nicht weiter führt. Es ist entsetzlich, es ist quälend, und dass als Ersatz für die fehlende Handlung das beschädigte Seelenleben des Kommissars ausreichend sei, das kann der Autor unmöglich angenommen haben.

Okay, kommen wir zum Schluss. Das ist ja das Schöne am Krimigenre, gell. Es gibt immer einen Schluss und da muss dann alles raus. Wenn man sich also über 300 Seiten durch die ereignislose Landschaft dieses Krimis geschleppt und dabei erlebt hat, dass absolut alles, was unser Kommissar versucht, ergebnislos bleibt bzw. sich katastrophal auswirkt, dann kommt der Schluss. Er kommt so blödsinnig und überflüssig, wie man es nur erwarten kann. Wie? Na ja, der Bösewicht gibt halt alles zu! Hätten Sie jetzt nicht gedacht, oder? Natürlich ist der Bösewicht von allem Anfang an bekannt. Es gibt nie einen Zweifel daran. Und selbstverständlich ist der Bösewicht ganz archetypisch böse. Er tut etwas wirklich ganz ganz Schlimmes und ist unglaublich erfolgreich damit. Er handelt mit Organen von Menschen und findet nichts dabei, dass diese Menschen zuvor getötet werden müssen, damit man … na, Sie wissen schon. Und er lächelt sogar dabei. Was tut unser Kommissar nun, um diesen Bösewicht zu stellen? Er weiß nicht, was er tun soll. Unser Kommissar weiß sowieso ziemlich wenig. Er weiß noch nicht mal genau, was der Böse Böses getan hat. Er vermutet es nur. Was tut er also, als der Autor die Auflösung nicht mehr hinauszögern kann? Er dringt in das Schloss des Bösewichts ein. Ja, tut mir echt leid, aber der Bösewicht lebt wirklich in einem dunklen Schloss. Da dringt er ein, indem er eine Frau, die an einem Pullover strickt, überwältigt. Um was zu finden? Das weiß er nicht. Braucht er im Grunde auch nicht zu wissen, denn er lässt sich irgendwas über dem Kopf hauen, wird besinnungslos und sitzt dann nach dem Aufwachen dem Bösewicht gegenüber, um ihm zu sagen, ich ermittele gegen Sie.

Tja, das hätte man nicht gedacht, was? Und was sagt jetzt der Bösewicht? Der hört sich lächelnd alle Vorwürfe an und sagt dann doch tatsächlich, dass er alles zugibt. Ja, natürlich, alles klar, die Morde, die hat er befohlen. Ein langweiligeres Showdown habe ich niemals gelesen. Jetzt muss unser cleverer Kommissar nur noch die Flucht des Bösewichts verhinden. Danach ist Weihnachten, der Kommissar kauft sich einen Weihnachtsbaum und bekommt Besuch von seiner Freundin. Das gönnen wir ihm.

Sonst noch was? Nö – echt nich! Ach doch, Sie wollen wissen, wer es war? Oder? Natürlich Henning Mankell und “Der Mann, der lächelte”. Bitte kaufen Sie es nicht. Sonst vergeht Ihnen das selbige.

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DFW: Unendlicher Spaß

Wer meinen alten Blog auf http://ph-gogolin.blogspot.com/ gelesen hat, der weiß möglicherweise, dass ich ein Verehrer des amerikanischen Autors David Foster Wallace bin. Man lese nur seinen Reisebericht “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich”, ohne ein Fan von DFW zu werden, der mit einer sprachlichen Genauigkeit, die kaum zu überbieten sein dürfte, und dazu mit einer derart entlarvenden  Beobachtungsgabe ausgestattet war, dass der deutsche Durchschnittsroman vor Scham in spontane Selbstauflösung übergehen müsste. Aber nun ja, gerade das Offensichtliche wird kaum jemals getan.

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Ein Jahr nach seinem Selbstmord ist nun in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch David Foster Wallaces Hauptwerk ‘Infinite Jest’ / ‘Unendlicher Spaß’ erschienen, das ich hiermit nachrücklich empfehlen möchte.

In Ermangelung eigener Lektüre, ich habe das Buch selbst erst heute bestellt,  setze ich deshalb den Kommentar der amazon-Seite hierher. Ich finde ihn gelungen, um das Buch vorzustellen, aber es ist natürlich klar, dass das, was ich gelungen finde, andere Leute durchaus abzuschrecken vermag – nehmen wir nur mal den enormen Umfang des Buches.

Aber trotzdem, wenn auch nur einer/ eine es liest – wird sie / wird er gerettet sein, oder gar ein besserer Mensch geworden sein, wie Dave Eggers im Vorwort behauptet. Das glaubt natürlich wieder mal keine Sau!

Der übrige amazon-Text lautet:

Pressestimmen
Alles und noch mehr’ könnte eine Beschreibung dieses Romans sein. (Don DeLillo)

Das Buch ist 1646 Seiten dick, und es gibt nicht einen einzigen müßigen Satz … Ich las das Buch mit 25 und ich verbrachte einen Monat mit nichts anderem … Wenn Sie nach einem Monat Lektüre aus diesen Seiten heraustreten, sind Sie ein besserer Mensch. Es ist verrückt, aber auch schwer zu leugnen. Ihr Verstand ist gestärkt, weil er einen Monat lang trainiert wurde, und was noch wichtiger ist, Ihr Herz ist praller. (Dave Eggers aus dem Vorwort 2006)

Kurzbeschreibung
DAS literarische Ereignis in diesem Jahr! Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace, einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Literatur, das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags. Unendlicher Spaß – so nannte James Incandenza seinen Film, der Menschen, die ihn anschauen, so verhext, dass sie sich nicht mehr von ihm lösen können und dabei verdursten und verhungern. Sein Sohn Hal, ein Tenniswunderkind mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten, studiert an der Enfield Tennis Academy (ETA), die von seinem Vater gegründet wurde. Hier sowie im nahe gelegenen Ennet-House, einem Entziehungsheim für Drogenabhängige, spielt ein Teil der überbordenden Handlung, die jeden literarischen Kosmos sprengt – in einem leicht in die Zukunft versetzten Amerika, das mit Kanada und Mexiko die Organisation der nordamerikanischen Nationen bildet und von radikalen Separatisten in Kanada bekämpft wird. 1996 erschien Infinite Jest in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Nicht allein der schiere Umfang, sondern vor allem die sprachliche Kreativität, die ungeheure Themenvielfalt, die treffsichere Gesellschaftskritik, scharfe Analyse sowie der Humor machen den Roman zum Meilenstein der amerikanischen Literatur. Namhafte Autoren von Dave Eggers bis Jonathan Franzen sehen in diesem Buch ein Vorbild für ihr Schaffen. Ulrich Blumenbach hat sechs Jahre lang an der Übersetzung gearbeitet, und seine kongeniale Übertragung ins Deutsche gibt deutschsprachigen Lesern nun endlich die Möglichkeit, das Buch kennenzulernen. (Quelle des kursiv gesetzten Textes amazon.de)

Ich wünsche eine ertragreiche Lektüre! Es würde mich allerdings wundern, wenn eine namhafte Anzahl von Lesern tatsächlich diese fast 1700 Seiten in Angriff nehmen sollten. Aber ich lasse mich natürlich überraschen!

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Poesie

Vielleicht ist es ja so, dass das Unterbewusstsein sich in Form von Poesie ausdrückt, wenn man es ihm gestattet.

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Nur eine Meinungsäußerung?

Im Roman “Wahn” von Stephen King (Originalausgabe DUMA KEY), der in der deutschen Übersetzung 2008 erschien, findet auf Seite 91 der Taschenbuchausgabe folgender Dialog statt.

“Was machst du so? Wenn ich mal fragen darf?”
“Morgens trainiere ich. Lese. Nachmittags schlafe ich. Und ich zeichne. Irgendwann will ich es mit Malen versuchen, aber so weit bin ich noch nicht.”
“Für einen Amateur sehen manche deiner Sachen ziemlich gut aus.”
“Danke, Jack, sehr freundlich von dir.”

Die männliche Hauptfigur des Romans, Edgar Freemantle, der die Geschichte als Ich-Erzähler in der ersten Person erzählt, schließt an diesen Dialog die Reflexion an:

Ich wusste nicht, ob er nur freundlich war oder mir seine Version der Wahrheit sagte. Vielleicht spielte das keine Rolle. Geht es um Dinge wie Bilder, ist jedes Urteil immer bloß eine Meinungsäußerung, nicht wahr?

Stimmt das? Bloß eine Meinungsäußerung? Sollte es demnach so sein, dass es in der Kunst keine Kriterien gibt? Gibt es keine Maßstäbe zu ihrer Beurteilung? Ist das Urteil über Malerei, Literatur etc. der Beliebigkeit persönlicher, zufälliger Urteile anheim gestellt? Hätte also der Jack in der Geschichte auch sagen können: “Hör mal, ich finde das großen Mist, was du da zeichnest.”? Nun, das abschließende  “…, nicht wahr?” in Freemantels Kommentar zeigt, dass der Ich-Erzähler zumindest etwas unglücklich mit diesem Urteil ist.

Aber ja, natürlich könnte Jack das sagen! Sagen kann man schließlich alles. Und wenn man es forsch genug tut, dann glaubt es am Ende gar jemand. Gibt es also gar keine Maßstäbe, die es erlauben, ihm zu sagen, lieber Jack, du hast Recht bzw. du redest Unsinn? Ist Kunst völlig subjektiv? Sind ästhetische Urteile beliebig?

Nein, das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Tatsächlich ist es so, dass es einen ganz genau zu bestimmenden Kanon an Formen gibt, eine bis in die Details zu bestimmende Palette an Ausdrucksweisen, ein grundlegendes Organon gewissermaßen, einen Werkzeugkasten also der Kunst, des Malens, des Schreibens usw. Und die Tatsache, dass so viele Künstler des vergangenen 20. Jahrhunderts gerade damit beschäftigt zu sein schienen, dieses Organon aufzulösen und auf diese Werkzeuge zu verzichten bzw. sie zu deformieren, ändert daran gar nichts. Sie ist im Gegenteil überhaupt erst vor dem Hintergrund dieses zurückgewiesenen Bezugsrahmens verständlich.

Stephen King thematisiert am Beispiel von Freemantels Malerei Fragen, die weit über die episodische Tätigkeit seines Helden hinaus gehen. Und da Stephen King ein enorm guter Handwerker der Kunst des Schreibens ist, so steht zu vermuten, dass er damit auch Fragen seines eigenen Tuns thematisiert. Ich bin deshalb gespannt, wie er das tun und zu welchem Ergebnis er kommen wird. Dazu also demnächst vielleicht mehr.

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Religionskritik

Heute habe ich, als Vorbereitung auf ein Hume-Seminar, das in der kommenden Woche im Elsaß stattfinden wird, die Lektüre von David Humes “Dialoge über natürliche Religion” beendet. Es war eine  höchst erfreuliche und unbefriedigende Lektüre zugleich. Erfreulich deshalb, weil sich Humes Text ganz wunderbar liest und dadurch zu einem literarischen Genuss wird. Die ‘Dialogues concerning Natural Religion’, die erst postum 1779 erschienen,  sind ein literarisches Kleinod, ein Text von  solch geschliffener Prosa, dass er selbst in Humes eigener Epoche, die für literarischen Stil noch ein Ohr besaß, als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Diese literarische Qualität wird von der Kritik seither auch stets betont. Um so erstaunlicher vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Lesbarkeit philosophischer Text meist ganz anders beurteilt zu werden pflegt. Ein großes Buch also, das zu Recht als Humes bedeutendste religionstheoretische Schrift gilt.

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Als unbefriedigend empfand ich die Lektüre andererseits deshalb, weil sie zwar auf die denkbar genaueste Weise die Unvereinbarkeit einer wie auch immer gearteten Gottesvorstellung mit der menschlichen Erfahrung nachzeichnet, ohne dabei aber zu einer klaren Aussage über die doch offensichtliche Nicht-Existenz Gottes zu kommen, obwohl alle Argumente dafür als zwingend erscheinen. Ja, es ist sogar so, dass der gedankliche Ausgangspunkt gar nicht bei der Frage ob Gott existiert oder nicht ansetzt. Die Existenz Gottes wird in Humes Dialogen schlicht  vorausgesetzt! Und gefragt wird vielmehr nach dem WESEN Gottes und dessen Vereinbarkeit mit der Erfahrung.

Zwar erweist sich auch dabei in allen Punkten, dass Aussagen über das Wesen Gottes eben gerade nicht mit unserer Erfahrung vereinbar sind und sogar in vielfache Widersprüche geraten müssen, die sich nicht auflösen lassen, wenn man nicht zum reinen Glauben Zuflucht nehmen und die realen Lebensverhältnisse der Menschen ignorieren will. Für Humes Diskussion des Themas ist das der entscheidende Punkt. Für einen religionskritischen Leser der Gegenwart bleibt hier jedoch der entscheidende unaufgelöste Rest, denn ohne die Existenz Gottes abzulehnen oder zumindest in Zweifel zu ziehen, ist eine klare Stellungnahme in dieser Frage nicht zu haben. Das sollte nicht erst durch den gegenwärtigen religiösen Fundamentalismus deutlich geworden sein.

Die Argumentation der  ‘Dialogues’ expliziert den Sachverhalt freilich im Grunde viel klarer, als die Dialogpartner im Text letztlich zuzugeben bereit sind. Und es überrascht deshalb nicht, dass nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, welche der drei Positionen, die in den Dialogen vertreten werden, Humes eigene war. Es war dem Autor, angesichts der drohenden Konflikte mit der Kirche, ganz offensichtlich an einer Verschleierung dieser Zuordnung gelegen. Und die Tatsache, dass die Schrift zu Humes Lebzeiten mit Rücksicht auf die Kirche gar nicht publiziert werden konnte, spricht für sich.

Sieht man von der erzählerischen Rahmenhandlung ab, so ist die argumentative Zuordnung der einzelnen Dialogpartien  folgendermaßen aufgeteilt. Die glaubensmäßig orthodoxe Position ist dem theistisch denkenden DEMEA zugeordnet. CLEANTHES hingegen hegt zwar keinerlei Zweifel an Gott, vertritt aber einen gewissermaßen aufgeklärten Deismus.Und als dritten haben wir PHILO, der meist den Wortführer macht und eine absolut skeptizistische Position verteidigt, die er im Grunde in allen Punkten auch durchzusetzen versteht:

“Die einzige Haltung, die dem menschlichen Verstand in dieser tiefen Unwissenheit und Dunkelheit zukommt, ist die der Skepsis oder zumindest die der Vorsicht. Er sollte eigentlich gar keine Hypothese akzeptieren, keinesfalls aber eine, die nicht einmal den Anschein von Wahrscheinlichkeit für sich hat.” (Teil 11 / Seite 110) Dies schließt PHILO angesichts der Unmöglichkeit, die Tatsache zu erklären, dass das menschliche Leben durch so viele Übel geprägt ist, dass die Behauptung einer gütigen Gottheit, deren Schöpfung zum Besten bestellt sei, zu einer Absurdität wird.

Humes ‘Dialoge’ versuchen zweierlei. Zum einen untersucht er die Frage der Stichhaltigkeit der bekannten Gottesbeweise. Er beleuchtet also die Frage, ob wir, wenn wir uns nicht unhinterfragt auf bloßen Glauben verlassen wollen, einen rationalen Nachweis der Existenz Gottes erbringen können. Und zweitens gelingt es ihm, das Theodizee-Problem zu formulieren, indem er die Vereinbarkeit mit der Gottesvorstellungen auf der einen und dem tatsächlichen Zustand der Welt auf der anderen Seite in aller Schärfe aufzeigt.

Nun, ich empfehle die Lektüre von Humes Text, der als Band 7692 in der kleinen gelben Bibliothek des Reclam-Verlages, Ditzingen erschienen ist und gerade mal 5,00 Euro kostet. Der Text ist zwar über 200 Jahre alt, doch ist er auch heute noch geeignet, an seiner Argumentationskraft jeden religiösen Fundamentalisten zu Schanden werden zu lassen.

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Zwischen Starbucks und Hegel

Eine der faszinierendsten Gestalten der Gegenwartsphilosophie ist sicher der Slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Wie kein anderer Denker leitet er seine Zeitkritik aus Analysen unserer realen Gegenwart ab und nimmt dabei die Computerwelt ebenso in den Blick wie die Popularität des Dalai Lama oder die Untoten der Horrorliteratur eines Stephen King.

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Dass er dabei nichts weniger im Sinn hat, als die Philosophie Hegels zu aktualisieren, indem er die Psychoanalyse Lacans als Werkzeug benutzt, um den Deutschen Idealismus zu verstehen, macht sein Denken nicht gerade einfach. Darum ist es sehr zu begrüßen, dass Norbert Bischofberger mit Žižek ein fast einstündiges Gespräch geführt hat, das neben seinen wesentlichen denkerischen Positionen auch seine Persönlichkeit sichtbar werden lässt.

Auf der Web.TV Plattform ist dieses Gespräch unter der Adresse http://www.teleboy.tv/video/TagesschauMittagsausgabe/feature/16260/info verfügbar.

Und bitte, stören Sie sich nicht daran, dass Žižek sein T-Shirt aus einem Altkleider-Container geklaut zu haben scheint, auch nicht an seiner massiven Nervosität, die ihn permanent an die eigene Nase und nach anderen Körperregionen greifen lässt. Und über den Umstand, dass sein Englisch ein Skandal ist, wie mein Bruder D. sagte, wollen wir ebenfalls hinweg sehen. Der Mann hat nämlich wirklich etwas zu sagen, völlig unabhängig von diesen Äußerlichkeiten.

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Demjanjuk in München angekommen

Mutmaßlicher NS-Verbrecher soll in Deutschland vor Gericht

John Demjanjuk wird auf dem Burke Lakefront Airport in Cleveland in ein Flugzeug nach Deutschland gebracht. (Foto: AP)

Der aus den USA abgeschobene mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist am Vormittag in München angekommen. Um etwa Viertel neun landete er an Bord eines Lazarettflugzeugs, unmittelbar danach wurde der 89-Jährige von einem Landgerichtsarzt untersucht.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München sagte der Nachrichtenagentur ddp, Demjanjuk werde zunächst in der Krankenabteilung des Münchner Gefängnisses Stadelheim untergebracht.

Vorwurf: Beihilfe zum Mord an 29.000 Menschen

Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, während des Zweiten Weltkrieges als 23-jähriger Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Juden geleistet zu haben. Der einzige Zweck des Lagers war die sofortige massenhafte Ermordung von Juden. Im Mai 1942 trafen die ersten Züge mit polnischen, österreichischen und tschechischen Juden aus dem Ghetto Lublin ein. Der gebürtige Ukrainer Demjanjuk soll geholfen haben, die Menschen in die Gaskammern zu treiben. Das Amtsgericht München hatte im März dieses Jahres Haftbefehl gegen ihn erlassen. Demjanjuk bestreitet die Vorwürfe.

Die Münchener Justiz ist zuständig, weil Demjanjuk dort zuletzt lebte, bevor er 1952 in die USA ausreiste. In den vergangenen Wochen hatte sich Demjanjuk in den USA vor allem mit Hinweis auf seine schlechte Gesundheit gegen seine Abschiebung gewehrt und sogar den Obersten Gerichtshof in Washington eingeschaltet. Dieser lehnte jedoch einen Stopp der Abschiebung ab.

Weitere Prozesse ähnlicher Art erwartet

Der Leiter der Zentralstelle für die Ermittlung von NS-Verbrechen, Kurt Schrimm, sagte im Südwestrundfunk, im Fall Demjanjuk reiche das Beweismaterial für eine Anklage und für eine Verurteilung aus. Die Staatsanwälte der vor 50 Jahren in Ludwigsburg gegründeten Zentralstelle rechneten mit noch ein oder zwei weiteren Prozessen gegen mögliche Kriegsverbrecher wie Demjanjuk. Fälle ähnlicher Art seien dort lange bekannt.

Am Montag war Demjanjuk von Beamten der US-Einwanderungsbehörde in seinem Haus in Seven Hills abgeholt und zunächst in einem Krankenwagen in deren Amtsräume in Cleveland gebracht worden. Von dort aus war die Chartermaschine in Richtung München gestartet. Demjanjuk wurde auf dem Flug von einem Arzt und einem Pfleger begleitet.

Juden in Deutschland begrüßen die Abschiebung

Das Simon Wiesenthal Center und der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßten die Abschiebung. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, zeigte sich erfreut, dass Demjanjuk nun voraussichtlich der Prozess gemacht werden kann. “Kriegsverbrechen dieser Art (…) verjähren nicht”, sagte sie am Montagabend in den Tagesthemen. “Ich hoffe, dass er seiner gerechten Strafe zugeführt wird.”

Rabbi Marvin Hier, Vorstand und Gründer des Simon Wiesenthal Centers, sagte: “Jetzt muss John Demjanjuk sich endlich der Justiz für die unaussprechlichen Verbrechen stellen, für die er während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war – es wird wahrscheinlich der letzte Prozess gegen einen Nazi-Kriegsverbrecher sein.”

Israelisches Todesurteil 1993 aufgehoben

Demjanjuk war schon 1986 von den USA an Israel ausgeliefert worden, ein Jahr später begann dort sein Prozess. Am 25. April 1988 endete das Verfahren mit einem Todesurteil. Das Sondergericht sprach Demjanjuk wegen der Beihilfe zum Mord an mehr als 800.000 Juden sowie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das jüdische Volk schuldig. Er bestritt bis zuletzt, jemals KZ-Wächter gewesen zu sein und bezeichnete sich als Opfer einer Verwechslung.

Nach der Verurteilung tauchten neue Beweise auf, die schon früher bestehende Zweifel an der Identität zu bestätigen schienen. Am 29. Juli 1993 hob das Oberste Gericht Israels das Todesurteil auf: Seine Identität habe nicht einwandfrei geklärt werden können, hieß es. Demjanjuk kehrte später in die USA zurück, wo er als Staatenloser bei seiner Familie in Seven Hills bei Cleveland lebte.

Quelle: www.tagesschau.de

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Die beiden ersten Dichter …

…  in der Geschichte der Menschheit waren Frauen.

Raoul Schrott schreibt in “Die Erfindung der Poesie“, einem Buch, dem ich viele Leser wünsche: “Sobald die Keilschrift in der Lage war, komplexe grammatikalische Formen zu kommunizieren, wurde sie für die Aufzeichnungen von Literatur im weiteren Sinne verwendet. Auf summerischen Tafeln aus der Zeit um 2350 v. Chr. sind so die Werke der ersten beiden uns bekannten Dichter aufgezeichnet: einer Frau namens Enheduanna, Tochter des Königs Sargon, und einer Hofdichterin, von deren Lebensumständen nichts überliefert, ja deren Name nicht einmal vollständig lesbar ist – Il(…)ummiya.”

Gedacht soll ihrer werden!

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Goldzihers Tagebuch

Nachtrag zum Spinoza-Haus: Der Orientalist Ignaz Goldziher, der sich von der jüdischen Gemeinde drangsaliert fühlte  und deshalb in dem ausgestoßenen Spinoza wohl einen Leidensgenossen sah, schreibt 1912 in sein Tagebuch:

“Am 15. August unternahmen wir eine Reise nach Holland. … Im Seebad Katwijk brachten wir dann drei Wochen zu, pilgerten von dort an einem Vormittag nach Rhynsberg zum Spinoza-Haus, einer der heiligsten Stätten unserer Erde.”

Es würde ihm das Herz brechen, wenn er das Haus im heutigen Zustand sehen müsste. Aber ich denke, das ist das Gute an den ‘heiligen Stätten’, sie sind früher oder später noch immer dem Verfall preisgegeben worden.

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Nature morte

Spinozahaus

Spinozahaus

Wir haben im vergangenen Jahr eine Reise durch die Niederlande gemacht und sind dabei völlig abseits dessen gewesen, was man als Urlauber in Holland normalerweise sieht und erlebt, wenn man dort zum Baden etc. hinfährt. Vor allem ging es mir bei dieser Reise um die Spuren, die René Descartes und Spinoza hinterlassen hatten, weil ich seit Jahren mit einem Schreibprojekt umgehe, das diese beiden Philosophen behandeln soll.

Von Spinoza, diesem ‘Juden mit den durchscheinenden Händen, der im fahlen Halblicht Kristalle schliff’, wie Jorge Luis Borges in einem Gedicht schrieb, gab es in Rhynsberg nahe Katwijk ein seit Jahren geschlossenes Haus mit zerbrochenen Fenstern in einer demolierten Straße, die für den Abriss vorgesehen waren.

Natürlich sind das sowieso in gewisser Weise nostalgische Ambitionen, auf die man besser verzichten sollte. Aber wenn man einen Stoff recherchiert, dann geht es eben auch darum, dass man ein Gefühl für die Gegebenheiten, Umstände und ursprünglichen Lebenssituationen entwickelt, die das Handeln der Figur geprägt und zumindest bedingt haben mögen. Angesichts dessen ist die Abrissbirne zumindest kontraproduktiv.

Das Spinozahaus war allein zwischen einer Reihe von typischen holländischen Eigenheimen aus den 60ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stehengeblieben. Und während im Hause des Philosophen, der Linsen schliff, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, einzelne Butzenscheiben erkennbar schon seit Jahren herausgefallen oder zerschlagen waren, pflegten nebenan die Bürger ihre drei mal drei Meter großen Rasen.

Spinozalaan

Spinozalaan

Daran angrenzend wuchtete die Abrissbirne in die Backsteinfronten der Häuserwände, dass man sich wunderte, auf welche Weise die Eigenheimbewohner dort überhaupt weiter zu leben vermochten. Vielleicht fanden sie das alles ja ebenso unerträglich wie wir.

Spinozalaan

Spinozalaan

Ich erinnerte mich heute deshalb wieder an diese Szenerie, weil mir zwei Postkarten in die Hände fielen, die wir während unserer Reise im Franz Hals Museum gekauft hatten. Es sind Stillleben von Pieter Claesz. Bilder mit Fruchtkörben, Käselaibern, Silberschalen und matt glänzenden Kannen, neben denen das Rot der Früchte schimmert.

Aber was sind Stillleben überhaupt? Und was wollen sie sagen? Ich denke, dass die allgemeine Auffassung, sie gemahnten an die Vergänglichkeit oder sogar den Tod, was ja vor allem durch die französische Variante des Titels nahegelegt wird, falsch ist. Die Vergänglichkeit ist natürlich nicht zu leugnen, aber sie ist erst das Hinzugedachte. Diese Bilder sind also zwar Behälter oder Projektionsflächen für unser Wissen um die Vergänglichkeit, das, was sie zeigen, halten sie jedoch fest und geben ihm Dauer. Noch dort, wo der Verfall augenscheinlich ist (eine verwelkte Blume, ein verschimmelter Käse etc.), behauptet das Bild die Gegenwart des Dargestellte; in diesem Falle seit über 350 Jahren. Wir wissen also, es ist alles vergangen, aber wir können doch sagen, wie schön. Stillleben sind weniger Mahnung als vielmehr ein Trost.

Weil mir der Besuch in der Spinozalaan diesen Trost verwehrte, war ich vermutlich so enttäuscht. Ich hatte ein Bild vor Augen, das diese schöne Dauer nicht mehr behauptete. Der Bagger brauchte nur einmal die Schaufel zu schwenken, damit von Spinozas Haus lediglich ein kleiner Haufen Backsteine bliebe. Und so stand am Ende wieder die alte Erkenntnis, dass man die Philosophen nicht im Museum besuchen sondern im eigenen Kopf neu denken sollte.

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Fragen Sie den Papagei

Meine Frau schenkte mir zum Geburtstag u.a. einen ganz wunderbaren Krimi, den ich gerade mit großem Vergnügen lese. Es ist Richard Starks (ein Pseudonym von Donald E. Westlake, der am 31.12.2008 im Alter von 75 Jahren verstorben ist) “Fragen Sie den Papagei“, der bei Zsolnay in Wien neu aufgelegt worden ist.

Das Buch hebt sich besonders dadurch äußerst wohltuend von all den anderen Krimis ab, die in Venedig oder Florenz, in Schweden oder irgendwo in der deutschen Provinz spielen, weil es den Leser mit all den so überaus persönlichen Innerlichkeiten verschont, die in der Regel ja bis zu 75% dieser üblichen Dona Wallander Krimis ausmachen.

“Fragen Sie den Papagei” handelt stattdessen von Parker, einem erfrischend amoralischen Schurken auf der Flucht, der  im Grunde gar kein Innenleben hat. Und so ist er fast so etwas wie ein Zen-Meister des Verbrechens, der ganz im Hier und Jetzt lebt und sein Handeln einfach danach einrichtet, was in der jeweiligen Situation nötig ist und am meisten Erfolg verspricht. Dabei wird dem Leser mehr und mehr klar, dass im Grunde all die sogenannten “normalen Menschen” um Parker herum die Bösen sind. Parker tötet nicht. Er würde es zwar tun, aber nur wenn es wirklich nötig wäre. Und dann würde er es richtig machen und es so einrichten, dass ihm möglichst kein Nachteil daraus erwächst. Er bleibt kühl bis ins Herz, während die Normalmenschen aus Gier und Dummheit töten und sich danach den Luxus erlauben, sich schlecht zu fühlen und Trost zu suchen.

Der Autor serviert das in einer derart angemessen knappen und genauen Sprache, die für ein Kapitel selten mehr als vier Seiten benötigt, dass man das Buch geradezu verschlingt. Superspannend, unheimlich schnell und mit einem solch genauen Blick für die Details, dass es schmerzt.

Wie es ausgeht, wollen Sie wissen. Ach, fragen Sie doch den Papagei!

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Statt einer Einleitung

Warum schreibt oder malt man, wenn nicht, um im künstlerischen Akt erstmals etwas sichtbar zu machen. Das Ziel muss immer sein, etwas zu malen, zu schreiben, was vorher nicht gesehen worden ist, nicht gesehen, nicht wahrgenommen werden konnte.

Aber das ist schwer, denn nicht nur ist man auch als kreativer Mensch zutiefst im Alltäglichen verhaftet und muss deshalb das immer schon Gewusste, das immer schon Gesehene erst abwerfen und hinter sich lassen, bevor man wirklich beginnen kann. Und ob es dann gelingen kann, das bleibt natürlich immer noch zweifelhaft.

Außerdem wird man, wenn es tatsächlich gelingt, dafür niemals belohnt. Im Gegenteil, belohnt wird man vielmehr für die Wiederholung des Altbekannten, das ein Wiedererkennen erlaubt, während das noch nie Gesehene lediglich verunsichert und zur Ablehnung führt.

Dabei wäre es ja noch zu entschuldigen, wenn die heutigen Autoren halt nur nichts Neues mehr wagen.  Aber es ist viel schlimmer, denn die Literatur, die heute erfolgreich ist, die ist mindestens 100 Jahre hinter den Entwicklungen der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts zurück und benutzt schamlos (in vielen Fällen wohl auch nur naiv) die Erzählformen des 19. Jahrhunderts. Ganz zu schweigen von den Schreibweisen, die nach dem 2. Weltkrieg entwickelt worden sind, von denen weiß gar niemand mehr, dass sie jemals existiert haben. Und das gilt nicht nur für Deutschland, wo nur noch einige abseitige Spezialisten zu wissen scheinen, dass es z.B. so gewaltige Autoren wie Arno Schmidt gegeben hat. Es gilt ebenso für die ganze angelsächsische Literatur. Vielleicht mit Ausnahme von David Foster Wallace, der sich freilich letzthin selbst weggeschafft hat.

Ein kleiner Essay über den Verlust der avancierten Erzählformen, die seit der klassischen europäischen Moderne entwickelt wurden, wäre da lohnend, um wenigstens diesen Verlust selbst genauer zu verzeichnen. Will sehen, ob ich das auf dieser Seite demnächst in lockerer Folge leisten kann.

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Über den blinden Fleck

“We are a way for the Cosmos to know itself.” (Carl Sagan)

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Ob das Autoren und Agenten wissen?

Ernst Jünger schreibt in “Autor und Autorschaft”:

“Gaston Gallimard sagte mir einmal: ‘Ein gutes Buch ist unverkäuflich – wie eine anständige Frau’”

UND

“Wer sich in der Jugend an Büchern gebildet hat, wiegt sich in zu großen Erwartungen. Er tritt mit idealen Maßen in eine Welt banaler Interessen ein.”

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Bacons Rat

Bedenke, dass die Jahre vergehen, und achte darauf, nicht immerfort das gleiche zu tun.
(Francis Bacon)

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