Leben im Vorgefundenen

Venedig, Dienstag, 19. September 2017, bei Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie für Klavier,
Ondes Martenot und großem Orchester unter Simon Rattle
„Sie müssen“, sagte Le Duchesse, „an Ihre Jugend anknüpfen.
Es ist Zeit. Sie müssen zu Ihren frühen Träumen zurück.
Schieben Sie mal Ihren ganzen Kram … beiseite und schauen
nach, wer immer noch darunter schläft.“
Alban Nikolai Herbst: Die Fenster von Sainte Chapelle

Mitunter ist man auf Wegen unterwegs, von denen man zwar jeden Schritt bewusst – wie man gern glaubt – gegangen sein mag, gar vorsätzlich gewählt hat, und doch kann es geschehen, dass man irgendwann entdeckt, wie sich mitten darin ein ganz anderer Weg eingeschrieben hat, als sei während des Gehens, dem tagtäglichen, zugleich auch noch ein anderer Wille am Werk gewesen.

Und froh kann man sein, wenn man es überhaupt bemerkt. So ging es mir in der letzten Nacht, als ich vor dem Zubettgehen noch für ein knappes Stündchen meine Philosophielektüre betrieb. Vor einigen Wochen habe ich da, nach Jahren, wieder einmal Heideggers „Sein und Zeit“ neu begonnen, vordergründig wohl deshalb, so sagte ich mir zumindest, weil ich in der ganzen Debatte um die „Schwarzen Hefte“ und ihren so offenkundigen Antisemitismus im Hauptwerk nachsehen wollte, wie und ob das in der Begrifflichkeit seiner Ontologie, seiner Analyse von Dasein und Existenz angelegt ist.

Das muss doch ganz unvermeidlich so sein, dachte ich. Nun, um das bisherigen Ergebnis vorwegzunehmen, ich fand solch ein oberflächliches Ergebnis bisher nicht. Was ich jedoch fand, das war eine Erkenntnis, die mein ganzes Leben betraf und betrifft.

Es ist nicht ganz leicht zu erklären, da man dafür eine Winzigkeit Philosophie verstehen muss, aber ich versuche es mal ganz grob ausgedrückt: Vor Martin Heidegger sind die  Welt und die Menschen gewissermaßen getrennt bzw. werden von den Philosophen getrennt gedacht. Descartes war in dieser Hinsicht sehr bestimmend. Da war einerseits die Welt der Dinge, die Objekte, andererseits war da der Mensch, das erkennende Subjekt, das dieser Dingwelt gegenüberstand und Zugang zu ihr suchte, sie zu begreifen, zu erkennen unternahm. Geist oder erkennendes Bewusstsein auf der einen und die objektive Welt auf der anderen Seite werden also als voneinander isoliert vorgestellt. Und da stellt sich dann natürlich die Frage, was das menschliche Erkenntnisvermögen überhaupt von der großen Welt der Dinge wissen, erfassen, begreifen, erkennen kann.

Gut, das ist aber nun falsch, sagt Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“, denn das Dasein des Menschen ist in Wahrheit nichts Isoliertes. Hier liegt ein Denkfehler vor, sagt er. Wir alle sind nie getrennt sondern finden uns immer schon in einer Welt vor, von allem Anfang an. Wir sind über tausend Dinge so sehr mit der Welt verbunden, unser Dasein ist so sehr davon bestimmt – über unser Geschlecht ebenso wie über die Kultur, in die wir hineingeboren wurden, über unsere Sprache usw. – dass wir uns davon gar nichts aussuchen können. Wir sind so sehr an die Welt, in der wir sind, ausgeliefert, dass Heidegger dafür den, wie ich finde, überaus treffenden Begriff der „Geworfenheit“ benutzt. Wir sind, sagt er, ins Dasein geworfen, in unsere Existenz hineingeworfen.

Dagegen ist nichts zu tun. Und jetzt kommt der Punkt meiner gestrigen – ich nenne es mal – Erkenntnis. Denn entscheidend ist, dass das fast allen Menschen komplett egal ist. Es juckt niemanden. Man lebt eben, man lebt so wie man halt (geworfen worden) ist. Man lebt so wie man ist, lebt dort, wo man ist und fertig.

Man lebt eben so, wie man es vorgefunden hat. Kaum jemandem wird das zur Frage. Warum auch, gell? Klar, man versucht, sein Leben irgendwie zu verbessern, zu optimieren, mehr Kohle zu machen, bemüht sich um eine Beförderung, vielleicht um eine jüngere Frau, eine neue Schrankwand, Couchgarnitur, das nächste Handy usw., aber ansonsten ist alles okay. Bei mir war das immer anders, bei mir hat das Geworfensein nicht geklappt. Ich bin in gewisser Weise wie ein Transsexueller, der merkt, dass er zwar offiziell Männlein oder Weiblein zu sein scheint, aber für sich selbst spürt, dass er das Gegenteil ist.

Nun bin ich zwar in sexueller Hinsicht ohne Probleme in die Welt geworfen worden und bin froh, dass das so ist. Aber ich habe im Grunde ein weit größeres Problem, denn ich habe sehr früh im Leben erkennen müssen, dass die Welt, in der ich lebte, nicht die Wahrheit war, zumindest nicht die vollständige Wahrheit.

Heidegger nennt das, was die meisten Menschen tun, dieses ‚Man lebt so wie man ist, dort, wo man ist‘, das „In-der Welt-sein“ (ja, genau so mit diesen Bindestrichen). Und dieses „In-der-Welt-sein“ war bei mir von Anfang an gestört. Es begann vermutlich schon damit, dass ich weitgehend von meiner Großmutter aufgezogen worden bin. Ganz gewiss aber, als wir in Dortmund in die Stahlwerkstraße zogen – da muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein – und beim Löcher buddeln im Hinterhof die gerade erst zugeschütteten Kriegstrümmer der Kellergeschosse vorher hier stehender Häuser ausgrub. Da begriff ich, so jung ich noch war, dass es vor der Welt, in der ich lebte, eine andere Welt gegeben haben musste, deren Reste zwar noch da waren, aber verschwiegen wurden. In meinem Essay „Das Gewicht der Zeit“ habe ich diese Kindheitsereignisse ausführlicher erzählt.

Und endgültig zerstört wurde mein „In-der-Welt-sein“, als ich als Jugendlicher in Amsterdam mitten auf der Straße von einer alten Frau als Deutscher beschimpft wurde.

Nun, schön und gut, oder halt schlecht. Letztlich hat mich dieses so gestörte „In-der-Welt-sein“ zum Schriftsteller werden lassen. Ein sich Einrichten war mir nicht möglich. Also erlebte und lebe ich eine andere Geworfenheit, nachdem die erste nicht geklappt hatte. Aber der Punkt ist natürlich, dass ich im Grunde bis gestern nicht begriffen hatte, dass es den Menschen um mich her, schietegal ist. Ich hatte angenommen, dass sie die Leichenberge, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hatten, doch ebenfalls sehen und verabscheuen müssten. Und ich war ihnen immer böse gewesen, dass es ihnen so nicht erging.

Erst gestern habe ich durch meine erneute Heidegger-Lektüre begriffen, dass das ihr „In-der Welt-sein“ ist. Sie leben einfach dort, wo sie sind, mit dem was sie vorfinden, sich selbst und in ihrer Umwelt. Es ist ihnen völlig egal. Und das ist normal.

Okay, da sehen Sie wohin philosophische Lektüre führt. Lassen Sie das lieber bleiben. So, und ich gehe jetzt etwas Suppe kochen, wenn meine Liebste spät am Abend aus dem Unterricht an der Schauspielschule kommt, dann wird sie sich darauf schon freuen.

Bleiben Sie glücklich, wünscht Ihnen
Ihr PHG

PS: Warum ich für diesen BLOG ein Zitat aus der Novelle „Die Fenster von Sainte Chapelle“ gewählt habe? Das müssen Sie selbst herausfinden, und es hat nur am Rande damit zu tun, dass ich erst vor wenigen Wochen selbst in dieser Kapelle war, deren Fenster wirklich beeindruckend sind. Lesen Sie! Lesen Sie! – wie mal einem alten Kirchenheiligen zugerufen wurde.

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Ekstase muss sein

Venedig, Donnerstag, 14. September 2017, bei Mahlers 4. Sinfonie unter Bruno Walter

Sitze etwas auf der Stuhlkante, da ich in der Frühe den einzigen Flug nach München erreichen muss, weiter von dort dann nach Frankfurt und, was immer unsäglich ist, mit der S-Bahn rüberschippern nach Wiesbaden. Man glaubt es nicht, aber die Hessische Landeshauptstadt ist im Grunde vom Verkehrsnetz abgeschnitten. Nicht mal der ICE hält dort. Grüßen wir also die Provinz.

Ich tue das nur, weil ich mich am Mittwoch kurzfristig entschieden habe, eine Opern-Uraufführung in Wiesbaden anzuhören. Volker Milch, der Musikredakteur, schrieb darüber eine kluge Vorankündigung, die ich im Netz las.  Nun also diese Reise gegen die Orkan-Tiefs aus dem Süden herauf, um am Samstag „Schönerland“, die erste große Choroper des jungen Komponisten Søren Nils Eichberg zu hören. Volker Milch überschrieb seine Vorankündigung zitathaft mit der Forderung „Es muss eine Ekstase sein“. Ich will hoffen, dass das auch auf die Musik und nicht nur auf den Schaffensprozess zutrifft. Der Zuhörer hat meist nichts davon, wenn der Komponist sich an sich selbst ekstasiert hat. Schaue wir also mal.

Natürlich geht es um die Flüchtlings-Problematik. Das ist so notwendig wie banal. Allein das Probenbild der Vorankündingung spricht dafür, dass hier vielleicht aus Gründen der Aktualität an den Gründen, die eine Oper legitimieren können, vorbeikomponiert worden sein könnte. Aber das will ich nicht präjudizieren. Ich will es abwarten. Es kann – analog zum Highlander – nur einen geben, der  von dieser Oper zu überzeugen vermag. Das ist der Komponist und seine Musik selbst. Darauf warte ich gern.

Ich grüße, und auch wenn Sie aus Altersgründen auf Ekstase nicht stehen,
kümmern Sie sich doch mal um  die Oper des 21. Jahrhunderts

Ihr PHG

 

 

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… wird kommen über Nacht

Der Junge, der im Haus meiner Eltern
lebte, hat graue Haare bekommen.
Damals, im zweiten Stock, wo die
Dachschräge das Zimmer eng machte
trug er Bücher zusammen, stellte
sie auf ein Bord und hasste die Tage
die ihn von der Zukunft trennten.
Auf Fotos schaut er aus dem Schwarzweiß
jener Zeit, die nicht weichen wollte
vor seinem ungeduldigen Blick.

Die Musik, die er auf einem kleinen
wachstuchbespannten Plattenspieler entdeckte
war seine einzige Verteidigungsmöglichkeit.
Tschaikowsky, Beethoven und Grieg
schützten ihn vor dem unerträglichen
Beharren des Augenblicks, aber nur
Mozarts Tempi waren schnell genug
für seine hungrigen Ohren.

Einmal, zwischen Juli und August, als
der Sommer nach geschmolzenem Asphalt roch
versuchte er sich den Tod vorzustellen.
Das war in dem Jahr, als der Sohn der Nachbarin
an der Lunge starb. Nacht für Nacht
hörte er im Nebenhaus, auf der anderen Seite
der Wand, den endlosen Tumult des Sterbens.

Damals hätte er es begreifen können
aber ihn überraschte nur die Stille
an einem Morgen danach. Er brauchte
Jahrzehnte, der Junge aus dem Haus
meiner Eltern, um zu verstehen, dass
er sich geirrt hatte, dass die Zeit nicht steht
und die Pläne schwinden wie die
zu engen Zimmer der Kindheit.

Wenn er heute beim Frisör sitzt
und dem Schnippen der Schere an
seinem Ohr lauscht, die grauen Haare
im Schoß, wenn er in den Spiegel schaut
in den er so oft schon geblickt hat
muss er lächeln. Er weiß jetzt, dass
gar nichts bleibt. Nicht die Zimmer,
nicht die Häuser, die Menschen nicht
und nicht das eigne Bild.
Gewiss ist nur dies
… wird kommen über Nacht.

© Peter H. Gogolin

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Das Universum kartieren

Wiesbaden, Montag 4. September 2017, bei Musik von Beethoven, Cesar Franck und Brahms
jeweils mit Géza Anda am Klavier
– Es gibt den Baum und die Erde.
– Der Rest wird zerstört.
– Es gibt den Wind.
(Hubert Fichte: Mina)

In der vergangenen Nacht, als ich zu Bett ging, ganz überraschend das Gefühl, aus der Tretmühle raus zu sein. Es war überwältigend, als öffne sich um mich herum ein großer Raum, dessen Grenzen, so es sie gab, nicht zu erkennen waren. So hast du dich seit langer Zeit nicht mehr gefühlt, dachte ich, als ich wieder denken konnte. Wie lange nicht? Seit Monaten! Dann, Quatsch, seit Jahren! Und heute denke ich, dass es vielleicht sogar so ist, dass ich mich noch niemals zuvor so gefühlt habe. Es ist wohl das, was man sich als Ziel eines jeden Urlaubs wünscht, um dann regelmäßig festzustellen, dass noch kein Urlaub diesem Ziel auch nur näher gebracht hat.

Im Grunde hatte es sich schon seit Tagen angekündigt, denn ich war immer früh aufgestanden und hatte vor dem Frühstück lange gelesen, bei offener Tür, im Sonnenschein. Außerdem habe ich wieder angefangen, Gedichte zu schreiben, was stets ein gutes Zeichen ist. Mal sehen, was noch kommt.

Man könnte es auch anders beschreiben. Der befreundete Maler Nicolaus Werner schickte für die Mitte des Monats eine Einladung in sein Atelier. Dem lag das folgende Bild bei:

Es zeigt vier große Papierarbeiten, die in Form von Säulen gefaltet sind, wunderbar bemalt. Er nennt das „Vier Säulenstümpfe zur vorläufigen Kartierung des Universums“.

Mir gefallen seine Arbeiten sehr. Aber seit gestern weiß ich, dass ich aus der Pflicht, das „Universum zu kartieren“, entlassen bin. Ich muss das nicht mehr machen, auch nicht „vorläufig“ oder sonst wie. Ich bin frei, zu machen, was ich will. Nicht mal der Tod begrenzt die Gewissheit dieses Gefühls. ich kann alles machen. Und ich muss gar nichts.

In gewisser Weise geht es mir wie meiner Hauptfigur Franz Gabriel in meinem neuen Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, der am Ende erkennt, dass er frei ist, völlig frei. Ich habe das Buch im April diesen Jahres abgeschlossen, und vielleicht hat die Erkenntnis, die der Franz darin hat, seit April gebraucht, um auch bei seinem Autor anzukommen. Das wäre doch schon etwas, oder?

Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag und so viel Freiheit, wie Sie ertragen.

Ihr PHG

 

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Woher kommt das?

Wiesbaden, Freitag, 1. September 2017, bei immer noch Bach-Tagen, heute dem vierten und
der 'Kunst der Fuge' mit Trevor Pinnock am Cembalo

Eine der wiederkehrenden Fragen, mit denen man sich als Autor mitunter so schwer tut, ist die nach dem Ursprung, nach der Herkunft, der Quelle der Ideen, Stoffe usw. Meist kann man darauf gar nicht antworten, aus vielen verschiedenen Gründen nicht. Zum einen weiß man vieles ja im Detail selbst nicht, dann aber ist einem das Meiste auch einfach zu banal und wird einem deshalb gar nicht in dieser Weise zur Frage, denn schließlich geht man ja jeden Tag damit um und hätte viel zu tun, wenn man sich darüber ständig wundern sollte. Also ruft diese Frage auch immer eine gewisse Verlegenheit hervor.

Im Prinzip könnte man über die meisten Autoren wohl das sagen, was ich mal in einem Dokumentarfilm über den französischen Philosophen Jacques Derrida gehört habe. Da wurden u.a. auch einige seiner Familienmitglieder befragt, zu denen er durchweg ein sehr gutes und liebevolles Verhältnis zu haben schien. Und einer seiner Brüder sagte: „Wir wundern uns schon, was er so denkt und schreibt. Wir verstehen das auch nicht. Ich meine, wir anderen haben alle ja auch ein Gehirn im Kopf, aber sowas kommt darin nicht vor.“

Hier steckt, denke ich, das Problem, und es geht mir jetzt gar nicht darum, auf irgendeine Weise auf Ausnahmepersönlichkeiten hinzuweisen, ganz im Gegenteil. Wenn wir jemanden als besonders begabt bezeichnen o.ä., dann kleben wir ihm ja auch nur ein Etikett an, weil wir uns die Sache nicht anders zu erklären wissen. Mir geht es vielmehr darum, von der Seite der Autoren und Schreibschüler her zu denken, die ich als Mentor betreue. Denn dort kommt die Frage ja in ihrer Negativform immer wieder als Klage vor. Wenn es nämlich heißt, ach, mir fällt gar nichts ein. Oder: Woher soll ich es denn nehmen, wenn mir nichts einfällt? Und so weiter.

Und dann heißt es auch schon mal, wie ist denn das bei Ihnen? Woher nehmen Sie das, was Sie schreiben? Auch bei mir entsteht in solchen Situationen eine gewisse Verlegenheit, freilich nicht, weil ich es nicht wüsste. Ich weiß es im Grunde sehr genau. Die Antwort ist für die meisten trotzdem unbefriedigend, weil sie notwendig allgemein bleiben muss. Ich nehme ‚es‘ nämlich einfach von überall her. Aus der ganzen Welt. Aus meinem ganzen Leben. Aus allem, was ich tue, erlebe, sehe, höre, denke, lese, träume usw. Aus Filmen, Büchern, Gesprächen. Alles, was mir in der Welt – von der ich in meinem kurzen menschlichen Leben ja leider nur einen winzigen Ausschnitt erleben darf – begegnet, wird mir zum möglichen Material für mein Schreiben, für meine Kunst. Ich habe aus diesem Grund an anderer Stelle mal den Autor als eine Art ‚Menschenfresser‘ bezeichnet. Er nimmt alles, wirklich alles, in sich auf, verdaut es irgendwie und benutzt es hernach für seine Arbeit.

Mitunter kann es viele Jahre dauern, bis der Menschenfresser etwas von dem, was er da gefressen hat, in veränderter Form wieder von sich gibt und in seiner Arbeit benutzt. Meist weiß er dann gar nicht mehr, woher es stammt. Und wenn es sich nicht einfach an irgendeinem Ort in seinem Gedächtnis erhalten hat, dann befand es sich in der Regel jahrelang in solchen Notizbüchern, darauf wartend, ob es nun vergessen oder vielleicht doch eines Tages wieder ausgegraben wird.

Das klingt nun sehr beliebig. Da muss ja ein ziemliches Kuddelmuddel zusammenkommen. Oft tut es da auch. Aber es gibt da einen entscheidenden Unterschied, und jetzt sind wir doch wieder beim Gehirn* und dem, was da beim Autor anders läuft als beim Nicht-Autor. Ein großes Durcheinander würde vielleicht bei jedem anderen Menschen entstehen, beim Autor nicht. Das liegt daran, dass der Autor all diese Dinge mit einer gewissen Gerichtetheit in sich aufnimmt, er ist nie ohne eine Intention, wenn er sich etwas merkt, notiert. Er sieht gewissermaßen die spätere Verwendung voraus. In dieser Bibliothek seiner permanenten Aufzeichnungen mag all das dann schlummern, bis der reitende Bote aus dem fernen Land kommt, es wachküsst und sagt: Komm, du wirst gebraucht.

Der französische Autor Michel Butor schrieb in einem Essay über Marcel Proust mal etwas, das sehr genau festhält, dass dieser Vorgang durchaus nicht beliebig und ungenau ist. „Der wahre Romancier“, schrieb er, „besitzt die Fähigkeit, bei der Lektüre, insbesondere aber im Gespräch, bestimmte Sätze, bestimmte Wörterfrequenzen zu isolieren, die eine Individualität im Geschriebenen fixieren. Aus der Sprachpersönlichkeit kann (so) eine Person entstehen.“

Überlegen Sie mal, wann Ihnen unter Ihrer Lektüre zuletzt eine solche Sprachpersönlichkeit begegnet ist. Vermutlich werden Sie lange suchen müssen, denn in den meisten heutigen Büchern sprechen die Figuren leider alle weitgehend gleich.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, und achten Sie auf die Welt, sie ist ungeheuer reich.

Ganz herzlich

Ihr PHG

 

*Also doch ein anderes Gehirn? Nein, denn alles, was das Gehirn betrifft, lässt sich trainieren.

 

 

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Geschützt: Das geheime Eigenleben des Gehirns & der ‚Nouveau Roman‘

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Die Geduld eines ganzen Lebens und ein Schatzkästlein

Wiesbaden, Freitag, den 18. August 2017, bei Domenico Cimarosas 'Il Matrimonio Segreto'
in einer Aufnahme von den Schwetzinger Festspielen, Juni 1986, Live-Mitschnitt einer
Aufführung unter Hilary Griffiths und dem Orchester des Königlichen Schlosstheaters
Drottningholm

Es hat zu allen Zeiten Verleger gegeben, die die Guillotine ihrer eigenen Bücher waren. Und obwohl ich selbst davon inzwischen auch einige persönlich kenne, so will ich hier doch von einem anderen solchen Fall erzählen. Und dies auch nur deshalb, weil ich dadurch heute, nach vielen Jahren eine große Entdeckung gemacht habe.

Vor zehn, elf Jahren muss es gewesen sein, dass ich vom Herausgeber einer Zeitschrift, für die ich damals hin und wieder Bücher besprach, ganz nebenbei den Hinweis auf einen spanischsprachigen Autor bekam, dem ich auf meine neugierige Art nachging. Er, der Herausgeber, hatte in fast verächtlichem Ton auf ein Buch hingewiesen, das ich dann ganz überwältigend fand. Verächtlich war er nicht gegen das Buch, sondern über den von ihm vorausgesehenen Umstand, dass das deutsche Lesepublikum dieses Werk natürlich übersehen und ignorieren würde. Was dann auch im Großen und Ganzen so eintrat.

Nun, sei es, dachte ich damals, ich zumindest war begeistert und hätte gern mehr gelesen, obwohl schon dieser eine Band, der nur eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Werk präsentierte, eines der Bücher war, in dem man ein ganzes Leben hindurch immer wieder in Zwiegespräch mit seinem Autor treten kann. Weitere Bücher fand ich damals aber nicht, was mich freilich auch nicht wunderte. Immerhin hatte mich das Vorwort des Bandes, das von einem Frankfurter Autor verfasst war, darauf vorbereitet.

Hieß es doch in diesem Vorwort, der deutsche Verlag des Autors ‚überlasse die Bücher nach dem Druck ihrem Schicksal‘. Und als klänge dies nicht abschreckend genug, fügte er an: ‚die Buchhändler ignorieren seine Produktion‘. Wow, dachte ich, was für ein Todesurteil für einen Verlag und seine Bücher! Ich habe das Vorwort, das ich damals las, jetzt links neben mir liegen und kann entlang meiner alten Bleistiftanstreichungen zitieren.

Ich kann und will hier jetzt gar nicht erklären, warum ich das Buch damals so wunderbar fand, zumal ich mir nach der Lektüre sehr gut den Satz des Autors gemerkt hatte, ein Buch sei eh mittelmäßig, wenn man seine Vorzüglichkeit erklären könne. Einige Zeit hindurch, ein zwei Jahre vielleicht, lag das Buch danach immer noch in Griffnähe, bei all den anderen Büchern, mit denen ich ständigen Umgang pflege. Danach wanderte es in den Büchervorrat neben meinem Bett und wurde nur noch hin und wieder vor dem Schlafengehen für zehn, zwanzig Minuten angeschaut.

Dann kam der Tag, an dem wir über den Umbau unserer Bibliotheksräume entschieden. Dafür mussten alle Bücher, die in den Zimmern gestapelt lagen, in die Regale eingestellt werden, damit wir einen Überblick bekamen, wie umfangreich die Sammlungen überhaupt wirklich waren. So geriet dass Buch, das mir über Jahre so nahe gewesen war, ins Regal, wurde alphabetisch einsortiert, allerdings verkehrt, da der Doppelname des Autors dazu verleitete. Hernach wurde die Bibliothek umgebaut, erhielt neue Regale, alles wurde eingepackt, erst viel später wieder ausgepackt, neu aufgestellt und so verschwand das Buch aus meinem Blick.

Bis vor einer Woche, als ich ein anderes Buch zu lesen begann. Diesmal kam der entscheidende Hinweis nicht aus einem Vorwort. Es war vielmehr das Nachwort, stammte von Botho Strauß und beschloss den Essayband „Von realer Gegenwart – Hat unser Sprechen Inhalt?“ von George Steiner. Einer meiner Antiquare, die ich unregelmäßig aufsuche, hatte mir den Band aus Hansers Reihe ‚Edition Akzente‘ über Monate aufbewahrt. Er erschien im Jahre 1990 – vor 27 Jahren, also vor der Geburt so vieler, die heute das Lesen längst aufgegeben haben – und fesselte mich sofort, zumal er inhaltlich in direktem Zusammenhang mit einem meiner eigenen Schreibthemen stand.

Ich las hinein, war entzückt, und dann – wie meine Mutter, die immer erst den Schluss der Kriminalromane zu lesen pflegte, um vorab zu wissen, wer der Mörder war – blätterte ich nach hinten zum Nachwort von Botho Strauß. Und da war er wieder mein spanischer Autor, dessen Lektüre ich vor einem Jahrzehnt so anregend gefunden hatte. Botho Strauß zog ihn heran, um auf seine geistige Verwandtschaft zu George Steiner hinzuweisen. Ich ging die Regale ab, fand das Buch, nahm es mit an den Schreibtisch, begann wieder zu lesen, fand im Vorwort die angestrichene Stelle mit dem Verlag, der die Bücher seinem Schicksal zu überlassen beliebt und suchte ihn diesmal im Internet.

Ich fand ihn, und nicht nur das, ich entdeckte auf der nicht sehr langen Backlist auch gleich ein halbes Dutzend weiterer Bücher, die mich interessieren, Bücher meines Autors, dazu aber noch einiges andere, das mir fehlt. Es war, als öffne man einen unscheinbaren Karton, der sich dann als Schatzkästchen entpuppt, aus dem einen lauter Edelsteine entgegen blinken.

So, jetzt wissen Sie, was mir heute den Tagesbeginn verzaubert hat, warum sich vielleicht nur Bücher erhalten, die man auch getrost ‚ihrem Schicksal überlassen‘ kann, und warum man manchmal für etwas die Geduld eines ganzen Lebens braucht.

Ach ja, eine schmerzliche Kleinigkeit noch, denn es gibt auch Dinge, die für immer verloren sind, wenn man nicht zupackt. Das Schlosstheater Drottningholm, das ich oben bei meiner Musiklektüre erwähnte, ist so ein schmerzliches Beispiel. Vor etwa einem Vierteljahrhundert saßen die Liebste und ich nämlich bei einem Essen mit dem Hofkapellmeister des Königs von Schweden in Stockholm, und er schlug uns vor, nach Drottningholm zu fahren und uns von ihm durch das Theater führen zu lassen. Idiot, der ich war, meinte ich aus einem persönlichen Grund ablehnen zu müssen. Dafür ist mir die Liebste immer noch etwas böse, und sie ist mir wahrlich für nichts so leicht böse.

Also, greifen Sie zu, wenn sich die Gelegenheit bietet, bleiben Sie geduldig, aber warten Sie nicht zu lange

Und bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen, Ihr PHG

 

PS: Vielleicht haben Sie es gemerkt. Ich habe vermieden, die Namen des Autors, des Verlages etc. zu nennen. Ich will mich den Geflogenheiten des Verlages und des Autors anpassen, von dem es heißt, er habe sich sein Leben hindurch nicht darum gekümmert, was aus seinen Büchern wurde. Überlassen wir also diesen Lektürehinweis – und ein solcher soll es durchaus sein – seinem Schicksal.

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Das Leben als Abwehrmaßnahme gegen die Entropie

Wiesbaden, Donnerstag, 17. August 2017, bei 'Crossing Roots - Guitar Duo Meets Karnatak'

Wenn man am Morgen den Eindruck hat, in einem Film mit dem Titel „Planet der Schwachsinnigen“ erwacht zu sein, dann hilft es, einfach das Radio auszuschalten. Wir taten das, nachdem die Liebste zwischen zwei Happen von ihrem Frühstücksei plötzlich fragte: „Ob der Typ mit seinem La la la nochmal fertig wird?“ Er wurde es, zwar erst eine ganze Minute später, aber das war nicht so schlimm wie der Umstand, dass sein singender Nachfolger uns mit einem permanenten „Hu, hu, hu!“ zu beglücken versuchte. Es gelang ihm nicht,  wir beendeten lieber das, was mit dem Begriff Musik gänzlich übertrieben beschrieben wäre. Freilich mussten wir dadurch auch auf die Nachrichten verzichten. Kein Vorteil ohne Nachteil.

Ich fragte mich gerade, ob irgendwo in diesem ganzen Durcheinander der Welt wenigstens der Schatten eines Sinns existiere, als die Parade der Müllabfuhr anrückte, sodass wir mehrfach die Fenster schließen mussten. Als zwanzig Minuten später der letzte Müllwagen durch war und wir die Fenster wieder hätten öffnen können, da kamen auch bereits die Rasenmäher, Laubbläser, Heckenschneider und was der ganzen Horde der Attentäter mehr sind, die mir jeden Tag die Schreibarbeit unmöglich zu machen versuchen. Ich weiß, sie werden erst am späteren Nachmittag mit ihren schlecht bezahlten Jobs fertig werden – dann, wenn ich es aufgegeben haben werde.

Deep Space Aufnahme des Hubble Teleskops

Notre Dame de Paris – Rosace sud

Fluchtreflexe. Wie soll Literatur entstehen, wenn die Arbeit daran von ständigen Fluchtreflexen begleitet ist? Wie soll aus und trotz des endlosen Wirrwarrs des Daseins ein geplantes, geordnetes Ganzes entstehen, das man zuvor nur im Kopf gehabt hat, in der Imagination entwickelt hat, es dann Jahre hindurch dort, auf dieser unsichtbaren Ebene der Vorstellungskraft, präsent halten musste, während man versuchte, es Stück für Stück, Wort für Wort, auf dem Papier in die Realität treten zu lassen, während restlos alle um einen herum permanent damit beschäftigt sind, einem auf die Hände zu treten, die Ohren mit Lärm zu durchpusten, den Kopf mit ihren Nichtigkeiten zu füllen und … ach, egal. Der Satz ist eh schon zu lang geworden.

Sie wissen hoffentlich, dass ich hier nicht sitze, um mich zu beklagen. So wichtig nehme ich die Welt nicht, dass ich über sie klagen würde. Ich schreibe mich erstens nur warm, damit ich nachher an meinen eigentlichen Text gehen kann. Und zweitens benutze ich für dieses Warmschreiben mein frei assoziierendes Hirn, dessen Themen ich dann einfach folge. Mehr ist es nicht. Um also zum Thema zurück zu kommen: Im Grunde steckt dahinter natürlich ein Naturgesetz. Die Entropie. Googlen Sie mal unter ‚2. Hauptsatz Thermodynamik‘. Wenn man sie, die Entropie,  mal etwas schlicht als Maß für die Unordnung eines Systems nimmt und weiß, dass die Unordnung in der Regel immer zunimmt, dann weiß man auch, dass man sich in einem aussichtslosen Kampf befindet. Man versucht Ordnung zu schaffen, inmitten der allgemeinen Unordnung, die gar nicht anders kann, als permanent anzuwachsen.

Und jetzt führen Sie sich bitte mal für ein paar Sekunden, nur Sekunden, vor Augen, was für ein ungeheures Wunder es ist, was der menschliche Geist dieser allgemeinen Unordnung immer wieder abgewonnen hat. All die Kunstwerke, all die Wörter, also die Literatur, all die Bilder, Bauwerke, all die Musik usw., die der Welt, in der wir leben, einen Sinn, eine Bedeutung gegeben haben. Schauen Sie sich von mir aus die Rose im südlichen Glasfenster von Notre Dame in Paris an – die Liebste und ich werden in diesem Jahr noch aufbrechen, um alle französischen Kathedralen anzuschauen. Schauen Sie sich dieses Fenster an, und wenn Sie dann nicht vor Ehrfurcht und Bewunderung erbeben, dann ist nach Ihrer Geburt vielleicht irgendwas verloren gegangen.

Egal, wen juckts. Ich will nur sagen, dass die menschliche Kultur ein Wunder ist. Aber das braucht es für Sie nicht zu sein. Man kann ja auch Jahrtausende alte Statuen einfach in die Luft sprengen, geht auch. Aber selbst da ist nicht der Sprengstoff das Problem, denn der Kulturverlust beginnt ja lange vorher in den Köpfen.

Ach, ein Wort zum Schluss. Die Musik, die ich während des Schreibens momentan höre, die habe ich vor etwa 17 Jahren mal von meinem Lieblingsbruder geschenkt bekommen. Sie befindet sich auf solchen alten Cassetten:

Vermutlich benutzten Sie die früher auch mal und haben sie längst weggeworfen, ach, man sagt ja ‚entsorgt‘, obwohl man gar nicht weiß, wer dadurch jetzt weniger und wer mehr Sorgen hat. Ich besitze davon noch einige Hundert, und ich werde sie behalten, um sie zu genießen. Erst wenn ich so in zehn, zwanzig Jahren tot bin, erst dann werden auch ihre Stunden gezählt sein.

Bis dahin, vermehren Sie die Entropie nicht
und bleiben Sie glücklich

wünscht Ihnen Ihr PHG

 

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Die Unkosten reinbekommen

Wiesbaden, Sonntag, 13. August 2017, bei den ersten 5 Symphonien von Hans Werner Henze, 
unter seinem eigenen Dirigat

Am Morgen mit der Liebsten rumgetrödelt, dann unter dem Sonnenschirm gedeckt und gefrühstückt; Wespen mögen Eier. Jetzt Musik, nämlich die frühen Symphonien von 1948 bis 1962 von Henze, und die Gedanken sammeln.

Alte Schallplatten sind wunderbar

In der Nacht war ich um 4:30 Uhr auf, weil ich aus einem Traum erwachte, der unter Toten spielte. Das erzähle ich Ihnen aber nicht, es gehört allenfalls später ins Tagebuch.

Wenn man wie ich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert schreibend verbringt, als Schriftsteller verbringt, dann denkt man über das grundsätzliche WARUM dieses Tuns in der Regel nicht mehr nach. Woran man denkt, das sind die näherliegenden Fragen, die den jeweils in Arbeit befindlichen Text betreffen. So habe ich vor einigen Tagen entschieden, das Buch über den Tod meiner Mutter, das ich vor etwa einem Jahr abschloss, wieder aufzunehmen und publikationsreif zu machen. Kurz, man beschäftigt sich mit der jeweiligen Schreibarbeit, nicht mit der Frage des Schreibens überhaupt. Jemandem, der mit einer Frage danach käme, dem könnte man ja im Grunde nur ein „zu spät“ zurufen.

Wenn ich es nun trotzdem tue, so deshalb, weil ich in der vergangenen Woche mit einer Frage konfrontiert war, die in gewisser Weise das berühmte „Warum schreiben Sie“ um ein Vielfaches übertraf. Die Frage kam von jemandem, der selbst darüber nachdachte, möglicherweise einen Roman zu schreiben, und sie lautete: „Kann man denn davon ausgehen, dass man die Unkosten wieder reinkriegt?“

Ich war zuerst völlig perplex und fragte: „Welche Unkosten?“ Die Antwort war von einem Kopfschütteln begleitet: „Na, wenn man ein Buch schreibt, dann hat man doch bestimmt Auslagen, Unkosten, oder? Die müssen doch wieder reinkommen.“

Tja, da steht man dann da, schreibt seit über einem halben Jahrhundert und hat noch niemals darauf geachtet, dass man seine verdammten Unkosten wieder reinbekommt. Noch nicht mal dran gedacht! Ich gebe es zu. Mea culpa! Mea culpa maxima! Vermutlich hat mich deshalb einer meiner Söhne vor einiger Zeit als „Versager“ bezeichnet. Er, der 80 Programmierer in Afghanistan (oder Parkistan?) für sich arbeiten lässt, damit die Millionen aufs Konto trudeln, hat seine Unkosten gewiss immer reinbekommen, die zuerst. Nur der Loser von Vater war dafür zu blöde. Warum schreibt der überhaupt? Muss ein Idiot sein. Schlimm, wenn man solch einen Vater hat.

Ich habe dann für den Frager nach den Unkosten eine kleine Rechnung aufgemacht. Am Beispiel meines neuen Romans „Der Mann, der den Regen fotografierte“, der von der Idee bis zum Erscheinen ziemlich genau 5 Jahre benötigt hat, was für mich kurz ist. Ich habe also 5 Jahre gearbeitet, dafür habe ich nicht nur keinerlei Lohn irgendwelcher Art erhalten, auch die „Unkosten“ hat mir niemand ersetzt, was auch immer das sein mag. Ich musste mir diese 5 Jahre selbstverständlich selbst finanzieren, damit ich überhaupt am Buch arbeiten konnte. Aber wer hätte mir auch 5 Jahre Arbeit finanzieren können? Selbst bei einem einigermaßen miesen Einkommen von 20.000,– im Jahr wären das ja 100.000,– Euro gewesen. Rechnete man davon nur die Hälfte, also 50.000,– Euro, dann lebte man als Schriftsteller an der Armutsgrenze (was in der Tat sehr viele Schriftsteller tun). Aber auch diese 5 Jahre Leben und Schreiben an der Armutsgrenze wird einem selbstverständlich niemand finanzieren.

Der Autor in Form einer Ente

Tja, wat nu?! Ratlose Blicke allenthalben. Dann darf man halt keine „Unkosten“ produzieren, wa? Ha, und von der ’schmutzigen Gabel‘ hatte ich dabei noch gar nichts gesagt. Die besteht nämlich darin, dass ich auch nach Erscheinen des Buches nix bekomme. Frühestens in einem Jahr werden da Honorare fällig sein. Und wie hoch die ausfallen, ach … Schwamm drüber.

Okay, Schriftsteller – von den paar Kollegen, die zufällig mal einen Erfolg haben, abgesehen – sind in der Regel genau solche Trottel wie ich, Idioten, die nicht mal ihre Unkosten wieder reinbekommen. Ich schätze mal, dass es 95% aller Autoren so geht, was vermutlich übertrieben positiv gedacht ist. Aber wenn man nicht positiv denkt, was dann? Warum also machen die das? Zwar braucht es für Idiotie keinen Grund, sodass man die Frage auf sich beruhen lassen könnte. Aber so einfach ist es nicht, denn wenn dem so wäre, dann würde es längst keine Autoren mehr geben. Sie wären, den Darwinschen Regeln der Evolution folgend, längst alle ausgestorben. Tatsächlich kommen aber ständig neue nach. Und das liegt nicht an den Workshops für ‚Kreatives Schreiben‘, im Gegenteil. Warum also entstehen selbst in der für Autoren vielleicht schlechtesten aller Welten – wenn man von den Unkosten her denkt – immer wieder neue Autoren?

Das werden die Abrechner von Unkosten niemals begreifen. Schreiben hat nämlich gar nichts damit zu tun, was man damit verdienen kann oder könnte. Autoren schreiben nicht des Verdienstes wegen, allerhöchstens insofern, als man mit dem Verdienst das weitere Schreiben finanzieren könnte. Der Verdienst – falls es ihn geben sollte – ist also nur Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist immer das weitere Schreiben. Niemals ist der Verdienst der Zweck, das Ziel des Schreibens. Autoren würden auch dann schreiben, wenn es gar keinen Buchmarkt gäbe, wenn sie im Kerker säßen und ihr Geschriebenes verstecken müssten. Sie würden schreiben, selbst wenn ihnen dafür die Todesstrafe drohte. Vielleicht sogar gerade dann.

Aber nochmals, warum? Wirklich beantworten lässt sich diese Frage nicht, weil die Antwort in einen transzendenten Bereich hinein reicht. Der (natürlich auch die) Autor/in schreibt deshalb, weil er sich durch eine tiefe Erschütterung dazu getrieben fühlt, an einem Werk zu bauen, das der Welt Sinn zu geben vermag. Er ist gezwungen, einen Sinn zu schaffen. Das gilt natürlich für alle Künstler, nicht nur für Autoren. Die Kunst ist die Tür oder das Fenster, durch die der Sinn in eine sonst sinnlose Welt gelangt. Ach, eigentlich ist der Künstler selbst diese Tür. Und in der Regel kann sich dieser Künstler gar nicht darum kümmern, ob er Unkosten hat, wenn er Öl zum schmieren der Türangeln benötigt.

Ich weiß nicht, ob ich es geschafft habe, mit diesen Erklärungen* etwas zu erklären, vermutlich eher nicht. Aber egal, es ist ja auch nicht meine Aufgabe, das Schreiben zu erklären. Meine Aufgabe ist es zu schreiben, nichts sonst. Versuchen Sie es halt selbst herauszufinden, was diese komische Spezies der Künstler usw. antreiben mag. Es ist auf jeden Fall ‚kompliziert‘, wie einige Leute heute gern in Neudeutsch über ihre Beziehung zu sagen pflegen. Und falls Sie es nicht begreifen und nur Unkosten sehen, dann sollten Sie wenigstens schauen, dass Sie die von der Steuer absetzen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Unkosten
immer vermeiden können
Ihr PHG

 

PS: Abendlicher Nachtrag: Mir fiel vorhin ein, dass es irgendwo auf den letzten zwei Seiten meines Romans „Der Mann, der den Regen fotografierte“ eine weit bessere Erklärung für das gibt, was ich hier wohl nur unverständlich begreiflich zu machen versucht habe. Also einfach mal nachlesen. Und wie gesagt, es steht auf den beiden letzten Seiten. Sie müssen sich also keinesfalls durch das ganze Buch quälen.

 

 

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Marthes schöner Hals und die Krümmung der Erde

Wiesbaden, Samstag, 05. August 2017, bei Klaviermusike von Bach, Scarlatti, Vivaldi, Galuppi
und Tomeoni, entstanden unter den magisch mystischen Händen von Arturo Benedetti Michelangeli

Ich putze gerne die Küche.  Nicht nur, weil ich ja schließlich auch darin koche und mir das desto mehr Spaß macht, je besser der Zustand der Küche ist. Vor allem auch, weil das ein sehr meditativer Vorgang ist. Der Geist kann dabei frei wandern. Sie wissen schon, die Spüle mal wieder zum Blinken bringen, mit Essigessenz den Eier- und den Wasserkocher von Kalk befreien, Koch- und Arbeitsflächen reinigen, Müll … naja, und immer so weiter. Dabei spielte Michelangeli für mich, und ich konnte seinem Spiel die Zufriedenheit mit meiner Arbeit anhören.

Verschiedene Gedanken bzw. Bilder gingen mir während dieser Beschäftigung durch den Kopf. Zum einen das Sternbild des Orion – Sie wissen schon, das ist das Sternbild, das in der ägyptischen Mythologie mit dem Totengott Osiris gleichgesetzt wird.

In meiner Küchenputz-Phantasie befindet sich das Abbild des Orion in Form kleiner Leberflecken bzw. Muttermale links hinten auf dem weißen Hals der verführerischen Marthe, der weiblichen Hauptfigur in meiner Novelle „Er kommt erst am Abend zurück“, an der ich seit meiner Rückkehr aus dem Urlaub in der ersten Julihälfte schreibe.

Für den männlichen Erzähler Nyborg ist Marthes Muttermal aus zwei Gründen interessant. Erstens weil er plötzlich begreift, dass er es bisher nicht gesehen hat, obwohl er schon zwei Wochen mit ihr auf recht engem Raum zusammen arbeitet, auf einem Schiff nämlich. Und zweitens, weil er mehrfach gesehen hat, dass Hamilton, sein Chef und (in seinen Augen) Nebenbuhler, Marthe dort auf den Hals geküsst, wenn nicht gar in den Hals gebissen hat. Kurz, Nyborg begreift, dass er immer nur Hamiltons sexuell eindeutigen Küsse wahrgenommen hat, auf ihn deshalb eifersüchtig war usw. Das Muttermal in Form des Orion nimmt er erst wahr, als Hamilton nach zwei Wochen fort ist. Das ist also in etwa der erzählerische Hintergrund des Sternbildes, das mir während meiner Putzaktion in der Küche vor das innere Auge trat. Gut, dachte ich, das musst du dann im nächsten Kapitel noch einarbeiten.

Das zweite Bild, bzw. der zweite gedankliche Zusammenhang, der mir putzend durchs Hirn spukte, war die Erdkrümmung, ja, wirklich. Letztlich stammte dieses Bild ebenfalls aus dem Juli-Urlaub – der dann auch das Thema der Novelle verursacht hatte -, denn ich hatte zusammen mit meiner Liebsten auf der Steilküste einer Insel gestanden, von wo wir so weit aufs Meer hinaus schauen konnten, dass sich die Erdkrümmung bemerkbar machte. Das war zwar von mir bemerkt, doch gedanklich nicht weiter verfolgt worden. Heute erst, während ich putzte, begriff ich, wie erstaunlich das war – für die Geschichte der menschlichen Kognition und der Wissenschaften nämlich.

Der Schiffsrumpf verschwindet hinter der Erdkrümmung (Quelle: Wikipedia)

Wie lange hatte die Menschheit geglaubt, dass die Erde eine Scheibe sei? Dabei hätte zumindest jeder am Meer lebende Mensch aus eigener Erfahrung erkennen können, dass dem nicht so sein konnte. Ganz davon abgesehen, dass die Griechen schon 600 vor Chr. von der Kugelgestalt der Erde ausgegangen waren. Selbst kirchliche Denkverbote konnten doch unmöglich über Jahrhunderte die Erfahrung des eigenen Auges verdrängen.

Und dann begriff ich es: Unsere Vorfahren hatten es gar nicht gesehen! Sie hatten es, obwohl es zu sehen gewesen wäre, nicht gesehen. Ihre Kognition, ihre Wahrnehmung war blockiert. So wie ein Mitglied eines Amazonas-Stammes, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals ein Flugzeug am Himmel sah, selbstverständlich kein Flugzeug sondern irgendwas Unverständliches und im besten Falle einen unbekannten Vogel sah, so hatte auch in diesem Falle eine kognitive Blockade die eigene Wahrnehmung bestimmt.

Und dann, während mir der Wasserkocher sprudelnd überlief, wurde mir klar, was die Erdkrümmung mit dem schönen Hals von Marthe zu tun hatte. Auch die Wahrnehmung meines Erzählers Nyborg war einer kognitiven Blockade zum Opfer gefallen. Und konnte es vielleicht sein, dass unsere gesamte Kognition von solchen Blockaden strukturiert wird? Dass wir quasi ständig durch systembedingte Blockaden  vor Wahrnehmungen geschützt werden, die uns nur stören, überfordern und im schlimmsten Falle gar handlungsunfähig machen würden? Dass wir in unserem Alltag nur deshalb in der gewohnten Weise zurechtkommen, weil wir durch ein System kognitiver Blockaden daran gehindert werden, die zu große Komplexität der Welt wahrzunehmen. Abbau von Komplexität als vermutlich wichtigste Aufgabe unseres kognitiven Apparates.

Und wenn man andersherum denkt, also nicht von den Impressionen her, die das wahrnehmende Subjekt durch die ihn umgebende Welt erfährt, sondern ausgehend vom handelnden und zum Beispiel durch Sprache mit der Welt in Austausch tretenden Subjekts, was machten diese Blockaden dann z.B. mit der Art und Weise, in der Menschen ihre Sprache benutzen? Sind doch die Grenzen meiner Sprache, die Grenzen meiner Welt!

Und jetzt, so fand ich, erst jetzt, wurde es wirklich spannend. Aber vorher musste ich den Behälter mit dem Biomüll runter bringen. Gut, schon zurück: Was also ist mit der Sprache? Wenn unsere Wahrnehmung der Welt solchen kognitiven Blockaden unterliegt, was ist dann mit unserer Sprache, mit der wir Rückmeldung von unserer Welt geben? Sprache und Wahrnehmung sind ja nicht unabhängig von einander.

Kant spricht in der Kritik der reinen Vernunft von der Anschauung und dem Begriff. Die Anschauung, sagt er, ist ohne die Sprache, ohne den Begriff, der sie also benennen kann, blind. Und der Begriff, die Sprache, allein, sie ist ohne die Anschauung, ohne die entsprechende Wahrnehmung leer. Ein leerer Gedanke gewissermaßen. Stellen Sie sich vor, dass Sie den Begriff Baum haben, den können Sie denken. Aber wenn Sie keine Anschauung von einem Baum haben, wenn Sie noch nie einen Baum gesehen oder anders wahrgenommen haben, dann bleibt für Sie dieser Begriff des Baumes nichts als ein leerer Gedanke.

Und jetzt nehmen wir mal ein literarisches Beispiel. Da wird jemandem ein Pfirsich mit roter Soße serviert, eine Pêche Melba, wie es auf der Speisekarte heißt. Stellen Sie sich das bitte in jeder erdenklichen Weise vor, machen Sie sich davon ganz nach Wunsch jedes mögliche Bild und beschreiben Sie es dann. Ich bin ziemlich sicher, dass bei 99 oder mehr Prozent aller Beschreibungsversuche eben nichts anderes herauskommen würde, als – na, was schon? – ein Pfirsich mit roter Soße halt.

Bei dem englischen Autor Denton Welch steht in dem Roman „Freuden der Jugend“ hingegen diese Beschreibung:

„Die Pêche Melba wurde serviert, mit ihrer dicken roten zähflüssigen herablaufenden Escoffier Sauce. Die beiden Hälften waren wieder zusammengefügt worden, so dass sie wie ein Paar schweißglänzende Hinterbacken aussahen. ‚Wie der Hintern einer Puppe aus Zelluloid‘, sagte sich Orvil. ‚Nur bei dieser Puppe ist er aufgeplatzt, und es kommen Schneeflocken und große Blutklumpen heraus …‘ „

Denton Welch

Sie werden das jetzt vielleicht eklig finden, vielleicht halten Sie diesen Autor, den Sie sehr wahrscheinlich nicht kennen (er starb bereits 1948, kaum 33 Jahre alt) auch für ein Schwein oder was auch immer. Aber darum geht es nicht! Es geht darum, dass Ihnen (und auch mir) das wohl in tausend Jahren nicht eingefallen wäre. Da wird ein Pfirsich serviert, und bei Denton Welch wird daraus ein schweißglänzender Hintern, aus dem große Blutklumpen heraus quellen.

Und da laut Kant die Anschauung dieses Hinterns mit diesen seltsamen Ausscheidungen und die Begriffe, mit denen er uns das beschreibt, ohne einander nicht sein können, so müssen Sie davon ausgehen, dass hier nicht jemand einfach einen anderen Wortschatz gehabt hat als Sie, das zwar auch, aber er muss das, was er da so anschaulich auf den Begriff brachte, auch tatsächlich gesehen haben. Man schreibt so was nicht einfach, ohne sich ein Bild davon zu machen, es also zumindest mit dem inneren Auge wahrzunehmen. So wie ich – hoffentlich etwas verlockender – eine hübsche junge Frau mit dem Namen Marthe und einem ganz besonderen Muttermal auf dem Hals wahrgenommen habe, in meiner Anschauung lebendig habe werden lassen.

Warum fallen Ihnen (und mir?) diese Welchen ’schweißglänzenden Hinterbacken‘ nicht ein, und wenn wir noch so viele Schreibkurse belegen sollten? Weil sie vermutlich niemals zu unserer Welt gehören werden, weil wir kognitiven Blockaden unterliegen, die unsere Wahrnehmung von der des Denton Welch rigoros trennen. Und so ist es letztlich mit den Verhältnissen zwischen allen Menschen, die ein gewisses Maß an personaler Eigenständigkeit erreicht haben, einen eigenen Charakter, so er das Wort wert ist, besitzen und so weiter.

Jeder lebt in seiner ganz eigenen Welt, die durch die persönlichen Grenzen der Wahrnehmung definiert sind, durch die jeweils eigenen Blockaden der Kognition. Und letztlich sind zwei solche Welten, wenn sie das Wort überhaupt verdienen, immer inkommensurabel. Wenn wir miteinander umgehen, so tun wir das in der Regel auf dem recht engen gemeinsamen Bereich der durchschnittlichen Alltäglichkeiten; dort gibt es Schnittmengen, sonst meist nicht.

Für einen Künstler gilt das natürlich ganz besonders. Das ist nicht einfach jemand, der etwas macht, was wir zur Not auch selbst könnten, ein bisschen Interesse und Übung vorausgesetzt. Das ist vielmehr ein ganz anderer Menschen, der, wenn er ein Werk schafft, uns Nachrichten von einem fremden Planeten überbringt.

So, das soll es für heute mal sein. Ich muss mit der Liebsten noch ein bisschen an unserer Bibliothek bauen. Die Küche ist jetzt auf jeden Fall erst mal tipptopp!

Ich wünsche Ihrer Küche das Allerbeste und Ihnen,
dass Sie glücklich bleiben, trotz aller Blockaden

herzlich, Ihr PHG

 

 

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Das 20. Jahrhundert hören

Wiesbaden, Donnerstag, 27. Juli 2017, bei "La Péri" Dance poem for orchestra von Paul Dukas,
unter Ansermet in einer Aufnahme von 1954

Erwachte kurz nach sechs in der Frühe, jemand war mir im Traum gestorben, und ich vermochte nicht mal die Augen zu öffnen, so verkleistert waren sie. Saß, nachdem ich zur Toilette gegangen war, lange auf dem Bett, bei weit geöffnetem Fenster, um die regengeschwängerte Morgenluft einzulassen, trank etwas Wasser. Vielleicht sollte ich es aufschreiben, dachte ich, ließ es dann. Schweigen ist meist besser.

Ich entwickle mich im Alter immer mehr zu einem Nachfolger meines Großvaters mütterlicherseits, der eine Art Dorfzauberer war, ein Spökenkieker, wie man im Holsteinischen sagt. Kennengelernt habe ich ihn nie, aber vermutlich sitzt er mir in den Genen. Da ist nichts zu machen. Aber das Schweigen ist meist besser.

Von Hiddensee habe ich mir einen Sanddorn-Zweig mitgebracht, der nun im Wasser steht und Wurzeln zu entwickeln beginnt. Es ist schön zu sehen, dass sich das Leben so robust durchsetzt. Der Zweig stammt von einer weiblichen Pflanze (ja, es gibt weibliche und männliche Sanddorn-Pflanzen), eine männliche habe ich nicht. Mal sehen, was meine Pflanze tun wird, ob ihr etwas fehlt.

Das Jahr ist jetzt schon so weit fortgeschritten, dass ich überlegt habe, es sei vielleicht klug, für die restlichen Monate ein besonderes Ziel anzustreben. Natürlich eines neben meiner üblichen Tagesarbeit und dem Schreiben am neuen Erzähltext. Eine weitere Reise steht dieses Jahr auch noch an, denn wir wollen die französischen Kathedralen besuchen; ein lang schon gehegter Wunsch.

Was also könnte es sein, was ich mir in diesem Jahr noch erobern kann? Ich habe sogar kurz daran gedacht, wieder mit dem Klavierspiel zu beginnen, zumal ich das Klavier endlich wieder aus dem vollgestellten Nordzimmer der Liebsten befreien müsste. Aber mir fehlt einfach der Platz für ein Klavier in meinem Arbeitszimmer. Ich kann froh sein, dass die so lange verpackten Bücher langsam wieder in die Regale zu sickern beginnen. Buch für Buch haben wir es auch heute wieder so weit gebracht, drei Kisten auszupacken.

Und dann, vielleicht da die Subroutinen meines Gehirns eh schon die ganze Zeit um die Musik kreisten, kam mir der Gedanke, dass ich das Projekt wieder aufnehmen könnte, mit dem ich vor Jahren schon einmal begonnen hatte. Nämlich das Buch von Alex Ross „The Rest ist Noise“ lesen, um die Entwicklung der klassischen Musik im 20. Jahrhundert nachzuvollziehen. Und das heißt natürlich, all die Musikbeispiele, die Ross in seinem grandiosen Buch behandelt, durchhören, analysieren, soweit in meiner Musikbibliothek noch nicht vorhanden, hinzukaufen etc. Am Ende sollte eine repräsentative Musikbibliothek des 20. Jahrhunderts aufgebaut und Ross‘ Werk durchgearbeitet sein.

Das wäre etwas, das mich ungeheuer faszinieren und – ja, ich gebe es zu – auch befriedigen würde. Natürlich höre ich sowieso schon lange sehr viel Musik des 20. Jahrhunderts, auch zeitgenössische Musik unseres 21. Jahrhunderts, zuletzt zu Wochenbeginn dreiviermal „Remembering“ von Mark-Anthony Turnage, der 10 Jahre jünger ist als ich. Aber für mich hat dieses Hören den Mangel, dass ich sehr unsystematisch dabei vorgehe. Mit Hilfe von Ross‘ Buch könnte das anders werden. Drücken Sie mir die Daumen, damit es nicht nur eine Absichtserklärung bleibt.

Es hat wieder zu regnen begonnen, aber ich sitze und schreibe bei offenen Türen, denn es ist nicht kalt. Die Lautsprecher bieten mir die „Petite symphonie concertante“ von Frank Martin, der erst gestorben ist, als ich schon 24 Jahre alt war. Gedacht soll seiner werden.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie jederzeit die Musik Ihres Lebens hören können.
Und werden Sie heute nicht mehr nass.
Ihr PHG

 

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Den Rücken stärkend

Wiesbaden, Mittwoch, 26. Juli 2017, bei etwas Turandot im Internetradio

Seit einigen Tagen entsteht in meinem Rücken eine weitere Bücherwand von ca 6 Metern Länge und 2 Metern Höhe, die Arbeit daran steckt mir und der Liebsten als Müdigkeit in den Körpern und als Schmerz in den Händen. Aber es muss sein, denn die armen in Umzugskartons auf ihre Befreiung wartenden Bücher sind inzwischen bereits seit anderthalb Jahren gefangen im oberen Stockwerk und verstellen dort das Büro und das Bad. Das muss ein Ende haben. Ihre Schwester, die Bücherwand auf der Frontseite, steht bereits seit fast einem halben Jahr.


Wir werden in dieser Woche nicht mehr fertig werden, aber ich bin sicher, es wird sich quasi rückenstärkend auswirken, wenn auch diese zweite Bücherwand meines Arbeitszimmers an ihrem Ort ist.

Rückenstärkend sind oft ja sogar kleine Dinge, etwa der Umstand, dass der Regen heute aufhörte und es über Tag so warm wurde, dass ich bei offener Balkontür schreiben konnte. Befreiend und rückenstärkend.

Und dann vorhin ganz unvermutet eine Kurznachricht eines Rezensenten, der mir im Messenger vom Abschluss seiner Lektüre meines Brasilienromans schrieb.


„Bin eben durch, Peter… Noch voller Eindrücke.“, schrieb er. „Vorweg: Ein sensationell tolles Buch für mich. Muss meine Gedanken aber erst mal sammeln.“

Nun bedeutet das naturgemäß gar nichts, für die Welt. Über meinen Roman „Calvinos Hotel“ hieß es einmal, er sei „… einer der vielleicht größten deutschsprachigen europäischen Romane des letzten Jahrzehnts“. Selbstverständlich hat das niemanden gejuckt, vermutlich war dieses Urteil sogar eher abschreckend für den ordinery reader. Aber den Rücken stärkend, für einen alten Mann an seinem stillen Schreibtisch, war es halt doch.

Gibt es sonst noch etwas Neues? Außer, dass wir seit einer Woche aus einem teilweise verregneten Urlaub an der Küste zurück sind, kaum. Ach ja, ich habe aus dem Urlaub eine Idee für eine kleine Novelle mitgebracht, an der ich bereits schreibe. Sie soll heißen „Er kommt erst am Abend zurück“.

Allerdings schreibe ich mit etwas schlechtem Gewissen, denn es schaut aus, als sei mein iMac kurz vor dem Zusammenbruch, was Festplatte und Graphikkarte betrifft. Und da das Schätzchen bereits 10 Jahre treue Dienste absolviert hat, so habe ich mich schweren Herzens entschlossen, einen Neuen zu kaufen, obwohl es natürlich am nötigen Geld dafür weitgehend fehlt. Angeblich soll das Gerät in 2 Wochen geliefert werden. Bis dahin muss der alte iMac noch durchhalten; drücken Sie mir die Daumen, denn sonst schreibe ich gegenwärtig vielleicht für einen bevorstehenden Systemabsturz.

Ich wünsche Ihnen viel Durchhaltevermögen
und den Rücken stärkende Glücksfälle

Ihr PHG

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Ariadne

Wiesbaden, Donnerstag, 29. Juni 2017

 

ARIADNE                                        für Maria E.-v.K.

Dionysos’ schöne Braut, wer hat sie je
besessen, gleich ihm? Das Labyrinth,
das Tier, es lebt und war ihr Haus,
worin sie schlief mit dem verrückten Gott.

Wenn sie fortlief, ist er stets gefolgt,
der einzige Gatte, Gott des Unglücks, denn
niemandem sonst galt ihr Enthousiasmos,
in der inneren und der äußeren Welt.

Kein Theseus fand für sie den Weg hinaus.
Die schöne Braut ertrank, sechs Faden tief,
im Labyrinth aus Glas, das keinen Ausgang hat.

(c) Peter H. Gogolin

 

Dazu auch in: „Die Dschungel. Anderswelt“

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Graue Trauer am Regentag – der Autor als Menschenfresser

Wiesbaden, Mittwoch 28. Juni 2017, bei lauter Arien, von der Callas gesungen, weil sie die einzige ist/war, 
die das ganze Drama in ihrer Stimme hatte und noch immer hat.

Mit langer Verspätung begannen die Dachdecker in der Frühe mit dem Abbau der Gerüste um das Haus. Sehr viel Geräusch, um es gewissermaßen wertfrei zu sagen, riss uns aus dem Schlaf. Dazu ein monströs lautes Telefonieren vor der Tür. Als ich aus dem Fenster schaute, saß da, trotz leichten Nieselregens, ein augenscheinlich nackter barfüßiger Mann unter mir im Eingang, der in einer osteuropäischen Sprache lamentierte. Nun okay, dachte ich, die Welt ändert sich – und zwar schneller, als du, alter Mann, es mitbekommst.

Schon in der Nacht hatte sich die Welt mit einem bösen Ruck vorwärts bewegt, in dem Moment nämlich, kurz vor zwei Uhr, als von L. eine Mail mit der Nachricht kam, dass M. gestorben sei, am Sonntag schon. Bestürzung ist ein unzulängliches Wort, denn sie war noch so jung. Vielleicht irre ich mich, doch ich denke, kaum 35 Jahre dürfte sie auf Erden gewesen sein.  Und zumindest die letzten dreivier davon sehr elend. L. schrieb: „Die Gespenster der Vergangenheit und die Dämonen der Gegenwart haben sie verfolgt.“ Natürlich war es ein Suizid, wie ich gleich gedacht hatte, nachdem wohl schon die letzten Jahre ihres Lebens ein Suizid waren, ein langsamer halt, ein Suizid auf Raten, Schluck für Schluck.

‚Die Gespenster der Vergangenheit‘ sind auch in meinem Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, den ich Ende April abgeschlossen habe, der Grund für den Selbstmord der ‚Judith‘, die Gespenster und in Judiths Fall die daraus erwachsende Depression. Und das Thema des Buches ist dann die Frage, wie diejenigen damit umzugehen gezwungen sind, die von Judith zurückgelassen werden, ihr Mann und die Familie. Auch M., die sich am Sonntag auf diese Weise verabschiedete, ließ einen Lebenspartner zurück.

Das besonders Beklemmende für mich ist, dass ich der Figur der Judith im Buch einige Charakterzüge von M. gegeben habe; als hätte ich durch einen Riss in der Zeit die Zukunft geschaut. Zwar ist das für normale Leser gleichgültig, denn es geht nur um zweidrei äußerliche Merkmale. Für jemanden, der M. gekannt hat, wären diese Details aber signifikant, ganz unabhängig davon, dass ich ansonsten bei der gesamten Darstellung von Judiths Hintergrundgeschichte zwei andere Frauen vor Augen hatte, die ich in meinem Leben mehr oder weniger gekannt habe, vor weit über 40 Jahren schon.

Man setzt ja Romanfiguren meist aus mehreren Personen zusammen, nimmt von hier und von dort einen Teil, ergänzt das dann um noch etwas anderes, je nach dem, was einem als Autor für den Charakter im Text erforderlich scheint. Ich habe deshalb einmal gesagt, dass Autoren eine Art von Menschenfresser sind. Aber natürlich nimmt man/frisst man niemals eine Figur ganz. Nicht nur, weil sich das verbietet, sondern vor allem, weil sich kein realer Mensch dazu eignen würde, einfach eins zu eins in Literatur übertragen zu werden. Man sucht sich deshalb zusammen, was man braucht, vielleicht aus drei, vier, fünf Personen, die der Autor aus verschiedenen Zusammenhängen kennt, erinnert usw. Und falls jemand dann meint, dass er sich in der Figur eines Buches wiedererkennt, dann erkennt er halt nur dieses Detail wieder, mehr nicht. Die vom Autor gezeichnete Figur besteht aber selbstverständlich aus viel mehr als diesen Details.

Im Falle der Judith, der ich einige Züge von M. gab, handelt es sich z.B. um bestimmte Bekleidungsstücke. Als ich SB vorhin anrief und davon erzählte, meinte sie, ich solle M. das Buch widmen, wenn es veröffentlicht werde. Das könnte ich tatsächlich tun, es wäre sicher angemessen. Andererseits entstünde dadurch die Gefahr, dass der unwissende Leser annehmen könnte, Judith und M. seien identisch, was nicht wünschenswert wäre.

Nun, ich werde es abwarten. Bis es zur Veröffentlichung kommt, wird sich die Welt sicher längst erneut in eine andere Richtung gedreht haben. Und auch nackte Gerüstbauer werden dann nicht mehr auf meiner Treppe sitzen.

Ach, man muss sich abfinden. Wie sagt doch meine Schwiegermutter so gern? ‚Kein Vorteil ohne Nachteil‘. Recht wird sie haben. Ich wünsche Ihnen, dass zumindest das Wetter etwas aufklart.

Naja, und dass Sie glücklich bleiben
Ihr PHG

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… im Gespräch mit Toren

Wiesbaden, Mittwoch, 31. Mai 2017, mit Giovanni Paisiellos: 'La Serva Padrona' und
der Sinfonie Nr.3, op. 29 von Helmut Eder

Wer wußte je das Leben recht zu fassen,
wer hat die Hälfte nicht davon verloren
im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren …
(August von Platen)

In den letzten Tagen Lektoratsarbeiten an einem fremden Manuskript, ansonsten nur Lektüre (zu Benn, zudem Philosophie des Geistes und Derridas Postkarte), gar keine eigene Textarbeit hingegen, obwohl mein Manuskript zum „Akkordeonspieler“ neben mir liegt, begonnen wurde, doch wartet, warten muss.

Ich will hier nicht mit Gründen traktieren, wem und/oder welchen Ursachen die Stockung zuzuschreiben ist, doch sind es wohl stets Platens Gespräche mit Toren, um im Allgemeinen zu bleiben. Sie haben die Eigenschaft, so sehr den Kopf zu füllen, dass man immer wieder tage- und wochenlang kämpfen muss, sich davon zu befreien.  Hat man das endlich geschafft und glaubt, jetzt könne man vielleicht wieder zu anderer/neuer Arbeit zurückfinden, dann erscheinen diese Vampire, die einem die Lebenszeit & Arbeitskraft wegfressen, prompt wieder auf der Bühne und machen weiter. Es ist, als hätten sie ein unfehlbares inneres Gespür dafür, wann sie einen erneut heimsuchen müssen.

Zudem geht mir bereits länger durch den Kopf, dass ich (zumindest mittelfristig) zu einer anderen Form des Schreibens kommen möchte, zu anderen Texten. Es ist schwer zu beschreiben, doch spüre ich deutlich, dass sich die herkömmlichen Prosaformen für mich erschöpft haben. Ich habe ja immer ein großes Gewicht auf die Form gelegt, mithin auf etwas, das vom ordinary Reader in der Regel gar nicht bemerkt – oder wenn bemerkt, als störend empfunden – wird. Das liegt schlicht daran, dass die heutigen Leser ganz ausschließlich auf Handlung konzentriert sind. Und es hängt mir schon lange zum Halse heraus, ständig Handlungen zu konstruieren, damit der Leser etwas hat, dem er folgen kann. Deshalb war es, um es zurückhaltend zu formulieren, schon lange mein Bestreben, Bücher zu schreiben, die ihre Daseinsberechtigung nicht aus der in ihnen stattfindenden Handlung allein beziehen.

Aber warum überhaupt Handlung? Warum all diese konstruierten kausalen Abfolgen von Ereignissen? Um dem Leser das befriedigende Gefühl zu geben, er könne da irgendwas verstehen? Warum nicht stattdessen ein Buch schreiben, das mit dem Satz beginnt: ‚So werde ich Ihnen also am Ende keine Geschichte erzählt haben.‘? Nur, weil das niemand liest?

Nun, ich werde sehen müssen, zumindest scheint mir solch ein Konzept viel spielerische Freiheit zu gewähren. Bis es so weit ist, stehen freilich andere Bücher bevor. Zum einen mein Brasilienroman „Der Mann, der den Regen fotografierte“, mit etwas Verspätung hat das Buch inzwischen zumindest den Weg von der Druckerei in den Verlag gefunden (Freitag soll ich mir die Belegstücke abholen), doch werde ich naturgemäß erst eine Spur weit zufrieden sein, wenn es auch im Buchhandel erreichbar ist. Das müssen wir noch abwarten.

Zudem steht für das kommende Frühjahr mein Roman „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ auf dem Programm. Da wird irgendwann noch Arbeit auf mich zukommen. Und drittens muss der oben erwähnte „Akkordeonspieler“ fertig werden. Mit anderen Worten, es stehen noch ausreichend Bücher mit einer ‚verstehbaren‘ (so hoffe ich zumindest) Geschichte bevor. Keine Bange also. Und vielleicht stellt, bis es so weit sein wird, Orpheus sein Geschwätz ja auch ein.

Ich wünsche Ihnen weitere Sommertage
und bleiben Sie glücklich, Ihr PHG

 

 

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Eine kleine Zeitreise zu van Gogh

Wiesbaden, Freitag, 19. Mai 2017, bei grauem Nieselregen und Musiklosigkeit

In den Erinnerungen der Suzanne Valadon lese ich, wie van Gogh erfolglos im Kreis um Lautrec, Degas und Utrillo Fuß zu fassen suchte, die eine gemeinsame Wohnung gemietet hatten. Sie schreibt:

„Er kam und schleppte ein schweres Bild mit sich, das er in eine Ecke stellte, wo es gutes Licht hatte, dann wartete er, ob man ihm etwas Aufmerksamkeit schenken würde. Aber niemand interessierte sich dafür. Er saß seinem Bild gegenüber, beobachtete die Blicke der anderen, nahm wenig an der Unterhaltung teil; schließlich ging er müde weg und nahm sein Werk wieder mit. Aber in der nächsten Woche kam er wieder und begann das gleiche Spiel von neuem.“*

Ich finde das eine ganz und gar schauerliche Schilderung. Und geht es uns nicht letztlich allen so? Nicht, dass ich mich mit van Gogh vergleichen möchte, schon wegen der Tatsache nicht, dass ich viel zu sehr die Musik liebe, um mich von einem meiner Ohren zu trennen. Aber gut, das passierte ja auch erst später in Arles, wohin er ging, nachdem man ihn in der Rue Tourlaque 7 lange genug ignoriert hatte. Aber es ist eine wirklich schauerliche Situation. Und daran ändert auch der Umstand nichts, dass heute auf der ganzen Welt ältere Damen gern Reproduktionen seiner Sonnenblumen über Schuhschränke und ähnlich wichtige Orte in ihren Einfamilienhäusern hängen. Warum hat nicht wenigstens Suzanne Valadon, die diese Szene so trefflich zu beschreiben vermochte, ihm wenigstens soviel Aufmerksamkeit geschenkt, dass er sich nicht völlig ignoriert fühlen musste? Aber das tun diese Leute nie.


Wenn ich eine Zeitreise unternehmen würde, um ihm zu sagen, dass es heute in Amsterdam ein Van Gogh Museum gibt, das die weltweit größte Sammlung seiner Bilder als Dauerausstellung zeigt und das jährlich Millionen hineinlaufen, er würde wohl so lange lachen, bis er alle Krähen von allen Weizenfeldern der Welt vertrieben hätte.**

Aber vielleicht war ihm da das Lachen auch schon vergangen. Und wenn ich ihn gefragt hätte, warum er sich das antut? Hätte er mir dann, analog zu Franz Kafka, der das Wort Malerei nur durch das Wort Literatur ersetzen musste, geantwortet: „Da ich nichts anderes bin als Malerei und nichts anderes sein kann und will.“? Vermutlich. Kann auch sein, er hätte mich wohl gar nicht verstanden. Das tun die armen Männlein und Weiblein, die sich für die Kunst entscheiden, nämlich nie.

Trotzdem, man muss begreifen, dass Kunst grundsätzlich nichts wert ist. Kein Bild, kein Buch, keine Musikpartitur usw. ist etwas wert. Und der Umstand, dass auf einem zur Zeit gerade mal wieder überhitzten Kunstmarkt Unsummen für gewisse Bilder gezahlt werden, hat damit ebenso wenig zu tun, wie irgendwelche hunderttausendfach verkauften Thriller oder Liebesromane.

Jeder, der die Absicht hat, Kunst zu machen, in welcher Form auch immer, muss sich klar darüber sein, dass Kunst grundsätzlich nichts wert ist. Und wenn man sie trotzdem macht, dann macht man sie gewissermaßen als Geschenk. Falls dann jemand kommt und das, was man da gemacht hat, trotzdem bezahlt, dann hat man Glück gehabt. Aber das Ziel des Tuns kann dies niemals sein.

Man macht Kunst nur aus einem einzigen Grund, nämlich weil man es zufällig kann. Man hat die Gabe bekommen, Kunst zu machen. Wenn man dann Kunst macht, dann gibt man diese Gabe weiter. Mehr ist es nicht. Alles andere, was danach auf dem sogenannten Kunstmarkt oder dem Buchmarkt oder wo immer passiert oder eben nicht passiert, das ist Brimborium, womit man nichts mehr zu tun hat.

So, Schluss mit der Kunst. Jetzt gehe ich mal in die Küche, damit meine Liebste nachher, wenn sie aus ihrem Kurs kommt, etwas essen kann. Ich mache nur eine Spargelcremesuppe, dazu etwas Weißbrot und Käse. Ich setze Ihnen mal das Rezept hierher, vielleicht können Sie was damit anfangen.

Sie nehmen also (für 4 Personen): 1 Bund Frühlingszwiebeln, 50 g Butter, 500 g Spargel grün, 1 Kartoffel, 1 1/2 l. Gemüsebrühe, Salz, Pfeffer, 3 Eßl. Creme fraiche, Schnittlauch.

Wenn Sie das alles haben, dann putzen Sie die Frühlingszwiebeln, schneiden sie in Ringe und dünsten sie in ausgelassener Butter. Den Spargel schälen (meiner ist so fein, dass ich das nicht brauche), in 1 cm lange Stücke schneiden und dazugeben. Die Kartoffel schälen, in Stücke schneiden und mitdünsten. Mit der Gemüsebrühe auffüllen und etwa 15 Minuten köcheln lassen. Die Spargelspitzen herausnehmen und die Suppe pürieren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Creme fraiche unterheben. Die Spargelspitzen wieder zugeben und mit dem Schnittlauch bestreuen. Fertsch ist die Suppe.

Und, falls Sie das Rezept nachkochen, so wünsche ich Ihnen , dass Sie es mit Freude und Gewissenhaftigkeit tun, auch wenn es nur eine Suppe ist. Voltaire hat gesagt: „Ein Koch, ich meine ein guter Koch, ist ein göttliches Wesen.“ Und das wollen wir doch alle sein? Oder?

Bleiben Sie glücklich
wünscht PHG

—–
* nach F. Fels, Maurice Utrillo, Paris 1930, S. 107
**Krähen über Weizenfeld (aber unser eigenes Exemplar, von Jutta Schubert, nicht von van Gogh, wir können so was nämlich selbst)

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Drei Bücher und ein Todesfall

Wiesbaden, Donnerstag, 18. Mai 2017, bei sehr viel Musik von Béla Bartok, jetzt dem Konzert für 
Viola und Orchester, op. posth., unter János Ferencsik

Schwierige Tage. Ein sehr lieber und wichtiger Mensch ist uns gestorben, was schon jetzt Folgen für unser ganzes Leben hat und in Zukunft haben wird, für das meiner Liebsten und auch für das meine.

Kaum zwei Stunden, bevor ich am Sterbebett eintraf, hatte ich zudem mein neues Manuskript an den Verlag geschickt, von wo man mir inzwischen auch den Eingang bestätigte, ohne jedoch auch nur ein Wort dazu zu sagen, warum mein Brasilien-Roman, der bereits zur Leipziger-Frühjahrsmesse hatte auf dem Markt sein sollen, immer noch nicht verfügbar ist. Dass Tote schweigen, ist klar, warum lebende Verleger dies ebenso tun, weniger; vielleicht, weil das Repertoire der Ausreden und Verströstungen inzwischen erschöpft ist?

Nun, alles das bringt sehr viel Trauer in unser gegenwärtiges Leben.

Obige Zeilen schrieb ich bereits vor 12 Tagen, ohne sie hier zu veröffentlichen. Es hat sich seither nichts verändert, abgesehen davon, dass wir zusätzlich die Dachdecker über den Köpfen haben und unsere Kräfte völlig erschöpft sind. Was uns trotzdem weitermachen lässt, das weiß ich an manchen Tagen nicht.

Und nun ist zu allem, in einer Situation, in der ich schon entschlossen war aufzugeben, auch noch ein weiteres Buch hinzugekommen. Besser gesagt, ein Manuskript, denn in einem meiner vielen unruhigen Träume meldete sich vor Tagen gegen Morgen um fünf das Personal meines Romanprojekts „Der Akkordeonspieler“ zurück, um mir mitzuteilen, dass es noch existiert und geschrieben werden will. Als ich der Liebsten davon erzählte, da meinte sie, das ist gut, die wissen halt auch, dass dich nur die Arbeit retten wird.


„Nur die Arbeit wird dich retten.“ Das war die ewig gleiche Antwort, die der Regisseur George Tabori stets parat hatte, mit dem sie vor Jahrzehnten lange gearbeitet hat. Ihre 2014 veröffentlichten Erinnerungen an den großen Theatermacher, den sie sehr bewunderte, erzählen davon. Okay, dachte ich, schauen wir also mal, ob die Arbeit mich retten wird. Wenn sie es nicht kann, dann bin ich wohl unrettbar.

Mit meinem Roman-Manuskript „Der Akkordeonspieler“ hat es eine besondere Bewandtnis, denn es ist ein Buch, das ich der Liebsten 2001 für sie zu schreiben versprach. Ja, so lange ist das her, fürchterlich, nicht wahr. Und sehr nahe an einem gebrochenen Versprechen. 2001 kennen die Menschen, so sie nicht etwas Persönliches damit verbinden, sicher nur noch als das Jahr, das auf 9/11 zulief. Für mich und die Liebste ist es das Jahr, in dem der Tod in mir wuchs und in dem ich dann kurz nach Ostern von einem fußballgroßen Nierenkarzinom entbunden wurde. Das Karzinom, sagen die Mediziner – diese Leute mit dem seltsamen Humor -, das Karzinom ist die Königin der Krankheiten. Diese Königin verließ mich, doch nahm sie meine linke Niere quasi als Lösegeld mit sich. Sie ließ mich völlig arbeitsunfähig zurück, was auch damit zu tun hatte, dass ich über 40 Pfund Gewicht verloren hatte. Und als ich dann wieder einigermaßen ohne fremde Hilfe gehen konnte, da hatte ein Freund zufällig seine kleine Wohnung in Warnemünde für einige Wochen frei. Wir fuhren also ans Meer, wo ich die Tage darauf verwandte, am Strand wieder das Laufen zu üben. Zehn Schritte laufen, zwanzig Schritte gehen, zehn Schritte laufen, zwanzig Schritte gehen, das war in den ersten Tagen der Rhythmus, den ich zuerst fünf, dann zehn Minuten durchhielt. Was glauben Sie, was ich stolz war, als ich bei fünfzehn Minuten ankam und hundert Schritte am Stück zu laufen vermochte!

Nun, egal, ich will Ihnen ja gar nicht von meiner Rekonvaleszenz erzählen, sondern von dem Akkordeonspieler, den die Liebste und ich im Ort und entlang des Hafens Tag für Tag sahen und hörten und über den ich auf unseren Spaziergängen zu phantasieren begann. Will sagen, ich erzählte der Liebsten die Geschichte eines Mannes, den ich nicht kannte, entwarf seine Lebensverstrickungen, entwickelte die Hintergründe, die ihn zum Akkordeonspieler gemacht und hier nach Warnemünde verschlagen hatten. Und, ja und natürlich seine Zukunft. Man will schließlich immer wissen, auf was der ganze Kladderadatsch des Lebens hinauslaufen wird, nicht wahr.

Die Liebste flehte mich während dieser Stadtgänge ständig an „Schreib es auf! Setz dich hin und schreib es auf!“ Was ich natürlich nicht tat und stattdessen voller Überheblichkeit behauptete, dass ich es nicht vergessen würde. Irgendwann nach unserer Abreise holte ich das dann nach. Es entstand ein Manuskript von knapp vierzig Seiten, das ich dann über all die Jahre liegenlassen musste. Ich wusste freilich immer, dass daraus eines Tages noch ein Buch werden würde und, ja auch das, dass es den dritten Teil meiner Familientrilogie bilden sollte.

Nach dem Buch „Das Herz des Hais“, einem Roman über zwei Schwestern, der gewissermaßen den linken Seitenflügel bildet, und dem inzwischen abgeschlossenen Manuskript „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, dem entsprechenden rechten Seitenflügel, auf dem die Geschichte zweier Brüder erzählt wird, nun also das Mittelstück „Der Akkordeonspieler“; den ich versuchen werde, in diesem Jahr noch abzuschließen, in einer ersten vollständigen Niederschrift freilich nur. Der Erzählstoff und ich werden dann zwei Langzeitüberlebende sein. Noch so eine Mediziner-Metapher.

Und wenn mir das gelingen sollte, so werde ich auch wissen, ob die Arbeit mich gerettet haben wird, wie George Tabori und meine Liebste es behaupten.


So, das soll es für heute mal sein. In dreißig Minuten werden hoffentlich auch die Dachdecker über mir endlich verschwunden sein, die mir seit Stunden den Kopf zunageln. Dann kann ich wieder an meinen Text. Das Gute in solchen Berufen sind ja die Tarifverträge, die auch den sogenannten Feierabend vorschreiben. Während Autoren die Freiheit haben, wenn nötig auch 24 Stunden am Stück zu arbeiten.

Tja, schaun wir mal, wie das Schicksal des Akkordeonspielers sich entwickeln wird. Valentin Brussow heißt er. Und falls Sie mal in eine Situation kommen sollten, in der Sie glauben, dass nichts mehr geht, dann versuchen Sie es halt einfach mal mit Arbeit. Soll Wunder wirken.

Solch ein Wunder wünscht Ihnen
Ihr PHG

 

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Ambivalenz und Liebe

Venedig, 30. April 2017, bei Wagners "Tristan und Isolde" unter dem großen
Carlos Kleiber mit René Kollo als Tristan

Am Morgen im prallen Sonnenschein vorbei am Palazzo Vendramin, in dem Richard Wagner am 13. Februar 1883 starb. Wir sind ja auf der Rückreise, da wir am morgigen 1. Mai Karten für die „Götterdämmerung“ in Wiesbaden haben. Leider soll das Wetter morgen in Deutschland regnerisch werden.

Inzwischen bin ich mit der (wohl abschließenden) Lektüre des Bruderromans beim 4. Teil angelangt; es ist ja im Grunde ein klassisches fünfaktiges Drama. Dabei fiel mir erstmals etwas deutlich auf, was  mir im gesamten Schreibprozess stets nur unterschwellig bewusst gewesen ist. Ich meine das, was ich im Titel „Ambivalenz und Liebe“ nenne, wobei ich mir bewusst bin, dass die Konjunktion hier ein beinahe tautologisches Verhältnis fasst; denn dass die Liebe jemals ohne Ambivalenz wäre, das glaube, wer dafür naiv genug ist.

„Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“, mein Bruderroman, erzählt ja die Geschichte eines Brudermordes. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte war ein Brudermord, ist nur deshalb überhaupt Mord, bekommt nur von daher seinen Sinn und ragt in die moralische Dimension; alles andere wäre belanglos gewesen, nichts als das Töten eines Tieres durch ein anderes Tier, wovon uns niemand erzählt hätte. Man muss sich selbst im anderen erkennen und ihn letztlich so lieben, wie sich selbst.

Das ist es natürlich auch, was mir als Reisemusik eben „Tristan und Isolde“ aufgegeben hat. Wie schreibt doch  Nietzsche in der IV. Unzeitgemäßen Betrachtung?  »Zwei Liebende, ohne Wissen über ihr Geliebt-sein, sich vielmehr tief verwundet und verachtet glaubend, begehren voneinander den Todestrank zu trinken, scheinbar zur Sühne der Beleidigung, in Wahrheit aber aus einem unbewußten Drange; sie wollen durch den Tod von aller Trennung und Verstellung befreit sein. Die geglaubte Nähe des Todes löst ihre Seele und führt sie in ein kurzes, schauervolles Glück, wie als ob sie wirklich dem Tage, der Täuschung, ja dem Leben entronnen wären.«

Es war wohl auch Nietzsche, der den Tristan als Wagners ‚Hymne an die Nacht‘ bezeichnete. Mein Bruderroman ist ungewollt zu einer ebensolchen Hymne geworden. Das Buch spielt innerhalb von 24 Stunden, wenn man von der Exposition und dem abschließenden Reinemachen des Schauplatzes mal absieht, so beginnt es mit Sonnenaufgang an Allerheiligen und endet kurz nach Sonnenaufgang an Allerseelen.

Nun sind das alles freilich Bezüge, die man als Leser nicht begreifen, ja, nicht einmal wahrnehmen muss, um das Buch zu lesen und zu verstehen. Die Handlung erschließt sich selbstverständlich auch ganz ohne Kenntnis solcher Hintergründe. Es ist auch in keiner Weise ein Buch über Musik oder gar über Wagner.

All das, was ich hier auf meiner Rückreise nach Deutschland gewissermaßen aus Langeweile ausführe, ist im Grunde lediglich ein Hinweis auf den großen Teppich des Geistes, in dem die Geschichte, die der Roman erzählt, nur ein einzelnes Muster ist, das ich hoffentlich hübsch genug gewebt habe, damit es mit Vergnügen gelesen werden kann. Oder anders gesagt, Sie wissen ja, dass die ganze Welt in zwei Teile aufgeteilt ist, von denen der eine sichtbar und der andere unsichtbar ist. Und der sichtbare ist nur Widerschein des unsichtbaren Teils, von dem ich hier ein bisschen erzählt habe. Ich hätte anderes erzählen können.

So, der Kellner kommt, dann werde ich hier mal unterbrechen. Zum Glück müssen wir bis München nicht umsteigen. Vielleicht erzähle ich Ihnen später noch eine Kleinigkeit.

Bringen Sie den April in guter Form zu einem Ende
und bleiben Sie glücklich, wünscht Ihnen PHG

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Und immer wieder die Zeit

Wiesbaden, Freitag 21. April 2017, bei "Antar", dem fälschlich als 2. Symphonie
bezeichneten symphonischen Märchen von Nicolai Rimsky Korsakov

Oft klage ich ja, dass die Zeit zu schnell vergeht und zugleich die Arbeit nicht voran kommt. Heute stellte ich mit Erstaunen fest, dass manches auch schneller geht, als mein subjektiver Eindruck wahrhaben möchte.

Ich bin vorhin mit der Übernahme der dritten handschriftlichen Korrektur meines Roman-Manuskriptes „Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht“ in den Computer fertig geworden. Und dabei stellte ich fest, dass ich für das ganze Buch inklusive dreier Fassungen lediglich 2 Jahre und 8 Monate gebraucht habe. Hier liegt es nun, neu ausgedruckt. Übers Wochenende werde ich das Buch nochmals lesen, wobei sich naturgemäß noch Kleinigkeiten ergeben werden. Dann wird es am Montag erneut ausgedruckt und an den Verlag gehen.

Dabei lag die letzte dieser drei Fassungen seit dem 23. November vergangenen Jahres und wartete darauf endlich in den Computer übernommen zu werden. Das hatte mich sehr gequält. Ich wollte diese Schlussbearbeitung, die nun heute fertig geworden ist, unbedingt noch im vergangenen Dezember vor dem Weihnachtsfest erledigen. Doch es hat sich nicht realisieren lassen, hauptsächlich, da der Verlag mit den verschiedenen Druckfahnen des Brasilienromans dazwischen kam, eigentlich noch immer dazwischen ist, denn auf dem Buchmarkt ist das längst fertig Buch ja bis auf den heutigen Tag nicht verfügbar.

Also habe ich die Fertigstellung des Bruderromans Monat um Monat verschieben müssen. Und nun bin ich, nach 2 Jahren und 8 Monaten doch tatsächlich immer noch schneller, als gedacht. Nun denn, schweig stille mein Herz.

Vielleicht fehlen uns auch einfach die richtigen Maßstäbe. Vorgestern ist meine Tochter 31 Jahre alt geworden. Sechzehn Jahre zuvor, an einem Tag, als ich zu sterben meinte, rief ich sie an, um ihr zu gratulieren. Sie hatte keine Zeit, war mit Freundinnen beschäftigt. Das ist in dem Alter so. Ich sehe immer noch das kleine Mädchen vor mir, das ich in Rom auf dem Schoß hatte. Nie habe ich geglaubt, dass sie einmal so alt werden könnte. Aber das eine sind die Fakten, das andere die körperlichen Gefühle.

Bei Homer heißt es: ‚Uns Menschen verfolgt die schier unermessliche Ewigkeit. Und so fragen wir uns, werden unsere Taten die Zeiten überdauern? Werden Fremde unseren Namen hören, lange nachdem wir tot sind, und sich fragen, wer wir waren? Wie tapfer wir kämpften, wie leidenschaftlich wir liebten?‘ — Natürlich fragen wir längst nicht mehr so. Wir leben ja nicht zu Zeiten Achilles. Wir kämpfen nicht mehr, wir erstellen Webseiten, wenn es hoch kommt. Und leidenschaftlich lieben, das mag in irgendwelchen Büchern noch geschehen. Aber doch in unseren Leben nicht, da würde es nur stören. Wir brauchen auch nicht die unermessliche Ewigkeit, angesichts derer wir uns mit unseren kleinen Leben genichtet fühlen. Wir sind es jeden Tag schon allein durch die Art wie wir so dahinexistieren und glauben, wir hätten es geschafft, wenn nur ausreichend Geld aufs Konto kommt. Abermals, schweig stille mein Herz.*

Ich wünsche Ihnen ein schönes, wenn auch leider noch zu kaltes Frühlingswochenende. Genießen Sie es, damit Ihnen die paar Tage nicht unbemerkt davonlaufen.

Herzlich, Ihr PHG

*  Ach ja, und Leute, die Homer zitieren, die haben natürlich ein völlig veraltetes Bildungsideal.

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Zweimal ‚Domenica delle palme‘

Wiesbaden, Montag, 10. April 2017, bei ganz vielen Sinfonien von Joseph Haydn, immer
noch. Bin jetzt bei den Nummern 16 und 17, aber er hat ja 104 geschrieben, und ich will
sie wenigstens einmal in meinem Leben vollständig gehört haben. (Das sind so Ziele,
die sich Menschen stellen, die ein veraltetes Bildungsideal haben.)

Gestern die Lesung aus dem neuen Roman „Der Mann, der den Regen fotografierte“ im Wiesbadener Kunsthaus. Als mein Verleger Axel Dielmann mit seiner Einführung begann, da bezog er sich doch tatsächlich auf das Datum, also den Palmsonntag, und Jesus‘ Einzug in Jerusalem. Ich musste unwillkürlich denken, dass für Jesus nach diesem Auftritt ja alles den Bach runtergegangen ist. (Entschuldigung, aber wenn ich so allein für mich denke, dann formuliere ich mitunter ziemlich schnodderig.) Immerhin heißt es ja lateinisch Dominica in Palmis de passione Domini, da beginnt also die Passion, der Leidensweg.

Und außerdem war Dielmanns Gedankenverbindung für mich etwas schief geraten, denn Hendrik Cramer, der Held in meinem Roman, kommt erstens nicht in Jerusalem an, sondern in Bethlehem, genauer in Belém, dem portugiesisch-brasilianischen Bethlehem südlich des Amazonas. Zweitens erreicht er die Stadt nicht am Palmsonntag sondern erst am Dienstag nach Ostern. Und drittens ist er fürwahr keine Christus-Gestalt, aber das erübrigt sich eigentlich zu sagen. Nun, ich las dann, und es ist wohl ganz gut geraten.

Eine Besucherin der Lesung schrieb mir hernach eine Mail und meinte: „Ich war total in die Geschichte eingetaucht, sodass ich ein wenig verwirrt zu Hause landete! Auch wenn morgen Montag ist, ist es ein gutes Datum für mich, um mit der Lektüre zu beginnen… bin sehr gespannt! Danke für die unerwartete Reise nach Belém!“

Erst als wir nach der Lesung mit den Freunden aus Mainz im Café saßen, fiel mir ein, dass der Palmsonntag in der Tat für mich eine enorme Bedeutung hat und dass für meinen Hendrik Cramer im Roman wirklich ein Leidensweg beginnt.

Im Jahre 1990 hatte ich zu Palmsonntag in Rom vor der Chiesa di Nostra Signora del Santissimo Sacramento e dei Santi Martiri Canadesi gestanden, in der Via Giovanni Battista de Rossi, und hatte zugesehen, wie die Gläubigen einen dichten Weg aus Palmwedeln bis zum Eingang der Kirche auslegten. Die Kirche der heiligen Canadischen Märtyrer ist ein hässlicher modernistischer Bau, aber die rituellen Handlungen zur Feier des Palmsonntags wirkten so ergreifend auf mich, dass ich hernach quer durch die Stadt zur Engelsburg lief und langsam über die Engelsbrücke ging, um mir die Engel mit den Marterwerkzeugen einzuprägen.

Ich schrieb über diesen Palmsonntag das Gedicht „Engelsburg“, das etwas später von dem deutschen Komponisten Ottfried Büsing vertont und in seine Römische Festival-Musik eingefügt wurde. Irgendwo muss davon sogar noch eine CD in meinem Musik-Archiv existieren.

Das klingt sehr produktiv, doch in Wirklichkeit war ich 1990 kreativ so ziemlich am Ende, und hätte niemals geglaubt, dass es mir irgendwann wieder gelingen könne, ein Buch zu schreiben. Dafür brauchte es solche unmöglichen Dinge wie Gnade und zudem völlig andere Menschen. Die Menschen gab es zwar, doch waren sie damals noch verdammt weit entfernt. Und an Gnade glaubte ich nicht.

Heute, viele Bücher später, weiß ich, dass es Gnade gibt, auch wenn man sie mit einer enormen Geduld, jahrelanger Ausdauer und unentwegter Arbeit erkämpfen muss. Aber ist es nicht allein schon eine Gnade, wenn man arbeiten kann und darf? Und die Menschen, die es braucht, die kommen auch, wenn man sie hereinlässt. Die anderen, die falschen, die schädlich sind, gehen von selbst, wenn man aufhört, an ihnen festzuhalten. Das ist überhaupt eines der Geheimnisse, die ich so schwer begriffen habe. Dass man nämlich selbst verantwortlich ist, für das was einem schadet. Von einigen Menschen muss man sich natürlich ganz bewusst trennen, das ist unerlässlich. Denn wen man mit Guttun nicht für sich gewinnen kann, den muss man sich bekanntlich vom Halse schaffen. Aber ansonsten reicht es, nicht mehr an ihnen festzuhalten, dann verschwinden sie aus dem eigenen Leben.

Und wenn man gelernt hat, die Zeichen im eigenen Leben zu erkennen, dann begreift man, dass sich gestern an Palmsonntag für mich ein Kreis geschlossen hat, ein Weg ist beendet. Ein neuer beginnt. Ja, ein neuer beginnt. Natürlich liegt auf allem das Gewicht der Zeit, aber trotzdem, ein neuer Weg beginnt.

Das wünsche ich mir auch für Sie und
natürlich, dass Sie glücklich bleiben
PHG

 

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