Den Blick zurückwenden

Wiesbaden, den 14. Juni 2013, bei Mozarts "Don Giovanni" in einer Live-Aufnahme von 1967 
unter Böhm, mit u.a. Sutherland, Siepi, Gedda.

Zum Glück gibt es die Erinnerung, diese sich ständig  verändernde Brücke, die uns mit den bunt changierenden Identitäten unserer Vergangenheit verbindet. Und wenn man eine große Bibliothek besitzt, so ist sie angefüllt davon und weist uns überall die Rückwege zu den Goldschätzen und Müllhalden unseres Leserlebens; man muss nur ins Regal greifen.

Ich tat das einmal wieder, als ich am vergangenen Samstag Begleitlektüre für meine Fahrt nach Naumburg an der Saale suchte, wo ich am Abend die Premiere von Shakespeares “Hamlet” sehen wollte, den meine Liebste neu übersetzt und im mittelalterlichen Naumburger Marientor für das Sommertheater als Freiluftaufführung inszeniert hatte. Mein Griff ins Regal förderte Ernst Jüngers frühes Buch “Afrikanische Spiele” zu Tage, an dessen erste Lektüre ich mich kaum noch entsann. Es muss etwa in den Jahren 1968/69 gewesen sein, also damals, als ich überhaupt erstmals mit Jünger begann und mich sofort in seinem überwältigend umfangreichen Tagebuchwerk verfing. Freilich wird man mit Jüngers Werk, der am 17. Februar 1998 im Alter von 103 Jahren verstarb, niemals ‘fertig’ werden, aber die Art wie man nicht mit ihm fertig wird unterscheidet sich doch merklich von anderen.

Deshalb war ich auf sein kleines Büchlein “Afrikanische Spiele”, das erstmals 1931 erschien und das ich in der beim Neske Verlag, Pfullingen erschienenen Neuauflage von 1951 besitze, die der Verlag damals noch nicht als “Roman” bezeichnete, sehr gespannt. Wie würde mir dieses Buch begegnen? Würde diese Geschichte des romantisch verträumten 16jährigen Herbert Berger – hinter dem sich kaum sonderlich kaschiert die Autobiographie des Autors Jünger verbirgt – mit seiner Flucht aus der Schule und der öden Bürgerlichkeit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die ihn in die französische Fremdenlegion und über Marseille nach Afrika führt, von wo er dann recht schnell durch den Vater zurückgeholt wird, nicht völlig obsolet klingen? Noch dazu für einen Leser, der selbst mittlerweile im siebten Lebensjahrzehnt steht und sich an die Lektüre macht, während er im 21. Jahrhundert mit einem Schnellzug reist? Zwischen den Erlebnissen des Knaben Ernst Jünger alias Herbert Berger, von denen in diesem Buch die Rede ist, und meiner Lektüre liegt inzwischen ja tatsächlich ein ganzes Jahrhundert – und was für eines!

Aber nein, so kam es nicht. Ich muss gestehen, dass Jüngers Buch es ohne sonderliche Mühen geschafft hat, mich in seinen Bann zu ziehen. Und dies einfach deshalb, weil Jünger ein großer Prosaist ist, der die Figuren und das Geschehen seines Buches so plastisch vor den Leser hinstellt, dass alles sofort zu leben beginnt und man an diesem Leben als Leser teilnehmen möchte.

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Ich musste während der Lektüre an all die endlosen Querelen im deutschen Feuilleton der 70er und 80er Jahre denken, ob Jünger nun ein Dichter oder nicht doch am Ende immer ein Faschist gewesen sei, ob jemand, der “In Stahlgewittern” geschrieben hatte, zugleich Anspruch darauf erheben durfte, ein großer Stilist deutscher Sprache zu sein. Im Grunde inszenierte die Besserwisserriege der Nachgeborenen damals so etwas wie einen deutschen Ezra Pound. Natürlich alles eine Nummer kleiner, wie es eben in Deutschland stets ist. Aber der eine oder andere hätte Pounds Pisaner Käfig, doch auch ganz gern in Wilflingen gesehen. Es wurde damals so voraussetzungslos deutlich, dass der Geist links zu stehen hatte, dass jeder, der Jünger verteidigte, sich sogleich selbst dem Verdacht aussetzte, zumindest ein Reaktionär zu sein.

Wie gleichgültig mich als heutigen Leser dieser ganze weltanschauliche Tumult von damals ließ, war ganz allein der Jüngerschen Sprache geschuldet und der Geschichte, die er zu erzählen hat; folgt man ihr, so fällt all dieses Beiwerk wie Plunder ab. Übrig bleibt eine existentiell dichte Geschichte, die von einer Lebenserfahrung und Lebenserkenntnis des damals jungen Autors erzählt, die jedem jungen Menschen des 21. Jahrhunderts nur dringend zu wünschen wäre.

Herbert Berger, Jüngers Held auf der Flucht, muss sich am Ende sagen lassen: “Sie sind noch zu jung, um zu wissen, daß Sie in einer Welt leben, der man nicht entflieht.” Aber Jünger, der immer gewusst hat, dass die Wahrheit höchst vielschichtig ist, wäre nicht der Autor, der er war, wenn er dazu nicht in seinem Nachwort zur Erstausgabe ergänzt hätte: “Es gibt jedoch Unternehmungen, in denen der Mißerfolg das einzig Angemessene ist …” Von solch einer Unternehmung erzählt “Afrikanische Spiele” so eindrucksvoll, dass man als Leser darauf gespannt ist, mit dem Helden jeden Irrweg zu gehen und am Ende zu scheitern. Welches Buch könnte ähnliches für sich in Anspruch nehmen.

 

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Den Idioten geben

Wiesbaden, 21. Mai 2013, bei Mozarts 'Il Sogno di Scipione'

Seit beinahe einem Monat mag ich gar nicht mehr bloggen, da alles, wie ich finde, letztlich doch nur auf mehr oder weniger private Banalitäten hinauslaufen muss. Nun steckt darin naturgemäß immer ein Vergleichen, etwa mit dem Weltgeschehen. Wo käme man hin, wenn man vor dem Hintergrund Nordkoreanischer Raketendrohungen oder des Krieges in Syrien – um von hunderten nur zwei ekelhafte Gegenwartsereignisse zu nennen – hier notierte, dass man heute früher aufgestanden ist, um einige zusätzliche Seiten eines Romans zu schreiben, für den sich vermutlich eh niemand interessieren wird?

Thomas Bernhard schrieb einmal, dass alles sinnlos sei, wenn man an den Tod denke. Diese Haltung teile ich zwar nicht, denn erstens ist es unsinnig, an den Tod zu denken. Und zweitens würde mich das viel eher dazu reizen, dieser Sinnlosigkeit etwas entgegenzusetzen; einen Sinn zu behaupten also, trotz des Todes.

Aber es braucht eh nicht den eigenen Tod, um die Bedeutung des eigenen Tuns mitunter fragwürdig zu finden. Peter Sloterdijk hat dieses Gefühl sehr treffend in Worte gefasst, als er am 2. April 2009 in sein Notizbuch schrieb: “Das Tagebuch ist das literarische Medium der Gleichzeitigkeit. Aus diesem Grund stellt es auch das Vehikel der Belanglosigkeit dar. Kafka gibt den Idioten des Tages, wenn er beim Kriegsausbruch im August 1914 seinen Besuch im Schwimmbad notiert. In den USA wachsen die Zeltstädte, bevölkert von den Krisenverlierern. Idiotisch bin ich, wenn ich heute festhalte, wie im Garten die Krokusse aufgehen.”

So ist es wohl. Wir haben vor dem Hintergrund der Welt, die uns heute in jeder Sekunde einholt, nur noch die Möglichkeit, mit unseren privaten Banalitäten den Idioten zu geben. Und wenn ich lese, dass Autorenkollegen, die ich schätze, in permanenten Blog-Tagebüchern der Welt u.a. ganz hausfraulich mitteilen, dass sie die Wohnung aufräumen, Wäsche waschen gehen oder eine Tafel Schokolade essen, dann könnte mich die Verzweiflung packen.

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Aber egal, schlimmer als der Tod ist das auch nicht. Und den halten wir ja auch aus. Also Freude des Banalen, lasst uns heute ein Blümchen pflanzen oder zeitgemäßer auf Facebook ‘Farmeville’ spielen. Da war ja sogar mal einer, der meinte, alles Elend der Welt käme eh nur daher, dass wir nicht konsequent genug dabei blieben, unseren kleinen Garten der Banalitäten zu bestellen.

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Die vermeintliche Dauer der Dinge

Wiesbaden, Dienstag, 23. April 2013, bei Rossinis "Il Barbiere di Siviglia", 
Orchestra & Coro Del Teatro Regio Di Torino (1987)

Dass allein  ‚die Dinge bleiben‘, wie J. vor über 20 Jahren einmal zu mir sagte, ist der Irrtum aller jungen Leute. Und damit meine ich nun gerade nicht, dass außer den Dingen, den Pyramiden etwa, um nur etwas mit der größten Widerstandskraft zu nennen, noch anderes bliebe – etwa das literarische Werk irgendeines Autors.

Irgendwann um die Dreißig begreift man seine Jugend als vergänglich, was sie ja auch in höchst vulnerablem Maße ist, und beneidet deshalb die Dinge, die eine größere Dauer zu haben scheinen. Dabei ist dieser Unterschied so geringfügig, dass man im Laufe eines Lebens erleben kann, wie sich die ganze Welt gleich mehrfach um- und umstülpt.

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Das einzige, was wirklich von Dauer ist, ist nur dieser permanent stattfindende Wandel. Wenn wir ihn begreifen würden, dann könnte er uns lehren, dass die Welt mit allem, was darin ist, kein Ensemble von Dingen ist, zwischen denen wir dahingehen, keine Gruppierung von Gegenständen, angesichts derer unser Leben stattfindet, keine Versammlung sich im Raum befindlicher Substanzen, die irgendeine Art von Dauer beanspruchen können.

Die Welt ist vielmehr ein ständig sich verändernder, sich entwickelnder – jedoch telosfreier – Prozess, der mit allem irgendwann auch uns hervorgebracht hat, die wir ihn dann bemerkt haben und davor so viel Angst bekamen, dass wir uns flugs einen Verursacher und – wie simpel – ein Happy End hinzuerfinden mussten.

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Einige Notizen zu Dino Buzzati

Wiesbaden, Montag, 22. April 2013, bei Gioachino Rossinis "L' inganno felice", Liveaufnahme,
Padova 24.10.1998, des Teatro La Fenice unter Giancarlo Andretta (ein musikalisch etwas dünnes Stück).

Da ich heute auf der Seite “Aktuell” auf die Anfang Mai in Leipzig am Theater der Jungen Welt bevorstehende Premiere meines Stückes “Das Geheimnis des Alten Waldes” hingewiesen habe, so sollen hier noch einige persönliche Anmerkungen zu Dino Buzzati folgen, da ich denke, dass dieser Autor kaum einem gegenwärtigen Leser mehr bekannt sein dürfte. Er schrieb den Roman gleichen Titels, den ich für mein Stück als Vorlage benutzt habe.

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Ich bin glücklich, dass ich Buzzatis Bücher in relativ jungen Jahren für mich fand. Es muss so um die Zeit gewesen sein, als er starb, also Anfang der 70ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als ich die Literatur der europäischen Phantastik für mich entdeckte. Damit ist nicht das gemeint, was heute als Fantasy-Literatur ganze Genre-Kontinente überschwemmt. Und auch das, was ich zuerst von ihm las, wäre heute wohl in den Augen der Verleger und Leser keiner größeren Aufmerksamkeit wert, denn ich las Bände mit Erzählungen, die bekanntlich heute in Deutschland unverkäuflich sein sollen.

Meine erste Entdeckung war der Band “Aufgeben oder verdoppeln”, es folgte “Das Haus mit den sieben Stockwerken”, danach dann “Die Maschine des Aldo Christofari” und “Panik in der Scala”, sowie der recht krass gezeichneten Comic “Orphi und Eura”, den ich noch heute in einer Ausgabe, die ich mir beim Buchbinder neu habe binden lassen, besitze; ein echtes Sammlerstück. Buzzati malte und zeichnete übrigens auch selbst, ein wunderbares Beispiel dafür ist “La famosa invasione degli orsi in Sicilia”, ein Buch, das freilich eine Übersetzung ins Deutsche meines Wissens nicht erlebt hat.

Der Maler Buzzati bei der Arbeit

Der Maler Buzzati bei der Arbeit

Seine Romane kamen erst später für mich. So eben “Das Geheimnis des Alten Waldes”, ein Buch, in das ich mich sofort für die Dauer eines Lebens verliebte, dann “Un Amore”, eine Geschichte der erotischen Obsessionen, die Heinrich Manns ‘Professor Unrat’ recht müde wirken lässt, sowie “Die Tatarenwüste”, ein kafkaesk-philosophischer Roman über die Sinnlosigkeit eines in Hoffnungen und Erwartungen verbrachten Lebens.

Freilich ist das Werk Buzzatis, der auch Theaterstücke und Drehbücher schrieb,  weitaus umfangreicher. Ich kenne im Grunde nur wenig von ihm. Wer des Italienischen mächtig ist, sollte vor allem auch die beiden großartigen Erzählsammlungen “Sessanta racconti” und “Le notti difficili”, bei Mondadori auch als Taschenbücher erhältlich, auf seine Leseliste setzen.

Ich schrieb das Theaterstück “Das Geheimnis des Alten Waldes”, das in Italien spielt und Buzzatis Roman zur Vorlage hat, übrigens tatsächlich in Italien. In der Casa N. der Gisella G.-K., einem zwar malerischen Anwesen in der nördlichen Toscana, in dem man freilich allerorts über Eimer und Schüsseln stolperte, weil es durchs Dach regnete, es im ganzen Haus dank katastrophaler Heizöfen nach Kerosin stank und man jederzeit darauf gefasst sein musste, von Skorpionen gestochen zu werden, das aber trotzdem einige Zeit hindurch für meine Literatur recht fruchtbar war.

Nun, ich habe mit dem Stück meine Verbeugung vor Buzzati gemacht. Möge er nie vergessen werden. Tatsächlich hat das Stück, als es ursprünglich in Dresden seine Uraufführung erlebte, bewirkt, dass der deutsche Verlag eine Neuauflage des Romans herausbrachte. Das freut mich noch heute.


				        
				
			

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12. PI / Die Stockung oder Für die Mitwelt schreiben wir

Wiesbaden, Samstag, 13. April 2013, bei Rameaus 'Hippolyte et Aricie', mit Les Arts Florissants

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Bei dem Zeichen “Die Stockung” handelt es sich um das 12. Hexagramm aus dem I GING, dem über 3000 Jahre alten chinesischen Weisheitsbuch, das ich erstmal mit 22 Jahren durch meinen inzwischen verstorbenen Freund HN kennenlernte. Seither benutze ich es, in den ersten Jahren sogar sehr häufig, später seltener, seit einigen Jahren nur noch gelegentlich; vermutlich ist mir das Leben mit den Jahren immer weniger undurchschaubar erschienen bzw. zumindest nicht so sehr, dass man Orakel benötigt, um es zu erhellen. Es war zudem so, dass ich immer häufiger feststellte, dass das I GING mir zwar durchaus richtige Auskunft gab, ich aber in der Regel schon längst wusste, was es mir zu sagen hatte.

So verhält es sich auch mit dem heutigen Zeichen, und ich schreibe eigentlich nur deshalb hier darüber, weil mir dadurch ein, wie ich finde, interessanter Zusammenhang aufgefallen ist.

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In der Stockung befinde ich mich seit dem vergangenen Herbst, sie trat ein, als ich ungünstigen Ratschlägen folgte, die mein Romanprojekt betrafen, an dem ich seit dem Frühjahr 2012 arbeite. Ich bin noch immer darin, inzwischen aber dabei, mich daraus wieder hervor zu kämpfen. Das wird auch gelingen, da bin ich mittlerweile ganz sicher. Am 28. März 1974 hatte ich dieses Zeichen bereits einmal erhalten, doch war es da ganz anders, denn ich hatte bis zu diesem Moment nicht begriffen, dass ich mich in einer Stockung befand. Ich hatte nur lange sinnlose Anstrengungen hinter mir und gar nicht begriffen, woran ich mich da abarbeitete. Das konnte ich durch das I GING durchschauen, sodass es mir sehr hilfreich war.

Allerdings hatte ich schon damals, wie ich mich erinnere, nicht in der Weise auf das Problem reagiert, die das I GING vorschlägt, denn es geht davon aus, dass man sich zurückziehen sollte, weil hier ein Fall vorliegt, in dem es gar keine Möglichkeiten erfolgreichen Einwirkens mehr gibt. Der sonst oft im I GING auftauchende Rat “Fördernd ist Beharrlichkeit” gilt hier nicht, ja, es sagt ausdrücklich “Schlechte Menschen sind nicht fördernd für die Beharrlichkeit des Edlen. … So zieht sich der Edle auf seinen innern Wert zurück, um den Schwierigkeiten zu entgehen … er verbirgt seinen Wert und zieht sich in die Verborgenheit zurück.”

Ich habe mir schon 1974 gesagt, dass das der falsche Weg ist. Er kommt einer vollkommenen Selbstaufgabe gleich, da man im Verborgenen nicht mehr wirksam sein kann. Wer das nicht glaubt, der mag sich vormachen, dass er für eine irgendwie geartete Nachwelt arbeitet, dass er etwa, im Falle des Autors, für eine künftige Zeit schreibe, die dann seinen Wert besser und gerechter als die gegenwärtige zu erkennen und zu schätzen wissen wird.

An diese Nachwelt glaube ich nicht, ganz im Gegensatz zu einem meiner Kollegen, der sogar dem Gedankenspiel nachhing, es werde dereinst in ferner Zukunft jemand in einem Raumschiff sitzen und auf einem Lesegerät den Roman lesen, an dem er gegenwärtig schreibt.
Sicher, es wird Raumschiffe geben, es wird darin Lesegeräte geben etc., aber eine Nachwelt, die unseren heute neuen Roman zu schätzen wissen wird … nein, die wird es nicht geben. Und um ehrlich zu sein, die Nachwelt kann mir auch gestohlen bleiben. Wir wissen doch längst, wie es um sie bestellt ist, denn sind wir nicht selbst Nachwelt für die vielen vor uns und erfüllen diese Aufgabe in keiner Weise. Wie vielen Autoren habe ich selbst noch die Hände geschüttelt, an die schon heute längst niemand mehr denkt?! Man könnte ganze Bibliotheken mit ihnen füllen.

Es ist um die Nachwelt immer schlecht bestellt. Hoffnungen rechtfertigt sie keinesfalls. Wir müssen stattdessen für unsere Mitwelt arbeiten. Aber das geht nur, wenn wir immer wieder dem Arbeitsmotto Lars Gustafssons folgen, der sagte “Wir geben nicht auf. Wir fangen nochmals an.” So sinnlos uns dies auch erscheinen mag.

 

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Stadt der Träume – Nachtrag

Wiesbaden, Mittwoch, 10. April 2013, mit Robert Schuhmanns Symphonie Nr. 3 Es-dur, op. 97,
die "Rheinische" unter Georg Solti, der die Wiener Philharmoniker 1971 dirigiert.

Meine weiter unten zu findende kleine Parabel über die ‘Stadt der Träume’ – Sognocity, hatte ich nur deshalb nachträglich in meinen BLOG gestellt, weil ich diesen Text, den ich ursprünglich an einem Abend mit unsäglichen Diskussionen über das ‘wahre Wesen der DDR’ in Havanna notiert hatte, unserem Freund Andreas Baesler vorlas. Er war nach langem Aufenthalt aus Havanna gekommen, um seine schmutzige Wäsche abzuholen, die wir auf dem Rückflug mitgenommen hatten. Andreas arbeitet bereits seit fast einem Jahrzehnt immer wieder in Havanna und hat dort viele musikalische Projekte realisiert; so zuletzt “El Cimarrón” von Hans-Werner Henze, das am 15. Februar 2013 Premiere hatte.

Probenfoto

Probenfoto ‘El Cimarrón’ (c) Jutta Schubert

Nun, wir saßen in der Nacht noch spät, tranken eine Flasche spanischen Wein, schauten uns Bilder an und redeten viel über Kuba. Irgendwann las ich dann von der verschmierten Oberfläche meines iPads eben auch meine Parabel über die Stadt der Träume vor. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich den Text sicher auch niemals auf meiner Webseite veröffentlicht. Ich hatte mich ja eh schon seit Wochen dort sehr deutlich zurück gehalten.

Nachdem ich dann in meinem BLOG den Text neu veröffentlich hatte, kam von Andreas eine Rückmeldung auf meinen Text, den ich etwas ausführlicher beantwortet habe.

Er schrieb: “Warum hast du eigentlich das italienische Wort “sogno” benutzt anstatt des spanischen “sueño”? Wolltest du eine eindeutige Anspielung auf das spanischsprachige Cuba vermeiden? Ausserdem heisst “sueño” im Spanischen gleichzeitig auch “Schlaf”, was ja in deiner Geschichte auch ganz passend wäre…”

Ich antwortete darauf: “… warum Sogno und Sognocity? Das kann man sich natürlich fragen. Nun habe ich das zwar in Havanna geschrieben, doch ging es mir nicht um Havanna oder halt Kuba speziell. Havanna ist ja nur eines der letzten Schaufenster, in dem wir die Ruinen besichtigen können, zu denen unsere politischen Utopien inzwischen zerfallen sind. Man kann das ebensogut auf die DDR beziehen oder halt auf das, was in den Köpfen noch davon übrig ist. Nun, auf jeden Fall habe ich es aus diesem Grunde nicht für nötig gehalten, spanisch zu schreiben.

Aber der eigentliche Grund ist ein anderer. Ich habe ‘sogno’ geschrieben, weil ich mich damit auf einen Titel von Pier Paolo Pasolini beziehe, nämlich auf den 1962 von ihm veröffentlichten Band “Il sogno di una cosa” – zu Deutsch, wo der Satz ursprünglich auch herkommt, “Der Traum von einer Sache”.

Pasolini

Das wiederum geht zurück auf einen Text von Karl Marx, der in den 1840gern geschrieben hat “Es wird sich zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.” Das war das utopische Denken von Marx Mitte des 19. Jahrhunderts. Auf den Trümmern dessen hocken wir heute. Und von Bewusstsein keine Spur.

Es ist übrigens interessant, dass eben die, die diesen Traum von einer Sache, der natürlich der Traum von der sozialistischen Gesellschaft bzw. von der Revolution und der darauf folgenden gerechten Gesellschaft überhaupt ist, verwirklichen wollten, nicht nur das Bewusstsein von der Sache nicht befördert sondern auch den Traum zerstört haben. Wir sind also hinter den Zustand zurückgefallen, den Marx meint.

Er selbst hatte bereits davor gewarnt, denn er begriff durchaus sehr genau, dass man den Menschen diese Sache nicht aufzwingen könne und dürfe. Er verlangte, dass die sozialistische Bewegung “nicht doktrinär” sein und den Menschen nicht zurufen dürfe “Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder!”, doch genau das hat man natürlich getan.

Okay, das ist so in etwa der Hintergrund des kleinen Wörtchens ‘sogno’. Aber das muss man natürlich nicht wissen. Ich notiere es nur, weil Du gefragt hast.
—-

Und jetzt setze ich es hierher, weil  diese Erklärung vielleicht ja auch anderen Lesern hilfreich sein könnte.

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Die Stadt der Träume

Er war nun den dritten Tag in Sognocity, in dieser Ruine einer Stadt, die darauf wartete, dass ihre Traumwächter starben, damit sie endlich aufwachen und aus dem Schutt zu neuem Wachstum erblühen konnte.

Er wusste, dass unsere größten Träume am schmerzhaftesten rosten, sodass wir uns aus Angst vor den Schmerzen zu glauben weigern, dass es nur Träume sind. Wir verwechseln sie lieber mit der Wahrheit, auch wenn wir in unseren Herzen wissen, dass es keine Wahrheiten gibt und die Philosophen uns, so sie ehrlich waren, seit dem Anbeginn der Zeiten immer wieder genau das gesagt haben. Wacht endlich auf, haben sie gerufen, begreift, dass die einzige Wahrheit die ist, dass es keine gibt. Wacht auf, verlasst den heimtückischen Traum von der Wahrheit, der so viele Menschen vor euch unglücklich gemacht hat und so viele nach euch noch unglücklich machen wird.

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Aber wie alle hatte auch er selbst in jungen Jahren viel lieber auf die Verkäufer der Träume gehört, die ihnen weismachten, dass der gerade neueste Traum nun endlich wirklich die Wahrheit sei. Und als er wie die anderen darin gefangen war, weil er dem Traum zustimmte, da hatte er gesehen, wie an den Grenzen des Traumlandes die Regimenter der Traumwächter aufmarschierten, wie die Traumpolizei in die Kasernen einzog, die Kinder in den Schulen nur noch von Traumlehrern unterrichtet wurden, die nichts als die absolut reine Traumlehre lehrten und überall, in der Nachbarschaft wie in der eigenen Wohnung, die als Freunde, Geschwister und Ehepartner getarnten Traumagenten einzogen, die jedes seiner Traumvergehen aufzeichneten.

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Im Osten der Stadt hatte es ein großes graues Gebäude gegeben, das er selbst für sich das Ministerium der Angst genannt hatte. Aber er wusste natürlich, dass es offiziell als Ministerium der Traumsicherheit bezeichnet wurde. Nur unzuverlässige Abweichler wie er, Verräter, die die falschen Träume hatten, bezeichneten es anders. Reguläre Träumer des Staatstraums hatten aus diesem Ministerium nichts zu befürchten. Reguläre Träumer wussten, dass es sie nur überwachte, um sie besser beschützen zu können.

Damals hatte er überlegt, was er tun sollte, denn natürlich hatte man ihm angetragen, selbst in die Reihen der Traumpolizei zu wechseln. Und war nicht das Argument, dass man nur dann vor der Verfolgung sicher sei, wenn man selbst zu den Verfolgern gehörte, zwingend? Letztlich hatte er sich dazu nicht bereit finden können, allerdings nicht, weil er so viel besser gewesen wäre. Er war einfach ein Zweifler, also das, was die herrschenden und beherrschten Träumer am meisten fürchten. Und er zweifelte deshalb auch daran, dass es ihm gelingen würde, sich weit genug zu verstellen, um nicht als Zweifler aufzufallen. Träumer hassen Zweifler. Und Zweifler sind die einzigen, die unfähig sind, sich zu tarnen. Zumindest für lange Zeit.

Also war er damals geflüchtet, als sich die Gelegenheit bot. Für seine träumenden Freunde war er in das feindliche Lager des Traumfeindes gewechselt. In Wahrheit war er lediglich heimatlos geworden, denn wer wollte leugnen, dass Träume, so falsch sie auch sein mögen, zumindest eines zu schenken vermögen, das Gefühl von Heimat. So wurde er ein traumlandloser Geselle, wie die Traumwächter an den Grenzen des Traumlandes die Abtrünnigen nannten, die es, auf welchen Wegen auch immer, geschafft hatten, dem einzig gültigen Staatstraum zu entkommen.

Und so heimatlos hatte er hinfort gelebt, zweifelnd, immerfort zweifelnd, auch den eigenen Zweifel bezweifelnd, bis er vor drei Tagen nach Sognocity zurückgekehrt war und seine ehemaligen Traumfreunde auf den Ruinen ihrer Träume vorgefunden hatte.

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Was soll nun werden, fragte er. Der Oberträumer war inzwischen sehr alt geworden und sollte bald sterben. Was wird dann geschehen, fragte er? Wir wissen nichts von ihm, sagten seine Freunde, wir sprechen nicht über ihn. Aber er hat doch gerade im Radio geredet? Und in der Stadt fahren immer noch die grauen Autos seiner Traumpolizei herum. Man wird sehen, sagte man ihm.

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Jetzt war er drei Tage hindurch in der Stadt unterwegs gewesen. Er konnte kaum noch gehen, und wenn er Treppen steigen musste, die in die zerbrochenen Gebäude von Sognocity hinaufführten, dann ächzten seine alten Knochen, Knochen, die alt geworden waren, während er an den Wahrheiten der Welt gezweifelt hatte.

Er wusste, dass seine alten Freunde, ihm nicht den Zweifel an sich übel nahmen. Nur den Zweifel an ihrem eigenen Traum, den sie für den fortschrittlichsten von allen hielten und von dem sie sogar meinten, es handele sich bei ihrem Traum um eine Wissenschaft, den hielten sie für verachtenswert, denn nur ein sehr unbelehrbarer Traumfeind kann an einer wissenschaftlichen Wahrheit zweifeln. Doch da auch seine alten Freunde inzwischen morsche Knochen hatten und deshalb nicht mehr spontan bereit waren, jeden unverbesserlichen Traumfeind vor die Wand mit den Einschusslöchern zu schleppen, kam es doch zu manchen Umarmungen.

Natürlich misstrauten sie ihm auch weiterhin, aber da die Traumpolizei nicht mehr so wachsam wie früher und die alte Freundschaft doch stärker als gedacht war, beschränkten sie sich bis zum endgültigen Untergang der Traumstadt darauf, dass man miteinander essen und trinken könne, ohne etwas voneinander befürchten zu müssen.

Darüber war er froh, denn er war inzwischen recht einsam geworden, so allein mit seinem Zweifel. Doch auch der Zweifel ist letztlich ein verlässlicher Freund, den er am Ende seines Lebens nicht mehr enttäuschen wollte. Nehmt mich, wie ich bin, sagte er deshalb zu ihnen, anders bekommt ihr mich nicht mehr.

 

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HOUSE OF LEAVES – Neuer Anlauf

Wiesbaden, Samstag, 26. Januar 2013, mit Puccinis "La Fanciulla del West" mit Mara Zampieri und Placido
Domingo unter Lorin Maazel in einer Inszenierung des Teatro alla Scala (auf dem Schirm neben mir).

Kurz, obwohl ich hier ja über

D A S    H A U S

schreiben möchte, einige Worte zur Oper, die ich gerade höre. Puccinis Oper “La Fanciulla del West” ist ganz sicher Puccinis bestes Werk. Ich sage das, obwohl ich sie selbst bisher eher weniger im Blick hatte, was freilich an der so selektiven Aufführungspraxis liegt. Die Butterfly, Tosca natürlich und La Bohème sowieso, aber auch noch Turandot stehen absolut im Vordergrund. La Fanciulla del West wird weit seltener aufgeführt und – jetzt leiste ich Abbitte – ich hatte mich zudem lange Zeit von der Story der Oper ablenken/irreleiten lassen. Eine Oper, die im ‘Wilden Westen’ während des Goldrausches spielt, was kann das denn eigentlich sein? Ist das überhaupt ein Stoff für eine Oper? So spießerhaft habe ich gedacht, obwohl ich andererseits Dutzende von Opern gehört hatte, ohne mich überhaupt sonderlich um den Inhalt zu kümmern. Natürlich ist der Stoff von “La Fanciulla del West”, der auf Belascos Stück “The Girl of the Golden West” basiert, ein Opernstoff! Und was für ein großartiger Stoff es ist, was für einen musikalischen und auch dramaturgisch überwältigenden Eindruck diese Oper hinterlässt, das müssen Sie selbst hören! Aber damit soll es vorerst genug sein, denn ich beabsichtige keine Opern-Besprechung. Obwohl es mich unglaublich reizt! Dick Johnson (Placido Domingo) soll gerade gehenkt werden – wer hat angesichts des Strangs je derart überwältigend schön und kraftvoll gesungen? Man erschaudert, wenn er die mit Stricken gebundenen Hände hebt und nur “Bella Donna” singt.

Aber nun doch endlich zu

D  A  S    H  A  U  S   !

Ende August 2007, das Buch kann kaum mehr als einige Tage auf dem Markt gewesen sein, kaufte ich in der Mainzer Dom-Buchhandlung auf einem meiner Streifzüge den Roman “Das Haus – House of leaves” von Mark Z. Danielewski. Vom Autor hatte ich noch nie etwas gehört, was freilich nicht verwunderlich ist, da “Das Haus” sein Erstling ist, der 2000 in New York erschien und nun 2007 in der Übersetzung von Christa Schuenke und Olaf Schenk bei Klett-Cotta erschien.
Es ist ein etwas großformatiges Werk, besitzt fast 800 Seiten Umfang und fiel mir beim Durchblättern außerdem sofort deshalb auf, weil es typografisch gänzlich aus dem Rahmen fällt; aus dem gegenwärtigen freilich nur. In einer amazon-Rezension heißt es, es handele sich um “einen beispiellosen overkill typographischer Besonderheiten, von winzigen Fußnoten bis zu Textkästen in Spiegelschrift.”

Ausschnitt aus "Das Haus" von Mark Z. Danielewski

Aus “Das Haus” von Mark Z. Danielewski

Verschiedene Textebenen, die auch in unterschiedlichen Schrifttypen gesetzt sind, wechseln miteinander ab, der Text wird ständig durch Fußnoten kommentiert, als wolle er einen quasi wissenschaftlichen Charakter behaupten, wobei die Tatsache, dass die meisten Fußnoten von einem augenscheinlich ziemlich durchgeknallten Acid-Head stammen, dem wissenschaftlichen Anstrich auf erfrischende Art und Weise widerspricht, dazu ist das Buch durchsetzt von unterschiedlichstem Bildmaterial und drucktechnischen Absonderlichkeiten, deren Sinn beileibe nicht unbedingt einzusehen ist. Wenn man dann noch dazurechnet, dass die Schreibweise in einer der Textebenen sich stark umgangssprachlich geprägt zeigt, sodass z.B. aus einem “eigentlich” ein “einklich” wird, so wird vielleicht verständlich, dass ich mich gleich seltsam an Textmerkmale der Werke Arno Schmidts erinnert fühlte. Ich fand das absonderlich genug, zumal es ja eindeutig so ist, dass Arnos Schmidts höchst artifizielle und innovative Schreibweise nie Nachfolger gefunden hat, sodass sie, denkt man von der literarischen Technik her, wie eine Sackgasse aussah. (Ich weiß, dass ich hier Autoren wie Roggenbuck und Jirgel unterschlage, aber dazu vielleicht an anderer Stelle.)
Nun, wie auch immer, mochte “Das Haus” auch den Eindruck erwecken, als habe der Arno Schmidt des Spätwerkes sich entschieden, eine Neufassung von William S. Burroughs’ “Naked Lunch” schreiben zu wollen, aufgefüllt mit den Werken dutzender anderer Autoren des 20. Jahrhunderts, denn selbstverständlich zitiert Danielewski unentwegt, wobei Rilke und Heidegger vielleicht nur zwei extreme Wegmarken sind, die der Autor zitierend passiert.
Kann das alles sein, dachte ich, ist das tatsächlich ernst gemeint? Oder ist es ein Witz? Ein Medien-Gag, eine Verirrung, ein Unfug, der nichts anderes spiegelt, als die Maßstabslosigkeit und den Erinnerungsverlust der Gegenwart? Nun, ich kaufte das Buch, trotz des horrenden Preises von 29,90 Euro und begann erwartungsvoll mit der Lektüre, die ich dann nach etwas über 30 Seiten erstmal abbrach. Was war das? Eine Geschichte auf jeden Fall, die etwas schwer in Gang kam, Seltsamkeiten und Bedrohungen behauptete, wo man sie als Leser nicht empfand bzw. wo sie einem nicht wirklich vermittelt wurden. Ich denke mal, dass den Leser hier entweder der Ehrgeiz packen muss, oder dass er aus dem Buch aussteigt. Entsprechend sind auf den amazon-Seiten für gebrauchte Bücher inzwischen auch schon viele Dutzende verbilligt zu bekommen, was in der Regel nach so kurzer Zeit nicht passiert.
Heute nun gab ich dem Buch eine zweite Chance, vor allem angesichts der Tatsache, dass das Buch, obwohl dafür mit Hinweisen auf James Joyce und Vladimir Nabokov geworben wird, was schlicht unverschämt ist, ja auch den Eindruck vermittelt, so etwas wie ein Horror- oder/und Phantasie-Roman zu sein. Und ich liebe schließlich guten, das heißt funktionierenden, wirkenden Horror und einfallsreiche Phantasie. Niemand lebt schließlich von der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts allein! Ich las diesmal bis etwas über die 50. Seite und fand u.a. den erstaunlichen Tatbestand, dass Danielewski an einer Textstelle, die den Begriff des Unheimlichen in den Roman einführt, nun nicht irgendwelche Monster oder sonstwie gearteten unheimlichen Dinge innerhalb der Geschichte geschehen lässt, sondern stattdessen in einer typographisch hervorgehobenen Kolumne Martin Heideggers’ Definition des Unheimlichen als Zitat einfügt, die Heidegger in seinem Hauptwerk “Sein und Zeit” aus dem Begriff der “Angst als Grundbefindlichkeit” entwickelt. Und natürlich hängt daran dann auch gleich die entsprechende Fußnote, die nicht nur die Textstelle bei Heidegger nachweist, sondern auch zugleich durch einen zusätzlichen Kommentar des fiktiven Herausgebers Johnny Truant, des Acid-Heads, all das wieder ad absurdum zu führen versucht, ohne sich der Einsicht verschließen zu können, dass an Heideggers existenzialen Modus des “Un-zuhause-Seins” etwas Wahres dran sein möge.
Nun, ich weiß immer noch nicht, ob ich dieses Buch bis zum Ende tatsächlich lesen werde. Aber ich habe mich heute entschieden, meinen Leseweg hier im Blog zu dokumentieren, sodass ich am Ende zumindest ein Protokoll haben. Ob auch was für die Erkenntnis dabei heraus kommt? Na, warten wir es mal ab.

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Manchmal unversehens die Quellen

Wiesbaden, Freitag, 04. Januar 2013, bei Puccinis "Suor Angelica" mit der großen Cristina Gallardo-Domâs

Dass ich noch nicht richtig im neuen Jahr angekommen bin, zumindest nicht in der Arbeits- bzw. Schreibbewegung des neuen Jahres, das zeigt u.a. der Umstand, dass ich momentan alte Notizbücher wälze, auf der Suche nach vergessenen Materialien oder wonach auch immer; solche Suchbewegungen sind ja meist recht ungerichtet, sollen auch so sein, damit man auf umso überraschende Ergebnisse stößt. Dabei bin ich unversehens in einem Heft, dass ich eigentlich gar nicht für literarische Notizen benutzt hatte, denn es stehen da ansonsten nur Reihen von abgearbeiteten To-Do Listen drin (Rechnung für Olaf schreiben / Dieters CD beschriften / W. fragen, was das DZ kostet usw.), auf die Ursprungsnotiz zu einem Stoff gestoßen, aus der dann später meine Novelle “Isoldes Liebhaber” geworden ist, die es bisher nur als Teil eines Hörbuches gibt. Da steht unter einem Datum aus dem Jahre 2005 also das:

Zum größeren Format Bild anklicken.

Und darunter folgt dann mein ( erl. ) – mein typisches Erledigt-Zeichen, wenn etwas übernommen oder abgearbeitet worden ist. So nebenbei im Entwurf notiert und gänzlich unromantisch abgearbeitet schaut das aus. Der Autor in seinen Dienststunden. Hat mich selbst etwas überrascht. Die weibliche Hauptfigur, die später dann Isolde heißen sollte, hat hier noch nichtmal einen Namen.

Wie wäre es, wenn wir selbst lediglich solche Figuren wären, die von der ersten Notiz des Entwurfes bis zu unserer fertigen Geschichte, von einem Autor außerhalb des Notizbuches des Lebens geschrieben würden. Wenn wir also gewissermaßen nur Marionetten wären, an deren Fäden jemand zieht, um so seine (unsere?) Geschichte zu erzählen? In welchen alten, vergessen Notizbüchern mögen die ersten Notate zu uns und unserem Leben ruhen? Und was ist mit irgendwelchen Brüdern und Schwestern, deren Entwürfe zwar ebenfalls darin sind, vom Autor aber wieder vergessen und nie weiter ausgeführt wurden?

Nun, ich denke, das ist keine interessante Frage. Ich stelle sie mir nur deshalb, weil ich mich frage, ob es etwas ÄNDERN würde, wenn es so wäre?

 

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Wann fängt das Altern an?

Ein Freund mailte mir vor einiger Zeit eine Liste von Fragen, mit denen er einzukreisen versuchte, wann das Altern beginnt. Abgesehen davon, dass die meisten dieser Fragen aus einer rein männlichen Perspektive gestellt waren, erschienen sie mir interessant durch ihr Alltäglichkeit. Auch wenn man das eigene Altern für eine große Sache halten sollte, so bemerkt man es halt an den kleinen Dingen, daran, dass etwas, das man gestern noch für selbstverständlich hielt, eben das plötzlich nicht mehr ist. Ich setze die Liste der Fragen, die er mir schickte, mal hier her:

Wann fängt das Alter an?
Gleich nach der Geburt? In der Pubertät? Beim ersten Mal? Mit dem Schulabschluss? Oder wenn ein Jüngerer mehr kann, als Du?
Wenn Dich die Kinder beim Memory besiegen?
Wenn die ersten grauen Haare auftauchen? Die Geheimratsecken den Nacken treffen?
Oder wenn ein Jüngerer den Arbeitsplatz bekommt?
Wenn Du knapp über 40 nicht mehr so gut siehst, wie früher und Dir schließlich eingestehst, dass Du eine Brille brauchst?
Wenn Mädchen Dich spüren lassen, dass Du ihnen zu alt bist?
Wenn Du einen Bauch bekommst?
Wenn Du die Rolltreppe und den Aufzug den Treppen vorziehst?

Wenn Dich beim Sport die Jüngeren überholen, Du den ersten Bänderriss, oder Bruch hast?
Wenn Du im Sportverein lieber am Tresen sitzt und Deinen Meniskus vorschiebst?
Wenn Du beim Holzhacken die dicken Kloben liegen lässt und öfter mal pausieren musst, um Dir den Schweiß abzuwischen?
Wenn Dein Zahnfleisch schwindet und die Zahnhälse bloß legt, so dass die Zähne zu wackeln anfangen?
Wenn es manchmal nicht mehr klappt im Bett?
Wenn Du anfängst bei Glätte vorsichtig zu gehen, weil Du unsicher bist und Angst vor dem Fallen hast?
Wenn Du auf dem Klo lange schüttelst und nachher sind doch Tröpfchen in der Hose?
Wenn Du Dich versprichst oder Verabredungen vergisst und nur noch gequält lächelst, wenn jemand spöttisch „Alzheimer?“ fragt?
Wenn Du ungern auf Leitern oder Stühle steigst, weil Du unsicher bist und nicht mehr schwindelfrei?
Wenn Dich Lärm stört, selbst der von Deinen Kindern?
Wenn Du beim Umzug keine schweren Kisten mehr tragen magst?
Wenn Dir die Sprudelkisten zu schwer werden und Du sie lieber ins Haus bringen lässt?
Wenn Du nur noch langsam radelst und keine Abhänge mehr hinunter jagst?
Wenn Du nachts nicht mehr Autofahren magst?
Wenn du Erotik am Liebsten verbal oder beim Anschauen genießt?
Wenn Du lieber allein zu Hause bist, statt Besuch zu haben, oder auf ein Fest zu gehen?
Wenn Du morgens am Liebsten im Bett bleiben möchtest?
Wenn der Freundeskreis wegstirbt?
Wenn Du in Erinnerungen schwelgst?
Wenn Du immer weniger Geschirr benutzt?
————-
So weit also seine Fragen. Mit der letzten konnte ich nichts anfangen. Immer weniger Geschirr benutzen? Was wollte er damit sagen? Am Abend rief K. an und ich erzählte ihr von diesen Fragen. Als ich an die Stelle mit dem Geschirr kam, da sagte sie spontan “Wie meine Mutter!”

Also scheinen zwei Dinge sicher zu sein. Erstens, dass man die Fragen allesamt mit einem großen JA beantworten kann. Und zweitens, dass wir es, wenn es so weit ist, schon merken werden.

 

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Warum stört es uns, dass wir nicht optimal sind?

Mein Sohn erzählte mir, dass er sich inzwischen seit über einem Jahr coachen lässt. Obwohl ich selbst als Coach arbeite, war ich darüber erstaunt. Seltsamerweise hätte ich niemals gedacht, dass er ein Coaching brauchen würde. Ich hatte mir meinen eigenen Sohn wohl zu autonom vorgestellt. Er berichtete, wie es dazu gekommen war und erzählte, wie gut sich das Coaching für ihn persönlich und seine Firma ausgewirkt habe. Er sagte u.a. , das Coaching habe in befähigt, in einem Jahr so viel zu schaffen, wie sonst in drei Jahren.

So weit so gut. Dagegen gibt es ja an sich nichts einzuwenden. Mir wurde dabei aber klar, dass ich meine eigene Arbeit als Coach bisher anders begriffen hatte. Mir war es immer darum gegangen, meinen Coachees behilflich zu sein, etwas Neues zu erlernen. Mit anderen Worten, mir war es nie allein um diese Art von Optimierung gegangen, in einem Jahr das zu schaffen, was man sonst nur in dreien erreichen könnte. Wenn man es so betreibt, dann kommt mir das Coaching wie eine Art von Doping vor. Das finde ich ethisch problematisch.


Aber das ist ja vielleicht eine Problematik, die dem Coaching überhaupt anhaftet. Im Ursprung ist Coaching eine Methode des Ratgebens für diejenigen, die durch ihre gesellschaftliche Position keine natürlichen Ratgeber mehr haben konnten, weil niemand ihnen die Wahrheit zu sagen oder ihnen zu widersprechen wagte. Die Wahrheit ist dabei für mich das Entscheidende! Der Coach hat ein getreuer Spiegel der wahren Situation, der wahren Verhältnisse zu sein, die der Coachee infolge seiner Verstrickungen darin nicht mehr zu sehen vermag. Wenn ein Coachee stattdessen seinen Coach dazu benutzt, die entscheidenden Zehntelsekunden schneller zu sein, was ist dann?

Nun, vermutlich ist es mein Problem. Während es mir um die Wahrheit der Person geht, sind die meisten meiner Kollegen sowieso nur damit befasst, dass Verhalten ihrer Auftraggeber zu designen und ihnen eben diesen Vorsprung zu verschaffen, der sie in die Lage versetzt, in einem Jahr das Pensum von dreien zu erledigen.

Und unser Leben? Was wird damit sein? Werden wir am Ende auch drei Leben gelebt haben? Oder paradoxerweise nur ein Drittel?

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Gnade

Wiesbaden, 25. Dezember 2012, bei Ludwig van Beethovens Streichquarteten Nr. 1+2, Op.18 (Guarneri Quartet)

Im ‘Neuen Handbuch der theologischen Grundbegriffe’ las ich unter dem Stichwort “Gnade” diesen Versuch einer Definition: Gnade ist die unverdiente, unerwartete, unbegreifliche Zuwendung der Liebe Gottes zum Menschen, die diesen zum Heil in der Lebensgemeinschaft mit Gott führt, indem sie den Widerstand gegen Gott als Gefangenschaft des Menschen bei sich selbst aufdeckt und befreiend überwindet.

Maria Verkündigung

Nun ist die theologische Gnadenlehre ja gerade im 20. Jahrhundert sehr lebhaft diskutiert worden. Die katholische Theologie des 20. Jahrhunderts kann gewissermaßen als eine Debatte um das Stichwort “Gnade” gelesen werden. Diese Debatte hat zwangsläufig auch zum Thema des “Übernatürlichen” geführt, einem klassischen Punkt der Gnadenlehre. Ja, das Thema der menschlichen Gotteserfahrung scheint das Übernatürliche geradezu zur Voraussetzung zu haben.

Definiert man Gnade in dieser Weise schlicht als die Liebe Gottes zu den Menschen, wie kann ein Mensch dann die Erfahrung dieser Liebe machen? Innerhalb einer naturgesetzlich organisierten Welt müsste das unmöglich sein. Ist also Gott bzw. die menschliche Erfahrung Gottes unser Ausweg aus der Determiniertheit der Naturgesetze?

Der Heilige Augustinus – einer meiner Lieblingsschriftsteller – sagt dann ja auch an keiner Stelle in seinen Bekenntnissen, dass er Gott in irgendeiner Weise ‘habe’. Er fragt vielmehr ständig, wie es möglich sein könne, dass er ihn hätte. Etwa in diesen wunderbaren Zeilen im LIBER PRIMUS:

Wer gibt mir, daß ich Ruhe finde in Dir? Wer gibt mir, daß Du kommest in mein Herz und es trunken machest; daß ich mein Schlechtes vergesse und mein einziges Gut umfange – Dich?

Der Heilige Augustinus als Kirchenlehrer

Wer gibt mir? fragt Augustinus. Es ist ihm also klar, dass der Mensch selbst es nicht tun kann. Es muss ihm gegeben werden. Er kann nicht einfach sagen, ich glaube Dich. Selbst der Glauben muss dem Menschen gegeben werden. Aber wer gibt mir? Nun, natürlich nur Gott allein. Ich habe, wenn ich mich prüfe, nur Widerstand gegen ihn, und ich bedarf seiner Gnade, dass er in mein Herz komme. So zumindest verstehe ich die Position des Heiligen Augustinus.

Aber müssten wir, damit uns die Gnade widerfährt, dass er in unser Herz kommt, nicht in einer übernatürlichen Welt leben? Sicher müsten wir das, denn nur wenn Gott gewissermaßen wie ein Anwalt wäre, der vor dem unbarmherzigen Gerichtshof der kausalen Natur durchsetzt, dass ausgerechnet für uns eine Ausnahme gemacht werden soll, könnten wir seine Erfahrung machen.

In einer kausalen Welt hingegen, einem kausalen Kosmos, ist Gnade aber unmöglich; sie wäre ja sonst die Leerstelle, der aus dem Geschehen herausgenommene Raum, in dem Ursachen keine Wirkung hätten. Deshalb kann Gnade nur eine Erfindung des Menschen sein, die uns unverdientermaßen das Tragen der Folgen unserer Taten erleichtern soll. Das aber ist unmöglich. In einer von Ursache und Wirkung determinierten Welt können wir niemals erlöst werden.

 

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Nach was schmeckt der Wein?

Wiesbaden, 21. Dezember 2012, bei Gioachino Rossinis 'La donna del Lago'

Mein Bruder D. sagte vor Jahren einmal, eigentlich liebe er Weine, die nach gar nichts schmecken. Komisch, hatte ich damals gedacht, denn im Grunde ist das ja ein Paradoxon und als Zielvorstellung unerfüllbar.

Nun gut, inzwischen glaube ich, dass er nur die zwangsläufige Konsequenz aus den realen Verhältnissen auf dem Weinmarkt gezogen hat. Man kennt das ja, wenn man irgendwo einen Wein beschrieben findet, dann schmeckt er angeblich nach allen möglichen Dingen. Nach Früchten vor allem, nach Kirschen und Pflaumen, nach Äpfeln und Johannisbeeren, ach Gott, lassen wir das. Es scheint so zu sein, dass niemand, der einen Wein beschreibt, mehr in der Lage ist zu sagen, dieser Wein schmeckt nach WEIN, er schmeckt nicht wie irgendwas anderes, sondern nach Wein, nach einem leichten vielleicht oder einem starken, gehaltvollen usw. Und dabei will ich mal gar nicht von all den Weinen reden, die eindeutig nach etwas schmecken, was in der Tat absolut nichts mit ihnen zu tun hat, nämlich nach dem Holz, in dem sie gelagert werden. Der Umstand, das eine Frucht wie der Wein, bedingt durch den Boden, auf dem er angebaut wird, sowie durch seine eigene Charakteristik nach irgendeiner anderen Frucht schmecken könnte, das sei zugegeben. Dass aber ein Wein deshalb besonders hochgeschätzt wird, weil er nach dem Fass schmeckt, in dem er gelagert wurde, das ist eigentlich schon eine Art Witz. Zumal wir ja wissen, dass das realiter gar nicht mehr so ist! Die berühmten Barriqueweine werden ja oft genug in Stahlfässern ausgebaut, denen man lediglich eine Handvoll Holzspäne beigegeben hat. Man müsste also ehrlicherweise sagen, dieser Wein schmeckt nach Sägespänen. Angesichts dessen verstehe ich die Kontraposition von D., er wolle Weine, die nach gar nichts schmecken, natürlich total.

Tatsache ist aber, dass ich das alles bis vor einigen Monaten gar nicht Ernst genommen habe. Ich hatte das alles im Grunde für einen Werbegag gehalten, wie ich jetzt erkennen muss. Denn in der Tat hatte ich nie einen Wein getrunken, der tatsächlich so schmeckte, wie er in der Werbung charakterisiert wurde. Ich hatte das alles letztlich nur für Metaphern gehalten. Und dann passierte vor einigen Wochen folgendes. Ich kochte endlich mal wieder für meine Frau und mich, wir hatten vorher in einem sehr gut sortierten Weinladen einen italienischen Weißwein gekauft, der hier nicht genau benannt werden soll, und was stellte ich fest? Der Wein schmeckte tatsächlich nach Kiwis! Verstehen Sie mich recht, ich habe absolut nichts gegen Kiwis. Ich mag Kiwis! Wirklich! Und im Grunde schmeckte der Wein auch absolut toll, er war lecker, frisch, sehr lebhaft und passte absolut zum marinierten Fenchel und der Zitronen-Pasta, die ich an diesem Abend serviert habe. Wir haben ihn genossen! Und ich habe mit J. natürlich nicht darüber gesprochen, dass ich eigentlich keine Kiwis trinken wollte! Verdammt noch einmal! Der Wein war lecker, und ich wollte uns selbstverständlich nicht den Abend verderben. Aber was liegt hier eigentlich vor?

Vor über dreißig Jahren habe ich mit meinem ältesten Sohn folgende Situation erlebt. Er war damals kaum vier Jahre alt und geriet mit meiner damaligen Frau in ein Gespräch darüber, was eigentlich LEDER sei. A. hatte ihm wohl eine Tasche oder irgendetwas anderes gezeigt und auf seine Frage geantwortet, das sei “aus Leder”. Er fragte sie daraufhin, woran man Leder erkennen könne. Und A. antwortete, man könne Leder daran erkennen, wie es sich anfühle und wie es rieche. Und mein damals noch nicht in die erste Klasse der Grundschule gehender Sohn antwortete ihr: “Vielleicht habt ihr noch nie wirkliches Leder gesehen.”

Erkenntnistheoretisch hat er damit natürlich die absolute Grundaussage getroffen. Wie validieren wir die Fakta unserer eigenen Erfahrung? Und gibt es in der Außenwelt etwas, das wir gewissermaßen als “Reales” unzweifelhaft erkennen können? Vielleicht haben Sie beide Recht, mein Bruder D. und mein damals vierjähriger Sohn! Vielleicht wissen wir gar nicht, was irgendetwas real ist. Und vielleicht sollten wir uns aus diesem Grunde mit Weinen begnügen, die “nach gar nichts schmecken”. Aber wo findet man die???

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Unaufrichtige Aufrichtigkeit

Wiesbaden, Donnerstag, 20. Dezember 2012, bei W.A. Mozarts 'Le nozze di figaro' 
unter Jean-Claude Malgoire

Wie verhält es sich eigentlich mit der Ehrlichkeit in den Blogs? Bekämen sie nicht tatsächlich erst dann ihren Wert, wenn da jemand unverstellt seine Meinung schreibt usw. Aber geht das überhaupt? Ist das Schreiben in diesen öffentlichen Tagebüchern nicht gerade deshalb so populär, weil es ein Spiel mit einer zumindest potentiell großen Leserschaft ist? Ist da die Fälschung nicht fast zwingend? Oder sagen wir statt Fälschung lieber unaufrichtige Aufrichtigkeit.

In dem Essay “Der Treibsand der Gefühle” von Dieter Wellershoff fand ich folgende Stelle, die mir sehr genau das Verhältnis der Blog-Autoren zu ihren potentiellen Leser zu beschreiben scheint. Wellershoff schreibt:

“In Doris Lessings ‘Goldenem Notizbuch’ findet sich ein Entwurf zu einer Novelle über (das) Thema der unaufrichtigen Aufrichtigkeit. Ein Mann und eine Frau, in einer längeren Beziehung oder Ehe miteinander lebend, lesen heimlich die Tagebücher des Partners, um auf diese Weise ihre ritualisierten Gespräche zu ergänzen und zu erfahren, wer sie wirklich sind und was sie voneinander denken. Beide wissen inzwischen, daß sie auf diesem mittelbaren Weg miteinander verkehren, und eine Zeitlang sehen sie darin eine Chance und halten sich an das unausgesprochene Gebot der Aufrichtigkeit. Dann allmählich beginnen beide ihre Tagebücher zu fälschen, weil sie den anderen täuschen und beeinflussen wollen. Und um sich seelisch zu behaupten und nicht in diesem Sumpf zu versinken, führen sie nun jeder noch ein zweites geheimes Tagebuch, dem sie ihre wahren Gedanken und Gefühle anvertrauen. Dann entdecken sie gegenseitig ihre geheimen Tagebücher und gehen in einem schrecklichen Streit für immer auseinander.”

Der Einwand, dass das Verhältnis der beiden hier konstruierten Figuren viel zu verbindlich ist, zumindest im Vergleich zum Blogschreiber und seinen Lesern, da letzteres im Grunde ein Spiel bleibt und lediglich die Unverbindlichkeiten unserer Feriengesellschaft vermehrt, trifft nicht wirklich zu. Dies deshalb nicht, weil es um Selbstdarstellung geht. Und Selbstdarstellung ist zumindest für den, der sich darstellt, immer verbindlich. Der Blog ist ein Medium der permanenten Selbstreflektion, hat aber eben nicht wie das klassische Tagebuch die Möglichkeit ungelesen zu bleiben. Thomas Mann verfügte bekanntlich über seine Tagebücher, dass sie literarisch von geringem Wert seien (womit er Recht hatte) und ein Publikation erst lange nach seinem Tod erfolgen dürfe. Wenn hingegen der Blog-Schreiber auf den Button “Post veröffentlichen” drückt, dann ist der Snapshot, den er da gerade von seinem gegenwärtigen Denken und Erleben gemacht hat, online und für jeden zugänglich.

Vielleicht ist es ja so, dass die wirklich intensiven Blog-Autoren längst an dem Punkt angekommen sind, wo sie neben ihrem bekannten Blog, der vielleicht auch direkt mit ihrer offiziellen Homepage gekoppelt ist, noch zusätzlich an einem geheimen Blog schreiben. Und wenn sie dabei entdeckt werden ….. ?

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100 Gramm Hackfleisch

Dass Wassermangel künftig eine Gefahr für den Weltfrieden sein wird, dass wir also Kriege um Wasser führen werden, geht seit Jahren immer wieder als Meldung durch die Presse. Die Szenarien werden sich vom Krieg um Öl zum Krieg um Wasser wandeln, so heißt es. Was ich dabei freilich noch niemals auch nur erwähnt fand, das ist der Umstand, dass einer der vielleicht wichtigsten Gründe dafür in der Tatsache des übermäßigen weltweiten Fleischkonsums liegt.

Die Tierart, die den Planeten allein zu bewohnen glaubt.

Sehr lehrreich wird dieser erschreckende Umstand  in Wolfram Mausers Buch “Wie lange reicht die Ressource Wasser?” deutlich gemacht. Wolfram Mauser, Professor für Geographie und Fernerkundung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schildert eindrücklich wie zum Beispiel das allgemein so beliebte Nahrungsmittel Rindfleisch für seine Produktion gigantische Mengen an Wasser erfordert. So benötigt man für die Erzeugung von gerade mal 100 Gramm Hackfleisch sage und schreibe bis zu 7000 Liter Wasser.

Mauser schreibt: “An kaum einer anderen Stelle wird die Dominanz der Lebensstile in der Nutzung der Wasserressourcen der Erde deutlicher als in diesem Fall. Stellen Sie sich also beim nächsten Verzehr eines Hamburgers vor, dass Sie dabei auch 35 gefüllte Badewannen Wasser, sozusagen virtuell, zu sich nehmen.”

Riskieren wir also letztlich Kriege, weil Fleischesser in absurdem Ausmaß Wasserverschwender sind? Ja, dem ist wohl so. Wenn sich die Menschheit nur vegetarisch ernähren würde, ließe sich der Weltwasserverbrauch auf die Hälfte senken.

Nun, ich gehe nicht davon aus, dass sich Fleischesser eines Besseren belehren lassen, das sei abschließend gesagt. Ich bin ganz sicher, dass sie ihren unsinnigen und gemeingefährlichen Lebensstil bis zum letzten Krümel Hackfleisch verteidigen werden.

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Vom Sehen der Bilder der Welt

Wiesbaden, Mittwoch, 19. Dezember 2012

Ich schaue gern Dokumentationen, vor allem Naturfilme, Tiere, Menschen, Länder, denn das eigene Leben ist ja viel zu kurz, um den Planeten auch nur ansatzweise zu sehen. Doch fällt mir mehr und mehr auf, dass diese Filme wohlfeil zu werden beginnen. Ganz so, als habe man im TV beschlossen uns noch schnell etwas von den vielen phantastischen Orten unserer Welt zu zeigen, bevor sie im Zuge des Klimawandels untergehen werden. Die Fernsehsender schmücken sich ebenso wie die großformatigen Illustrierten mit den überwältigend schönen Bildern unseres Planeten. Doch ich glaube nicht einmal, dass dadurch eine neue Sensibilität für diese Schönheit entsteht. Es hat vielmehr etwas von der leicht zynischen Art und Weise, mit der man damals zur Zeit des so genannten ‘Nato-Doppelbeschlusses’ (erinnern Sie sich noch?) zu sagen pflegte: “Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht!”

Nun sah ich eine Dokumentation über Grönland, die geeignet war, einen in die Depression zu treiben. Und dies nicht einmal wegen der unbestreitbaren Tatsache, dass der Klimawandel selbstverständlich auch dort überall sichtbar ist. Was an diesem Film vielmehr vor allem bedrückte, das war die erschreckende Situation, in der die Inuit dort leben. Der Film beeilte sich übrigens darauf hinzuweisen, dass die Inuit früher Eskimos genannt worden seien. Inuit sei ihre eigene Bezeichnung. Wenigstens den korrekten Namen sollten wir doch einem aussterbenden Volk gönnen.

Der Film begann damit, dass die Dorfbewohner, die, von ein oder zwei letzten Jägern abgesehen, alle von dänischen Sozialleistungen leben, einen kaum vierzehnjährigen Jungen beerdigten, der sich selbst umgebracht hatte. Die Selbstmordrate unter den jungen Inuit sei ungeheuer groß, hieß es. Sie scheinen für sich selbst keinerlei Perspektive zu sehen, denn das Fernsehen zeigt ihnen die große, bunte Welt jenseits des Grönländischen Packeises, jenseits von Robbenjagd und der monatelangen Dunkelheit der Wintermonate, ohne dass ihnen der Weg dorthin offen steht.

Die Inuit Siedlung Cape Dorset

Etwa in der Mitte des Filmes wurde dann eine zweite Beerdigung gezeigt, da sich erneut ein Bewohner des Dorfes umgebracht hatte, ein Sechzehnjähriger. Und tatsächlich endete dann der Film sogar mit einem dritten Selbstmord. Der ebenfalls sechzehnjährige Sohn des Jägers, der die Hauptfigur in diesem Film abgegeben hatte, brachte sich um. Er hinterließ einen kurzen Abschiedsbrief mit den Worten “Ich kann nicht mehr.”

Tage zuvor waren sein Vater und zwei andere Jäger mit ihm auf die Jagd gegangen. Sie waren mit drei Schlittenhundgespannen die Ostküste hinauf gefahren, um Robben zu jagen. Sie hatten dann jedoch wegen des verfrüht einsetzenden Tauwetters keine Robben mehr vorgefunden. Der Junge, er hieß wohl Thomas, der sich dann nach der Rückkehr ins Dorf umbrachte, hatte auf dieser Jagd das Privileg, die erste Robbe zu erschießen. Da jedoch infolge des Tauwetters die Robben fehlten und die Jagdgruppe auch schnell ins Dorf zurück musste, um nicht mit den Hundegespannen ins schmelzende Eis zu geraten, so wurde für Thomas nur pro forma die Situation des ersten Schusses inszeniert. Man hieß ihn, auf einen Eisberg zu schießen. Natürlich schoss er prompt daneben! Die anderen Jäger tätschelten ihm ebenso wie sein Vater den Kopf, lachten über ihn und sagten, dass er nie ein Jäger werden würden.

Na prima, das wurde er dann ja auch nicht! Er beging stattdessen Selbstmord. So wie seine Freunde und gleichaltrigen Kameraden zuvor. Es war der dritte Selbstmord in diesem Grönlandfilm.

Nimmt man das Ernst, so darf man wohl nicht mehr einfach nur von einem Klimawandel reden. Man müsste vielmehr sagen, dass der von Menschen verursachte Klimawandel zugleich eine Waffe ist, mit der ein Genozid an den indigenen Völkern unseres Planeten betrieben wird. Selbst dann, wenn sie körperlich überleben sollten, etwa deshalb, weil das dänische Sozialsystem auch den Inuits ein minimales Restleben gestattet, werden sie kulturell und in ihrem eigenen Bewusstsein sterben. So wie jetzt schon ihre Kinder sterben, weil sie nicht mehr weiter wissen, weil in dieser Welt für sie keinerlei Perspektive vorhanden ist.

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Der Namenlosen + wider die Verächter des Körpers

Vita brevis est                                                      für Karl-Heinz

Wenn das Bewusstsein einmal
mehr als die 16 Bit enthält, die uns
die Informationstechnologie für unser
Kurzzeitgedächtnis zugesteht, was
wissen wir dann? Sind wir dann
erleuchtet? Oder bleiben wir nicht alle
Inseln im Strom der Wahrnehmung?

Und des Vergessens, eingerahmt
von einem kleinen Vorher und
Nachher, das nur dann einen Sinn macht,
wenn wir selbst diesen Sinn behaupten?
Aber wir wollen ja, dass Wahrheit sei
und finden uns mit dem unbewiesenen
Glauben und mit der Lüge leicht ab.

Einmal, vor mehr als vierzig Jahren
saß ich auf einer grünen Bank
die an einem Waldsaum in einem
deutschen Mittelgebirge stand
und küsste die Brüste eines jungen
Mädchens, das darüber ebenso

erschrocken und entzückt war, wie ich.
Wenn ich mich zu erinnern versuche
so kommt es mir vor, als habe ich ihren
Namen nie gekannt. Aber das, was ich
durch sie über unsere Körper verstanden
habe, lässt mich heute noch unruhig werden.
Wieviel Bit braucht es für diese Gedächtnisspur?

 

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Religionskritik oder Karl-Heinz und die Unsterblichkeit

Wiesbaden, Montag 10. Dezember 2012, bei verschiedenen Verdi-Aufnahmen aus den Jahren 1925 
bis 1942 mit dem wundervollen Bariton von Heinrich Schlusnus (1888 - 1952)

Aus gegebenem Anlass muss ich hier einmal einen älteren Blog-Beitrag aus meinem ersten Blog erneut veröffentlichen. Er stammt vom 16. Juli 2009, und ich veröffentliche ihn an dieser Stelle nochmals, weil ich auf der an sich für solche Fragen ganz unpassenden Plattform von Facebook mit meinem alten Freund Karl-Heinz St.-F. etwas ins argumentative Säbelfechten  gekommen bin. Wohlgemerkt, Karl-Heinz und ich sind keine FB-Freunde oder das, was FB so nennt. Wir kennen uns wahrhaftig, und das bereits seit über 40 Jahren. Und ich schätze ihn ungeheuer. Er ist ein großer Maler, dessen Bilder seit Jahrzehnten meine Wände schmücken. Wenn es nach mir ginge, so wäre er weltberühmt, was er auch zwingend verdient hätte.

Aber darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr darum, dass Karl-Heinz und ich uns in einem bestimmten Punkt sehr deutlich unterscheiden. Während ich nämlich in Glaubensdingen zumindest ein ganz klarer Skeptiker bin, so verteidigt er eine für mich wenig akzeptable Gottesvorstellung und behauptet sogar die Unsterblichkeit, ja, auch seine eigene. Zwar weicht er mir immer wieder aus, wenn ich ihn dazu bringen will, mir genau zu erklären, wie man sich das vorstellen muss, aber er scheint in diesem Punkt volle Glaubensgewissheit zu besitzen. Aber da kann er mir, der ich schon Götter sterben gesehen habe, gar nichts vormachen, und ich verlange zumindest eine angemessene geistige Auseinandersetzung über das Thema.

Darum jetzt dieses Rebloggin, weil ich denke, dass mein Beitrag über David Hume von 2009 vielleicht doch etwas zur Aufhellung des Gegenstandes beitragen könnte. Schaun wir mal:

Religionskritik // 16. 07. 2009

Heute habe ich, als Vorbereitung auf ein Hume-Seminar, das in der kommenden Woche im Elsaß stattfinden wird, die Lektüre von David Humes „Dialoge über natürliche Religion“ beendet. Es war eine höchst erfreuliche und unbefriedigende Lektüre zugleich. Erfreulich deshalb, weil sich Humes Text ganz wunderbar liest und dadurch zu einem literarischen Genuss wird. Die ‚Dialogues concerning Natural Religion‘, die erst postum 1779 erschienen, sind ein literarisches Kleinod, ein Text von solch geschliffener Prosa, dass er selbst in Humes eigener Epoche, die für literarischen Stil noch ein Ohr besaß, als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Diese literarische Qualität wird von der Kritik seither auch stets betont. Um so erstaunlicher vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Lesbarkeit philosophischer Text meist ganz anders beurteilt zu werden pflegt. Ein großes Buch also, das zu Recht als Humes bedeutendste religionstheoretische Schrift gilt.

Als unbefriedigend empfand ich die Lektüre andererseits deshalb, weil sie zwar auf die denkbar genaueste Weise die Unvereinbarkeit einer wie auch immer gearteten Gottesvorstellung mit der menschlichen Erfahrung nachzeichnet, ohne dabei aber zu einer klaren Aussage über die doch offensichtliche Nicht-Existenz Gottes zu kommen, obwohl alle Argumente dafür als zwingend erscheinen. Ja, es ist sogar so, dass der gedankliche Ausgangspunkt gar nicht bei der Frage ob Gott existiert oder nicht ansetzt. Die Existenz Gottes wird in Humes Dialogen schlicht vorausgesetzt! Und gefragt wird vielmehr nach dem WESEN Gottes und dessen Vereinbarkeit mit der Erfahrung.

Zwar erweist sich auch dabei in allen Punkten, dass Aussagen über das Wesen Gottes eben gerade nicht mit unserer Erfahrung vereinbar sind und sogar in vielfache Widersprüche geraten müssen, die sich nicht auflösen lassen, wenn man nicht zum reinen Glauben Zuflucht nehmen und die realen Lebensverhältnisse der Menschen ignorieren will. Für Humes Diskussion des Themas ist das der entscheidende Punkt. Für einen religionskritischen Leser der Gegenwart bleibt hier jedoch der entscheidende unaufgelöste Rest, denn ohne die Existenz Gottes abzulehnen oder zumindest in Zweifel zu ziehen, ist eine klare Stellungnahme in dieser Frage nicht zu haben. Das sollte nicht erst durch den gegenwärtigen religiösen Fundamentalismus deutlich geworden sein.

Die Argumentation der ‚Dialogues‘ expliziert den Sachverhalt freilich im Grunde viel klarer, als die Dialogpartner im Text letztlich zuzugeben bereit sind. Und es überrascht deshalb nicht, dass nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, welche der drei Positionen, die in den Dialogen vertreten werden, Humes eigene war. Es war dem Autor, angesichts der drohenden Konflikte mit der Kirche, ganz offensichtlich an einer Verschleierung dieser Zuordnung gelegen. Und die Tatsache, dass die Schrift zu Humes Lebzeiten mit Rücksicht auf die Kirche gar nicht publiziert werden konnte, spricht für sich.

Sieht man von der erzählerischen Rahmenhandlung ab, so ist die argumentative Zuordnung der einzelnen Dialogpartien folgendermaßen aufgeteilt. Die glaubensmäßig orthodoxe Position ist dem theistisch denkenden DEMEA zugeordnet. CLEANTHES hingegen hegt zwar keinerlei Zweifel an Gott, vertritt aber einen gewissermaßen aufgeklärten Deismus. Und als dritten haben wir PHILO, der meist den Wortführer macht und eine absolut skeptizistische Position verteidigt, die er im Grunde in allen Punkten auch durchzusetzen versteht:

„Die einzige Haltung, die dem menschlichen Verstand in dieser tiefen Unwissenheit und Dunkelheit zukommt, ist die der Skepsis oder zumindest die der Vorsicht. Er sollte eigentlich gar keine Hypothese akzeptieren, keinesfalls aber eine, die nicht einmal den Anschein von Wahrscheinlichkeit für sich hat.“ (Teil 11 / Seite 110) Dies schließt PHILO angesichts der Unmöglichkeit, die Tatsache zu erklären, dass das menschliche Leben durch so viele Übel geprägt ist, dass die Behauptung einer gütigen Gottheit, deren Schöpfung zum Besten bestellt sei, zu einer Absurdität wird.

Humes ‚Dialoge‘ versuchen zweierlei. Zum einen untersucht er die Frage der Stichhaltigkeit der bekannten Gottesbeweise. Er beleuchtet also die Frage, ob wir, wenn wir uns nicht unhinterfragt auf bloßen Glauben verlassen wollen, einen rationalen Nachweis der Existenz Gottes erbringen können. Und zweitens gelingt es ihm, das Theodizee-Problem zu formulieren, indem er die Unvereinbarkeit mit der Gottesvorstellungen auf der einen und dem tatsächlichen Zustand der Welt auf der anderen Seite in aller Schärfe aufzeigt.

Nun, ich empfehle allen Interessierten die Lektüre von Humes Text, der als Band 7692 in der kleinen gelben Bibliothek des Reclam-Verlages, Ditzingen erschienen ist und gerade mal 5,00 Euro kostet. Das Buch ist zwar über 200 Jahre alt, doch ist es auch heute noch geeignet, an seiner Argumentationskraft jeden religiösen Fundamentalisten zu Schanden werden zu lassen.

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Das Herz hat ein langes Gedächtnis

Wir sprechen gern vom „Loslassen“, wenn wir eine Therapie machen oder uns mit Meditation beschäftigen. Wie wichtig es ist, die Fixierungen an eingefahrene Verhaltensweisen und längst unsinnig gewordene Vorstellungen und Reaktionsmuster zu lösen, um uns zu entwickeln und möglicherweise heil und ganz zu werden, ist fast zu einem Gemeinplatz geworden. Schließlich ist das Wissen darum ja auch uralt, hat doch Buddha bereits vor zweieinhalbtausend Jahren das „Anhaften“, also das Nichtloslassenkönnen, als die Quelle allen Leidens identifiziert.

Freilich ist die Vorstellung, die wir mit dem Loslassen verbinden, fast immer die eines geistigen Vorgangs, eines mehr oder weniger bewussten Aktes. Und da wir uns in geistiger Hinsicht für autonom halten, so gehen wir auch davon aus, dass das Loslassen möglich sein muss. Es mag schwierig sein, denken wir, vielleicht bin ich noch nicht so weit, aber andere haben es doch auch geschafft. Warum also nicht ich?

Dass es mit dem Loslassen etwas anders beschaffen sein könnte, hätte ich erstmals vor bald dreißig Jahren verstehen können. Anfang der Siebziger ließ ich mich in die gerade in aller Munde befindliche TM, die so genannte ‚Transzendentale Meditation’ einführen. Dann saß ich, um zu meditieren, doch statt großer Einsichten oder irgendwelcher mystischer Erlebnisse suchte mich überraschend ein heftiger Schmerz im linken Knie heim. Ehe ich mich versah, war ich wieder der zehnjährige Junge von einst, der im Hof hinter der elterlichen Wohnung auf der Kellertreppe hockte, sein blutendes Bein festhielt und sich nicht zu helfen wusste. Dass dieser Schrecken noch in meinem Körper steckte, das hatte ich nicht gewusst. Damals schon hätte ich begreifen können, was da vorlag.

Und auch Jahre später, als ich damit begann, mir im späten Erwachsenenalter das Klavierspielen beizubringen, wäre eine gute Chance gewesen, endlich einzusehen, wie sehr wir Körper sind. Immer unsicher in der schwarzen Zauberschrift der Noten, die vor mir aufgeschlagen standen, begann ich mich darüber zu wundern und zu freuen, wenn meine Finger plötzlich wie von allein eine Passage spielten, ohne dass ich hätte angeben können, wo diese Stelle genau zu finden war. Fingergedächtnis nannte ich das. Wer spielte da eigentlich? Ja, im Grunde griff die Frage sogar noch zu kurz, da schien es nämlich nicht nur ein Gedächtnis in den Fingern zu geben, auch ein Gefühlsleben war vorhanden. Das machte sich zum Beispiel deutlich bemerkbar, wenn ich auf Reisen war und auf das Klavierspiel vorübergehend verzichten musste. In einem Gedicht schrieb ich darüber und nannte es „die verrückte Sehnsucht der Finger / in Abwesenheit des Klaviers“. Noch später, als mein Körper schon längst auf anderen Wegen deutlich auf sich aufmerksam gemacht hatte, schrieb ich ein Gedicht über das Gedächtnis des Herzens, wie ich das nun für mich nannte. Es geht so:

In der Nacht Walzerklänge

Mein Herz, dieser fremde Gast in der Brust.
Regelmäßig am Nachmittag klopft er an,
etwa zwischen vier und fünf.
Ich nehme ihn dann mit auf den Postgang,
rede mit ihm wie mit einem unartigen Kind.
Aber er hört nicht auf mich.

Mag sein, ich habe mit ihm einen alten Vertrag,
an den ich mich nicht erinnere,
und er erfüllt nur seine mahnende Pflicht.
Mag sein, er weiß etwas, das ich nicht wissen will.

Es ist vermutlich das Licht, der Geruch von feuchtem Haar und
Walzerklänge in der Nacht. Die ganze lange Geschichte eben.
Dazu Farben. Resedagrün zum Beispiel, das Blau
im Innern des Eises und das unglaubliche Leuchten
im Moment der Berührung einer fremden Haut.

Mag sein, zwischen uns besteht ein Vertrag
über die Dinge, denen ich untreu geworden bin.
Das Herz kennt all das und bewahrt es auf,
für den Tag, da es bricht. *

Gut möglich, dass die in diesem Gedicht ausgesprochene Vermutung, es bliebe bis zum Tod erhalten, was sich da in der Zeit unseres Lebens in den Körper eingeschrieben hat, pessimistisch klingt. Sicher scheint mir hingegen, dass der Körper all das kennt und es aufbewahrt. Und dass wir darüber in keiner Weise direkte Verfügungsgewalt besitzen und von der Möglichkeit, die Erfahrungen unseres Körpers „loszulassen“, meilenweit entfernt sind, das erscheint mir evident.

In seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ schreibt Jean-Paul Sartre, dass der Körper keineswegs eine zufällige Zutat zu meiner Seele ist „sondern im Gegenteil eine permanente Struktur meines Seins und die permanente Möglichkeitsbedingung meines Bewusstseins als Bewusstsein von der Welt und als Entwurf, der auf meine Zukunft hin transzendiert.“ Wenn dem so ist, dann ist es freilich dringend notwendig, die Erfahrung des Körpers nicht zu ignorieren. Ich habe nicht einmal die Möglichkeit, sie als vergangen abzutun, denn das, was sich in meinen Körper eingeschrieben hat, bestimmt meine Gegenwart ebenso wie die Weise, in der ich mich in die Zukunft hinein entwerfe.

Auch das hatte ich auf der körperlichen Ebene längst erfahren, bevor es mir hinreichend bewusst wurde. Sechs Monate nach einer schweren Krebserkrankung mit erfolgreicher Operation, als alle Welt mir ständig zu meinem neuen Leben gratulierte, fiel mir auf, dass ich immer noch in einer Art Betäubung durch die Welt lief und mir wie ein Zombie vorkam. Ein neues Leben? Was sollte das sein? Und dass ich es bemerkt hatte, reichte noch nicht einmal aus, denn ich brauchte weitere drei Monate, um von dieser Betäubung halbwegs frei zu werden.

Natürlich stimmt es, dass das Anhaften die Ursache allen Leidens ist. Aber um frei zu werden, müssten wir eben auch unsere körperlichen Traumata loslassen können. Kann das gelingen?

Meine alte Freundin G., mit der ich vor über dreißig Jahren studierte, nun längst wie ich im sechsten Lebensjahrzehnt angekommen, lebt ein Leben, das bis auf den heutigen Tag von der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs bestimmt ist, den sie in der Kindheit erleben musste. Sie arbeitet selbst als Therapeutin, begegnet dieser traumatischen Erfahrung also gewiss in vieler Hinsicht besser gerüstet, als andere Menschen. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass der Missbrauch ihr Leben zerstört hat und weiter zerstört. Dies auch nur in Gesprächen und Briefen miterleben zu müssen, hat mich mitunter so bedrückt, dass ich mich immer wieder zu Ratschlägen hinreißen ließ, weil ich nicht ertragen konnte, sie so leiden zu sehen. Warum, so dachte ich, kann sie sich nicht davon befreien? Sie ist doch eine erwachsene, selbstbestimmte Frau. Sie ist doch nicht mehr das Kind von damals! Das ging so lange, bis sie mir endlich zurief: „Bitte keine Ratschläge mehr! Ich kenne sie alle, habe alle ausprobiert. Und ich weiß, dass sie nicht funktionieren.“

Ja, sie hat Recht. Sie hat deshalb Recht, weil wir auf der Ebene des Körpers niemals aufhören werden, eben auch dieses Kind zu sein, als das G. vor Jahrzehnten den Missbrauch ertragen musste. Da können wir im Kopf noch so viel „loslassen“ wollen. Die Sprache des Körpers ist eine andere. Ich gebe G. Recht und trauere gleichzeitig um sie. Allerdings nicht ihrer Vergangenheit wegen. Dieser Teil ihres Lebens ist nicht zu ändern.
Zu ändern wäre nur ihre Gegenwart, und ich bin trotz allem vollkommen davon überzeugt, dass das möglich ist. Wenn das Anhaften die Quelle des Leidens ist, dann ist auch die Befreiung möglich, selbst wenn unser Körper in jeder einzelnen Zelle all das gespeichert haben sollte, was uns jemals widerfahren ist. Dafür müssten wir uns freilich zu allererst von der smarten Vorstellung des Loslassens selbst befreien. Wenn der Körper sich ebenso an jeden Schmerz erinnert, wie er sich Klaviersonaten von Mozart einverleibt, wenn unser Leib also im Grunde eine lebendige Aufzeichnungsfläche ist, auf der jede Freude und jede Narbe ihren Platz hat, wer sind dann wir, dass wir glauben, irgendetwas davon „loslassen“ zu können. Natürlich können wir das nicht! Das einzige, was wir können, ist, die Dinge anzuerkennen.

Ja, ich möchte vorschlagen, das Loslassen gegen das Anerkennen, das Akzeptieren einzutauschen. Das soll nicht heißen, dass man die schlechten Verhältnisse gut heißt. Natürlich sollen wir den Vergewaltiger als das benennen, was er ist, und seiner Strafe zuführen. Selbstverständlich sollen wir den Krebs ebenso bekämpfen, wie wir uns gegen gesellschaftliche Missstände wenden sollten. Aber die Narbe, die wir bei all dem empfangen haben, die ist unser Leben. Die Narbe selbst gilt es zu akzeptieren, so schwer es auch fallen mag.

Als ich kürzlich im Schwarzwald mit einem Überlandbus fuhr, fühlte ich mich gestört, weil der Busfahrer im Radio einen Sender mit deutschen Schlagern laufen ließ. Ich versuchte zuerst weg zu hören, da ich deutsche Schlager meist nur schwer ertrage, und ärgerte mich dann, weil es natürlich nicht gelang. Nun hatte ich die Wahl, ich konnte mich die nächste Stunde sinnlos ärgern oder die Musik akzeptieren. Kaum hatte ich das getan, als ich einen der Texte wahrzunehmen begann. Ein müder Sopran sang immer wieder den Refrain „Wenn das Glück mich verlässt, halt ich die Scherben noch fest.“ Genau so funktioniert es, dachte ich! Wir klammern uns an unsere Lebensscherben, wobei wir uns natürlich wieder und wieder verletzen. Und dann kommen all die Versuche des Loslassens, bei denen wir jedes Mal hoffen, dass die Scherben irgendwie verschwinden werden. Aber die Scherben verschwinden nun mal nicht. Auch sie sind ja unser Leben! Selbst wenn der Kopf es längst vergessen haben sollte, der Körper bewahrt sie alle auf. Wenn man das endlich einmal anerkennen würde, wäre viel erreicht. Nicht leugnen und nicht verteidigen, einfach nur zugeben und ohne Bewertung anschauen. Sich selbst ins Gesicht sehen und zugeben, dieser Mensch, mit diesen Verletzungen, diesen Fehlern, diesen Hoffnungen, dieser Scham usw., das bin ich. Und es ist okay, dass es so ist. Irgendwann kommt dann der Tag, an dem wir feststellen, dass wir aufgehört haben, ständig genau die Handlungen, Gefühle und Gedanken zu wiederholen, die uns mit diesen Scherben verbinden. Das Loslassen, das wir bewusst gar nicht schaffen können, geschieht dann von allein. Ja, wenn wir die Wirklichkeit annehmen können, wie sie ist, dann ist es schon geschehen.

* „In der Nacht Walzerklänge“: aus Peter H. Gogolin: „Ich, Nichts, Vorbei“, Gedichte, Poetische Hefte Nr. 13, Hamburg, 1999

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Zwischen Starbucks und Hegel

Eine der faszinierendsten Gestalten der Gegenwartsphilosophie ist sicher der Slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Wie kein anderer Denker leitet er seine Zeitkritik aus Analysen unserer realen Gegenwart ab und nimmt dabei die Computerwelt ebenso in den Blick wie die Popularität des Dalai Lama oder die Untoten der Horrorliteratur eines Stephen King.

Dass er dabei nichts weniger im Sinn hat, als die Philosophie Hegels zu aktualisieren, indem er die Psychoanalyse Lacans als Werkzeug benutzt, um den Deutschen Idealismus zu verstehen, macht sein Denken nicht gerade einfach. Darum ist es sehr zu begrüßen, dass auf youtube einige seiner Vorträge verfügbar sind. Ich verlinke hier seinen Vortrag “What daoes it means to be a revolutionary today? Marxism 2009: http://www.youtube.com/watch?v=_GD69Cc20rw


Und bitte, stören Sie sich nicht daran, dass Žižek sein T-Shirt aus einem Altkleider-Container geklaut zu haben scheint, auch nicht an seiner massiven Nervosität, die ihn permanent an die eigene Nase und nach anderen Körperregionen greifen lässt. Und über den Umstand, dass sein Englisch ein Skandal ist, wie mein Bruder D. sagte, wollen wir ebenfalls hinweg sehen. Der Mann hat nämlich wirklich etwas zu sagen, völlig unabhängig von diesen Äußerlichkeiten.

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Die Größe der Seele messen

Wiesbaden, 25. November, bei Ponchiellis "La Gioconda"

Zu den Dingen, die mir besonders viel Spaß machen, gehört die Auseinandersetzung mit den Thesen derjenigen, die der Philosoph John R. Searle die “Vertreter der starken KI” genannt hat. Die KI (Künstliche Intelligenz) verfolgt das Ziel, mit Computern die Tätigkeit des menschlichen Geistes nachzubilden und ihn eines Tages möglicherweise gar zu übertreffen. Dabei wäre es natürlich ein erstrebenswertes Ziel, ihn überhaupt erst einmal zu verstehen.
Um es kurz zu machen, ich teile die Ansicht von Philosophen wie Searle und Roger Penrose, dass die Ziele der starken KI nicht zu erreichen sind. Insbesondere finde ich die argumentative Kraft von Searles Gedankenexperiment des “Chinesischen Zimmers” evident. Dies sei hier ohne weitere Begründung gesagt, da es mir darum im Moment nicht geht.

Worum es mir geht, das ist Douglas Hofstadter. Er ist vermutlich derjenige Vertreter der starken KI, der international als einziger einem größeren Publikum bekannt ist, seit er das Buch „Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band“ publizierte, für das er 1980 den Pulitzer-Preis sowie den American Book Award (Science Hardback category) erhielt.

Ich habe im Jahr des Erscheinens bei Radio Bremen unter dem Titel ”DIE ORGANISATION DES DENKENS“ eine dreiviertelstündige Radiosendung über dieses Buch veranstaltet. Aber das ist alles Vorgeschichte. Seither habe ich natürlich alle seine Buchpublikationen verfolgt. Schon allein deshalb, weil ich sehen wollte, wie die zeitlichen Projektionen auf die Leistungsfähigkeit von Computern regelmäßig zuschanden wurden. Dann aber auch, da Doug höchst originell ist und nicht davor zurückschreckt, wirklich etwas zu wagen. Welcher gegenwärtige Denker würde sich schon zu Kapitelüberschriften wie ”Wie fühlt es sich an, eine Tomate zu sein?“ oder zu ”Kann Klopapier denken?“ hinreißen lassen?

Sein momentan letztes ins Deutsche übersetzte Buch ”Ich bin eine seltsame Schleife“, wirkt freilich recht enttäuschend. Es ist nicht nur erklärtermaßen eine vereinfachte Darstellung der meisten Positionen von Hofstadters Konzept der artifiziellen Intelligenz. Es versteigt sich vor allem sogar zu einer Definition der Seele, die sich recht absurd liest. Erstaunlich ist dies freilich schon allein deshalb, weil sich kein Philosoph der Gegenwart und schon gar kein Wissenschaftler jemals dazu bereit gefunden hätte, den Begriff Seele auch nur in den Mund zu nehmen. Womit man sich beschäftigt, das ist das Bewusstsein. Der Geist im Sinne des Mind noch, aber die Seele gewiss nicht.

Hofstadter tut es. Und er scheut sich auch nicht, die Seele zu definieren. Klar, das ist selbstverständlich unverzichtbar, wenn man hernach von den unterschiedlichen Größen der Seelen handeln will. Aber, was ist denn nun die Seele eigentlich??? Nach Hofstadter, der an diesem Punkt gewissermaßen bei Kant klaut, ohne ihn zu nennen, ist die Seele nichts anderes als das System an Begrifflichkeiten und Symbolen, mit dem wir unsere Wahrnehmungen ordnen. Kant würde zu Hofstadter zwar sagen, dass die Tatsache, dass wir über ein Symbolsystem verfügen, das unsere Vorstellungen strukturiert, noch längst nicht zur Annahme der Existenz einer Seele berechtigt. Letzteres ist einfach ein Beispiel für die schlechte Metaphysik, die uns immer wieder zu all den unhaltbaren Aussagen über Gott, Jenseits, das Leben nach dem Tode usw. verleitet.

Nun, die Begrifflichkeiten bei Hofstadter gehen reichlich durcheinander, sodass er das, was er einerseits als Seele bezeichnet, andererseit auch einfach mit so etwas wie ”Innerlichkeit“ gleichsetzt und dann übergangslos zum Ich und zum Bewusstsein gelangt. Zitat: Das zentrale Anliegen dieses Buches ist der Versuch, diese ”subtile innere Struktur“ zu bestimmen, von der ich annehme, dass sie dem zu Grunde liegt oder das hervorbringt, was ich hier eine ”Seele“ oder ein ”Ich“ genannt habe. Ich hätte genauso gut von einem ”inneren Licht“ sprechen können, von ”Innerlichkeit“ oder von dem alten Hit ”Bewusstsein“.

Mir will scheinen , dass ein derart unsubtiles Palavern über diese ”subtile innere Struktur“ selbst den unbedarftesten Suppenköchen der Esoterik nicht recht schmecken dürfte. Das hindert Hofstadter nicht daran, sogar die unterschiedliche Größe der Seele zu bestimmen, die verschiedene Lebewesen seiner Ansicht nach zwangsläufig haben müssen. Klar, wenn Seele, Ich, Bewusstsein etc. nur ein ”System von Begriffen und Symbolen“ ist, dann verfügt ein Atom, ein Virus, eine Mikrobe natürlich über sehr wenig bis gar nichts davon. Bei Mücken, Bienen, Goldfischen, Hühnern und Kaninchen wirds dann schon schwieriger, da wir ihnen sicher ein gewisses System innerer Symbole zugestehen müssen, sei es nur, um zu verstehen, wie sie auf wiederkehrende Reize reagieren etc. Hunden, Menschen mit Hirnschaden, geistig zurückgebliebene Menschen, senile Menschen usw. besitzen dann schon weit mehr Seele/Bewusstsein. Aber wirklich viel hat davon selbstverständlich nur der normale, erwachsene Mensch. Ein Zwanzigjähriger also weit mehr als ein Zweijähriger.

Beseeltheit ist also nach Hofstadter kein An/Aus-Modus, sie entwickelt sich vielmehr stufenweise und kann auch wieder schwinden. Zitat: Ich glaube …., dass eine menschliche Seele allmählich entsteht, im Lauf von Jahren der Entwicklung.

Was natürlich ebenso Folgen für unsere Ernährung haben dürfte wie für die Frage der Abtreibung, was Hofstadter auch selbst anmerkt. Denn so wie der Zellklumpen nach der Befruchtung über keinerlei Begrifflichkeit und Symbolsystem verfügen dürfte, das ihn in den Status des Beseelten versetzen könnte, so könnte ich ohne in ein moralisches Dilemma zu geraten, zwar eine Tomate essen, nicht aber ein Tier, das auf der Hofstadterschen Skala zwar nicht ganz oben aber immerhin im Mittelfeld angetroffen wird. Hunde essende Chinesen fallen dabei freilich schon total durch, denn Hunde kommen nach Hofstadter gleich unter den Menschen mit Hirnschaden. Und die essen wir ja auch nicht. Oder vielleicht doch? Ein Glück, dass ich schon längst Vegetarier bin.

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Dinge ändern sich, Menschen nicht – Das Bachmann-Rinser-Dilemma

Wiesbaden, 24. November 2012, bei Allan Pettersson, Symphony No. 10 (1972)

Wehrt euch viel, gehorcht wenig.

Walt Whitman

Mein Gedankenspiel bezüglich der selbständigen E-Book Publikation, das ich hier vor einer knappen Woche anstellte, hat nun prompt dazu geführt, dass ich davon wieder Abstand nehme. In den letzten Tagen erhielt ich mehrere Angebote, meine Erzählungen betreffend, sodass das nun doch von Verlagsseite übernommen werden wird. Allenfalls für meine Theaterstücke wäre die selbständige Publikation als E-Book noch eine Option, aber das ist insgesamt sowieso nicht sonderlich drängend, sodass ich das mal zurückstelle.

Gefreut hat mich ansonsten, dass nun auch mein neuer Roman “Das Herz des Hais” auf den Online-Portalen lieferbar ist, wofür ich hier mal den Link zu eBook.de lege, der ursprünglichen LIBRI- Seite. Diese Seite ist mir gegenwärtig am sympathischten, wenn es schon ein Online-Portal sein muss. Ansonsten kann das Buch selbstverständlich auch über jede Buchhandlung geordert werden oder wahlweise direkt beim Verlag.

Dinge und Verhältnisse ändern sich also, etwas geschieht und verändert die Situation etc. Menschen nicht, habe ich oben geschrieben. Über diesen ernüchternden Tatbestand habe ich gerade in den letzten Tagen wieder viel nachdenken müssen. Zum einen deshalb, weil ich zum wiederholten Mal in diesem Jahr in einer Krisenintervention unterwegs war. Nur um doch wieder zu erfahren, dass da zwar um Hilfe gerufen wird, dann aber doch alles beim Alten bleiben soll und das Verhalten nicht geändert wird. “Ich habe das Gefühl für die Gefährdung meines Lebens verloren.”, sagte mir gestern der Betreffende, als ich ihm die Konsequenzen seines selbstzerstörerischen Verhaltens vor Augen zu führen und ihm Alternativen aufzuzeigen versuchte. So wird es also wohl jetzt alles auf das absehbare Ende zusteuern.

Für mich als Autor führte der Gedankengang von dort freilich auch sofort wieder zur Literatur und damit zu dem ehernen Gesetz der Prosa, dass wir den Figuren in unseren Geschichten – wenn es sich nicht um irgendwelche Nebenfiguren handelt – zwingend eine Entwicklung zuschreiben, eine persönliche Wandlung des Charakters gar. Es ist da eine Erfahrungsoffenheit vorausgesetzt, die es vor allem Hauptfiguren aufgrund der notwendigen Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeit erlaubt, verändert aus den Ereignissen hervorzugehen, dazuzulernen und sich sogar so weit zu wandeln, dass sie am Ende ‘ein anderer Mensch’ geworden sind.

Aber ist das nicht alles in Wahrheit Illusion? Wünschen wir uns nicht nur, dass es so wäre und schreiben diesen Wunsch deshalb als Bewegungsgesetz unserer Geschichten fest, die wir uns erzählen? Vielleicht weil wir sonst jegliche Hoffnung verlieren müssten? Mir fiel an diesem Punkt ein Satz der inzwischen verstorbenen Autorin Luise Rinser ein. Ich war bei ihr in Italien zu Besuch, weil ich sie zuvor interviewt hatte und nun meinen Text von ihr authorisieren lassen wollte. Wir saßen danach noch lange beisammen und unterhielten uns u.a. über meinen Roman “Kinder der Bosheit”, den sie inzwischen gelesen hatte. “Ich weiß genau, was Sie meinen”, sagte sie, “und Sie haben auch recht. Aber ich bitte Sie trotzdem – geben Sie doch den Menschen eine Chance!”

Mich hat das damals regelrecht erschüttert, denn ich verfuhr im Prinzip nach dem Diktum der Ingeborg Bachmann “Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.” Und nun die Forderung “Den Menschen eine Chance zu geben.” Wobei auch der Wechsel vom Dativ zum Akkusativ ganz bewusst mitgedacht werden muss. Denn Luise Rinser sprach nicht von dem Großsubjekt Mensch, sondern von jedem einzelnen Menschen.

Das Feld, das sich zwischen diesen beiden Positionen auftut, ist unerhört weit und kann gar nicht gründlich genug bedacht werden. Letztlich enthält das Diktum der Bachmann eine politische Forderung, hinter die man kaum zurück kann, vor allem nicht vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in Deutschland. Dann steckt darin natürlich auch eine erkenntnistheoretische Vorgabe, denn sie behauptet ja, dass es so etwas wie DIE WAHRHEIT tatsächlich gibt. Aber ist das wirklich wahr? Und nicht zuletzt der daraus in Bezug auf die Literatur folgende Realismusanspruch, dem durchaus nicht jeder wird folgen wollen. Demgegenüber formuliert Luise Rinsers Forderung so etwas wie einen versöhnenden Standpunkt, der, wenn er Aufgabe der Literatur wäre, im schlechtesten Falle zu einer Art von therapeutischem Schreiben führen müsste. Dass durch dieses Bachmann-Rinser-Dilemma, wie ich es mal für mich probeweise nennen möchte, auch die Frage der Willensfreiheit berührt wird, will ich vorerst nur kurz notieren; diskutieren kann ich das in der hier gebotenen Kürze nicht.

Wenn ich dabei heute meinen eigenen Standort bestimmen sollte, so finde ich mich in der paradoxen Situation, beiden Forderungen gerecht werden zu wollen. Das heißt, einerseits die schlechten Verhältnisse nicht schönreden, sondern sie immer wieder ins helle Licht rücken. Andererseits aber auch die Menschen nicht als an diese Verhältnisse verurteilt begreifen, sondern zumindest immer wieder eine offene Tür zeigen, durch die ein anderer Ausgang möglich wäre; auch wenn man aus Erfahrung zu wissen glaubt, dass niemand jemals diese Tür benutzen wird.

Das ist es, was meiner Ansicht nach das Wort Hoffnung meint, was das Wort Trost meint, was Luise Rinsers ‘Chance’ meint. Und brauchen wir das nicht alle, immer wieder neu, wenn wir am Morgen unseren Tag beginnen?

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Entscheidung für das E-Book – Zugang zum Werk schaffen

Wiesbaden, 18. Nov. 2012, bei Georg Friedrich Händels „La Resurrezione“ + Heinrich Schütz'
„Auferstehungshistorie“ in dieser Reihenfolge; erstere mit meiner Lieblingssängerin
Emma Kirkby als Angelo.

Verursacht durch T.M., eine meiner Coachees, habe ich mich in den vergangenen Tagen mit der Frage befasst, ob ich nicht als auf einer der E-Book Plattformen veröffentlichen sollte, etwa bei amazon im Kindle-Format. Ich meine damit natürlich nicht grundsätzlich und alles, aber es scheint mir doch der Überlegung wert, ob nicht bestimmte Werke dort durchaus einen sehr angemessenen Platz haben könnten. Ich denke z.B. an Erzählbände, Stories, denn es ist ja bis zum Erbrechen bekannt, dass einem Verlage immer wieder sagen, Erzählungen und Kurzgeschichten verkauften sich grundsätzlich nicht, womit dann auch die Ablehnung solcher Manuskripte gar nicht weiter begründet zu werden braucht. Selbst erfolgreiche Gegenbeispiele ziehen angesichts eines solchen Schubladendenkens ja nicht. Die Folge davon ist, zumindest im Falle meines Werkes, dass ich mir in den letzten Jahren fast ganz abgewöhnt habe, solche Texte zu schreiben. Dabei habe ich früher sehr gern Erzählungen geschrieben, und sei es nur in den mehr oder minder großen Pausen zwischen zwei Romanen etc. Und ich würde es sicher auch künftig gern wieder tun. Wenn ich mich dabei ganz von den Verlagen frei mache und von vorn herein auf die Selbstpublikation via E-Book konzentrierte, so käme wohl die Lust am Schreiben solcher kürzerer Prosa wieder zurück.

Eine weitere Möglichkeit böte diese Publikationsform für meine Theaterstücke, die sonst niemals einem normalen Lesepublikum zugänglich würden, obwohl sie doch für mich ebenso zu meinem Werk gehören wie die Romane. Hier ist es ja noch weitaus schlimmer als bei den kurzen Prosaformen, denn meist bekommt man Theaterstücke nichtmal dann gedruckt, wenn man zuvor den Nobelpreis erhalten hat. Dabei habe ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt, dass mich Leser anschrieben und fragten, ob und wo man Theaterstücke von mir bekommen könne. Ich musste dann immer antworten, dass meine Stücke zwar in einem Theaterverlag seien, Theaterverlage aber keine Bücher daraus machen, sondern die Texte lediglich vervielfältigen, um sie gegenüber den Theatern zu vertreiben, nicht aber im Buchhandel. Auch hier wäre also die E-Book Publikation ein Ausweg, bei der es mich nicht zu stören braucht, wenn die Nachfrage danach ganz gering bleibt. Ein verlegerisches Risiko wäre ja damit nicht verbunden, und die Zugänglichkeit meines Werkes wäre damit zugleich sehr gefördert.

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Das Wunder der baldigen Lieferbarkeit

Wiesbaden, 10. November 2012, bei Regenwetter und Bachkantaten

Nein, nein – nicht, dass Sie sich jetzt – angeregt durch die Überschrift – falsche Hoffnungen machen. Das Wunder der Lieferbarkeit ist noch nicht eingetreten! Auch nicht, weil wir uns langsam der Weihnachtszeit nähern und ich an das Christkind glaube. Ich schreibe nur deshalb, weil augenscheinlich im Gegensatz zu mir einige Leser daran glauben. Gestern sah ich nämlich ganz überrascht, dass mein neuer Roman „Das Herz des Hais“ auf amazon einen Verkaufsrang erhalten hat.

Nun sollte man ja meinen, dass das normal sei, jedes Buch hat halt einen, auch wenn es mitunter nur ein mieser ist. Aber selbst das gilt nicht, wenn Bücher gar nicht lieferbar sind bzw. „noch nicht“, was freilich auf eines herausläuft. Da sind also Bücher vorbestellt worden. Vor soviel Mut verbeuge ich mich tief, und ich hoffe, dass der Verlag nicht auch noch diese Mutigen enttäuschen wird. Natürlich habe ich vorsichtshalber gleich meine Frau gefragt, ob sie das am Ende gewesen ist. Aber sie verneint es glaubhaft.

Tja, wie verhält es sich nun? „Das Herz des Hais“, für den 15. September ursprünglich als lieferbar angekündigt, ist zwei Monate danach noch nicht auf dem Markt. Ziemlich genau einen Monat nach der Frankfurter Buchmesse ist das Buch nicht vorhanden. (Gerade in diesem Moment beginnt die Kantate BWV 93 ‚Wer nur den lieben Gott läßt walten‘.) Und dass keine Zeitungsredaktion, kein Kritiker ein Besprechungsexemplar erhalten hat, das versteht sich von selbst. Ich würde normalerweise sagen, es sei ein totgeborenes Buch, doch sage ich es deshalb nicht, weil ich weiß, dass es bereits ein unverzeihlicher Euphemismus ist, wenn man in diesem Fall von einer Geburt spricht.

Selbst wohlwollende Buchhändler wenden sich achselzuckend ab. Zu Wochenbeginn kam ich zu Herrn L. in die Buchhandlung. Er riss die Arme hoch und rief: „Wie kommen Sie denn an diesen wunderbaren Artikel in der Literaturzeitschrift ‚Volltext’? Der ist ja ganz großartig usw.“ Später im Gespräch meinte er: „Ich wollte den Artikel mit allen drei Seiten aushängen und dazu einen kleinen Büchertisch machen, um die drei Bücher, die von Ihnen jetzt wieder auf dem Markt sind, hier zu präsentieren. Aber das neue ist ja noch überhaupt nicht lieferbar. Wann kommt denn das endlich?“

Nun, wenn man schon in der Sch… sitzt, dann bekommt man ja bekanntlich immer noch was zusätzlich von oben drauf. Also auch bei L. keinen Büchertisch. Fehlt bloß noch, dass jetzt – da ich so unvorsichtig bin, mich in der Sch… zu rühren – die berühmte Katze kommt, die mich frisst. Am Ende wird es im Vertrag einen Passus geben, in dem steht, dass der Autor darüber schweigen muss, wenn der Verlag nicht liefert? Mal nachsehen.

Aber mal VOLLTEXT gesprochen: Da widmet mir diese Zeitschrift, die von allen Buchhändlern etc. gelesen wird, pünktlich zur Buchmesse einen riesigen Artikel, den selbst noch der Blindeste hätte nutzen können, um damit Bücher zu verkaufen. Eine riesige Steilvorlage für einen Verlag. Und was tut der meine? Er tut gar nichts, verpasst das restlos. Bei der britischen Komikergruppe Monty Python gibt es dafür einen Begriff. Er lautet „sich selbst auf den letzten Platz prügeln“. Danke, Ihr Lieben, das habt Ihr prima hingekriegt.

Helmuth Rilling und das Bach-Ensemble sind jetzt bei BWV 138 angekommen. Das ist die Kantate „Warum betrübst du dich, mein Herz“.


Okay, ich komme zum Schluss. Erstens wünsche ich den Vorbestellern des Buches, dass ihr Mut auf keine zu harte Probe gestellt werden möge. Zweitens muss ich der Gerechtigkeit halber ergänzen, dass es nicht nur mir mit dem Herz des Hais so geht sondern auch den übrigen Autorenkollegen im Verlag, die im Herbstprogramm angekündigt waren. Ich weiß nicht, wohin das führen soll. Aber ich denke, Zukunft hat das auf diese Weise nicht.

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Wider die ‘Schwarzen Löcher’

Wiesbaden, 24. Oktober 2012, bei Meyerbeers "Gli Ugonotti"

Bin inzwischen seit einer knappen Woche wieder in die Arbeit gekommen, in die tägliche, regelmäßige. Alles andere ist ja nur Flickschusterei, im besten Falle. Habe dem Brasilienstoff einiges hinzugeben können und bin jetzt tatsächlich endlich an der entscheidenden Schwelle der Handlung angelangt. Von nun ab wird Hendrik Cramer ein Gefangener sein, jeglichen Kontaktes mit der Außenwelt beraubt. Das ist natürlich für ihn selbst die schwierigste Situation seines ganzen Lebens, aus der er, wenn überhaupt, gänzlich verändert wird hervorgehen müssen. Aber auch für mich als Autor ist da ein ganz neues und höchst schwieriges Gebiet zu betreten, denn es ist ja die Frage, wie man einen Menschen schildert, der sich in einer solch totalen Isolation befindet und eigentlich nur noch auf den Tod warten kann, wenn er realistisch ist. Also sagen wir mal so: für Cramer ist es ein existenzielles Problem, für mich ist es ein darstellungstechnisches Problem, das ich naturgemäß aber sehr reizvoll finde. Wie wird Cramer mit seiner Angst fertig, seiner absoluten Hilflosigkeit, seiner Orientierungslosigkeit, seinem Hunger, seinem Durst, ja sogar mit seinem Stuhlgang etc. – mit allen Aspekten seines Ausgeliefertsein. Und für mich stellt sich Satz für Satz die Frage, wie ich das glaubwürdig und angemessen darstellen kann.

Cem. Nossa Senhora da Soledade

Freilich ist mein Schreiben der letzten Woche auch eines, das für mich stark mit der Situation des Helden im Roman korrespondiert. Ich hatte es schon aufgeben wollen und schreibe jetzt gewissermaßen gegen all die Schwarzen Löcher an, die sich für mich in der letzten Zeit aufgetan haben. Ich will das hier gar nicht weiter benennen, zumal die Leute, die es angeht, sowieso wissen, was ich meine, auch wenn sie mir versichern, dass alles gar nicht so sei. Nun egal, für meine Arbeit ist es auf jeden Fall höchst passend und zuträglich, wenn ich mich selbst in einer vergleichbaren Situation und Gemütslage befinde wie meine Hauptfigur. Man stelle sich vor, ich müsste z.B. über eine Hinrichtung schreiben, während ich selbst in absoluter Urlaubsstimmung wäre oder mich gerade neu verliebt hätte! Das wäre ja ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber die Mimesis hat naturgemäß Grenzen zu haben. Wie sagt der aussätzige Plácido im Roman? “Es gibt ein Land der Verzweiflung. Dort gibt es mehr Leid als es gibt. Aber dorthin will Plácido nicht gehen.” – Kluger Plácido!

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Nachlese zur Lesung im Hessischen Literaturforum

Montag, 15. Oktober 2012, bei Rossinis "Cenerentola" mit Cecilia Bartoli

Heute schrieb mir C. O., ich müsste meinen ‘Fanclub’ besser mobilisieren. Das hat mich sehr erstaunt. Und zwar einfach deshalb, weil ich gar nicht darauf gekommen wäre, dass ich einen Fanclub habe. Aber sie hatte natürlich Recht, und ich werde mich wohl in Zukunft stärker darum kümmern müssen. Danke für den Hinweis.

Die Lesung am vergangenen Samstag im Hessischen Literaturforum ist sehr gut verlaufen und hat mir Spaß gemacht. Es lasen – da es ein Verlagsabend war, bei dem auch das Programm des Kulturmaschinen Verlages insgesamt vorgestellt wurde – Alban Nikolai Herbst, Phyllis Kiehl, Leander Sukov und ich, in dieser Reihenfolge.

Simone Barrientos + Peter H. Gogolin

Ich las aus meinem neuen Roman Das Herz des Hais einleitend die beiden Anfangskapitel, um den Zuhörern eine Vorstellung von den unterschiedlichen Charakteren der beiden Schwestern Johanne und Karen zu geben, von denen das Buch handelt. Danach ein Kapitel etwa aus der Mitte des Buches, das Karen als eine große Liebende zeigt. Schade, sehr schade, dass das Buch z.B. auf amazon immer noch nicht als lieferbar angezeigt wird. Man kann es lediglich vorbestellen – und dass bereits seit über einem Monat, und obwohl ich am 20. September daraus in Frankfurt bereits die erste Lesung gehalten habe. Es ist zum Kotzen!

An den Schluss habe ich dann ganz spontan, da zur Eröffnung des Abends von Alban Nikolai Herbst aus seinem gerade erschienenen Essayband Schöne Literatur muss grausam sein ein Essay über das Reisen vorgetragen worden war, aus meinem Lyrikband Schnee auf neuen Gipfeln das Gedicht “Reisenotizen II” gestellt, gewissermaßen um den Kreis zu schließen.

Die Literaturzeitung ‘Volltext’ pünktlich zur Messe

Gefreut hat mich dieser Verlagsabend aber auch deshalb, weil die Literaturzeitung Volltext zur Buchmesse mit einem großen dreiseitigen Artikel über mich und meine Romanarbeit erschienen war. Schwerpunkt ist darin zwar mein Roman “Calvinos Hotel”, der bereits im Frühjahr 2011 erschienen ist, aber dieses Buch ist zweifellos nach wie vor wichtiger. “Das Herz des Hais” ist, verglichen mit Calvino, eher ein Nebentrieb, ein Kammerspiel über das Thema Sexualität, das – nach “Calvinos Hotel” entstanden – mit den Romanen “Der Akkordeonspieler” und “Der Schattenbruder”, die beide ebenfalls bereits fertig sind, ein Triptychon bilden wird, ein dreiteiliges Tafelbild, das im weitesten Sinne biblische Themen behandelt. Der Roman “Der Schattenbruder” z.B. behandelt das Thema des Brudermordes.

Ja, das wäre es so in etwa. Ich hoffe nun, da die Messe und die damit verbundenen Lesetermine vorbei sind, wieder in meinen Alltag zu kommen. Was vor allem auch heißt, dass ich in meinen üblichen Tagesrhythmus zurückfinde, bei dem jeder Tag mit der Arbeit am jeweils neuen eigenen Romanprojekt beginnt. In diesem Falle also an meinem Brasilien-Roman, der inzwischen zu etwa einem Drittel in einer ersten Fassung vorhanden ist und bis zum Jahresende auf das Doppelte anwachsen soll. Also von den jetzt 200 Seiten auf 400. Dann könnte ich im kommenden Frühjahr den 3. Akt schaffen. So in etwa wünsche ich es mir.

Das Buch erscheint dann freilich noch längst nicht im nächsten Jahr. Ich weiß überhaupt nicht, ob es schon 2014 erscheinen kann. Vermutlich werde ich es nach Abschluss der Niederschrift im Frühjahr erstmal für mindestens ein halbes Jahr liegenlassen. Um dann im Spätherbst die abschließende Fassung zu schreiben.

Mein Roman “Kinder der Bosheit” in der Ausgabe von 1986

Das nächste Jahr ist sowieso publizistisch bereits vorgeplant, da für 2013 eine Neuauflage meines Romans “Kinder der Bosheit” unter Vertrag ist. Und da ich noch nicht weiß, was daran als Überarbeitung zu tun sein wird, so werde ich darauf angewiesen sein, die ersten Fahnen schon früh zu erhalten. Die Neufassung des Romans “Seelenlähmung”, die im vergangenen Frühjahr erschienen ist und in Leipzig vorgestellt wurde,  hat elend viel Zeit verschlungen.

“Seelenlähmung” in der Neuauflage

Also am besten dann, wenn ich den Brasilien-Roman abgeschlossen habe und so ab März/April wieder freie Arbeitszeiten hätte. April, Mai, Juni usw. also Neufassung der Kinder der Bosheit. Außerdem werde ich frühzeitig schauen müssen, dass ich mir als Lektorin im Verlag Maria Evans-von Krbek sichere. Aber das wird schon klappen. Auf, gehen wir es an!

 

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Der Brasilienroman – ein Anschlussversuch

Wiesbaden am 05. Oktober 2012, bei Vivaldis Oper "Montezuma"

Wäre man eine Maschine, so hätte man vielleicht all die Schwierigkeiten nicht, mit denen man sich als unzulänglicher Mensch und Autor herumschlägt. Aber wer weiß, da vergisst dann mal der Maschinist das erforderliche Tröpfchen Öl und die Maschine steht trotzdem still. Also finde ich mich ab mit meiner Arbeitsstockung am Brasilienroman, die zustande kam, weil ich Reisetermine hatte, zu Premieren, Fototermin, Verlagsgesprächen, Lesung und Buchvorstellung fuhr. Und dann, ja und dann danach, als ich hoffte, endlich wieder in die Arbeit zu finden, bevor die Buchmesse losgeht, da war dann die Bronchitis da, mit quälendem Husten in der Nacht und vor allem am Morgen, den leichten Fieberschüben, den Schweißausbrüchen und der aus alldem erwachsenden Arbeitsunlust und dem ständigen Schlafbedürfnis.

Okay, ich will nicht weiter maulen und schon gar nicht überlegen, an wem ich mich da zuvor angesteckt haben mag – es wird wohl im Zug gewesen sein – , doch hat es mich extrem behindert und behindert mich noch immer. Von den Querelen, die während dieser Zeit unter Kollegen ausbrachen und leider auch den Verlag betrafen und betreffen, war auch kein Lebensmut zu beziehen. Aber stille schweige mein Herz.

Ich habe dann, um mich zumindest etwas aus diesem Tief herauszukämpfen, zu Wochenbeginn das bisherige Manuskript meines Brasilienromans erstmals vollstänig ausgedruckt und hingelegt, um mich auf dem Wege einer vollständigen Durchsicht und Korrektur an den Stoff wieder anzunähern. Es sind knapp unter 200 Seiten, die ich seit dem Sommeranfang eigentlich recht schnell geschrieben habe. Handelte es sich bei dem Brasilien-Roman um ein Buch, das vergleichbar wäre mit dem Roman “Das Herz des Hais”, der in diesen Tagen erschienen ist, so wäre die Arbeit an dem Buch schon fast beendet.

 

Aber so ist es natürlich nicht, denn der Brasilienroman entwickelt sich zu einem Stoff, der vermutlich am Ende einiges über einer Millionen Zeichen haben wird, das heißt, dass ich gegenwärtig noch nichtmal ganz beim ersten Drittel angekommen bin. Und, anders gerechnet, muss man zugestehen, dass das Buch auch durchaus noch scheitern kann. Früher hätte ich gesagt, dass ein Manuskript, das sich schon der Seite 200 nähert, eigentlich nicht mehr scheitern kann. Gescheitert sind mir zwar sehr viele Stoffe, doch geschah dies immer etwa um die Seite 50 oder um die Seite 100 herum. Weiter danach eigentlich niemals. Aber bei einem so umfangreichen Roman, der am Ende bei einem angenehmen – will sagen lesefreundlichen Satz – zwischen 600 und 700 Seiten angekommen sein dürfte, da ist die Möglichkeit des Scheiterns immer noch gegeben.

Inzwischen bin ich bei der Durchsicht des Manuskriptes nun bei der Seite 92 angekommen. Und obwohl ich sicherlich hunderte von Korrekturen angebracht habe und sogar die Stelle gefunden habe, an der ein ganzes Kapitel über “Estelle” fehlt, über die Straßediebin, die Cramer das iPhone stiehlt, bin ich mit dem Text bisher ziemlich zufrieden. Wenn das so bleibt, so werde ich im Anschluss an diese Durchmusterung des Textes erstens das fehlende Estelle-Kapitel schreiben und dann insgesamt im Buch weiter fortfahren können.

Das wäre natürlich gut. Ursprünglich hatte ich mal angenommen, dass ich zum Jahresende mit einer ersten Niederschrift fertig sein könnte, denn es ging anfangs tatsächlich sehr schnell. Aber das glaube ich mittlerweile nicht mehr, was aber auch kein Beinbruch wäre. Insgesamt ist da noch viel zu tun, nicht zu vergessen, meine portugiesisch/brasilianischen Sprachstudien.

Ich will also geduldig sein und jetzt vor allem erstmal die Buchmesse abwarten.

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Da und doch nicht da, der neue Roman

Wiesbaden, Sonntag, der 23. September 2012, bei Wagners "Lohengrin"

Wagner ist gerade an der Stelle des “Nie sollst Du mich befragen” angelangt. Für uns Heutige gilt solche Zurück- bzw. Geheimhaltung nicht mehr. Was unser ‘Nam und Art’ ist, das verraten wir täglich vollkommen freiwillig im Web selbst. Nun, egal, ich klage nicht darüber. Ich vermerke es nur.

Als Autoren stellen wir uns darüber hinaus nach Möglichkeit überhaupt ständig in der Öffentlichkeit vor und aus. Und das selbst dann, wenn wir eigentlich ein Unbehagen dabei haben. Wie sagte letzthin eine von mir sehr geschätzte Kollegin? “Ich schäme mich, wenn ich lese”, sagte sie, als wir über öffentliche Lesungen etc. sprachen. Das verstand ich sehr gut, obwohl es mir selbst lange schon nicht mehr so geht. Aber ich erinnere ein früheres Ich, dass schon bei dem Gedanken an einen öffentlichen Auftritt zu zittern begonnen hätte. Heute ist mir das schon lange weitgehend gleichgültig. Ich fühle mich sogar wohl, wenn ich vor Publikum auftrete. Allenfalls der Umstand, dass es zu wenig Publikum ist, vermag mich da zu stören. Aber ich sage mir dann, dass auch Theaterschauspieler spielen müssen, wenn mindestens vier Zuschauer da sind. Was will ich mich da also beklagen.

Trotzdem ist zumindest für mich gegenwärtig Klage angebracht, da ich nun seit meiner Lesung am vergangenen Donnerstag in Frankfurt selbst zwar den neuen Roman in Händen halte, genau gesagt 6 Stück von meinen Belegexemplaren, weil ich mehr nicht tragen wollte, damit das Buch also ‘da’ ist, tatsächlich ja auch nach der Lesung bereits mit den anderen Büchern (‘Seelenlähmung’ und ‘Calvinos Hotel’) verkauft und signiert wurde, jedoch weder auf der Verlagsseite noch anderswo, ob nun amazon oder wo sonst, erwerbbar ist, sondern vielmehr nur bis zum Oktober auf Vorbestellung verwiesen wird. Und der Termin Oktober wird da natürlich wieder ein Euphemismus sein, denn realistisch wäre höchstens eine Schätzung, die von 14 Tagen nach der Buchmesse ausgeht, bis alles auf ‘lieferbar’ steht. Es ist also alles eher etwas unbefriedigend. Aber das kenne ich nun schon so lange, dass ich bei dem Gedanken daran einfach nur noch müde werde.

Das Buch selbst macht vom Satz etc. her auf mich einen guten Eindruck. Es ist auch nicht zu klein gesetzt, wie es sich letzthin wahrlich recht negativ für mich ausgewirkt hat. Ich war mit meinem Roman “Calvinos Hotel” in die Endausscheidung für einen Literaturpreis geraten, wie man mir durch ein daran mitwirkendes Jurymitglied nachträglich mitteilte. Letztlich bekam ich ihn dann nicht, ich unterlag in der Abstimmung mit 3 zu 2 Stimmen, was absolut akzeptabel und keines Wortes wert wäre, wenn die Begründung dafür nicht so hahnebüchend ausgefallen wäre. Um es kurz zu machen, ich bekam den Preis deshalb nicht, weil einer der 5 Mitglieder der Jury sich schlicht geweigert hatte, das Buch zu lesen. Warum tat er das? Weil es, wie er sagte, zu schlecht gesetzt sei, sprich zu klein in der Type.

Ich kann das einerseits nachvollziehen, denn das Buch hätte tatsächlich besser gemacht werden müssen. Statt der jetzt etwa 370 Seiten hätte man es auf etwas über 500 bringen müssen, um das Lesen angenehm zu machen. Das wäre angemessen gewesen. Schließlich umfasste das Normmanuskript meiner Manuskriptfassung über 600 Seiten, dass man das auf unter 400 runterdrückt, das spricht wahrlich nicht für den Setzer. Aber es ist natürlich trotzdem eine Schweinerei seitens der Jury, nach solchen Kriterien zu entscheiden, oder, besser gesagt, sich vor einer wirklichen Entscheidung zu drücken, die natürlich ausschließlich literarisch und damit inhaltlich sein dürfte. Nun, egal, nicht gedacht soll des Herrn werden, der da so nichtswürdig entschied.

Vielleicht sollte ich Wiesbaden verlassen, die hier zuständigen Rentnergehirne entscheiden gern für jemanden von außerhalb. Das ist der Versuch, die eigene Provinzialität abzuschütteln. Was soll man in der Landeshauptstadt  eines Bundeslandes machen, wenn man als derart unwichtig betrachtet wird, dass die Bahn einen sogar vom ICE-Netz abkoppelt? Da lädt man sich doch einen Preisträger ein, der wenigstens aus der großen Welt zur Preisverleihung kommt und deshalb in Mainz umsteigen muss!

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Roman einer großen Liebe

Erste Lesung aus “Das Herz des Hais” in Sachsenhausen

Obwohl immer noch falsch angekündigt – nämlich mit meinem Roman “Calvinos Hotel” – wird es am Donnerstag dieser Woche, also am 20. September im Bibliothekszentrum Frankfurt Sachsenhausen, eine erste öffentliche Lesung aus meinem neuen Roman “Das Herz des Hais” geben. Beginn ist 19:30 Uhr, Ort: Stadtbücherei Frankfurt am Main, Bibliothekszentrum Sachsenhausen, Hedderichstraße32, Tel.(069)212 339 58, www.stadtbuecherei.frankfurt.de

Lesung mit falscher Buchankündigung

Ich werde, für mögliche Zuhörer, die wegen des hier angekündigten Buches kommen, natürlich anfangs aus >>>>  “Calvinos Hotel” lesen, dann jedoch anschließend hauptsächlich aus dem neuen Roman >>>>  “Das Herz des Hais”, der in diesem Herbst zur Buchmesse erscheint und ab sofort vorbestellt werden kann.

Zum Inhalt: Karen reist im Herbst auf die dänische Ostseeinsel Lodyne, auf der sie und ihre ältere Schwester Johanne in der Kindheit stets die Sommermonate bei der Mutter verbracht haben. Johanne, eine international bekannte Malerin, lebt und arbeitet dort heute noch. Die beiden ungleichen Schwestern haben über zwölf Jahre keinen Kontakt mehr miteinander gehabt, und so wird für Karen diese Reise zu einer folgenschweren Begegnung, die sie mit ihrer Kindheit und der außergewöhnlichen Geschichte der Eltern konfrontiert. Der Roman schildert eine dramatische Woche, die das Ende von Karens Ehe bedeutet, die Schwestern miteinander aussöhnt, einem Mann, der Karen zu nahe kommt, den Tod bringt und für sie selbst die Wende ihres Lebens bereit hält.

Der Titel “Das Herz des Hais” ist dabei, das sei schon hier gesagt, eine Metapher für eine große Liebe, die über den Tod hinaus zu bestehen vermag. “Fischer haben einem Hai das Herz herausgeschnitten und es an Deck geworfen. Es schlug noch acht Stunden lang.”, schreibt Karen, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren im Roman, um die Kraft ihrer Liebe auszudrücken.

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Identität beim Fotografieren und Rudi im Weinviertel

Mittwoch, 12. September 2012, Wiesbaden, während >>>>  Edwin Fischer Beethoven spielt

Für den Rest der Woche bleibt mir außer meinen Coachings jetzt nur noch die jeweils morgendliche Arbeit am Roman, die ich freilich ab Freitag nicht mehr werde durchhalten können, sowie der heutige Termin für den Portugiesischkurs am Abend.

Am Freitag folgt dann die erneute Fahrt nach Berlin, wo ich den Fototermin mit >>>>  Susanne Schleyer habe, die die Fotos von mir für den Artikel in der Literaturzeitschrift >>>>  Volltext machen soll, den >>>>  Alban Nikolai Herbst über mich vor vierzehn Tagen  geschrieben hat.

Werde noch überlegen müssen, was ich für die Aufnahmen anziehe, wobei ich merke, dass es mir irgendwie widerstrebt, die von der Fotografin kurz in den Mails angedachte Italienrichtung zu bedienen, die fast zwangsläufig dadurch entsteht, dass das Porträt über mich den Roman >>>>  Calvinos Hotel mehr oder weniger in den Mittelpunkt rückt, der ihr auch zugeschickt worden ist und eben zu großen Teilen in Italien spielt.

Nicht nur ist der in Italien lebende Autor jedoch ein arges Klischee. Meine Italienzeit ist zudem längst vorbei, Italien ist für mich gewissermaßen so sehr außer Gebrauch, dass ich heute auf Anhieb wahrscheinlich Schwierigkeiten hätte, mehr als fünf gestammelte italienische Sätze zustande zu bringen. Außerdem gab es bereits zum Erscheinungstermin von „Calvinos Hotel“ solche quasi italienischen Fotos von mir. Der strahlende Renaissance-Mensch mit dem weißen Sommerhut auf dem Kopf, vor dem Caffè sitzend, den „Corriere della Sera“ lesend usw. Das ist etwas, das ich im Grunde nicht mehr möchte.

Vielleicht werde ich mit der Fotografin darüber vor meiner Reise nach Berlin noch telefonieren müssen, denn ich weiß überhaupt nicht, ob man mich durch Bilder landschaftlich, bezüglich eines Milieus oder gar national festlegen sollte. Ich bin von meiner Geburt her Norddeutscher, lebe inzwischen seit Jahrzehnten in Süddeutschland, zuletzt seit 6 Jahren im Rheingau, kleide mich schon lange vage englisch konservativ, habe eine polnisch-jüdische oder jüdisch-polnische (wer weiß das genau?) Seele, bin aber eigentlich ein Dortmunder Jung, am Borsigplatz aufgewachsen und zur Schule gegangen, und mein Fußballverein ist immer noch Borussia. Und das, obwohl ich inzwischen, durch vielfach wechselnde Wohnorte, auch Werder Bremen, dem HSV und dem VfB Stuttgart die Daumen gedrückt habe. Okay, ich höre mal auf. Was klar geworden sein sollte, das ist der Umstand, dass mir der Fototermin unerwartet Fragen nach meiner Identität nahegelegt hat.

Und das ist in der Tat eine deutsche, spätestens das Jahr 1989 hat mich das gelehrt. Dieses Jahr, in dem ich in Rom lebte und aus der veränderten Perspektive auch den Mauerfall erlebte, der mir damals drastisch zeigte, wie sehr ich eben doch Deutscher war, denn die Ereignisse erschütterten mich zutiefst. Viel mehr, als es hätte angesichts des Umstandes geschehen dürfen, dass ich immer behauptet hatte, ich sei nicht eigentlich Deutscher sondern Europäer, der als Autor eben auf Deutsch schreibe. So gut, so ambivalent also. Mir scheint, die Fotografin wird auf ihre eigene Sichtweise zurückverwiesen sein. Eine fertige Identität, die sie nur ablichten müsste, bringe ich nicht mit.

Ich werde dann nach dem Fototermin wieder im >>>>  Verlag übernachten dürfen und hoffe, dass ich die Freunde nicht zu sehr mit meiner erneuten Anwesenheit strapaziere; jetzt in den letzten Wochen vor der Buchmesse ist dort wahrlich mehr als genug zu tun. Ich war ja bereits vor zwei Wochen dort, worüber ich hier >>>>  im BLOG berichtet habe.

Am Samstag dann geht es erneut weiter nach Naumburg an der Saale, da die Liebste mit Ariel Dorfmans Stück >>>>  „Der Tod und das Mädchen“ Premiere hat, worauf ich enorm gespannt bin. Ich erfuhr übrigens heute, dass mein Sprecherpart im Stück gestrichen werden musste, da aus bühnentechnischen Gründen für diese Radioansage nur ein Lautsprecher hinter der Bühne zur Verfügung steht, der meine Stimme – die sowieso recht tief ist – leider zu dumpf rüberbringt. Der kurze Part des Radiosprechers muss heller und vom Klang her brillanter kommen, was meine Stimme im Verbund mit der nicht ganz optimalen Aufnahmetechnik und der mangelhaften Widergabemöglichkeit während der Aufführung leider nicht erbringt. Die Liebste saß jetzt noch in der Nacht, um den Text an ein Studio nach Berlin zu schicken, wo ein Sprecher mit professioneller Ansagerstimme ihn hoffentlich noch pünktlich einlesen wird. Ich bemerkte im Gespäch, dass die Liebste mir das etwas ungern mitteilte. Es war aber so, dass mir das gar nichts ausgemacht hat. Ich bin der erste, der diese Notwendigkeit einsieht. Ich habe in den letzten Jahren für sie immer mal wieder meine Stimme hergeliehen und habe so u.a. den Jack the Ripper gesprochen, Oskar Kokoschka oder Heinrich Heine u.a. Aber das waren alles Figuren, denen ich mit meiner Stimme ein persönliches Profil geben konnte. Ein Nachrichtensprecher im Radio ist jedoch einer, der am besten keinen zu eigenen Sprachcharakter besitzt, wenigstens keinen zu deutlich erkennbaren. Und haben Sie schon mal einen Bass die Nachrichten sprechen hören? Sicher nicht. Ich hatte mich zwar während der Aufnahme eine Stunde lang um eine höhere Tonlage bemüht, doch hat das nicht ausgereicht. Man wird mich also nicht hören können, das sei vorsichtshalber gesagt, falls jemand von meinen Lesern nach Naumburg ins Theater kommen will. Ich kann aber versichern, dass die Inszenierung von Jutta Schubert sowieso tausendfach wichtiger und sehenswerter ist, als meine Stimme es je hätte sein können.

Am Sonntag geht es gemeinsam nach Wiesbaden zurück, obwohl ich aus Verlagsgründen noch gut den Montag in Berlin bleiben könnte, doch wird das nicht möglich sein. Die Liebste hat eh nur diesen Rückreisetag und dann den Montag, um zu Hause zu sein. Am Dienstag geht es sofort in die Endproben von >>>>  „KrisenFest – Besser Sie sind vorbereitet“ nach Eppingen, zu der Weltuntergangskomödie nach den Prophezeiungen des Mayakalender, die am 29. September Premiere haben wird, damit sie noch vor dem Weltuntergang im Dezember ausreichend oft gespielt werden kann. (Keine Bange, der Weltuntergang war nur ein Witz. Haben Sie aber gemerkt? Oder haben Sie etwa andere Infos?)

Und danach bleiben der Liebsten lediglich noch 4 Wochen für die Proben zu Hitchcocks  >>>>  “Die 39 Stufen“ am Theater in Lüneburg, eine Produktion, die parallel vorbereitet worden und deren Premiere für den 27. Oktober terminiert ist.

Wir überlegen – so weit das Überlegen bei solch einem dichten Produktionsplan, der übrigens bereits seit Januar dieses Jahres läuft und mit der Lüneburger Premiere im Oktober nur sein vorläufiges Ende findet – ob wir, mit ein paar Tagen Zwischenraum nach der Premiere am 27. Oktober, dann nicht die erste Novemberwoche nutzen sollten, um zu >>>>  Rudi Bulant ins Österreichische Weinviertel zu fahren. Rudi ist ein langjähriger XING-Kontakt von mir, den ich inzwischen durchaus als einen Freund empfinde. Er ist etwa gleichaltrig mit mir und neben seiner Faszination für das Schreiben ist er vor allem ein engagierter Bio-Winzer, aus dessen Produktion wir schon manche wunderbare Flasche getrunken haben.

Ein Kontakt lohnt sich für Weinfreunde bei  >>>>  “Literatur & Wein” von Rudi Bulant in 3720 Ravelsbach, Parisdorf 48, ganz sicher. Die Liebste und ich würden Rudi schon lange gern auch einmal persönlich kennenlernen. Und da er meinte, dass Anfang November das Wetter durchaus noch gut sein könne und vielleicht sogar das eine oder andere Glas des jungen Weines aus der 2012er Lese zu verkosten sei, so sollten wir es wohl wirklich versuchen. Zumal uns so ein kleiner Ausbruch zu diesem Zeitpunkt wirklich in jeder Hinsicht wieder auf die Beine helfen könnte. Gibt es jemanden, der uns das nicht gönnt? Sicher doch nicht.

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Dankbarkeit für das letzte Jahrzehnt

Mittwoch, 05. September 2012, Wiesbaden, bei Charlie Parker with Orchestra: "Made with Strings"

Am vergangenen Donnerstag ging ich nach meiner Ankunft in Naumburg und meinem vergeblichen Klingeln am Portal des Nietzsche Dokumentationszentrums, das ihr Oberhaupt Dr. Eichberg vermutlich nur Minuten zuvor verlassen hatte, über den Holzmarkt zurück ins Zentrum, zum Markt und dort in mein bevorzugtes Esslokal in Naumburg, die Kanzlei. Und auf diesem Weg passierte mir etwas Seltsames. Ich begriff nämlich ganz überraschend, gewissermaßen im Gehen, dass das zurückliegende Jahrzehnt das reichste meines Lebens gewesen war.

Naumburger Markt mit Wenzelskirche

Es ist schwer zu beschreiben, was mir da eigentlich bewusst wurde. Es war in etwa so, als träte mir diese Zeit plötzlich vor Augen, um mich spüren zu lassen, dass inmitten all dieser Jahre ein starkes Gefühl von Freude verborgen war. Ich spürte es mitten in der Brust, wie einen strahlenden Kern, den ich mit mir trug.

Das hat mich verblüfft und zugleich außerordentlich glücklich gemacht, zumal ich auch gerade das Paradoxe an diesem Gefühl empfand. Denn wenn ich es genau nehme, dann beginnt der Zeitraum, den ich hier so lobe, genau zu Ostern 2001, als ich mit meiner Krebsdiagnose nach Düsseldorf fuhr. Ich sehe noch heute unseren Wagen vom Hof der Glemsmühle fahren, auf dem mich in der Nacht zuvor die beiden schwarzen Todesvögel besucht hatten. Wir fuhren fort, um den Krebs zu bekämpfen, und ich war in diesem Moment vollkommen davon überzeugt, dass ich nicht zurückkehren würde.

Ja, diese schreckliche Zeit, in der ich meine linke Niere verlor und meine Tochter Minuten vor meiner Operation anrufen musste, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, ohne ihr etwas von meiner Krankheit sagen zu dürfen, das gehört alles dazu. Gehört zu meinem Glück dazu, das die Jahre seit 2001 erfüllt hat. Und natürlich ist danach dann so unglaublich viel passiert, dass ich gar nicht wüsste, wo man beginnen sollte, wollte ich es erzählen.

Benennen möchte ich freilich zumindest einen Punkt, der nicht unterschlagen werden darf. Und damit meine ich all die wunderbaren Menschen, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte. Blicke ich zurück, so sehe ich in den Jahren vor meinem Nierenkarzinom lauter Menschen, die sich gewissermaßen ‘nicht bewegen’, womit ich sagen will, dass es Menschen waren, die statisch geworden waren. Alte Bekannte, von denen nichts mehr zu erwarten war. Und die mich sogar verließen, als ich glaubte, mich ans Sterben zu machen. Sie waren die Reste derer, die mich schon vorher verlassen hatten, nämlich die, die meine Scheidung, abermals zehn Jahre zuvor, benutzt hatten, um sich auf die Seite von A., meiner Exfrau zu schlagen. Ich habe es keinem übel genommen, doch war ich von Michael H. ganz besonders tief enttäuscht.

Die Menschen, die ich in den Jahren nach meiner Krebserkrankung traf, waren alle ganz anders. Viele waren von der Art, die ich zuvor als Freaks bezeichnet hätte. Tief dem Leben verpflichtete Menschen, die die Welt nicht in Schwarz und Weiß einteilen, Menschen, die mir geholfen haben, mich begleitet haben, mir die Liebe zum Leben zurück gegeben haben. Dazu gehört natürlich auch meine jetzige Frau, die genau die Frau ist, die ich vom ersten Tag an hätte haben sollen. Ich kann nur dankbar sein, dass ich sie zwar spät aber dann zum Glück doch noch getroffen habe.

Man könnte sagen, wenn man untertreiben wollte, dass ich eine Menge Unglück gehabt habe. Und mitten darin eine solche Menge Glück, dass ich fast beschämt bin, dass mir das passiert ist.

Gut, ich weiß, dass das alles eigentlich nur privat ist. Vielleicht sogar intim, wie meine Verlegerin gestern sagte, als ich sie fragte, was sie über den Volltext-Artikel denke, den Alban Nikolai Herbst über mich geschrieben hat. Ihre Bezeichnung “intim” war natürlich auch eine Frage, die wissen wollte, ob es nicht “zu intim” sei. Aber ich denke, das ist es nicht. Die Grenzen des Intimen haben sich in der digitalen Welt sowieso verschoben. Und außerdem lebe ich als Autor eh in der Öffentlichkeit. Was soll da zu intim sein?

Das Glück meiner Existenz – so wie es sich in den vergangenen Jahren realisiert hat – kann ich hingegen ruhig in die Welt rufen. Für mich ist dieser Ruf wichtig. Und für die Welt … ach, das weiß man ja.

 

 

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Prenzlauer Berg und Kreuzberg

Montag, 03. September 2012, bei Giacomo Puccini, Tosca

Am Mittwoch fuhr ich nach meiner Ankunft in Berlin zuerst zum Alexanderplatz, den der, der ihn nur aus der Literatur kennt, selbstverständlich nicht wiedererkennt. Von dort aus wollte ich dann zum Prenzlauer Berg, wohin mir Alban Nikolai Herbst die Tram M1 genannt hatte, was freilich falsch war, sodass ich ich rund um den Alex zuerst eine Dreiviertelstunde nach dieser M1 suchte, die es nicht gab. Ich habe mir dann von einem wohlinformierten Obdachlosen helfen lassen, der mich an die M2 verwies, die auch gerade auf dem gegenüberliegenden Geleis auf die Abfahrt wartete. So gelangte ich dann mit geringer Verzögerung in die web-bekannte “Arbeitswohnung” von ANH, nachdem er mich an der Haltestelle abgeholt hatte, die der besagten Wohnung am nächsten liegt.

Na ja, Ankommen in der Arbeitswohnung, die mich stark an meine Vergangenheit erinnerte, zumindest an Aspekte meiner Vergangenheit, due Espressi, wir orientierten uns, dazu vielleicht einen kleinen Talisker in den Schaukelgläsern? Ja, naturgemäß. Wir tranken dann nachher zwar auch noch jeder einen weiteren Espresso, doch blieben wir ansonsten beim Talisker. Abgesehen von mehrfachen Einspielungen aus Radio-Essays, die ANH für den Funk produziert hatte, blieben wir über mehr als fünf Stunden im Gespräch, und ich muss gestehen, dass ich ANH für sein Porträt über mich und mein Schreiben weit mehr erzählt habe, als ich jemals in einem Interview preiszugeben bereit gewesen bin.

Das hatte freilich weder etwas mit dem Talisker zu tun, noch mit irgendwelchen Wünschen in Werbehinsicht. Ich war einfach schon mit der Absicht zu ihm gekommen, einmal unter Kollegen von den realen Lebensverhältnissen zu sprechen, in die man (zwangsläufig?) gerät, wenn man sich der seltsamen Aufgabe stellt, als Autor in der Literatur zu leben – von der Literatur zu leben, das ist dann noch ein weitaus weiter gefasstes Thema -. Aber da Alban Nikolai Herbst ja keiner dieser Interviewer von irgendeiner Zeitung ist, die über eine solche konkrete Offenheit nur erschrocken gewesen wären und nichts damit anzufangen gewusst hätten, so stellte sich für uns im Gespräch eigentlich genau das her, was ich mir gewünscht hatte. Eine Gesprächssituation, in der beide Seite ihre Erfahrungen einbringen konnten. Vor allem natürlich bezüglich der eigenen Produktion, dann hinsichtlich der spezifischen Medienerfahrung und der auf die Zukunft gerichteten Arbeit. Bei mir gehört dazu im Moment vor allem der Brasilien-Roman. Aber es sind weitere Projekte in der Warteschleife.

Ich bemerkte übrigens in den Stunden unseres Gesprächs, dass ich immer stärker an Projekte dachte, von denen noch gar niemand weiß, und die ich hier bzw. im Moment des Gesprächs nur widerwillig ausgebreitet hätte. Ich halte nicht dafür, dass man zuviel über Dinge sagt, die noch in der Realisation stecken. Das trifft für mich auf jeden Fall auf die Romane “Der Akkordeonspieler” sowie auf “Der Schattenbruder” zu, sowie auf mein gegenwärtiges Projekt “Der Mann, der den Regen fotografierte”, also auf meinen Brasilienroman.

Am Abend, als es bereits gegen 21 Uhr ging, bat ich ANH dann, mir ein Taxi zu rufen, das mich nach Kreuzberg zum Verlag brachte. Dort kam ich dann in eine wunderbare Situation, da die Verlegerin Simone Barrientos selbst kochte

und uns in der lauen Nacht draußen auf der Veranda mit einer wunderbaren Kräutersuppe aus dem eigenen Balkon-Garten und der daran anschließenden Pasta verwöhnte. Wir sprachen bis etwa ein Viertel nach drei Uhr am Morgen, was auch inhaltlich viel brachte, waren dann kurz nach Neun schon wieder auf und machten uns für den neuen Tag fitt, der mich nach Naumburg führen sollte. Auf dem Balkon bekam ich in der Tat den ersten Kaffee des Tages, Simone pflückte zudem bereits Erdbeeren und beschenkte mich mit einer so süßen Frucht, dass ich mich auf neue Erwartungen einzustellen begann.

Später, als wir dann gefrühstückt, ich mein Gepäck gepackt hatte und wir noch zu abschließenden Gesprächen saßen, musste ich denken, dass ich es mit einem Verlag niemals besser getroffen hatte, als gerade jetzt. Im Grunde ist es so, dass dieser Verlag eine Art Familie ist. Nun wissen wir zwar alle, dass Familie auch immer ein Problem ist. Das ist selbstverständlich auch hier der Fall, aber man liebt diese Familie trotzdem immer noch weit mehr, als die anderen, von denen sich niemand mehr an einen erinnert, wenn man mal für fünf Minuten den Raum verlässt. Ihr Lieben, bleibt wie ihr seid. Ich wünsche Euch das Allerbeste und naturgemäß mit mir zusammen Erfolg!

 

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Zurück in Nietzsches Naumburg

Freitag, 31 August 2012, Naumburg: Bei Wagners "Siegfried"

Nach Berlin, wozu noch gesondert geschrieben werden muss, bin ich gestern wieder in Naumburg angekommen und sitze seit heute auch wieder an meinem Arbeitsplatz in Nietzsche Dokumentationszentrum, das mir 2011 bereits so freundlich einen Schreibort zur Verfügung gestellt hat.

Blick auf Balkon des Nietzschehauses

Ich weiß nach wie vor nicht, woran es liegt, dass ich mich in Naumburg so heimisch fühle. Es war schon im vergangenen Jahr so, dass der Ort selbst und dann vor allem die Menschen hier mir so angenehm sind und mir so freundlich begegnen, bis zu Nicolé, der Kellnerin in der Kanzlei, die ich schon im Frühjahr 2011 zu meinem Lieblingsrestaurant gemacht habe. Sie erkannte mich nach so langer Zeit sofort wieder und bemerkte als erstes, dass ich aber eine neue Brille trage. Ach, was soll es, vermutlich braucht es dafür keine besonderen Gründe; es sind halt alles ausgezeichnete Menschen. Allerdings, wenn das nicht etwas Besonderes ist, dann weiß ich auch nicht!

Dr. Eichberg im Nietzsche Dokumentationszentrum hat mir nicht nur meinen alten Arbeitsplatz zurückgegeben, an dem ich heute noch hoffe, einige Seiten für den Brasilienroman schreiben zu können, er war vor allem auch von meiner Projektidee zur “Naumbuger-Romanfabrik” angetan, die ich ab 2014 in der Stadt zu realisieren versuchen werde. In Berlin hatte ich das Projekt bereits mit Alban und Leander besprochen, da ich sie beide gern als Referenten dafür zu gewinnen trachte. Da ich damit bei den beteiligten Personen also auf Zustimmung gestoßen bin, so werde ich das in den kommenden Monaten gemeinsam mit der Liebsten auch inhaltlich entwerfen können.

Ich werde noch bis Sonntag in Naumburg bleiben. Mein Aufnahmetermin für den Part des Radiosprechers in Ariel Dorfmans Stück “Der Tod und das Mädchen” ist auf den morgigen Nachmittag verschoben worden, sodass ich den Freitag heute ganz für mich habe.

18:25 Uhr, Naumburg, Kanzlei

Habe inzwischen gegessen und sitze noch etwas in der Kanzlei, um auf den Beginn des Orgelkonzertes in der Wenzelskirche um halbacht zu warten. Die Liebste hat leider noch Abendprobe und kam vorhin auf dem Rückweg von der Wohnung vorbei, um den Schlüssel bei mir zu lassen.

Das Wiedersehen mit Dr. Eichberg war sehr erfreulich, denn wir hatten uns gleich wieder viel zu erzählen. Vor allem hat ihn auch meine Projektidee mit der Naumburger-Romanwerkstatt begeistert. Er will das unbedingt unterstützen unf findet das auch als Projekt für die Stadt und das Nietzsche Zentrum selbst förderunswürdig. Alle könnten davon profitieren, meinte er. Das hat mich wirklich gefreut, denn es bedeutet, dass nach Alban und Leander, die ich als Referenten dazu einladen werden, nun alle an der Organisation Beteiligten davon überzeugt sind, sodass ich in die inhaltliche Planung werde gehen können.

Wir gingen danach auf einen Milchkaffee und einen Käsekuchen (für Eichberg, nicht für mich) zu Rafael in die ‘Kleinen Feinigkeiten’. Und darauf war ich dann endlich fit, um wieder in den Brasilienroman einzusteigen. Ich schrieb bis 17:00 Uhr durch und hatte hernach die Kapitel 37, 38 und 39 gelesen, 38 und 39 etwas überarbeitet, sowie 39 erweitert. Danach dann ist ein 40. Kapitel – ein Plácido-Kapitel – neu geschrieben worden. Damit bin ich insgesamt rundum zufrieden, vor allem nach der Unterbrechung, die durch die Reise eingetreten war.

BLOGen in der Kanzlei

Übrigens tauchte gestern, während ich auf der Fahrt von Berlin nach Naumburg war, mein Übersetzer Jan Oldenburg in Brasilien wieder auf, der über 6 Wochen kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte. Alles wird gut.

 

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NOCH NICHT!

Eine Nachricht, die man außen an die Tür hängen sollte. Für wen? Natürlich für den Tod.

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Aussetzer des inneren Wortprozessors?

Wiesbaden, Samstag, 25. August 2012, bei "Storytelling" von Naná Vasconcelos

In dieser Woche bin ich doch merklich an meine Leistungsgrenze gekommen. Nicht, weil es insgesamt zuviel Arbeit gewesen wäre – das vielleicht auch -, vordringlich aber deshalb, weil ich zuviel verschiedene Texte durch mich hindurchlaufen lassen musste. Da hat der innere Wortprozessor zweimal gestreikt.

Zum einen sind da natürlich die täglich wechselnden Texte meiner verschiedenen Coachees, die ich lesen, analysieren und dann im jeweiligen Coachinggespräch mit ihnen gemeinsam besprechen muss. Das ist schon allein mitunter oft recht viel und vor allem von Stil und sprachlichem Ton her sehr differierend, was jeweils eine sehr schnelle Umstellung verlangt. Dann kommt eigentlich der jeweilige Hauptarbeitspunkt des Tages, sprich mein Schreibpensum am neuen Roman, das seit meiner Rückkehr aus Brasilien eigentlich das einzige sein sollte, was ich tue, aber naturgemäß nicht sein kann, weil sich bekanntlich der Rest des Lebens nicht ausschalten lässt, nur weil man zufällig gerade meint, einen Roman schreiben zu müssen. Hinzu kam dann gerade in dieser Woche die zweite Fahnenkorrektur meines Romans >>>>  “Das Herz des Hais”, der nun heute noch fertig werden soll und auch wohl wird, da mir lediglich noch die letzten 20 Seiten vorliegen. Außerdem war das Cover des Hais fertig zu machen, damit dafür die Freigabe erfolgen kann. Und was das Fass zum Überlaufen voll gemacht hat, das waren zwei zusätzliche Lektoratsarbeiten, die sich kurzfristig ergeben hatten und nun auch endlich fertig gemacht werden mussten. Für einen dieser Aufträge hatte ich allein 9 verschiedene Texte zu lesen und zu analysieren, bevor ich die Beurteilung schreiben konnte. Okay, das ist nun alles inzwischen auch getan, aber es hatte den Effekt, dass mein Gehirn anscheinend meinte, mit zu vielen Texten traktiert zu werden, die sprachlich und inhaltlich permanente Umstellungen verlangten, sodass da gestreikt wurde. Und was fiel dem Streik zum Opfer? Nun, natürlich mein eigener neuer Romantext, also eben das, was die größte sprachliche Kreativität von mir verlangt. Am Montag ging es noch ganz ordentlich, es wurden sogar über hundert Worte mehr, als mein Pensum vorsieht. Doch schon am Dienstag setzte alles aus, und ich war regelrecht taub im Kopf, konnte mich nichtmal auf die Frage konzentrieren, um was es denn eigentlich in der nächsten Szene gehen sollte bzw. welcher Figur die Perspektive gehören sollte. Das machte mir fast eine schlaflose Nacht. Tags drauf, am Mittwoch also, ging es dann wieder, und ich schrieb eine Szene, die ich lange schon vor mir hergeschoben hatte, weil sie in den Handlungsablauf nicht zu passen schien, obwohl ich sie unbedingt haben wollte. Sie gelang mir recht gut, sodass ich ich die Arbeit am Mittwoch sehr zufrieden beendete. Und dann fielen mir direkt zwei Tage aus, der Donnerstag und der Freitag, gleicher Zustand wie am Dienstag. Ich konnte mich lediglich auf die Fremdtexte konzentrieren. Das ist einerseits zwar auch wieder gut, weil dadurch zwei Aufträge abgearbeitet sind, die bereits honoriert waren. Aber es hätte trotzdem einfach nicht geschehen dürfen, da ich mir geschworen hatte, mich von den Brot- und sonstigen Arbeiten nicht mehr im eigenen Schreiben behindern geschweige denn vereiteln zu lassen. Nun, der Samstag lief  erneut zufriedenstellend, und wenn ich heute am Abend zudem noch den Rest der zweiten Fahne korrigieren kann, so sollte ich den Schreibrhythmus wohl gut zurückgewinnen können.
Freilich werden die Reisen in der kommenden Woche zusätzlich eine gehörige Irritation mit sich bringen. Mittwoch nach Berlin fürs Interview mit >>>>  Alban Nikolai Herbst und die anschließenden Gespräche im >>>>  Kulturmaschinen Verlag, wo ich über Nacht bleibe. Am frühen Nachmittag des Donnerstag dann weiter nach Naumburg, wo ich am Freitag noch ins >>>>  Nietzsche Dokumentationszentrum will, um mit Dr. Eichberg zu sprechen, eventuell für 2013 etwas vorzuplanen, vielleicht auch für Freitag und Samstag dort einen Arbeitsplatz bekommen und dann am Sonntag Nachmittag wieder zurück an den heimischen Schreibtisch zu fahren.

Und zu allem Überfluss ist mir heute auch noch ein neuer Romanstoff eingefallen bzw. ich hatte den Anfang bereits am vergangenen Wochenende, als die Liebste noch hier war, in mein Notizbuch geschrieben, weil er mir plötzlich durch den Kopf ging, hielt die dreiviertel Notizbuchseite allerdings lediglich für einen Snapshot. Und als ich heute zum Essen in der Stadt saß und das Notizbuch durchblätterte, um zu sehen, ob daraus für den Brasilienroman irgendetwas nicht abgearbeitet ist, da fand ich diese Textstelle wieder und begriff, dass das der Anfang für einen Roman ist. Das ist naturgemäß ganz wunderbar. Aber vordrängen darf sich dieser Stoff nun keinesfalls. Er muss jetzt beweisen, dass er gut ist, indem er sich auf die Warteliste setzen lässt und dort geduldig ausharrt, ohne etwas von seiner Frische zu verlieren. Schaun wir mal.

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Die körperliche Abneigung gegen die Fahnenkorrektur …

Wiesbaden, Donnerstag, den 09. August 2012, bei Händels "Agrippina"

… war diesmal vollkommen fort. Und deshalb kann ich auch vermelden, dass die Durchsicht der Fahnen des Romans “Das Herz des Hais” inzwischen fertig ist. Und das, obwohl ich mich gerade nicht wie bei früheren Büchern ganz darauf gestürzt hatte. Ich habe vielmehr mein morgendliches und vormittagliches Schreibpensum für den neuenBrasilien-Roman beibehalten, bin dann nachmittags in die Coachings meiner Autoren gegangen, soweit sie nicht im Urlaub sind, und habe erst jeweils abends mit der Fahnenkorrektur begonnen. Fazit ist, das Buch liest sich für mich in der Tat sehr angenehm, flüssig und vom sprachlichen Stil her enorm geschmeidig. Das macht mich, ich muss es vermutlich gar nicht besonders betonen, sehr zufrieden mit dem neuen Buch.

Dass ich es doch ausdrücklich sage/schreibe, das hat zwei Gründe. Zum einen den Unterschied, der dadurch zu meiner Fahnenkorrektur des Romans “Seelenlähmung” im vergangenen Frühjahr entstanden ist, denn die hat mir enorm viel Zeit und Kraft gekostet und auch durchaus so etwas wie einen körperlichen Widerstand hervorgerufen. Irgendetwas sträubte sich da, meinen Romanerstling von 1981 in einer neuen, überarbeiteten Fassung nochmals durchzusehen. Und ich habe dem entsprechend auch nicht bloß Tage für die Fahnenkorrektur gebraucht, wie jetzt bei “Das Herz des Hais”,  sondern mehr als einen ganzen Monat.

Der zweite Grund für meine in diesem Fall nicht vorhandene körperliche Abwehr hat wohl etwas mit der Sprache des neuen Romans selbst zu tun. Sie ist einfach angenehm geschmeidig, in gewissem Sinne klassisch schön, einfach vom Satzbau, in ruhigen Strukturen sich entwickelnd. Die Verlegerin schrieb “übrigens bist du der beste dialogschreiber, den ich kenne. bei den meisten holpert es da sehr.” Ich setze dieses Urteil jetzt gar nicht mal hierher, weil es mich naturgemäß gefreut hat, sondern weil es mit meiner eigenen Empfindung dem Text gegenüber übereinstimmt. Und solche Gefühle, man möge es mir bitte glauben, habe ich meinen Texten gegenüber nicht sehr oft. Ich bin eher die Art von Autor, die an den eigenen Texten länger zweifelt, als es mitunter nötig ist.

Gut, morgen gehen die Fahnen also in die Post nach Berlin. Dann steht wieder nur noch der Belém-Roman auf der Tagesordnung. Zu dem ich freilich in den letzten Tagen auch neue Arbeiten entwickelt habe. So muss ich mir nun eine gewisse Übersicht über spezifisch brasilianische Musik verschaffen, da eine meiner Figuren im Roman etwas damit zu tun hat. Wieder also ein Wissensgebiet, das man sich erst erarbeiten muss. Für mich fast die größte Freude des Autorseins.

 

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Das Herz des Hais und das Reich der Toten

Wiesbaden, Mittwoch, 01. August 2012, bei Haydns 'L'Infidelta Delusa'

Die tägliche Arbeit am Belém-Roman geht nach wie vor gut voran. Ich nähere mich der schönen Marke von 200 000 Zeichen. Das ist zwar noch kein Buch, aber der point of no return ist da schon überschritten.

Heute wurde mir während des Schreibens plötzlich klar, dass der Name Belém eine Form von Bethlehem sein muss. Ich habe das zwar bei all meinen Recherchen noch nirgendwo gelesen, aber es kann gar nicht anders sein, als dass die ‘City of Jesus’ als Namensgeber gedient hat. Und zu allem Überfluss gibt es in Belém auch noch den Stadtteil Nazaré (Nazareth), sodass wir mit Belém eine Stadt haben, die den Geburtsort und den Ort des Aufwachsens von Jesus von Nazareth bzw. den Herkunftsort seiner Eltern Maria und Joseph in sich vereint. Und da der jeweils am zweiten Oktoberwochenende in Belém stattfindende >>>> Círio de Nossa Senhora de Nazaré  die größte Pilger-Prozession der christlichen Welt ist, bei der etwa, die Angaben differieren, zwei Millionen Pilger in der Stadt sind, so ist das religiöse Gewicht in Belém allgegenwärtig. Überwältigend für eine Stadt, die selbst nur 1,4 Millionen Einwohner hat. Der Círio ist vom Ausmaß und den damit verbundenen logistischen Problemen her im Grunde nur vergleichbar mit der >>>> Haddsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka.

In der Tat arbeite ich, als gänzlich ungläubiger und skeptischer Mensch, der ich im kirchlichen und philosophischen Sinne bin, mit diesem neuen Roman an einem Stoff, der sehr viele religiöse Motive und Bezüge hat. Allerdings synkretistische, die sich aus der Vermischung des Candomblé und dem Katholizismus ergeben. Mir kommt thematisch entgegen, dass ich mich mit der Religion des Candomblé, zuerst vermittelt durch die Forschungsberichte >>>> Hubert Fichtes, schon seit Ende der 70ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts befasst habe. Zwei Bilder von Hubert Fichte, natürlich von der unvergleichlichen  >>>> Leonore Mau fotografiert, hängen dann auch während meiner Arbeit rechts vom Schreibtisch an der Wand; einen Schutzheiligen braucht man bei einer solchen Arbeit unbedingt, zumal eine meiner Figuren, der leprakranke Obdachlose Plácido, inzwischen Besuch aus dem Reich der Toten bekommen hat.

Belém, Av. Pte Vargas (@ Gogolin)

So ich daran im gegenwärtigen Rhythmus weiterarbeiten kann, könnte es gelingen, dass ich bis zum Winter eine vollständige erste Fassung des Buches geschrieben habe. Freilich stehen dem einige abzusehende Unterbrechungen entgegen, da mein neuer Roman >>>> “Das Herz des Hais” laut ursprünglicher Planung am 15. September erscheinen soll. Ich habe freilich bisher vom Verlag keine Fahnen zur Korrektur bekommen, obwohl bereits Lesungen daraus geplant sind, die erste schon am 20. September in Frankfurt. Vermutlich wird sich das alles nicht halten lassen, aber irgendwann werden die Fahnen kommen, sodass ich die Arbeit am Belém-Stoff unterbrechen muss.

Dann kommt im Oktober die Buchmesse, die erfahrungsgemäß auch aus der Arbeit hinaus wirft. Drei Reisen zu Premieren bzw. Uraufführungen der Liebsten kommen im September und Oktober ebenfalls noch hinzu. Und wenn ich für die Inszenierung  >>>> “Der Tod und das Mädchen” von Ariel Dorfman in Naumburg, wie nachgefragt, den Part des Radiosprechers übernehmen sollte, so muss ich sogar vorher hin, um mich für die Aufnahme vor das Mikro zu setzen. Also im Grunde nicht drei sondern vier Reisetermine, die alle mehr als einen Tag verbrauchen werden. Außerdem habe ich inzwischen zwei Lektorate als Terminarbeiten für andere Autoren auf dem Kalender, sodass ich meine gegenwärtige Arbeitssituation, bei der ich außer meinen Coachings nur am eigenen Manuskript zu arbeiten habe, wohl als Geschenk auffassen sollte.

Nun gut, vermutlich sollte man alles als Geschenk auffassen, obwohl man mitunter den Eindruck bekommen könnte, das Leben sei einfach eine Folge unwichtigen Unsinns, ‘voll Schall und Wahn, der nichts bedeutet.’

PS: Der 1. August, das Datum des heutigen Arbeitsjournals, ist zugleich der Geburtstag meines verstorbenen Lebensfreundes Hartmut Nolte, dem mein Roman >>>>  “Seelenlähmung”  in der überarbeiteten Neufassung, die zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr erschien, gewidmet ist. Gedacht soll seiner werden!

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Höchst erfreuliches Coaching-Ergebnis

Normalerweise veröffentliche ich solche Dinge nicht, und ich nenne auch diesmal keine Namen, aber da ich mich heute so sehr über den Erfolg eines meiner Coachees gefreut habe, muss ich einmal eine Ausnahme machen. Ich habe schon Leute gecoacht, die z.B. den Deutschen Krimipreis für ein Buch bekommen haben, das ich mit ihnen gearbeitet habe. Aber dessen soll nicht gedacht werden.

Ich möchte heute etwas im Grunde viel Kleineres festhalten, nämlich den Umstand, dass einer meiner Coachees, der mich während des Tages anrief, mitteilte, er habe für den Roman, den er im letzten Frühjahr veröffentlicht hatte, jetzt die Abrechnung bis zum Dezember letzten Jahres erhalten. Nun, fragte ich, das ist ja noch nicht mal ein ganzes Jahr, wieviel sind es denn bisher? Und er sagte, über 4.000 Stück.

Das hat mich weit mehr gefreut, als irgendein Bestseller, denn ich kenne die durchschnittlichen Verkäufe deutschsprachiger Autoren sehr gut, kenne auch den wiederkehrenden Satz der Lektoren, die schon beim Erscheinen eines Buches zu wissen glauben, dass das wohl “auch dieses Mal nicht über 1.000 Stück werden.”

Meine Freude hat jedoch auch noch andere Gründe, denn diese Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie man sich am Anfang einer Autorenkarriere unter Umständen durchbeißen muss. Dieses Buch war nämlich bereits das dritte des Autors. Die ersten beiden, die ich ebenfalls mit ihm gearbeitet hatte, waren trotz sehr interessanter Thematik, weit unter 2.000 Exemplaren geblieben. Es wurde dann klar, dass das leider auch am Verlag lag, sodass ich dazu riet, den Verlag zu wechseln, was zum Glück auch recht schnell gelang. Das Ergebnis ist nun beim dritten Roman dieser weit bessere Verkauf, und das nach nur 9 Monaten. Und natürlich beim neuen Verlag ein weit besseres Standing. Jetzt beweist es sich, dass es sinnvoll war, an diesen Autor zu glauben. Und natürlich auch, dass er selbst sich nicht hat entmutigen lassen und trotz der anfangs nicht so sonderlich berühmten Ergebnisse durchgehalten hat und dran geblieben ist.

Inzwischen ist gerade vor zwei Wochen sein vierter Roman abgeschlossen und beim Verlag abgeliefert worden. Und wir haben in den letzten 14 Tagen, damit sich nach Abschluss des Romans kein Loch auftut,  bereits wieder eine Erzählung fertig gemacht, die ihren vorgesehenen Platz in einer Anthologie finden wird. Herr H.D., ich bin stolz auf Sie!

 

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Wo die Peitsche verstaubt! Jetzt Sado-Maso schreiben?

Wiesbaden, 10. Juli 2012. Bei Johann Christian Bach: Endimione

Gestern sah ich einen kurzen TV-Bericht über den angeblich neuen Trend auf dem Buchmarkt. Vorgestellt wurde das Buch “Shades of Grey”, das überall auf Platz 1 steht und mit Startauflagen von 1 Millionen Exemplaren aufgelegt worden ist. Es wurde mit dem Gestus der gelinden Verwunderung die Frage gestellt, warum man sowas liest? Zumal doch das Buch literarisch gar nichts biete, sprachlich eher flach sei und sich durchgehend nur der typischen Klischees bediene, die man aus ähnlichen Feuchtgebieten zur Genüge kenne. War natürlich eine zugleich blöde und vor allem scheinheilige Frage, denn jeder weiß ja, dass eben das zu den absoluten Vorbedingungen solcher Art von Literatur gehört. Leuten auf der Straße wurden Textabschnitte aus dem Buch gezeigt, um von ihnen zu hören, was sie davon halten. Es waren so Texte von der Art ‘ich spürte, wie seine Peitsche meine Brüste streifte’ oder so ähnlich. Ein Mädchen, das zuerst gesagt hatte, sie lese eigentlich gar nicht, schaute sich das an und meinte dann, das sei aber doch schon recht interessant.

Na also, man sieht, man kann die Leute doch noch zum Lesen bewegen! Allem Untergangsgestöhne zum Trotz! Schaut mal, liebe Kollegen, wo Eure Peitsche verstaubt. Macht sie wieder flott und dann ran damit an die verschiedenen Körperteile, das bringt Umsatz. Und wartet nicht zu lange, denn “Shades of Grey” wird eine Flut von Nachahmern ans Ufer der Verlage spülen, wie Invasionen von Quallen in zu heißen Sommern. Ihr solltet also schauen, dass Ihr unter den ersten seid. Wer zu spät kommt, den bestraft der Lektor.

Kleine Nachnotiz: Mit meinem Belém-Roman komme ich gegenwärtig noch immer gut voran. Und ich habe die Gewissheit, dass ich mit dem Buch auf jeden Fall jeglichen aktuellen Trend wieder einmal meilenweit verpassen werde. Freut Euch drauf. So, Ihr nicht zur ‘Generation Porno’ gehört, meine ich freilich. Sonst kann ich Euch nicht helfen.

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Portugiesisch ist eine faszinierende Sprache

Wiesbaden, Samstag, 07. Juli 2012, bei Prokofiev: "Semyon Kotko"

Mitunter wird man überrascht. Ich hätte niemals geglaubt, dass mir das Erlernen der portugiesischen Sprache leicht fallen würde. Ich wäre eher der Ansicht gewesen, der Überbringer einer solch absurden Botschaft müsse verrückt sein. Aber nun ist es so.

Ich habe ja schon viele Sprachen zu erlernen versucht, mag es gar nicht aufzählen, und egal wie weit ich damit kam, es scheiterte letztlich alles am Gebrauch, an der nicht vorhandenen Möglichkeit, das Erlernte auch nur einigermaßen regelmäßig zu sprechen. Natürlich spreche ich irgendwie Englisch, doch um halbwegs gut zu werden, da fehlt der Gebrauch. Ebenso verhält es sich mit dem Italienischen. Als ich in Rom lebte und dort täglich einkaufen ging, mich also unterhalten konnte und musste, da wurde es immer besser. Im Grunde hätte ich dort bleiben müssen, inzwischen kann ich kaum noch radebrechen.

Ganz besonders geht es mir freilich so mit dem Französischen, in dem ich immerhin vor undenklichen Zeiten mal ein sehr schönes Abitur fabriziert habe. Heute würde ich vermutlich froh sein, wenn ich mir in Paris freihändig ein Weißbrot kaufen kann. Ebenso peinlich verhält es sich mit meinem Latein, da ist freilich eh vom Sprechen keine Rede, aber um auch nur an einem Text zu arbeiten, also um Sätze zu analysieren und grammatikalisch richtig zu übersetzen, da fehlt jegliche Übung.

Mein Griechisch hatte ich eigentlich nur erlernt, um griechische philosophische Texte im Original lesen zu können. Damit meine ich nicht, dass ich sie übersetzen kann, ich meine wirklich nur lesen, den Klang der Worte hören, um in zweisprachigen Philosophiebüchern, etwa von Platon oder Aristoteles, zwar die deutsche Übersetzung zu lesen und zu bearbeiten, aber doch in der Lage zu sein, hin und wieder mal zu schauen, was da eigentlich im Original tatsächlich steht und wie das klingt. Oder um eben nicht wie ein Idiot vor einem Text zu stehen Und da ich auch einen Kurs für modernes Griechisch besucht habe, so sollte ich zumindest im Urlaub irgendwas sagen können. Kann ich eigentlich auch, aber wissen Sie was, ich war noch nie in Griechenland.

Und meinem Ivrit ist wohl gar nicht mehr zu helfen, obwohl ich letztens sogar in Israel war. Aber dass daraus auch nur für zehn Minuten die Möglichkeit erwachsen wäre, etwas zu sprechen, das war ein Traum. Um ehrlich zu sein, ich habe es in der Zeit nichtmal geschafft, eine Zeitung zu kaufen, um damit zu überprüfen, ob ich etwas lesen konnte. Wäre das möglich gewesen, so hätte ich damit vielleicht an das Niveau meiner Kenntnisse des Niederländen anknüpfen können.

In der Zeit von etwa 17 bis 20 habe ich nämlich weitgehend in Amsterdam gelebt, und das hat zur Folge, dass ich heute noch niederländische Texte so zu 80% lesen kann. Besonders bedaure ich von all diesen sprachlichen Unzulänglichkeiten übrigens mein Japanisch. Das hatte ich begonnen, da ich mit meiner Zen-Lehrerin eine Japanreise plante. Zwar litt das darunter, dass ein Sprachkurs, den man nur einmal die Woche besucht, nicht viel bringen kann. Aber es hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich verstand auch das System der Sprache und hätte da gern weitergemacht, denn die schiere Anzahl der Zeichen verlangt im Japanischen ein jahrelanges Lernen. Bei mir brach es dadurch ab, dass ich nach einem Sesshin meine Zen-Lehrerin verlassen habe, bei der ich seit zehn Jahren in Ausbildung war.

Und nun das Portugiesische, das ich zwar erst seit einer Woche lerne, das mir aber ein bisher nicht gekanntes Erlebnis beschert, denn ich hatte noch nie mit einer Sprache zu tun, die mir vom ersten Moment an derart eingängig war, deren Grammatik ich sofort nachzuvollziehen vermag, und bei der ich in der Überprüfung meiner Vokabel- und Grammatikkenntniss so gute Ergebnisse erzielt hätte. Ich arbeite mit einem online-Kurs, den ich gewissermaßen ganz altertümlich begleite, indem ich mir neben dem online-Kurs auf Karteikarten ganz klassisch eine Lernkartei aufbaue, an der ich mein Wissen täglich, bevor ich wieder in den online-Kurs einsteige, überprüfe. Die Ergebnisse sind ganz hervorragend. Ich komme mir vor, als habe sich mein Gedächtnis plötzlich ganz entschieden verbessert, denn ich mache bei der täglichen Überprüfung kaum Fehler, behalte augenscheinlich alles ohne große Anstrengungen im Kopf. Das ist ein sehr aufbauendes Gefühl.

Nun, warum mache ich das eigentlich? Ohne die Übersetzung meines Romans “Calvinos Hotel” ins Portugiesische durch den in Belém do Pará lebenden Autor und Übersetzer Jan Oldenburg wäre das selbstverständlich niemals passiert. Aber er hat sich von dem Buch faszinieren lassen und es auf sich genommen, das umfangreiche Buch ins Portugiesische zu übertragen. Im April bin ich dann nach Abschluss der ersten Fassung der Übersetzung nach Brasilien geflogen und habe dort eine Woche lang mit ihm zusammengearbeitet, um die Schlussfassung der Übersetzung abzuklären, da sich recht viele Fragen ergeben hatten, die noch im Gespräch geklärt werden mussten.

Meine Zeit in Belém, meine Zeit am Amazonas hat nun dazu geführt, das ich seit Wochen an einem Buch schreibe, das Belém do Pará zum Schauplatz hat. Und dabei zeigt sich naturgemäß, dass mein kurzer Aufenthalt im April zwar ausgereicht hat, um mich mit dem brasilianischen Virus zu infizieren, ich aber unterm Schreiben am neuen Buch mehr als deutlich empfinde, dass ich dort wieder hin muss. Ich muss vieles vor Ort nochmals sehen, kann bestimmte Dinge gar nicht schreiben, wenn ich nicht nochmals in Belém gewesen bin bzw. der Atmosphäre des Ortes nachgespürt habe. Außerdem liegt es natürlich nahe, dass ich versuchen sollte, die Zeit des Círio zu treffen, um dieses größte aller Feste der Christenheit, diesen größten Pilgerzug auch tatsächlich mitzuerleben.

Ich stelle mir gegenwärtig vor, dass ich etwa zwei bis drei Wochen vor dem Círio in Belém ankomme, dort schreibe und mich auf diesen Höhepunkt des Jahres vorbereite, bei dem vermutlich etwa zwei Millionen Pilger in der Stadt sein werden. Und danach dann möchte ich noch mindestens zwei Wochen in der Stadt verbleiben, um möglichst viel von den Eindrücken aufzuzeichnen.

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Es sei denn, alle Protagonisten wären tot

Wiesbaden, 30 Juni 2012, bei Rossinis "Barbiere di Seviglia", mit der Callas und Gobi.

Man möge entschuldigen, dass meine Eintragungen hier so unvollständig und unregelmäßig erfolgen. Ich weiß durchaus, dass man sich auf diese Weise keine Lesergemeinde erzieht. Nun, da kann ich nichts machen. Nehmen Sie also bitte wie es kommt.

Einerseits bin ich gegenwärtig sehr zufrieden mit meinen Arbeitsergebnissen, denn ich habe mir tatsächlich im Juni vom 2. bis zum 16. einen Arbeitsurlaub in Prerow auf dem Darß/Fischland erlaubt, was auch in der Tat wie erhofft zu guten Ergebnissen geführt hat. Mit 60 Seiten kam ich zurück. Seither habe ich daran weiter gearbeitet. Es ist mein Belém-Roman, zu dem mir Jan Oldenburg inzwischen auch versprochen hat, anfallende Fragen zu beantworten, da er ja in Belém vor Ort ist.

Nächtlicher Blick aus dem Fenster des Hotels

Dieser Blick aus dem Hotelfenster bei Nacht zeigt eigentlich sehr schön, was ich mal die Atmosphäre des Buches nennen möchte. Der Roman schildert ein traumhaftes, magisches Geschehen, das aber aus der Realistik der Darstellung entspringt. “Steine groß wie prähistorische Eier”, wie es bei Gabo mal heißt. Man macht ein ganz normales Fenster auf und sieht etwas, das ein Märchenschloss sein könnte.

Interessant ist, dass sich dieser Charakter des Buches auch in der Schreibweise deutlich zeigt. Ich meine damit, dass ich noch nie einen Text geschrieben habe, der sich unter der Entstehung so früh selbständig gemacht hat. Es ist ja normal, dass man eine Geschichte plant und entwickelt und dann nach einiger Zeit feststellt, dass Figuren quasi selbständig zu handeln beginnen. Man hat sich am Morgen hingesetzt und eigentlich genau gewusst, was für Szenen als nächste dran sind. Und dann passiert etwas anderes, die Figur tut etwas, woran man vorher gar nicht gedacht hat. Und in der Regel ist das dann sogar noch viel besser. Das ist ja gewissermaßen üblich, wenn eine Geschichte zu leben beginnt, und es wäre eher bedenklich, träte dieses Phänomen nicht ein.

Bei meinem Belém-Stoff geschah das aber von allem Anfang an. Schon die ursprünglich allererste Szene, in der Cramer im Flugzeug während des Landeanfluges erwacht und sich erinnert, dass er im Traum die Frau mit dem kalkweißen Kopf gesehen hat, war mir zuvor selbst im Traum begegnet. Ich weiß bisher noch nicht, was diese Frau bedeutet, aber ich wusste, dass ich damit anfangen musste. Das ist ein wenig so wie die Geschichte mit dem Engel zu Beginn des Romans  >>>> “Calvinos Hotel”.

Oder nehmen wir ein anderes Detail. Im Verlauf des 2. Kapitels wird Cramer am Tag seiner Ankunft in Belém das iPhone gestohlen, weil er unaufmerksam war. Darum ging es ursprünglich von der Planung her ganz allein, es sollte ihm das Handy gestohlen werden, um zu zeigen, wie ungeschützt er ist, wie wenig er sich zu helfen weiß. Es war geplant als ein Teil der Charakterisierung der Figur, denn wenn er später entführt wird, dann musste vorher gezeigt werden, dass er in der Stadt Belém nicht aus eigener Kraft zu bestehen vermag.

Okay, kaum hatte ich aber diese Szene mit dem kleinen Überfall auf der Straße geschrieben, da hatte ich Estelle am Hals, die Diebin, eine junge Frau, die auf der Straße lebt und dort nicht nur zu überleben versucht, sondern auch schier verrückt vor Kummer ist und wie eine Besessene durch die Straßen der Stadt irrt, weil sie auf der Suche nach ihrer dreijährigen Tochter Olinda ist, die in der Nacht vor vier Tagen verschwunden ist. Möglicherweise hat man sie ihr geraubt. Estelle hat sich eine Art Wahnsystem erdacht, das ihr helfen soll, Olinda auf sich aufmerksam zu machen und sie wiederzufinden. Jetzt muss sie ständig all die möglichen Kontaktorte in der Stadt kontrollieren und ist der Erschöpfung nahe.

In ähnlicher Weise funktioniert es mit diesem Buch von Anfang an, und ich muss mich beeilen, alles festzuhalten, was da entsteht, denn ich kann es größtenteils erstmal nur zur späteren Bearbeitung notieren, weil ich sonst mit der Entwicklung des Buches ganz durcheinander kommen würde. Mir strömt da ein Reichtum zu, den ich nur schwer zu kanalisieren vermag.

Von der erzählerischen Form her ist das Buch eine drastische Fortentwicklung früherer Bücher, da ich aus vielen verschiedenen Perspektiven erzähle. Das knüpft einerseits an meinen neuen Roman >>>> “Das Herz des Hais” an, der im kommenden Herbst erscheinen wird. Da sind es allerdings nur zwei Personen, die sich abwechseln, die beiden Schwestern Johanne und Karen. Doch zeigt sich auch dort natürlich wie relativ die jeweilige Perspektive ist, wie bedingt der Blick auf die Welt ist, den jede der Schwestern hat – und wo die Verständnisprobleme liegen, weil keine der beiden letztlich aus der eigenen Weltsicht heraus kann.

Aber natürlich ist es so, dass ich diese Multiperspektive schon in meinem Romanerstling >>>> “Seelenlähmung” benutzt habe, der in diesem Frühjahr in einer überarbeiteten Neuauflage wieder erschienen ist. In der Seelenlähmung ist es freilich so, dass es einen Hauptstrang der Erzählung gibt, der von Beinert bestritten wird, während er auf der Suche nach dem verschwundenen Freund Johannes Klett ist. Eine zweite Ebene bilden Kletts zurückgelassenen Aufzeichnungen. Und drittens gibt es im Buch eine Vielzahl von nicht extra gekennzeichneten anderen Stimmen, die für mich immer so etwas wie die Funktion eines griechischen Chores gehabt haben. Die Welt, die über dich redet, streitet, Vermutungen anstellt, sich widerspricht etc. Neugieriges Geplapper mitunter, von dem man nicht zu erkennen vermag, wer da spricht bzw. es nur dann entschlüsselt, wenn man sich fragt, wer hier in dieser Geschichte welche Informationen haben kann. Das Buch ist, als es 1981 erstmals erschien, gut aufgenommen worden und hat bei den Lesern durch diese ständig wechselnde Perspektive auch keine Verwirrung ausgelöst. Heute ist das wohl anders, denn so etwas wie einen modernen Roman bzw. gar einen postmodernen gibt es ja heute nicht mehr, sodass die Lesefähigkeit der Leser doch arg abgenommen hat und solch komplex gestaltete Texte auf kein Verständnis mehr stoßen.

Mit dem neuen Buch, an dem ich seit Belém arbeite, ist es  komplexer und einfacher zugleich. (Man gestatte mir diesen kleinen Kleist.) Komplexer, weil die Anzahl der Perspektiven, aus denen erzählt wird, weit größer ist. Da sind bisher der Deutsche Hendrik Cramer, Filmscout auf Arbeitsreise, Chris Cardoso, sein Assistentin, Hanne Groth, seine Exfrau, Wim van de Schelde, sein Übersetzer und Begleiter in Belém am Amazonas, Plácido, ein leprakranker Krüppel, der auf der Straße lebt und Cramer am Ende retten wird, dann Estelle und ihre Tochter Olinda, sowie die Doida, eine weitere Obdachlose. Und so, wie der Roman sich bisher schreibt, bin ich gar nicht sicher, dass das schon alle sind. Wie gesagt, das macht den Stoff naturgemäß weit komplexer als die oben aufgeführten Bücher.

Andererseits ist er aber auch zugleich einfacher, weil diese unterschiedlichen Stimmen weit klarer als zum Beispiel im Roman “Seelenlähmung” voneinander getrennt sind, sodass man sie besser identifizieren kann. Der wichtigste Punkt ist aber, dass all diese Stimmen sich gegenseitig ergänzen und komplettieren, sodass erst durch sie der Flickenteppich der Realität eigentlich vollständig wird. Mit vollständig meine ich hier nicht, dass die Geschichte tatsächlich komplett wird. Das wäre eine Illusion, die man aufgeben muss. Ich meine damit in etwa eine Vollständigkeit, wie sie ein Puzzlespieler empfinden mag, der plötzlich nach längerem Ausprobieren das Bild zu sehen beginnt, um das es geht. Und der im selben Moment auch begreift, dass es jenseits der Grenzen dessen, was er da zu sehen beginnt, noch weiter geht bzw. die Dunkelheit erneut beginnt. Es gibt keine vollständigen, abgeschlossenen Geschichten, es sei denn, alle Protagonisten wären tot.

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Bisher ein Jahr des Reisens

Dienstag, 29. Mai 2012, Wiesbaden, bei Mozarts "Cosi fan tutte" unter René Jacobs, mit Véronique Gens
als Fiordiligi, Bernarda Fink als Dorabella und der wunderbaren Graciela Oddone als Despina. Die Herren
heute mal ohne Nennung.

Ich hatte mir ursprünglich ein ruhiges Jahr 2012 gewünscht. Nun ja, das war an sich bereits ein gewissermaßen verschobener Wunsch, einer, den ich spätestens seit der Buchmesse im Frühjahr 2011 vor mir her bzw. mit mir herum getragen hatte. Damals erschien mein Roman “Calvinos Hotel”, dem ich einiges an Lesungen und sonstigen Anstrengungen widmete, die ich hier nicht nacherzählen möchte.

Danach kam nach Verschiebungen die Neuauflage meines Roman-Erstlings “Seelenlähmung”, der nicht nur in einer von mir völlig überarbeiteten Neufassung erschien, sondern auch einen neuen Schluss hat; dies durch den abschließenden Text der Erzählung “Wie Klett davon kam” von Jutta Schubert, den sie ehemals im Künstlerdorf Schöppingen im Münsterland schrieb, wo wir uns kennenlernten. Für künftige Biografen sei angemerkt, dass damals das gemeinsame Reisen begann. Und romantechnisch ist natürlich zu vermerken, dass diese Neufassung von “Seelenlähmung” vermutlich der einzige Roman sein wird, der mit einem Erzähltext eines anderen Autors schließt. Ein Novum auf jeden Fall.

Aber das will ich ja überhaupt nicht erzählen, denn erzählen will ich nur von diesem Jahr, dem 2012er, das bisher knappe fünf Monate verbraucht hat und doch bereits sehr eindrückliche Reiseerlebnisse hinterlassen hat. …..

Sorry, schon wieder bricht mir das Programm meine Aufzeichnungen ab und löscht mir den in der letzten Stunde entstandenen Text. Ich werde in den nächsten Tagen schauen, ob ich meine Auzeichnungen restaurieren kann. Vermutlich muss ich aufhören, online zu schreiben. Ich werde künftig offline ins Tagebuch schreiben müssen, um den Gesamttext nicht zu verlieren. Und dann danach die Übertragung in den BLOG meiner Webseite. Und ich werde von Israel und Palästina erzählen müssen.

Balagan

Balagan

 

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Immer noch nicht ganz zurück

Wiesbaden, Donnerstag, 26. April 2012, bei Mozart: Zauberflöte

Bin nun seit dem späten Mittwochabend der vergangenen Woche wieder in D-Land, fühle mich jedoch sowohl körperlich als auch vor allem geistig noch nicht wieder ganz zurück aus Brasilien; vielleicht werde ich es niemals sein. Zumindest nicht, so lange ich nicht das Manuskript beendet habe, mit dem ich, kaum hatte ich einmal in meinem eigenen Bett geschlafen, nach meiner Ankunft sofort begann. Seither stecke ich tief in der Stoffentwicklung und der Recherche/Lektüre für ein Buch über Brasilien bzw. Belém do Para, das ich noch bis zum Ende des Sommers in einer ersten Niederschrift fertigstellen möchte. Ich lese dafür gegenwärtig eine Menge an Religionshistorie, da der brasilianische Candomblé eine wichtige Rolle in dem Buch spielen soll.

Viridiana
Szene aus "Viridiana" im Kino von Belém do Pará

Dazu natürlich auch eine neue Lektüre der Bücher von Hubert Fichte über die afroamerikanischen Religionen. Also “Xango” und “Petersilie” sowie “Lazarus und die Waschmaschine” und die unvergleichlichen Bildbände der Leonore Mau.

Bisher ist fast alles noch wie in einem dunklen Kino, in dem ich allein sitze und als einziger bereits die ersten Bilder sehe. Aber ich habe mir Fichte gewissermaßen als Schutzheiligen auserwählt, sodass ich weiß, in welchem Geiste ich dieses Buch schreibe.

 

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Die Welt ist groß und klein II

Sonntag, 15. April 2012 in Santa Maria Belém do Pará. Bei Maria Callas in "I Vespri Siciliani"
unter Erich Kleiber.

Was meine ich eigentlich mit diesem Satz, dass die Welt groß und klein sei? Ich schrieb das ja bereits vor zwei Tagen, ohne es zu erklären. Oder besser gesagt, ich habe mich in dem so überschriebenen Blog-Beitrag eigentlich nur mit der ‘kleinen Welt’ befasst. Ich habe nämlich nur über mein Buch geschrieben, nur über meine Arbeit mit dem Übersetzer Jan Oldenburg, über Probleme der Wortwahl, über Alliterationen usw. Nun ist das natürlich wichtig, denn deshalb bin ich ja hierher an den Amazonas gereist, schon klar. Aber eigentlich tue ich damit nichts anderes als z.B. meine Nachbarn, die ihre Katze füttern, ihren Wagen waschen, den Einkauf erledigen usw. Gut, das müssen wir alles tun. Man könnte sagen, dass diese ‘kleine Welt’ uns regelrecht festhält und fesselt. Man muss ihr dafür nicht böse sein, denn wenn es nicht so wäre, dann geriete mit Sicherheit in unserem Leben einiges aus den Fugen.

Teatro da Paz, Belém

Aber ich denke, dass man sich auch immer bewusst sein sollte, dass die Welt zugleich groß ist. Sehr groß sogar. Mein Besuch in Brasilien macht mir das seit Tagen mal wieder auf besonders deutliche Weise bewusst. Sie ist so groß, dass man angesichts ihrer selbst von einer Sekunde auf die andere ganz verschwindet oder doch zumindest verschwinden könnte. Oder anders gesagt, wie ich es einmal in einem Gedicht geschrieben habe, als die Liebste und ich vor Jahren nach Santiago di Compostella fuhren, das Reisen zeigt uns, “dass die Welt uns nicht kennt und nicht braucht”.

Und das ist eine heilsame Erfahrung. Man muss nämlich begreifen lernen, dass man klein ist. Man erkennt das nicht auf einmal, man muss mit der Nase darauf gestoßen werden. Und selbst dann, wenn das passiert, kann man sich immer noch lange damit zu retten versuchen, dass man es irgendwie weglügt, indem man auf seine eigene Wichtigkeit und Größe zu pochen beginnt. Du meine Güte, was habe ich in dieser Hinsicht nicht alle angestellt! Die Liebste weiß es. Sie sieht mich z.B. bestimmt noch in einer Nacht des Jahres 94 in Moskau zornig weinend unterm dem Puschkin-Denkmal sitzen und verlangen, dass ich sofort, SOFORT ! nach Hause will. Es war absolut alles zu viel für mich. Zu groß, zu schlimm, zu elend, ohne meinen gewohnten Komfort. Meine kleine Welt, die ich im Kopf mit mir herumtrug, die wollte sich keinesfalls weiter stören lassen von den Unmöglichkeiten der großen Welt, die mich nicht kannte und deshalb auch keine Rücksicht auf mich nahm. Hatte ich nicht schon die Fürchterlichkeiten in Sibirien ertragen? Und jetzt dieses Moskau, in dem während der Gortbatschow-Zeit alles drunter und drüber ging und alte Mütterchen dadurch zu überleben versuchten, dass sie vor den U-Bahn Eingängen halb verwelkte Stiefmütterchen verkauften.

Sorry, das Programm hat mir gerade den ganzen Rest des Textes gekillt. WordPress hat seit einiger Zeit eine Fehlfunktion, sodass ich nun mit den Stiefmütterchen ende. Es ist mir zu mühsam, all das, was ich sonst noch geschrieben hatte, nun ein zweites Mal zu schreiben. Vielleicht reicht es ja auch, um das ‘groß und klein’ zu erklären.

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Brahma, Busse und Bossa Nova

Belém do Pará, Samstag, 14. April 2012. Bei Milen Natchev: 'Mozart in Egypt'

Am Morgen, ich war schon um 06:50 Uhr wach geworden, ging ich vor dem Frühstück zum Fluß. Als ich an die Brüstung trat, sah ich unter mir auf einem Treppenvorsprung einen völlig nackten Mann stehen, der sein Glied in der Hand hielt und ins Wasser pinkelte. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er auf dieser Treppe lebte. Einige zerfetzte Plastiktüten bedeckten die Steine und als einzige Bekleidung lag zu seinen Füßen ein grauer Slip. Für einen Augenblick hätte ich am Ganges sein können, statt am Amazonas.

Wäre ich am Ganges gewesen, so hätte dieser Mann vermutlich an Brahma geglaubt, den Schöpfergott des Hinduismus. Hier in Belém ist Brahma freilich nur der Name eines Billigbieres, das im Yamada-Supermarkt umgerechnet etwa 65 Cent die Flasche kostet. Zu teuer für den Nackten vom Fluß. Er lebt nur wenige Meter von den malerischen gelben Kränen entfernt, deren Fotos man im Internet überall auf den Seiten findet, die über Belém informieren.

Ich hatte meiner Tochter, die zur Zeit für AFS Intercultural Programs in Kolumbien ist, geschrieben, dass ich die Armut hier schwer erträglich fände. Sie bestätigte das und meinte, die Armut könne sehr erschrecken. Tatsächlich liegen hier Menschen wie Müll herum, auf der Straße, in Eingängen. Ich hatte anfangs, als ich mit dem Übersetzer hier einiges besichtigt habe, noch fotografiert. Inzwischen habe ich mir das ganz verboten, weil es mir anmaßend und würdelos vorkäme.

Interessanterweise kamen wir heute bei der Durchsicht der Übersetzung von “Calvinos Hotel” auch durch das Kapitel “Im Schatten der wirklichen Stadt”, in dem der General unter die Stuttgarter Obdachlosen gerät. Aber natürlich sind Welten dazwischen. Nach dem heutigen Arbeitstag an der Übersetzung sind lediglich noch 100 Seiten zur Durchsicht offen, denn wir sind gut voran gekommen. Wir werden also leicht fertig werden, bevor ich am Dienstag wieder abfliege.

Auf den Bossa Nova muss nun entgegen meiner ursprünglichen Absicht leider verzichtet werden. Ich hörte ihn vor zwei Tagen, in einem wunderbaren Konzert der Sängerin Conceicao Chermont und hatte eine kurze Filmaufnahme eines Liedes gemacht, die ich hier einstellen wollte. Doch die WiFi Verbindung auf meiner Hoteletage ist heute so schlecht, dass ein Upload ewig dauert und außerdem ständig abbricht.

Dafür sollen aber noch die Busse Erwähnung finden. Jan Oldenburg, mein Übersetzer, wird annehmen, es sei meiner angeblichen Vorliebe für Alliterationen geschuldet. Aber das ist nicht so, tatsächlich ist Belém nämlich eine Stadt der Busse, die den öffentlichen Nahverkehr erledigen. Und es gibt davon so viele, dass es schier unglaublich ist. Außerdem scheinen alle durch die Avenida Presidente Vargas zu fahren, in der mein Hotel liegt. Vorhin habe ich einmal in 30 Sekunden 13 Busse gezählt. Alle kommen beim Finanzministerim um die Ecke, schießen im großen Bogen auf das Hotel zu und geben mächtig Gas, da die Av. Pres. Vargas gerade dort eine ziemliche Steigung aufweist. Nun ja, was soll ich sagen? Es ist ein Wunder, dass ich dabei schlafen kann. Aber ich kann es, wenn ich auch regelmäßig recht früh aufwache. Erstaunlich an meinem Schlaf finde ich zudem, dass ich, seit ich in Brasilien bin, noch keinen einzigen Traum erinnere. Normalerweise setzen Ortsveränderungen bei mir die Traumtätigkeit erst so richtig in Gang, und ich bin ein Vertreter der Ansicht, dass es bedeutsam ist, was man in der ersten Nacht an einem neuen Ort träumt. Was bedeutet es demnach, dass ich hier nicht zu träumen scheine?

So, die Alliteration des Titels ist thematisch erfüllt. Bilder heute keine, wegen des WiFi-Desasters. ich hoffe, dass ich überhaupt diesen Blog-Beitrag hochladen kann.

Danach werde ich dann noch einen Privatbrief an die Liebste schreiben, was gut geht, da meine Systemzeit auf der Webseite zwar anzeigt, dass es schon sehr spät sei, es wird mir der 15. April 01:19:52 angezeigt. Aber das ist Blödsinn, denn in Belém ist es nach wie vor der 14. April und die Ortszeit lautet 21:19 Uhr.

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Die Welt ist groß und klein

Freitag, 13 April 2012, Santa Maria Belém do Pará, bei Mozarts "Cosi fan tutte" unter René Jacobs
und den unendlichen Verkehrsgeräuschen von der Av. Presidente Vargas und den Rufen im Hotelflur.

Ich schätze mal, dass man nackt mit Kopfhörern ziemlich lächerlich aussieht. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich dieses Bild derzeit abgebe. Ein Narr, wer Böses dabei denkt. Es ist nur der Hitze wegen, die auch des Nachts 28 Grad kaum unterschreitet; es ist jetzt ein Viertelstündchen vor 23 Uhr, was in Deutschland viertel vor Vier Uhr meint. Das “Finem lauda” aus Mozarts “Cosi …” erklingt gerade in meinen Ohren. Ja, stimmt tatsächlich und gilt für absolut alles. Erst das Ende soll man loben!

Trotzdem lobe ich schon jetzt meinen Aufenthalt in Brasilien, wo ich am Mittwochnachmittag nach insgesamt etwa 13.000 Kilometer Flug eintraf, um mit dem Übersetzer Jan Oldenburg an der portugiesischen Fassung meines Romans “Calvinos Hotel” zu arbeiten.

Die Arbeit selbst geht gut und zügig vonstatten. Zwar werden wir wohl noch weitere zwei Tage brauchen, doch ist für mich etwas ganz anderes interessant, als die schiere Menge der Fragen, die ein Übersetzer hat bzw. die Andersartigkeit des Blickes auf einen Text. Das ist zwar ebenfalls schon sehr spannend, aber die wirklichen Probleme und Fragen beginnen erst danach.

Es sind die vielen sprachlichen Details, die im Portugiesischen keinerlei Entsprechung besitzen, weder inhaltlich noch vom Klang her. Oder Wendungen, die gerade das Gegenteil von dem bewirken würden, was der originale Text bezweckt. Was ist zum Beispiel mit dem Kapitel “Die Gefahren der Musik”? In Brasilien würden die Leser da sofort zustimmen, weil die kirchliche Seite eh meint, dass Musik vom Teufel kommt etc. Aber dieses bzw. Ähnliches ist bei meinem Text natürlich auch nicht mal entfernt gemeint. Es geht dort um die Angst eines autistischen Menschen vor dem Chaos. Eberhard rettet sich einerseits in seine Mathematik, wo er die lückenlosen Welten der Zahlentheorie bevorzugt.

Andererseits liebt er aber auch die Oper, weil er Stimmen liebt. Aber er verdächtigt die Musik der Ungenauigkeit. Jederzeit kann zwischen den Noten das Chaos ausbrechen, weil die Musik niemals im Sinne der Mathematik wohldefiniert und vollständig t ist, weil also eine Folge von Noten niemals wie eine Folge von natürlichen Zahlen einen bestimmten Nachfolger hat. Darum ist für den Eberhard in “Calvinos Hotel” die Musik gefährlich. Aber das ist nicht die Gefahr, die man z.B. im Englischen einfach mit Danger übersetzen würde. Was macht man also? Am Ende wurde nach langem Gespräch aus dem ursprünglichen Titel eine Übersetzung, die ins Deutsche zurückübersetzt etwa “Die Fallgruben der Musik” heißen müsste.

Beispiele dieser und ähnlicher Art könnten dutzendfach aufgeführt werden. Besonders wichtig sind dabei all die Alliterationen, die Stab- bzw. Binnenreime, die ich, obwohl der Text des Romans natürlich Prosa ist, im Text untergebracht habe, um ihn zu rhytmisieren. Der Text ist weitgehend rhytmisiert. Der Übersetzer Jan Oldenburg war der erste Mensch, der das erkannt und als Problem angesprochen hat. Vermutlich hat Alban Nikolai Herbst es auch erkannt, aber er hat nicht darüber gesprochen. Egal, der Übersetzer erkennt es jetzt und fragt sich deshalb, was er z.B: mit einem Titel wie “KRIEG IST KEINE KATASTOPHE” macht. Aber es geht natürlich über diesen Titel hinaus, denn das ganze so benannte Kapitel arbeitet mit dem Kratzlaut des “K” aus “Krieg”. Der Titel gibt es schon vor, und das ganze Kapitel benutzt immer wieder Begriffe, die mit “K” beginnen oder von einem “K” ihren Klang bekommen, wie ‘Krawatte, Kragenknopf, kam, lackiert, makellos, verstecken, konnte kaum, EntgegenKommen, Kompanie, Rekruten, Kindheit’ und immer so weiter. Und es endet mit dem Wort “Klang”.

Was macht man also, wenn man diese sprachliche Struktur einerseits erfreut erkennt, andererseits aber sofort weiß, dass man das im Portugiesischen nicht rüberbringen kann. Man kann es schlicht nicht retten, wenn Krieg “Guerra” und Katastrophe “Catástrofe” heißt. Ich habe in solchen Fällen deshalb immer entschieden, dass der Inhalt, sprich die Information, Vorrang haben soll. Was freilich dazu führt, dass zwangsläufig alles andere, was in der urspünglichen Fassung des Textes mitschwingt und intendiert ist, völlig unter den Tisch fällt.

Ich muss freilich der Wahrheit halber auch anfügen, dass ich bei diesen Gesprächen mit dem Übersetzer immer wieder gedacht habe “das interessiert eh keine Sau”. Nun ja, mich interessiert es schon. Und den Übersetzer augenscheinlich auch. Aber der Rest der Bevölkerung, der sagt sich doch, was soll der Kack. Aber egal, diese Leute lesen ja eh nicht. Und wenn, dann die 3. Folge von ‘Beiß mich, bis ich pissen muss’.

Damit das keiner in den falschen Hals bekommt, ich bin nicht irgendwie resigniert oder so, bin nicht negativ drauf oder wie das gehirnlose Geschwätz es heutzutage halt nennt. Ganz im Gegenteil, ich empfinde nur maßlos überdeutlich die ungeheure Anstrengung, die es bedeutet, einen komplexen Roman von fast 400 Seiten in eine andere Sprache zu übertragen und dabei für den Leser eine Vermittlungsarbeit zu leisten, die man gar nicht erfassen kann, wenn man  sich niemals in einem solchen Arbeitsprozess befunden hat.

Der Leser ist immer der Dumme, sagte Jan Oldenburg heute zu mir, die Frage ist nur, wollen wir ihn dumm lassen, oder wählen wir eine Übersetzung, die es ihm erklärt. Aber dann kommt natürlich der Einwand, dass man erstens nicht alles erklären kann, dass man zweitens auch darauf vertrauen können muss, dass Autor und leser oder besser Buch und Leser in einer gemeinsamen Welt leben. Und drittens gilt für Übersetzungen natürlich auch das, was für Witze gilt. Wenn du einen Witz erst erklären musst, dann lacht auf jeden Fall keiner mehr. Ich bin aus diesem Grund eigentlich immer dafür, dass man nach der Regel handelt, dass der Leser selbst ein Gehirn besitzt. Okay, ich weiß, dass das manchmal nicht stimmt, aber auch dann gehe ich erstmal von der gegenteiligen Annahme aus.

 

Wir saßen … morgen weiter … versprochen!

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Die “Seelenlähmung” lieferbar + Last time I saw Richard

Schon im vergangenen Herbst sollte der Roman kommen, jetzt ist er da. Ich hatte die Verschiebung der Veröffentlichung selbst verlangt. Das hatte Gründe, die ich hier schon früher dargelegt habe, also nicht wiederholen muss. Einen Nebeneffekt will ich aber doch erwähnen, den Umstand nämlich, dass ich dadurch Zeit hatte, darauf zu kommen, dass ich die überarbeitete Fassung des Romans meinem ältesten Freund Hartmut widmen muss. Es wäre besser gewesen, wenn er das noch erfahren hätte. Aber so geht es auch:

für Hartmut Nolte

1. 8. 1949 – 17. 7. 2007

Ich hoffe, dass das nicht zu negativ klingt. Im Grunde möchte ich einem guten Freund nur einen Abschiedsgruß hinterher rufen. Aber da ich begonnen habe, eine Geschichte über ihn zu schreiben, in der er Richard heißt, will ich mal den Anfang hersetzen. Als kleine Zugabe zum Roman “Seelenlähmung”.

Last time I saw Richard

Er hatte mir vor langer Zeit einen Ewigen Kalender geschenkt, damals, als er noch sein Antiquariat hatte und ich die meisten Bücher bei ihm bestellte. Der Kalender lag der ersten Lieferung der „Cahiers“ von Paul Valéry bei, die ich abonniert hatte, und er hatte innen auf die Umschlagklappe geschrieben „Möge unsere Freundschaft so lange halten wie der ewige Kalender“. Das hatte mich natürlich gefreut, denn immerhin kannten wir uns damals, Anfang der 80ger Jahre bereits weit über zwei Jahrzehnte, genau genommen seit unserem sechsten Lebensjahr, als wir uns bei der Einschulung auf dem gepflasterten Hof der Grundschule begegnet waren. Nun hatten wir beide bereits die Dreißig überschritten, und er schrieb so was. Obwohl unsere Freundschaft zu diesem Zeitpunkt bereits sehr viel länger dauerte, als die meisten anderen, und ein großer Vertrauensbeweis darin lag, so muss ich doch etwas skeptisch gewesen sein. Zumindest, was den Terminus „ewig“ betraf, denn ich notierte unter seinen Satz mit Bleistift „Leider halten dafür die Leben nicht lang genug.“ Aber das hat er nie erfahren.

Richard war vier Monate älter als ich und deshalb bereits 1949 geboren. Das war ihm ungeheuer wichtig, denn er behauptete gern, dass meine Geburt im Januar 1950 mich bereits einer anderen Generation zuordnete.

Daran musste ich spontan denken, als mir M., unser Professor, 2009 auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und nach kurzem Geplauder mitteilte, dass Richard gestorben sei. Ich erschrak und dachte, dann bist du demnächst selbst dran. Die Generation vor dir ist schon weg.

M. sah wohl die Bestürzung in meinem Gesicht. „Entschuldige“, sagte er sofort, „mir war nicht klar, dass du es nicht gewusst hast. Ich wollte nicht der Überbringer schlechter Nachrichten sein.“ Er war es natürlich doch. Aber das passte zu ihm. Er saß da, so klein und verloren, vor einem winzigen Tischchen am Suhrkamp-Stand, ließ sich von einer der Verlagsfrauen ein stilles Wasser bringen, dem ich mich frech anschloss, und berichtete die Einzelheiten, so weit er sie kannte oder zu kennen meinte. Am Ende hatte ich das Bild eines Richard vor mir, der sich zu Tode gesoffen hatte, letztlich an Gehirnerweichung gestorben bzw. erstickt war, da die Schädigung des Gehirns zu einer Atemlähmung geführt hatte. Unser Professor ist Medizinhistoriker und repetierte wohl aus der Erinnerung das Korsakov-Syndrom. „Ich habe ihn wenige Wochen vor seinem Tod noch gesehen“, sagte er, „damals war ich von Düsseldorf auf dem Rückweg nach Zürich und dachte, ich könne die Fahrt unterbrechen, um bei ihm im Laden vorbei zu schauen. Er hatte ja seit einiger Zeit wieder einen Laden, trotz seines Bankrotts, der aber auf Rosis Namen lief. Er saß ganz allein hinter seinem Schreibtisch, als ich hereinkam. Außer ihm war der Laden leer. Aber er hat mich gar nicht erkannt.“ Wenn das stimmte, so sprach es tatsächlich für einen besorgniserregenden Befund, denn wer den Professor einmal gesehen hat, der muss ihn eigentlich zwingend wiedererkennen.

Aber ich glaubte ihm nicht recht. …. (wird fortgesetzt)

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Von Minden bis Belém

Heute habe ich nun auch die Reise nach Brasilien gebucht, wo ich mit dem Übersetzer Jan Oldenburg in Belém seiner portugiesischen Übersetzung meines Romans “Calvinos Hotel” den Feinschliff geben soll. Ich werde eine Woche dableiben und dabei hoffentlich nicht nur über den Text gebeugt am Schreibtisch sitzen. Jan Oldenburg meinte, es bleibe wohl auch Zeit genug, um das Amazonas-Gebiet etwas anzuschauen. Außerdem wird es vermutlich eine Veranstaltung an der Universität geben. Es ist noch nicht klar, ob ich dort nur lesen werde oder aber eine gemeinsame Veranstaltung daraus wird, bei der Jan und ich über Deutsche Sprache und ihre Übersetzung reden sollen. Ich bin natürlich sehr gespannt!

Aber vorerst geht es morgen in der Frühe erstmal nach Minden, wo ich am Abend auf dem Literaturfest im “Victoria Hotel” ab 19 Uhr lesen soll. Am Sonntagabend komme ich aber bereits wieder zurück.

Danach dann in Leipzig die Buchmesse, womit endlich auch wieder die “Seelenlämung” auf dem Markt sein wird. Gleich am ersten Messetag, dem 15. 03., lesen die Verlagsautoren allesamt im Café Anton Hannes in der Beethovenstraße 17. Beginn 19 Uhr.

In der Woche nach der Messe folgt dann am 21. 03. meine Lesung “Aus der Geschichte des Ponyclubs” im Frankfurter Club Jerome in der Schützenstraße. Am Tag drauf geht es bis zum Samstag nach Berlin. Mal sehen, ob ich dann völlig erledigt bin oder es schaffe, am Sonntag zur Premiere von “Peter Grimes” nach Münster zu fahren. Ansonsten steht im März nur noch Munch an, aber das ist fun, soll es zumindest sein.

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Nachträge + Vorschauen, so möglich

05. März 2012 - Wiesbaden - bei Terradellas "Artaserse"

Das Konzept der Zeit ist unpraktisch – sie vergeht zu schnell – und da ich nur höchst ungern jemandem hinterher laufe, so notiere ich hier momentan nur mit Widerwillen, was schon daran zu sehen sein dürfte, dass ich mich seit dem letzten Oktober dagegen gesträubt habe. Aber es lässt sich nicht ändern und führt leider nur dazu, dass man sich den einzelnen Daten nicht mehr richtig zuwenden kann und stattdessen Listen abarbeitet.

Was in der Reihenfolge zuerst aufgelistet gehört, das ist das Hörbuch “Der Schatten Gottes”, das nach ewigen Verzögerungen erst zu Jahresbeginn erschien und damit sämtliche Verkaufsmöglichkeiten so ziemlich verpasst hatte. Will sagen, es erschien nicht zur Herbstmesse in Frankfurt, es erschien auch nicht zum Termin des Vorabdrucks der Titelerzählung in der Zeitschrift eXperimenta, es erschien auch nicht im zeitlichen Umfeld der Radiosendung, die die Sprecherin Bettina Römer und ich für das Buch arrangiert hatten, ja, es verpasste mit dem Erscheinungstermin sogar das Weihnachtsgeschäft und kam erst irgendwann zwischendurch zu Jahresbeginn im Januar auf den Markt. Dazu in völlig dilettantenhafter Weise, denn weder wurde dem Hörbuch eine angemessene inhaltliche Beschreibung beigegeben, noch wurde auch nur die Inhaltsangabe korrekt und vollständig wiedergegeben. Im Download und auf der DVD-Fassung muss das Hörbuch gänzlich ohne Inhaltsangabe auskommen. Lediglich auf der Verlagsseite steht eine Inhaltsangabe, eine unvollständige freilich. Bei insgesamt 12 Erzählungen, die diese Sammlung präsentiert, ist das schon erstaunlich. Nun ist es natürlich nicht so, dass wir das alles nicht zu ändern versucht hätten, aber den nur zu berechtigten kritischen Hinweisen sowohl der Sprecherin als auch des Autors folgten nicht etwa Korrekturen etc. sondern Beschimpfungen von Verlagsseite. Tja, so ist das. Es kotzt mich an, dass man mit solchen Leuten Verträge abgeschlossen hat. Nicht gedacht soll ihrer werden! Hier das Hörbuch zum Download – sichert Euch diese Rarität! Zumindest die Sprecherin hätte es verdient, dass man sich anhört, was sie da von meinen Texten realisiert hat.

Das war also der – nach so vielen unsäglichen Verzögerungen – ungute Beginn des Jahres. Das Werk ist da, doch wird damit jemand glücklich werden? Wohl kaum. Ach ja, und als sei es damit noch nicht genug, hat amazon meiner Erzählsammlung Rezensionen zugeordnet, die allesamt gar nichts mit meinem Hörbuch zu tun haben, sie gehören zu einem FBI-Krimi, der vor einigen Jahren mal unter dem Titel “Der Schatten Gottes” erschien. Einfach großartig!

Ansonsten haben sich die ersten Wochen des Jahres noch ganz im Zeichen der Schlussredaktion meines Romans “Seelenlähmung” bewegt, den ich von der Frankfurter Herbstmesse letzten Jahres auf den Termin im gegenwärtigen März in Leipzig verschoben hatte. Ich habe das Buch in der Neuauflage meinem inzwischen verstorbenen Freund Hartmut Nolte gewidmet, denn er war ja in der Tat eines der Vorbilder. Außerdem habe ich lange darüber nachgedacht, dem Buch ein Vorwort oder Nachwort beizugeben. Ich wollte zum einen etwas zu dem Umstand sagen, dass ein Buch, das ursprünglich vor 30 Jahren erschienen war und den Deutschen Herbst mit akzentuiert hatte, nun wieder vorliegt. Also über die politische und historische Dimension des Buches, denn man kann nicht davon ausgehen, dass das so einfach verstanden wird – im Gegenteil. Außerdem schwebte mir vor, etwas über die Komposition dieses Romans zu schreiben. Es ist ja ein Buch, das sehr weitgehend auf ein lineares Erzählen verzichtet und stattdessen einen Teppich aus unterschiedlichen Stimmen vorlegt, Stimmen, die pointillistisch in einer additive Mischung erst die Geschichte ergeben. Als ich das schrieb, da konnte man noch darüber nachdenken, die Romanform selbst zu erweitern. Und das habe ich selbstverständlich damals getan! Heute ist das nicht nur obsolet, man kann auch gar nicht mehr erwarten, dass ein Lesepublikum existiert, dass das versteht bzw. zu verstehen sich bemühen könnte.

Insofern ist das Buch heute weit mehr als beim ersten Erscheinen seiner Zeit voraus. Zu all dem hätte ich gern etwas gesagt/geschrieben. Die Liebste und ich hatten zwischenzeitlich sogar ein Interview vereinbart, in dem ich die Zusammenhänge erläutern sollte. Dazu ist es dann trotz bester Absichten nicht gekommen. Die Zeit vergeht zu schnell. Letztlich haben wir dann dem Buch, als es schon längst in der Schlußredaktion wieder dem Verlag übergeben war und dort für den Druck fertig war, eine Erzählung aus der Feder der Liebsten beigegeben, das “Statt eines Nachwortes” etwas über die Rückkehr der Hauptfigur Klett erzählt. Sie hatte das geschrieben, kaum dass wir uns begegnet waren und sie die Erstfassung des Romans gelesen hatte. Ihre Erzählung über die Zeit ‘als Klett zurückkehrte’ schien uns auch heute noch so stimmig, dass wir damit das Buch abschließen wollten. Und dem hat auch der Lektor im Verlag zugestimmt.

Mir gefällt daran besonders der Umstand – ach, was sage ich? Ich habe eine diebische Freude daran! -  dass wir damit gewissermaßen wieder die herkömmliche Romanform aufgebrochen haben. Denn wo hätte man es schon mal gesehen, dass ein Roman beendet/abgeschlossen wird, indem ein anderer Autor am Ende die Erzählung über die Figuren des Romans mit einer eigenen Story abschließt. Aber das hat selbstverständlich seine innere Stimmigkeit.

Das Titelbild des Romans “Seelenlähmung” -  man müsste ja “das neue Titelbild” sagen, denn ursprünglich hatte ein René Magritte für die Erstausgabe herhalten müssen – stammt in der gegenwärtigen Fassung von Vladi Krafft und zeigt einen Weg zwischen den Feldern meiner holsteinischen Kindheit. Die Liebste hatte das spontan vorgeschlagen, als uns Verlegerin Simone Barrientos im vergangenen Herbst bei einer Sitzung beim Optiker anrief. Sie hatte sich an meine Beschreibung der Wege durch die Felder erinnert, die ich als Kind durchwandert hatte. Auf unserer Rückkehr aus Schweden hatte ich ihr etwa 1990 davon erzählt. Erstaunlich wie lange etwas braucht, um dann zu einem Bild zu werden. Das entsprechende Gegenbild dazu wird dann das Titelbild sein, dass Krafft für die Neuauflage meines Romans “Kinder der Bosheit” zeichnen/malen soll. Da schwebt mir eine enorme nächtliche Großstadt aus der Vogelperspektive vor, was vermutlich mit den Nächten zu tun hat, die ich mit einem Kameraden aus der Soldatenzeit fliegend in einer Cessna 172 verbracht habe. In “Calvinos Hotel” wird davon nebenbei erzählt.

Nachzutragen wären abgesehen von der portugiesischen Übersetzung des Romans “Calvinos Hotel”, die mir am Wochenende der Übersetzer des Romans aus Brasilien mitteilte, noch die anstehenden Lesungen in diesem Monat:

Beginnen wird es  mit dem Literaturfest in Minden, das ich am kommenden Wochenende besuchen werde, um dort am Samstag, dem 10.03.12, von 19 bis 20 Uhr, aus meinem Roman “Calvinos Hotel”  im ‘Victoria Hotel’ zu lesen.

Am 15.03.12, ab 19:00 lädt dann der Kulturmaschinen Verlag ein. Unter dem traditionellen Motto ’Bücher und Eierlikör’ lesen die Autoren und Autorinnen des Verlages: Leander Sukov, Phyllis Kiehl, Peter H. Gogolin, Stefan Sprang, Leonhard F. Seidl, Alban Nikolai Herbst, Carla Berling, Guido Rohm u. Simone Barrientos im Café Anton Hannes, Beethovenstraße 17, 04107 Leipzig

Auf der Buchmesse lese ich dann am 17.03.12, von 17:30-18:00 aus  meinem Roman ‘Seelenlähmung’ auf dem Messegelände, Forum Hörbuch+Literatur, Halle 3, Stand B500

Und nach meiner Rückkehr aus Leipzig lese ich dann am 21.03.12, ab 20:00 Uhr im Frankfurter Club Jerome. Die Lesung sthet unter dem Titel: ‘Auf der Suche nach dem Ponyclub‘, Peter H. Gogolin liest neue Texte von imaginären Orten und Wesen. Club Jerome, Schützenstraße 10, 60311 Frankfurt, www.jerome-ffm.de, Vorbestellung erbeten: 069-207 384 59

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Mozarts ‘Entführung aus dem Serail’ peinlich.

03. März 2012, Wiesbaden - Mozart: Die Entführung aus dem Serail

Mit müden Gliedern nach dem achtstündigen Kant-Seminar zur “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” heute in Mannheim noch zurück und vor dem Bettgang am Computer, um einige Eintragungen zu machen, dabei zufällig, da ich stets auf 1FM den Opernsender höre, in Mozarts Entführung geraten.

Meine liebste Einspielung ist eine alte, eine aus meiner Jugend, nämlich die, die an der Bayrischen Staatsoper München 1966 unter Eugen Jochum eingespielt wurde. Die Besetzung ist überwältigend. Allein, dass der Belmonte von Fritz Wunderlich gesungen wird, bürgt dafür, aber auch Rolf Boysen als Bassa Selim, Kurt Böhme als Osmin und die große Erika Köth als Konstanze sind einfach unvergleichlich.

Was ich bisher auf 1FM hörte, es war eher peinlich. Leider zeigt der Sender nicht an, wen er da denunzierte. Aber ich höre immer noch rein, denn Mozarts Musik ist ja nicht zu zerstören, auch wenn sich z.B. Osmin wie mein heutiger Taxifahrer anhört, der aus dem Irak kam und erst seit elf Monaten in Deutschland lebt.  Und auch alle anderen Sänger und Sängerinnen sind derart daneben, dass es weh tut. Warum produziert man sowas? In den Rezitativen klingt keine einzige Sprechstimme natürlich. Hat das während der Inszenierung niemand gehört?

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