GEDICHTE


8. Oktober 2017


Im Labyrinth

Ich träume viel in diesen
späten Tagen. Logbücher
verzeichnen Schiffbrüche.
Was wären sie sonst wert.

Die Liebste hat uns in Paris
ein Haus gekauft, und ich
ich traf die Baumeister
der babylonischen Städte
in der Nacht darauf.

Das Lesen ist wie Sand,
der stetig durch mich rinnt.
Und keiner Festung Mauern
reichen aus, dem Wind zu trotzen.

Ach, alle alten Narren begegnen mir,
im Labyrinth, mit ihren bunten Mützen.
So geht’s in diesen Herbst.


8. Oktober 2017


Vorübergehende Heimkehr

Mitunter fehlt ein Wort.
Das stört ihn nicht, sein Wortschatz
ist so groß, seit Kindertagen,
dass andre er damit erzürnt.
Denen passt er sich jetzt an.

Und fehlt einmal ein Bild,
wo nie ein Bild gefehlt,
dreht er sich schnell ein,
zweimal um sich selbst,
als suche er die Küchenschürze,
die hinter ihm am Haken hängt.

Er konstruiert Metaphern,
Sätze, Bilder auf die Schnelle neu,
wie er beim Kochen die Soße
neu erfindet, weil ihm die
rechte Zutat ausgegangen ist.

Gesichter schaut er  lange an,
vergisst das Grüßen nie, und
hofft so auf die Rückkehr eines
Namens. Den spürt er dann, als sei
ein Freund aus fernen Landen
vorübergehend heimgekehrt.


30. April 2018


Zitzen

Mein Freund, der Dichter, hat wieder
ein lyrisches Häkeldeckchen abgesondert.
Über den Facebook-Messenger
schickte er es mir. Es handelt von
einer nackten Frau, die aus dem Wasser
steigt, an irgendeinem italienischen Strand.
Das Wasser perlt ihr von den Zitzen,
tatsächlich schreibt er Zitzen, mein Freund,
der innovative Prenzlauer Dichter, der
die Frauen angeblich über alles liebt,
Zitzen, man denke nur.
Sieben Tropfen sind es, die wie eine
Kette aus Perlen von diesen Zitzen dröppeln.
Ich lobe ihn vorsichtig. Da weist er mich
darauf hin, dass er auf die Geburt der Venus
angespielt habe, mein Dichter vom Berge.
Die Zitzen der Venus also und die sieben Inseln
des toskanischen Archipels. Ich wohnte mal dort.
Ach ja, der Mythos. Klar, schreibe ich, das
ist mir klar. Was soll man zu so was auch sagen.


27. Februar 2018


Mein Wappentier

Vor meinem Arbeitszimmer saß
am Morgen eine Elster – mein Wappentier.
So schwarz und weiß wie unser Leben.
Ich wagte keine Bewegung, dachte nur:
Warum kommst du wieder, Götterbote?
Ich bin kein Parsifal.
Da trippelte er näher, der Geistervogel.
Beäugte mich mit gelackten Augen.
Schickt dich die Hel?
Ich wusste, dass die Frage sinnlos war.
Denn alles, was die Boten sagen,
sagt man sich selbst. Und
wer folgte je wohl eignem Rat.
Kurz wandte ich den Blick,
da war die Elster fort.
Nur ich blieb noch einmal zurück.


20. Oktober 2017


Staub

Es muss viel Zeit vergehen
auf dass der Tod des Liebsten
worauf Du so gehofft
Dir scheinen wird
wie alter Staub
in dem Du nicht mehr
kramen magst.


12. Oktober 2017


Alter Mann am Frühstückstisch

Der Tag geht ihm im Morgenlicht verloren,
im Rücken flüstert Laub an bunten Bäumen.
Meines Bleibens ist hier nicht’, erklingt
es still, er kann Kantaten träumen. Und webt
Gedankenfäden, wie die Spinne, deren Netz am
Fenster, im Herbstwind letzte Mücken fängt.

Stell keine Rechnung auf, streich alle Listen
durch, ermahnt er sich, und tut es doch.
Die Kinder setzt er auf Verlust, wie Aktien,
deren Wert, man überschätzt. Ein Irrtum,
denkt er, der wohl menschlich ist.

Bei Käse, Brot und dunklem Tee notiert er sich
den Traum von einem Buch und einer jungen
Brust, die sie in seine Hand gedrängt.
‚Wie will ich mich freuen, wie will ich mich
laben, wenn alle vergängliche Mühsal vorbei.’

Er löscht das Teelicht aus, der Tag,
befürchtet er, geht sonst im Morgenlicht
verloren, wie mancher Traum und manches Jahr.
Doch Halt, vergiss das Zähneputzen nicht,
sei froh, dass du noch Zähne hast.


4. September 2017


Nachtfahrt
Ich bin einer, der Schlösser bewohnen kann,
doch ich habe eine enge, karge Kammer gewählt.

Des Nachts steigt die Dunkelheit die Wände hinauf.
Mein Bett treibt dahin auf schwarzem Wasser.


2. September 2017


Mit dem Blindenstock

Um 9 Uhr aus dem Nebelland
gefunden, die Kathedralen
zugesperrt und meine Trauer auch.
Jetzt Jalousien hoch,
die frische Luft hilft denken.
Ein warmer Tee, Darjeeling, auch.
Wie üblich dann Musik, Bach 988.
Im Grün des Nussbaums lacht
mich eine Elster aus.
So tapp ich in den Tag,
am Blindenstock der kleinen Dinge,
dass er mir sagt, da ist
noch fester Grund.


29. Juni 2017


Ariadne                                       für Maria E.-v.K.

Dionysos’ schöne Braut, wer hat sie je
besessen, gleich ihm? Das Labyrinth,
das Tier, es lebt und war ihr Haus,
worin sie schlief mit dem verrückten Gott.

Wenn sie fortlief, ist er stets gefolgt,
der einzige Gatte, Gott des Unglücks, denn
niemandem sonst galt ihr ‚Enthousiasmos‘,
in der inneren und der äußeren Welt.

Kein Theseus fand für sie den Weg hinaus.
Die schöne Braut ertrank, sechs Faden tief,
im Labyrinth aus Glas, das keinen Ausgang hat.


3. Juli 2015


Drei, vier Tropfen – auf dem Weg zum Bäcker

Der Wind bürstet Regentropfen von den
Akazienblättern auf meine Brillengläser.
Aus den Tiefen des Alls kamen sie in schmutzig-grauen
Kometen aus Eis und Gestein, kilometergroß.
Drei, vier Tropfen, die nun seit Milliarden Jahren
auf der Erde unterwegs sind. Durch alle Meere,
Wolken und Flüsse trieben sie, trafen in den warmen
Flachwassern des Kambriums das erste Leben,
benetzten Bakterien, die sich zu Stromatolithen
formten, Schicht für Schicht, millionenfach. Auf
allen Panzern schwammen sie, durch alle Kiemen
strömten sie, unter allen Flossen fanden sie ihren Weg
und waren auf dem Landgang des Lebens dabei.
Mein erster Vorfahr leckte sie mit seiner behaarten
Schnauze von den nassen Gräsern des Paläozäns.

Und sie bevorzugten nichts und niemanden, diese
Tropfen mit all ihren Molekülen aus Wasserstoff-
und Sauerstoffatomen. Die Saurier vor vierhundert
Millionen Jahren soffen sie ebenso, wie das Pferd,
das Caligula zum Konsul gemacht hatte, als irre
Herrscher Konjunktur hatten. Verbrecher, Polizisten,
Anwälte, Priester und Journalisten, kein Mörder
und kein Gerechter, durch dessen Blut sie
nicht geschwommen sind. Keine Lunge hat sie
nicht geatmet. Keine Füße, die sie nicht gewaschen
haben, ob Gläubiger oder Ungläubiger. Sie haben
den Wein von Päpsten verdünnt und fortgewaschen
Tränen noch und noch, die es ohne sie nicht gegeben hätte.

Alle Babys haben in ihnen gebadet, ebenso wie die
Toten, ehe sie zum letzten Tanz das Hemd wechseln.
Die schmutzigen Autos im Sommer sowieso.
Sie waren dabei, als Molloy im Laufen
zu pissen versuchte! Und ich selbst, wie oft
sind sie durch meinen Körper gereist? Haben
von mir zur Liebsten gewechselt. Oder von ihr zu
mir, wenn wir uns küssten. Ausgeschwitzt
habe ich sie, gleich dem großen Alexander auf
seinem Weg nach Indien. Verdunstet sind sie aus
meiner Tinte, und geweint habe ich sie, als ich von
der Leukämie meiner einzigen Enkeltochter erfuhr.

Nun, auf dem Weg zum Bäcker, den Erdbeerkuchen
für die Liebste zu kaufen, grüße ich Euch, Ihr Tropfen
auf meiner Brille. Was für eine Ehre, dass ich Euch
sehen durfte. Ich danke Euch für mein Leben.


26. Juni 2015


Drei Ratschläge für meine Nachbarn                         für WCW + die Toten

Ich weiß, dass es Euch schmerzt, all die Gestrandeten
vor Eurer zu kleinen Haustür zu sehen. Darum will ich
wenigstens vorschlagen, wie mit den Toten zu verfahren ist.

Zuerst natürlich der Sarg: Nehmt keine Buche
für die, die keinen Schutz gefunden haben.
Und keine stolze Eiche für die vor Angst Gebeugten.
Ihr könnt einfach die morschen Bretter ihrer zerschlagenen
Boote zusammenflicken. Und lasst Raum zwischen
den Latten, damit das Salzwasser aus den Lungen
der Ertrunkenen abfließen kann. Vielleicht bleibt ihnen
dann auch ein letzter Blick aufs gelobte Land, wenn
der Bagger die Erde in die Grube schaufelt.

Zweitens werdet Ihr Euch sorgen, wie die Fahrt
ans Grab ablaufen soll. Ach je, ich bitt’ Euch, lasst
keine grauen oder schwarzen Leichenwagen für sie
fahren, die mit dem polierten Stern, bitte nicht. Und
keine Fahrer in höflicher Uniform, mit Mütze, Handschuhen
und weißem Hemd. Fragt lieber die Müllabfuhr, dort
arbeiten einige der glücklicheren Freunde der Toten,
und ich denke, einige Grußworte vor dem Grab
sind erlaubt. Fragt bitte die Müllmänner, sie machen
eh die Arbeit, für die Ihr keine Zeit habt.

Aber das Grab! Das Grab! Ich hör Euch schon rufen.
Woher sollen wir es nehmen? Ich weiß, das Grab
ist das größte Problem, in diesem engen Land.
Darum drittens mein Rat: Legt sie zu meinem toten Vater,
ach, legt sie zu all den Toten meiner Familie, zu den
Großeltern, Onkeln, Tanten und Geschwistern.
Man findet ihre Gräber leicht. Ihr wisst doch, wir sind
die Pollacken, die nach dem Krieg kamen, für Euch
die Kohle aus der Erde zu buddeln. Mein Vater ist am Ende
an der Kohle erstickt. Aber die Flüchtlingssprache hat er
nie vergessen. So wird er sie willkommen heißen können.

Tja, ich weiß, liebe Nachbarn, ihr würdet nur zu gern
hören, was sich Eure alten Toten mit Euren neuen Toten
so unterhalten. Was die da wohl ausbaldowern?
Aber keine Chance, auch wenn Ihr noch so gerne
bei solch einem Schwätzchen lauschen würdet.
Das ist nichts für Euch.


12. April 2015


Ombre di Venezia

Seit Tagen erwachst Du wieder in Venedig,
dieser geträumten Stadt, deren Schönheit
einen König in den Wahnsinn trieb.
Auf dem grünen Wasser der Kanäle
wird die Zeit in schwarzlackierten Gondeln
befördert, achtzig Euro pro dreißig Minuten.

Alte Frauen, die sich mit Hunden unterhalten,
stehen wie vertrocknete Bäume auf
schattenlosen Plätzen. Ihre geschlossenen
Wintermäntel schützen die Stadt
vor der Kälte in ihren Knochen.

Durch die Gassen echot das Bettlerakkordeon,
während Touristen wie Schwärme plappernder Fische
der Stazione Santa Lucia entgegenschwimmen.

Und Du, alter Mann, wartest zu Pessach,
nickende Tauben um die Füße,
im Ghetto Novo auf einer steinernen Bank,
auf der einst ein General saß, den es
nur in Deiner Einbildung gab.

So erzählen uns die Geschichten, dass
der Schrecken an unserer Tür vorübergeht.
Doch die Vergangenheit ist ein Brunnen voller Leid.
Und die Häuser stehen noch am alten Platz.
Auf ihren Wänden treffen sich des Abends
die Schatten der Deportierten.


28. März 2015


Ihre Namen

Geh weiter, sie sind schon lange tot.
In einem Rahmen aus Buchenholz
hungern ihre schwarzweißen Fotografien.

Sie konnten nicht wissen, dass ich
am Meer geboren werde
und in meinen staubigen
Manuskripten ihre Namen
ins Vergessen sinken.

Grau, ihre ausgeblichenen Bilder.
Geh weiter, tiefer, in den
Wahnsinn der Vergangenheit


9. November 2009


Wieder so

Wieder so ein Morgen
der unter der Niedertracht
des Wetters versinkt.
Wie eine graue, stumme
Enttäuschung
liegt es auf den Dächern.


12. November 2000


AN EINEM BESTIMMTEN TAG
wirfst du die alten Schuhe in den Müll.
Sonnenuntergänge, der Wechsel der Jahreszeiten,
das Mozartkonzert, noch einmal gehört.
Was soll man zählen?

Im Kofferraum die verknoteten Beutel
für die Kleidersammlung.
Schon auf der Straße, fällt dir die Brille ein,
die du im Haus vergessen hast.
Aber du brauchst sie ja nur zum Lesen.

Manchmal ist die Stille so tief,
dass sie hinter den Dingen zu wachsen scheint.
Hinter all den Schuhen, den Brillen,
den Konzerten und Jahreszeiten.
Nichts sonst zählt. An deinem bestimmten Tag.