Im Marix Verlag ist als zweisprachige hebräisch-deutsche Textausgabe die erste deutsche Übersetzung des Buches „Das Alphabet des Ben Sira“ erschienen, das die am Institut für Jüdische Studien an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität lehrende Professorin Dagmar Börner-Klein übersetzt und herausgegeben hat.

Das Alphabet des Ben Sira ist ein Weisheitsbuch der hebräischen Tradition, das nach Ansicht der Forschung wahrscheinlich zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert von einem unbekannten Autor verfasst wurde, möglicherweise aber, in einer einfacheren Version, bereits aus dem 4. Jahrhundert stammt.

Die Übersetzerin weist im Vorwort darauf hin, dass das Alphabet des Ben Sira einmal ein sehr bekanntes Buch war, obwohl derzeit nur wenige Interessierte noch davon wissen. Bekannt war und sei es vor allem deshalb, weil darin die Geschichte von Lilit, der ersten, aber aufsässigen Frau Adams, erstmals erwähnt sei.

Nimmt man es genau, so ist das Alphabet des Ben Sira ein lebenspraktisches Buch, dessen Aufbau durch Fragen gegeben ist, die durch zumeist religiöse Autoritäten gestellt und dann von Ben Sira beantwortet werden. Freilich hat sich inzwischen unsere Lebenpraxis grundlegend geändert. Aber das kann man dem Autor kaum vorwerfen.

Tatsächlich wären unabhängig von der großen Zeitdifferenz viele der Fragen, die der Autor im Alphabet des Ben Sira stellt, noch heute höchst aktuell. Er fragt etwa: Wie tötet man einen Menschen? Oder: „Warum sterben oft Säuglinge? Die Antworten, die er darauf gibt, können freilich den heutigen Leser weniger befriedigen. Und zudem wirken die sonstigen Fragen, die dieses Buch aus dem 10. Jahrhundert behandelt, schon allein als Fragen vollständig absolet. Möglicherweise interessiert es noch jemanden, wieviel Baumarten es gibt, und die Frage „Woher kommt Wissen?“ kennzeichnet Ben Siras Kompendium natürlich als einen epistemologischen Text, der trotz seiner augenscheinlichen Naivität Ernst genommen werden sollte. Aber was ist mit Fragen wie „Warum wurden Mücken erschaffen?“ oder „Warum fressen Katzen Mäuse?“

Ich will hier gar nicht weiter aus dem Verzeichnis der dem Ben Sira relevant erscheinenden Fragen zitieren. Tatsache ist jedoch, dass man zugeben muss, wenn man dann die Erklärungen bzw. Begründungen zu diesen so obskur erscheinenden Fragen liest, dass man sich der inneren Logik und des zwingenden Zusammenhanges nur schwer entziehen kann, wenn man erst einmal zugegeben hat, dass das eine Frage sei. Und selbst der Lebenszusammenhang, der zur Beantwortung dieser Fragen herangezogen werden muss, ist, obwohl von unserem Gegenwartsverständnis aus gesehen völlig unsinnig, doch in einer Weise zwingend, dass man zwangsläufig das Modell „Welt/Mensch“ und seine Interpretation neu denken muss.

Woher beziehen wir eigentlich unser vermeintliches Wissen über uns selbst und die Welt, in der wir leben? Vielleicht beginnen wir ja alle mit Fragen, die später dringenderen weichen. Aber warum wir sterben müssen, das ist uns doch allen eine Frage? Und die Frage „Warum weinen Kinder so oft?“ sollte es zumindet sein.

Vermutlich wird kein einziger Mensch „Das Alphabet des Ben Sira“ kaufen und lesen. Um ehrlich zu sein, ich begreife gar nicht, wie ein Verlag zu der Entscheidung gelangen konnte, dieses Werk übersetzen zu lassen und nachzudrucken. Natürlich bin ich froh darüber, dass das geschehen ist und ich das Werk meiner Bibliothek hinzufügen kann. Aber ….

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